Ganzheitlich geirrt

???????????????????????????????Daueraufreger meinerseits: die „Natur“heilkunde.

Genauer jenes naturheilkundliche Geschäftsmodell, Unwissenheit anderer im Medizinischen auszunutzen um angstzumachen vor böser, böser Schulmedizin. Damit viele stattdessen zu Heilpraktikanten* rennen – die viel besser, ursächlicher, sanfter, nachhaltiger und garantiert heilen – um ihnen objektiv wirkungslose Mittelchen und obskure Methoden abzukaufen. Was nicht nur zu Einnahmen bei den „Wunder“heilern führt, sondern zu umso mehr auch bei denjenigen die ebendiese Mittelchen zusammenbrauen. Aber – kognitive Dissonanz, hier! – Pharmaprofite sind das andererseits keine. Weil Alternativmedizin nicht „Pharma-“ und Einnahmen dort kein „-Profit“ sind. Und für FengShui-JinJang-PingPong-Ullumullu-Esoterik-Sch…otter können fast beliebige Preise verlangt werden – sie werden gezahlt. Besonders von Über-Pharmalobby-Schimpfern.
Das finde ich unethisch.

Im schlimmeren Fall wird derart ausgenutzen auch eine wirksame Behandlung vorenthalten (durch madigreden) und Verschlimmerung der Grunderkrankung billigend inkaufgenommen.
Das finde ich zum heulen.

Aber dann noch Weisheit mit Löffeln gefressen und das Etikett „menschenfreundlich“ gepachtet zu haben, das finde ich eine Sauerei!

Ein Beispiel aus meinem Notdienst: zu mir kommt die Angehörige eines wohl ernster Erkrankten (plötzlich 40,5° Fieber, starkes Krankheitsgefühl, Kopfschmerzen, keine für Nichtmediziner erkennbare Ursache). Da sie sich für die große Hobby-Naturheilkundlerin hielt habe ich sie schier bekniet doch zu schauen daß der Arzt vorbeikommt – erfolglos. Wenigstens zu Antipyretika hat sie sich nach zwanzig Minuten erweichen lassen (Paracetamol ist soooo giftig, Wadenwickel viiiieeeel sanfter, Fieber natürlicher, etc). Daß ihr Freund dringend der Behandlung bedarf wollte sie nicht einsehen – aus Angst er bekäme etwas verschrieben (Antibiotikum, Virustatikum, Schmerz- und Fiebermittel – überhaupt etwas, eigentlich) das nicht in ihr Weltbild passt. Schier mit Engelszungen auf die Gute einzuquatschen hat nix genutzt. Denn das Fieber hatte ja auch nicht sie.
Je nachdem was das war ist möglich daß er wochenlang was davon hatte es ‚erstmal sanft zu probieren‘ – wenn er nicht selbst zum Telefon gegriffen und den Bereitschaftsdienst angerufen hat. Immerhin war er erwachsen und konnte sich wehren.

Gerade Mammis von Kleinkindern sind bei „Naturheilkunde“ eine fürchterliche Spezies – leichtgläubig, arrogant, latent grausam. Leichtgläubig weil sie wirklich alles glauben (vorrausgesetzt es erzählt keine Fachperson, aber andere Mammis und Heilpraktikanten* stehen hoch im Kurs), egal, wirklich egal, was für offensichtlichen und himmelschreienden Schmarrn. Arrogant weil sie anfangen, mit allen anderen darüber so zu reden wie mit Kindern und den pluralis majestatis benutzen. Sie denken, sie meinten „meine Familie und ich“: vom Gebrauch ist es aber ganz klar pluralis majestatis. Beispiel ist irgendwas mit „so, wir brauchen“ zu verlangen das Kinder nicht vertragen: weise ich drauf hin sagt Mammi beleidigt, das wäre doch ganz klar für sie selbst. Latent grausam weil sie klammheimliche Freude daran haben, unter esoterischen Vorwänden ihre Kinder zu foltern.
Zugegeben, der von mir gesehene absolute Abschuss in Richtung Folter hatte nichts mit „Natur“. Der zehnjährige Sohn war am einsteckenden Ende einer Dürer Self Defense, hat voll auf die 12 bekommen, hatte eine Verletzung im Intimbereich. Und hier, schauen Sie mal, komm, – und zieht ihm die Hose aus, so schnell war garnicht protestieren und PIN-wegguck-Modus. Weder das Kind noch ich waren sonderlich einverstanden; und außerdem ändert es ja nix daran was ich tue: schauen welcher Kinderarzt Mittwochnachmittag da ist. Es grenzt an Kindesmißbrauch, und nebenbei hätte ich auch gern eine Chance gehabt zu sagen ich wills nur beiderseits freiwillig bei Erwachsenen sehen!
Oft allerdings sind es Heilpraktikanten, die zu Einläufen mit Kamillentee, Nulldiät, Selbstexperimenten mit Giftpflanzen (Schöllkraut!), ertragen von Krankheitswirkungen schlimmer als die Nebenwirkungen ihrer Behandlung, Va-Banque-Spielchen mit Lebensgefährlichem (etwa Masernparties) et cetera raten. Und alles tut die Mammi geflissentlich, die sonst Schweißausbrüche aus Angst vor harmlosen Nebenwirkungen (Müdigkeit etc.) beim Kind hat. Ohne Fragen ihrerseits.

Ohne Worte meinerseits.

* Heilpraktikanten stammt als bessere Berufsbezeichnung von einem Bekannten, der über die Feuerwehr Erste-Hilfe-Kurse mitorganisiert hat. Abschließend zum Kurs wurden Unfallsituationen nachgestellt, an denen die Kursteilnehmer praktisch üben konnten. Eines Kurses waren die Teilnehmer alle Heilpraktiker in Ausbildung. Und haben geschafft, jemanden theoretisch an einer unkomplizierten Sportverletzung sterben zu lassen, was eine Kunst für sich darstellt (es ergibt Sinn im Zusammenhang). Worst aid at its best. Und die Geburtsstunde der Heilpraktikanten.
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Veröffentlicht am Oktober 11, 2014 in Kein Smalltalk, Krankheit und mit , , getaggt. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink. 21 Kommentare.

  1. Ojgwalt, da musst Du Dich so mit diesen gräulichen Ideologinnen rumschlagen. Wichtigmammis sind ohnehin eine Pest, je wichtiger sie rüberkommen. Die gleichen, mit denen Du Dich auf diese Art rumschlagen musst, treten z.B. im Supermarkt und in Cafés usf. mit ihren Kindern explizit laut auf, nicht?, explizit als MAMIs, um zu unterstreichen, dass sie jetzt den unantastbaren Überstatus MAMI haben. Ein entsetzlicher Menschenschlag – so sehr Hamburg-Eppendorf, so sehr München-Bogenhausen.

    Anthroposophische Mütterkreise (denen man das Anthroposophische und das Muttertierige auf siebzehn Meilen hinterm Horizont ansieht) meinen, dass ein Kind innerhalb seines *ähemm* doppelten Siebenjahreszyklus irgend sieben definierte Kinderkrankheiten gehabt und voll durchgelebt haben müsse. Ich glaube mich zu erinnern (mal dozierenden Anthroposophen und biodynamischen Übergrünmüttern zugehört habend), das seien Masern, Scharlach, Röteln, Windpocken, Ziegenpeter, und war da auch noch Keuchhusten?!
    Die sagen, die Kinder müssten das kriegen, weil sich nur daran der Siebenjahreszyklus vollziehe, bei dem der Astralleib aus dem Ätherleibe geboren werden, usf.
    Impfen finden die ganz schlimm.
    Die impfen nicht. Die halten Impfung für Schulmedizin, mithin für ahrimanisch.

    Anthroposophische Mammies sind eine Pest.

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    • Die Mammis an sich sind hauptsächlich verunsichert und haben Angst bei ihren Kindern etwas falschzumachen – nicht umsonst schimpfe ich oben auf das bei einigen Naturheilkundlern anzutreffende Geschäftsmodell der ganzheitlichen Einschüchterung. Bio-Mammi (kann auch Bio-Papi sein, aber Mammi kümmert sich öfter um die kranken Kinder) ist das was dabei herauskommt wenns erfolgreich ist: sie tut alles, wenn es nur sanft, natürlich, ganzheitlich ist. Weil ihr eingeredet wurde daß sie ihr Kind vergiftet, macht sie es anders.
      Als medizinische Fachperson muß ich ständig grundsätzlich beweisen daß ich niemanden vergiften (Chemie!!!) oder abzocken (ich verdiene Geld damit!) will – oder am besten beides gleichzeitig. Wenigstens habe ich die Light-Version dieses Problems: wenn ich feierabends meinen Kittel ausziehe ist es rum, und ich habe mir diesen Beruf ausgesucht. (Jetzt wo ich es hinschreibe: gut möglich einer der Gründe warum mir der Staat Israel spontan sympathisch ist: da ist das Vergiften-oder-Abzocken-Problem vielviel schlimmer, älter; und nicht ausgesucht.)
      That being said gibt es natürlich mit und ohne Bio Eltern für die das Kind eher Statussymbol als Familienmitglied ist – so sehr Hamburg-Eppendorf, so sehr München-Bogenhausen.

      Die sagen, die Kinder müssten das kriegen, weil sich nur daran der Siebenjahreszyklus vollziehe, bei dem der Astralleib aus dem Ätherleibe geboren werden, usf.
      Impfen finden die ganz schlimm.

      Ein befreundeter Kinderarzt hatte vor Jahren einen sehr tragischen Fall einer Masern-Encephalitis. Eine Siebenjährige war nicht gegen die Masern geimpft, die Eltern waren Impfgegner. Sie hat es mit dem üblichen vollen Programm (wochenlang schwer krank, Immunsystem ein halbes Jahr völlig am Boden, ständig opportunistisch HustenSchnupfenFieberDurchfall, Entwicklungsstörung die sie aufholen mußte – Masern, eben) überstanden. Im Wartezimmer hat sie aber einen Säugling angesteckt, der zu klein war als daß man ihn hätte impfen können (das erste halbe Jahr haben die Kinder noch Reste von Antikörpern der Mutter im Blut, dann funktionierts nicht). Er hat eine Masernencephalitis bekommen und ist daran gestorben (das ist ein wirklich ekelhafter Tod, auch noch).
      Anthroposophie mag ich aus verschiedenen Gründen sowieso nicht; aber Impfgegner habe ich deshalb besonders gefressen.
      Es gibt auch hier in München ab und zu Masernepedemien, zuletzt letztes Jahr. Hier scheinen besonders viele Impfgegner rumzulaufen.

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      • … die wollen es natürlich finden, dass dann wieder welche an Krankheiten abnibbeln, die behandelt längst keine Rolle mehr spielen müssen – und die mögen Krankheiten, die wollen Kranke um sich!, nicht?, um sich selber mehr Wert zu fühlen, indem sie deren Qualen verwalten, und indem sie fordern, dass derlei Qualen naturgewollt zu bleiben hätten.

        Bei Deinem Beipiel von Masernencephalitis vergeht mir glatt jeder Smalltalk.

        – Ja, als Apothekerin willst Du alle Welt vergiften und Dich daran bereichern. So wie die Juden, die bekanntlich davon leben, alle Welt 1) auszusaugen und 2) alle Werte zu zersetzen.
        Höchstwahrscheinlich leitet sich diese ganze Naturidologie in Schlangenlinien übern Judenhass her…
        Nicht von Ungefähr stammt ja diese Besessenheit gegen „die Schulmedizin“ und diese Ideologie pro Heilpraktiker und pro Homöopathie aus dem dritten Reich. Kronzeuge ist Ryke Geerd Hamer, der Gründer der ‚Neuen Germanischen Medizin‘, der das alles originalnazistisch auf die Spitze treibt, was die Gründenkenden und Biodynamischen nur bissele verwässert vertreten

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        • diese ganze Naturideologie in Schlangenlinien
          Asoj.

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        • Habs geflickt. Fand aber auch die Schlangenlonien garnicht schlecht – wie Katalonien, Olé! 😀

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        • Schlangenlohn, oh Schlangenlohn:
          Grün bezahlt, die langen schon.
          (Die kurzen auch)

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        • indem sie deren Qualen verwalten, und indem sie fordern, dass derlei Qualen naturgewollt zu bleiben hätten.
          Hat was für sich. Nicht wenige Alternativmediziner sind allerdings auch Gründenker, und die Fundamentalisten unter denen meinen ja bekanntlich die Erde wäre ohne Menschen besser dran. Die logische Konsequenz klappt mir zwar meine Zehennägel hoch, aber je mehr Infektionskrankheiten es gibt umso mehr sterben daran. Unbewusst allermindestens könnte das Absicht sein. Brrrr!

          Nicht von Ungefähr stammt ja diese Besessenheit gegen “die Schulmedizin” und diese Ideologie pro Heilpraktiker und pro Homöopathie aus dem dritten Reich.
          Ich habe auch schon ein paarmal umgekehrt gelesen, daß die Nazzen erhebliche Teile ihrer Ideologie von den Anthroposophen haben. Quelle ergänze ich noch (ich meine das war das Buch ‚Biokost und Ökokult‘), aber erhebliche Teile der pseudowissenschaftlichen Grundlage die in die eingeflossen ist waren Anthroposophie.

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        • …ah, hier. Dirk Maxeiner/Michael Miersch, Biokost & Ökokult.

          S. 129ff (über Anthroposophie):
          „Die Biolandwirte teilen sich in zwei Hauptgruppen. Die einen berufen sich auf Rudolf Steiner, die anderen auf Hans Müller. Steiner entwickelte seine Thesen zur Landwirtschaft in den Zwanzigerjahren des vergangenen Jahrhunderts als Teil einer umfassenden Weltanschauung, der Anthroposophie. Anthroposophen glauben an Reinkarnation, verschiedene unsichtbare Geisterwesen und daran, daß die Menschheitsentwicklung von Planetenzeitaltern abhängt.
          […][Steiners] Methodik nennt sich ‚biologisch-dynamisch‘.
          […]Rudolf Steiner ging es bei seinen Anweisungen um Ackerbau und Viehzucht im Einklang mit dem, was er für kosmische Gesetze hielt.
          […]’Das Wasser‘, verkündete er an anderer Stelle, ‚ist nicht nur aus H und O zusammengesetzt, das Wasser weist die Wege im Erdenbereich denjenigen Kräften, die zum Beispiel vom Mond kommen, sodass das Wasser die Verteilung der Mondkräfte im Erdbereich bewirkt.‘
          […]Im Zentrum dieser Lehre steht die geistige Höherentwicklung des Menschen durch verschiedene Reinkarnationen, die von ‚Planetenzeitaltern‘ abhängig sind. Quelle dieser Erkenntnis ist Steiners übersinnliche Erleuchtung. […] Durch seine angeblichen Seher-Fähigkeiten fühlte er sich berufen, eigene – der Naturwissenschaft komplett widersprechende – Dogmen über Pädagogik, Medizin und Landwirtschaft zu verkünden. „Schon der Einwand: ich kann auch irren‘, so Steiner, ‚ist störender Unglaube.'“

          Sympathischer Typ [/snark], aber es kommt noch „schöner“, S. 134ff (über die Verbindung zu den Nazzen):
          Zehn Jahre nach Steiners Tod [1924] erleben seine Lehrsätze zum Landbau höchste Anerkennung. Die Nationalsozialisten erheben sie zu einer Art Leitbild der deutschen Landwirtschaft. Führende Steiner-Jünger betrachteten Hitler als Geistesverwandten. 1934 schickt die Antroposophische Gesellschaft einen offiziellen Brief an den Führer, in dem das gemeinsame der beiden Weltanschauungen und […] betont werden. Es nutzt wenig, im Zuge der Gleichschaltung wird die Organisation aufgelöst. Doch der NS-Staat fördert weiterhin den biologisch-dynamischen Anbau […] Viele Steiner-Anhänger begrüßen ausdrücklich die Rassengesetze. In Steiners Werken finden sie die Theorie dazu (Gesamtausgabe Band 32). Das Judentum, schreibt er, ‚als solches hat sich aber längst ausgelebt, hat keine Berechtigung innerhalb des modernen Völkerlebens, und daß es sich dennoch erhalten hat, ist ein Fehler der Weltgeschichte.‘
          Die Sympathie beruht zum Teil auf Gegenseitigkeit. [noch ein paar kackbraune Zitate]
          […] Neben Darré werden Rudolf Heß, Heinrich Himmler, Fritz Todt und Alwin Seifert von Historikern zu den führenden Köpfen des ‚grünen Flügels‘ in der NSDAP-Leitung gezählt. Sie schwärmen nicht nur für biologisch-dynamische Landwirtschaft, sondern auch für regenerative Energien, Homöopathie und Heilkräuter. […] Die grünen Nazi-Funktionäre betrachten Steiners Lehren nicht als feindliche, sondern als verwandte, aber konkurrierende Weltanschauung – und ähnlich sehen es auch manche Anthroposophen.
          […]
          Doch an der ‚lebensgesetzlichen Landbauweise‘ findet der Führer weiterhin Gefallen. Das bleibt auch nach der Absetzung Walter Darrés so […] Die anthroposophische Heil- und Pflegemittelfirma Weleda darf ebenfalls weiter produzieren und erhält sogar Staatsaufträge.
          […] Himmler lässt 1938 im Konzentrationslager Dachau die größte biologisch-dynamische Heilkräuterplantage Europas anlegen. Die Arbeitsbedingungen dort sind äußerst grausam. Bei keinem anderen Kommando sterben zwischen 1938 und 1940 so viele Häftlinge wie beim Anlegen und Bewirtschaften der Bioäcker. Gartenmeister des Lagers ist der Anthroposoph Franz Lippert, zuvor Obergärtner bei Weleda.“

          Okay, hatte mich falsch an diese Passage erinnert – eher zweimal derselbe Gedankenmist als von einem zum anderen. Als ob einmal nicht genügt hätte – ich putze grade mal meine Tastatur… entschuldige bitte die kackbraunen Passagen zwischendrin!

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        • Ich denke, beides speist sich aus denselben Quellen, Aurorula. Ende des 19. Jahrhunderts wurden alternative Realitäten zur Mode, nicht?, Weltanschauung wurde ungeheuer wichtig, und alles richtete sich gegen’s System (Schlagwort bis heute). Theosophen wollten den satanischen Materialismus als Weltanschauung stürzen (aus denen spalteten sich die Anthroposophen ab), Antisemiten wollten die allgemeine Entfremdung & Entwurzelung rückgängig machen, Nationalisten hassten ebenso die Moderne, und die Kommunisten wollten zum wahren und eigentlichen Menschsein zurück. Jeder brauchte dafür seine Lieblingsfeinde, denn wenn die Welt vom Bösen durchdrungen und man selber für’s Gute ist, dann braucht man seinen allmächtig-unwürdigen Feind.

          Als Urbild dafür und als Konvergenzpunkt mussten die Jiddn herhalten (warum nicht!, kannte man ja schon lang, das). Jeder Sonderfeind jeder Sonderideologie ließ sich in Schlangenlinien aus verschiedenen Richtungen wieder auf den Jud‘ zurückführen (der Künstlichste unter den Natürlichen). Selbst bei den Kommunisten, die von sich glaubten, am Nüchternsten zu sein. Und erst Recht bei solchen Spiritualisten wie Anthroposophen, die mehr im oberen Devachan lebten als auf dem schnöden Erdenplan. Obwohl sie mehr die Materialisten in Gestalt zweier Oberteufel hassten 😉 , Judenhass passt nicht gut dazu, ist allzu weltlich für jene, die lieber geisteln.

          Fixe Grundidee all derer ist, dass die Welt / die Menschheit / das Essen vergiftet sei, und dass alles immer vergifteter und immer todkränker werde. Nicht? Um 1900 sahen die meisten Prä-Grünideologen das Gift als Tropfen aus den Reichen Luzifers und Ahrimans, als geistige Vergiftung, um die Erlösung des Menschen zu verhindern – die neueren Gründenker seither sehen das Gift als reales chemisches Gift, als entsetzliche genetische Manipulation, als allgemeine Krankwerdung und allgemein technisch-sündhaft-moderne Verderbnis.
          Oh, die Chemie hassen sie. Die lehnen ihr Leibliches so sehr ab, dass sie manchmal irgend Duftölgestanktage einlegen und dabei entgiften. Weil sie wegen des Zwangskontakts mit dem allgegenwärtigen Bösen selber nur noch aus GIFT bestehen, so bald sie ihre Duftölgestanktage vergessen, und dann müssen sie entgiften. Die beschäftigen sich dann so viel mit ihrer vergifteten Leiblichkeit und mit Krankheiten und folglich mit den Verursachern dieser Krankheiten, an denen sie morgen zugrunde gehen werden! („nichts ohne Grund“, so raunte Heidegger), und die Politischeren unter ihnen hassen die Pharmaindustrie, den genetisch-militärischen Komplex und Monsanto, und manche von denen sehen die Zionisten dahinter – also den Jud‘, der wieder Brunnen vergiftet und die arische Rasse zersetzt.

          Gibt’s nicht einen Fachausdruck für diese Giftbesessenheit und für diese umfassende Angst, vergiftet zu werden?, und für diese Sehnsucht nach heiler Ganzheitlichkeit aus dem goldenen Zeitalter, als man noch so schrecklich schön natürlich lebte und so?
          Neogrünmammi-Ismus?

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        • Neogrünmammi-Ismus?
          😀 gefällt mir!

          Es gibt eine Krankheit, orthorexia nervosa, das ist eine Essstörung, der Zwang sich ausschließlich gesund zu ernähren. Das ginge zumindest in die Richtung Fachausdruck für diese Giftbesessenheit und für diese umfassende Angst, vergiftet zu werden?, und für diese Sehnsucht nach heiler Ganzheitlichkeit aus dem goldenen Zeitalter, als man noch so schrecklich schön natürlich lebte und so?
          Und die Angst vor allem, Panphobie, die gibt es auch (Auch wenn sich das eher nach Flucht aus der Fußgängerzone vor der südamerikanischen Musik anhört). Chemophobie, die Angst vor Chemie, und Radiophobie, die Angst vor (Ver-)Strahlung; auch die gibt es.
          Aber alles zusammen … hmmm? Wozu einen einzigen Begriff, wenn es mit Nostalgie zusammen fünfe auch tun 😉 ?

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        • … pardon, liebe Aurorula, hatte Dein 9:58 zu spät gesehen (die vielen aufschlussreichen Zitate aus Maxeiner/Mierschs Buch über Biokostgründenk-Nazismus).

          Jedoch: Alle (alle!) Eliten haben’s mit den Nazis gehalten. Es?, Händchen gehalten. Je eliterigere Elite, um so nazziger. Am Allernazzigsten, wenn sie sich für Elite hielten. Selbst unter Avantgardekünstlern hielten viele-viele mit den Nazis Händchen (um dann von den anderen Nazis, die Goebbels eins auswischen wollten, in die Fresse geschlagen zu werden).
          Im universitären Milieu (viel elitärer als heute) wähnte man sich pronazistischerweise auf dem Gipfel aller Elite. Schließlich bei Esoterikern – denn laut Hitler sind die Arier ja die Auserwähltesten, ja Engelgleichsten von allen.

          Panphobie. LOL! 😀 Alles ist Pfanne, (grch.) phanna panta, und heraus brutzelt sich Entsetzliches. Kann ja nur noch schiefgehen und anbrennen-.
          Leider sind Phobien in Mode. Hier leiden alle entsetzlich an ihren Phobien und an Tertiärtraumatisierungen, aber gibt es in Syrien und im Irak welche?
          – Ojojoj.

          Schlojf gutt 🙂

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        • Gute Nacht 🙂

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  2. *nochmal hochschreck*

    Sieh mal, das hab ich auf Anhieb gefunden, man kann nach sowas guhgeln und kriegt sofort eine fette Portion Idyll ab: Vorn das Getier, das einander naturgemäß nicht jagt, hinten das Gepflanz, das einen naturgemäß entgiftet, weil nachhaltig kleinbebauertes Feld mit biologischdynamischem Haschisch im Besitz des Volkskörpers:

    http://www.google.fr/imgres?imgurl=http%3A%2F%2Fwww.visualphotos.com%2Fphoto%2F2x4754619%2Fdog_cleaning_fawn_sitting_on_grass_IS098V3U1.jpg&imgrefurl=http%3A%2F%2Fwww.visualphotos.com%2Fimage%2F2x4754619%2Fdog_cleaning_fawn_sitting_on_grass&h=453&w=650&tbnid=jxazIYyLxg93sM%3A&zoom=1&docid=ZcLn88BMlCjXVM&hl=fr&ei=nBk7VOLnO4jJOf72gKAP&tbm=isch&iact=rc&uact=3&dur=5769&page=3&start=56&ndsp=30&ved=0CNcBEK0DMDg

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  1. Pingback: Kontraintuitiv | kleines Südlicht

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