Versatzstücke, architektonische

Sozusagen diverse Nachklappe zu vorigen Posts mit Bildern. Bildern von hundert Jahre alten Architekturdetails.

Einmal der Kronleuchter aus dem Ufo-Post im Hellen und so fotografiert, daß auch zu erkennen ist daß es ein Kronleuchter ist (und eben kein Ufo von 1912):

Dann noch ein paar Kacheln aus ungefähr genausoalten Treppenhäusern:

Und schließlich, eine halbe Straße weiter von der ganz schön roten Hamburgflagge aus gesehen, Balkone:

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Good Shirt, Bad Shirt

Sprüche-TShirts gibts eine Menge; und manchmal kann man in der UBahn Hemdendomino spielen und gucken, ob sie zusammenpassen wenn zwei Leute nebeneinandersitzen:

Hat irgendwie was von „Good Cop, Bad Cop„-Partnerlook; war aber Zufall.

Hamburg: sehr rot

Nicht politisch (obwohl, das auch – ich habe zugeschaut als sie gezählt haben), sondern beleuchtet:

Das war der Sonnenfleck mitten im Schatten an derselben Stelle wie die Hamburgflagge. Und zwei Minuten später sahs wieder so aus:

Fast wie eine Filmkulisse, das obere 🙂

Blaue Nocebos

Nach dem neuen Datenverwurstungsgesetz weiß ich nicht ob ich so einfach eine Buchrezension schreiben darf, selbst wenn ich nix dafür bekomme, oder ob mich das dann zum Impressum zwingt. Alles nicht so leicht. Jedenfalls gibt es ein neues Buch, in dem jemand Anekdoten aus verschiedenen Zeiten gesammelt hat, die Apotheker aus ihrer Lehrzeit und den ersten Berufsjahren erzählen. Sozusagen die eine Geschichte, die ihnen passiert ist, die sie nie vergessen werden. Wer das Buch lesen will, kanns ja online suchen.

Jedenfalls bin ich nicht nur auch Apotheker, sondern ich habe auch eine solche Geschichte zu erzählen, die ich hier zum besten geben will: wie ich davon überrascht wurde daß irreale Dinge reale Konsequenzen haben können. Das ist die eine Geschichte, die mir passiert ist, die ich nie vergessen werde:

Die blauen Kapseln

„Auch Irrglaube versetzt Berge!“, war einer der eher snarkigen Sprüche meines Pharmakologieprofs, der öfter Sachen von sich gab wie „der Körper kennt das Arzneibuch nicht“. Während letztere Aussage über Nebenwirkungen mir immer schon einleuchtet – schließlich hat eine Wirkung keine Ahnung ob sie nun Haupt- oder Nebenwirkung sein soll, sondern der Arzneistoff hat eben diese Wirkung, ob gut oder schlecht – habe ich ersteres im Studium nie geglaubt. Irreale Dinge, die reale Konsequenzen haben, das hört sich doch nach purer Esoterik an; oder auf alle Fälle nicht sehr wissenschaftlich, eher nach dem „wenn man nur dran glaubt, hilfts auch“ das Heilpraktikanten* von sich geben. Im Brustton der Überzeugung. Was ich heute immer noch sehr trocken kontern kann mit: „hier muß keiner dran glauben, schließlich ist das eine Apotheke und kein Bestattungsunternehmen“. Man kann jemandem eben nicht nur Pharmakologie beibringen, sondern Zynismus gleich mit – und beides leistet einem zuweilen gute Dienste, was alternative Heilmethoden angeht.

Was einem kein Heilpraktikant erzählt und ich nicht geglaubt hatte bis mir diese Geschichte passiert ist, ist daß dieser Effekt nicht nur existiert, auch bei Medikamenten mit einer nachgewiesenen pharmakologischen Wirkung (da nennt sich das Placebo-Effekt), sondern jemandem auch schaden kann. Erheblich. Warum sollte jemand auch un-un-unbedingt wollen, daß es ihm schlechter geht? Manchmal geht es jemandem aber auch einfach „nur“ nicht besser.

Kurz zwei Dinge zur Erklärung für Nichtapotheker: Diclofenac ist ein entzündungshemmendes Schmerzmittel, das auch gegen Schwellungen und Rhema hilft und gerade bei chronischen Entzündungen gut dafür sorgt, daß sie weniger oder zumindest nicht schlimmer werden. Weshalb es manche Leute dauerhaft einnehmen müssen, weil das sehr viel besser ist als das Rheuma oder den Bandscheibenvorfall einfach immer schlimmer werden und vermeidbaren Schaden anrichten zu lassen. So um 2004 herum gab es eine episch verkorkste Gesundheitsreform, die die Kosten im Gesundheitswesen senken sollte und den Krankenkassen erlaubte, mit Pharmafirmen Mengenrabatte auszuhandeln. Sprich, für die Versicherten dieser verhandelnden Krankenkasse werden seitdem nur noch Medikamente von der verhandelnden Pharmafirma erstattet – steht eine andere Firma auf dem Rezept, ist man gezwungen, trotzdem die Vertragsfirma zu liefern. Dabei kann ziemlich viel und ziemlich oft getrennt verhandelt werden: für jedes Medikament, für jede Dosierung, für jede Packungsgröße, und alle vierzehn Tage neu. Schon wegen des immensen Verwaltungsaufwands hätten die Ärzte und Apotheker lieber ein Zielpreismodell gehabt: die Präparate der drei günstigsten Firmen werden voll erstattet, wer etwas teureres will, zahlt die paar Cent dann eben selbst auf (mehr ist das für den einzelnen Versicherten selten, aber es leppert sich). Aber die damalige grüne Gesundheitsministerin (die ich jetzt nicht oute – aber es gab einen zufälligerweise sehr passenden Liedtext der sich daraufhin spontan großer Beliebtheit erfreute) hatte in diesem Fall ihren Kommunistischen und dachte bei der Gesetzesvorlage, sie weiß besser was gut für alle anderen ist als die das selber wissen. Vor allem besser als die Fachleute, weshalb for good measure auch gleich noch verboten wurde, die Differenz zum Preis des Rabattpartners aufzuzahlen. Denn wie groß diese Differenz eigentlich ist, weiß keiner, nicht mal die zuständige Behörde. Denn die Verhandlungen sind geheim. Das ist die sozialistische Medizin vor der uns die Konservativen immer gewarnt haben – ist, immer noch: wer einige erlesene Flüche vom Apothekenpersonal hören will, muß nur das Stichwort „Rabattverträge“ erwähnen. Aber bitte nicht zu Stoßzeiten, denn das fluchen dauert eine Weile.

Denn die Wirkungen der Präparate verschiedener Firmen sind bei etwa zwei Drittel der Leute untereinander verschieden – es hilft (oder auch schadet!) das eine mehr als das andere, oder später, oder anders … vielleicht. Und die bilden sich die voneinander verschiedenen Wirkungen keineswegs ein, sondern diese Unterschiede haben zumeist handfeste pharmakokinetische und galenische Gründe. Manchmal werden die jedesmal anders aussehenden Dinger auch schlicht verwechselt, gerade wenn die Firmen eine schicke corporate identity wollen, jemand fünfzehn Tabletten am Tag nehmen muß und außerdem eine Brille braucht keine Seltenheit. Pharmakokinetik ist das was, wann, wie, wie stark, wie lange das sich aus der Verarbeitung des Arzneistoffs im Körper ergibt; Galenik das was, wann, wie, wie stark, wie lange das sich aus der Verarbeitung des Arzneistoffs in der Tablette ergibt – beides sind im Wortsinn Wissenschaften für sich. Selbst wenn derselbe Wirkstoff in derselben Dosierung mit denselben Hilfsstoffen im selben Verhältnis auf einer anderen Tablettenpresse verpresst wird, kann die Wirkung noch unterschiedlich sein – weil die Tablette den Wirkstoff anders freisetzen kann, während sie sich anders auflöst, und somit die volle Wirkung zu einem anderen Zeitpunkt hat. Diese Effekte sind gut erforscht, und man kann sie sich auch zunutze machen – je nachdem ob man eine Kopfschmerztablette will die möglichst schnell möglichst stark wirkt oder eine Tablette gegen Rheumaschmerzen die ihre Wirkung möglichst über den ganzen Tag verteilt. Wenn man denn auf die Fachleute hört, dann können diese Effekte Vorteile sein; was man bei dieser 15. AMG-Novelle wie gesagt ja nicht hatte, und so bekam man eben die Nachteile.

Das regelmäßig genommene Diclofenac aus meiner Geschichte gehörte zur letzteren Sorte, der zeitverzögerten. Der erste Einschlag der Gesundheitsreform war schon gewesen, knapp bevor ich angefangen habe in der Apotheke zu arbeiten – mein Berufsstart 2005 fiel also in die Zeit der ersten und noch heftigeren Nachbeben. Auch der Kunde, der nun in der Apotheke stand mit der Tablettenpackung die er reklamieren wollte in der Hand und chronischen Schmerzen im Rücken, hatte schon Bekanntschaft mit „diesem Tablettenroulette“ gemacht. Eines der vor-vorigen Male, als er sein Rezept für Diclofenackapseln eingelöst hatte, hatte er die Kapseln durch den neuen Krankenkassenzwangsaustausch von einer anderen Firma bekommen als „sonst immer“ – und sie hatten nicht gegen die Schmerzen geholfen. Weshalb die Arztpraxis im Haus der Krankenkasse in diesem einen medizinisch begründeten Fall die Substitution verboten hatte (da gibt es Möglichkeiten, und das ist dann auch auf dem Rezept vermerkt). Woraufhin der Kunde wieder die ursprünglichen Kapseln bekam, die auch wieder halfen (diese böse, böse Pharmakokinetik, wieder). Dieses Mal nun sahen die Kapseln schonwieder anders aus, obwohl die Substitution ja verboten worden war – „ich hab nicht in die Schachtel geguckt, weil die ja schon sooo ähnlich ist; und jetzt habe ich Schmerzen, und die Kapseln sind andere, so ein Billigersatz wieder; und ich habe schon fünf genommen, weil ich Schmerzen habe und einfach was brauche; und von den Originalen hat eine immer schon geholfen, nach einer halben Stunde schon, aber dieser Billigmüll…“ Undsoweiter und schimpf und die böse Pharmalobby und die bösen Apotheker die die Leute abwechselnd vergiften und abzocken wollen, und schimpf, und wegen der Profite, und schimpf, und auf dem Rücken der Patienten, und schimpf, undsoweiter, und schimpf, und ich habe Schmerzen, und schimpf, und Krankenkassenbeiträge für nix, und schimpf. Ich habe dann auch geschompfen, auf den Gesetzgeber; dann nachgesehen ob wirklich das geliefert wurde was auf dem Rezept stand, was der Fall war; dann nachgesehen ob auch wirklich das Präparat verordnet wurde das am besten geholfen hatte (gut, daß der Kunde bei uns immer Sammelquittungen für seine Zuzahlungen holte, für die wir sowas speichern durften), was der Fall war – und dann ein Bissele ratlos geguckt. Eigentlich hätten das die „richtigen“ Kapseln sein sollen. Die letzte Möglichkeit war noch die Pharmafirma, die etwas an der Zusammensetzung geändert hätte haben können; was sie üblicherweise aber ankündigen. Trotzdem rief ich noch in Ulm bei der Firma an: „… und hätte eine Frage zu den Diclofenac-75mg-Kapseln. Die Kapseln…“

Und die freundliche Telefonistin vervollständigt schon meinen Satz mit: „… sind jetzt himmelblau statt gelb“. Da war ich wohl nicht die erste mit dieser Frage. Um Verwechslungen vorzubeugen, weil mehrere Präparate nun im selben Werk gefertigt werden, habe man jetzt für alles farbige Kapselhüllen, sagte sie, sonst seien die Zusammensetzungen aber dieselben geblieben. Was ich auch meinem Kunden erzählte. Außerdem erzählte ich ihm daß bei jeder Umstellung zuerst Testläufe mit wirkstofffreien Kapseln liefen und ich seine Kapseln gegen eine neue Charge tauschen und die fragwürdige Charge der Firma einschicken werde. Was ich tat. Die neue Charge hat dann gut geholfen.

Was soll ich sagen? Die alte Charge wurde von der Firma geprüft, war völlig in Ordnung und hätte eigentlich auch helfen sollen. Tat das aber nicht. Man lernt eben täglich dazu: der Kunde, ein halbes Jahr vorher, daß andersfarbige Kapseln nicht helfen; ich, ein halbes Jahr nach dem Studium, daß es nicht nur eine Rolle spielt etwas gutwirksames zu finden, sondern auch jemanden von der guten Wirkung zu überzeugen; und die Pharmafirma, ein halbes Jahr nach der Produktionsumstellung, daß es besser ist einen Hinweis auf neue Kapselfarben gleich auf die Packung zu drucken.

Diese Hinweise gibt es noch heute – wer sich Medikamentenpackungen genau anschaut, kann sie ab und zu entdecken. Immer dann, wenn sich die Farbe ändert.

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*Fußnote: Heilpraktikanten sind Heilpraktiker in spe, denen das praktische der Heilkunde eher (noch) abgeht – diese Vokabel stammt von einem Bekannten, der Erste-Hilfe-Kurse für die Feuerwehr gibt, seine Kursteilnehmer hinterher mit Schauspielschülern üben lässt – und eigentlich immer ganz gute Ergebnisse hat; bis auf einmal, als ein ganzer Kurs voller Heilpraktikerschüler ein junges Mädchen theoretisch an einem einfachen Unterarmbruch hätte sterben lassen. Auch eine hörenswerte Geschichte für ein andermal.

It’s not Unkraut, it’s a feature!

Das feature nennt sich Hieracium aurantiacum L. oder kürzer und weniger verschwurbelt Habichtskraut:

Schön, oder? 🙂

Auf alle Fälle viel zu schön zum als-Unkraut-deklarieren und ausreißen – aber so ein Garten wie dieser ist wohl zurzeit komplett out; denn moderne Gärten sind vor allem eins: leer. Da gibt es kein „guck mal, da zwischen den Steinen wächst ein … schönes Was-auch-immer!“. Oder gar im Rasen, so wie hier:

Anscheinend ist der dernier cri der Hortikultur so ziemlich das Gegenteil von dieser wunderschönen Blumenpracht: Riedgrasflächen akkurat auf verschiedenene Längen gestutzt abwechselnd mit geharkten Zen-Kiesflächen. Mit einem Wort: totlangweilig. Dann könnte man ja gleich Kunstrasen ausrollen. Und das scheint auch der Gedanke dahinter zu sein: so ein Rollrasen ist schnell mal angepflanzt. In dieser Wiese dagegen, sagt der stolze Gartenbesitzer, stecken etwas mehr als fünfzehn Jahre Gartenarbeit (nicht mitgezählt die fünf Jahre abwarten davor, um den Rasendünger auszuwaschen), das ist nichts schnell mal für den Neubau.

Gefällt mir aber viel besser.

(Die Bilder hat mein Vater geknipst, und dem gehört auch die Wiese)