Magische Medizin

hexemagierDie meisten Leute haben geradezu magisches Verständnis von der Medizin.
Ernsthaft.

• Medikamente werden gedanklich Körperteilen zugeordnet, nicht Krankheiten. Etwa in der weitverbreiteten (irrigen) Annahme, es gäbe etwas „für die Verdauung“, das helfe – so es denn „was Gscheites“ ist – gegen alles von Zahnfleischbluten, Hämorrhoidenleiden, Blähungen, Durchfall und Verstopfung (natürlich gleichzeitig!) über die Gastritis und das Magengeschwür bis hin zum Dickdarmkrebs. Oder das „für den Hals (mit Geste drauf! obligatorisch!)“ gegen Husten, Schnupfen, Heiserkeit, Zahnweh, Angina, Asthma und Schnarchen, selbstredend. Augentropfen, die eigentlich im Liter-Spender in die Augenarztpraxis gehören (Hygiene wird an und in den Augen der meisten so und so überbewertet [/snark]) weil sie alle der Patienten instantan kurieren. Gut, ganz so vielleicht nicht.
Gerade äußere Organe (Haut, Augen, Nase,…) sind hier prädestiniert. Eine normale Nachfrage auf den Wunsch nach einem Nasenspray: „Gerne. Was für eins denn?“ trifft auf große Augen, die nochmalige Bestätigung „für Erwachsene!“ / „für die Nase!“ (wenn ich beides nicht schnell genug in die Nachfrage einbaue), manchmal auch Markennamen. Wenn ich mir nicht ein Konstrukt abbreche a la: (schnell gesprochen!) „Mit welchem Inhalt hättens denn gern das Nasenspray von XY-Pharm für Erwachsene ohne Konservierungsstoffe? Was solls denn können: Nase freimachen bei Erkältungs-Schnupfen, Nase freimachen bei allergischem Schnupfen, Allergie vorbeugen, für die Nase zum spülen, für die trockene Nase zum pflegen, bei Nebenhöhlenentzündung oder gegen Schnarchen?“ Dabei komme ich mir vor wie ein Dämonologe; hoffe zwar schnell genug zu reden um das alles an den Mann oder an die Frau zu bringen – aber nicht schnell genug um völlige Verwirrung auszulösen. Und nehme so oder so Wetten an daß die Antwort in 90% der Fälle ein verärgertes „ein ganz normales, halt!“ (=hat garnicht zugehört) oder ein verwirrtes „für …Schnupfen?“ (=zuviel Auswahl… hoffentlich kein allergischer Schnupfen) ist. Aber wehe Testkäufer kriegen statt dem gewünschten Spray gegen allergiebedingtes Schnarchen bei offenem Fenster und Birkenpollenflug ([/snark]) eins für Erkältung.
Schmerztabletten, die nur bei Zahnweh, nicht aber bei Rückenschmerzen guttun; bei Migräne schon, aber dem gestumpten Zeh wieder nicht, die sind auch so ein hartnäckiges Gerücht.

• Das gepaart mit regionalen anatomischen Bezeichnungen macht die Verwirrung perfekt – meine diesmal. „Fuß“ ist hier in München alles unterhalb der Hüfte, „Magen“ Sammelbegriff für alle inneren Organe zwischen Zwerchfell und Steiß, „Blase“ der weibliche Urogenitalbereich (ohne! Nieren; die gehören zu „Rücken“). Es ist bei Krankheiten auch nicht besser, „Erkältung“ / synonym „Grippe“, etwa ist alles und irgendwas aus der Liste Hustan, Schnupfen, Heiserkeit, Atemwegsinfekte, Halsweh, Fieber, Kopf- oder Gleiderschmerzen, fiebrige Infekte, Blasenentzündung, Mittelohrinfekt, Bronchitis, Brechdurchfall, Influenza. Oder „Fadschn“, der Ausdruck für Verbandsstoffe – alle Verbandsstoffe von der Windel über die Stützbandage bis zum Dreieckstuch. Jemand der etwas will „um den Magen zu beruhigen nach dem Husten“ kann also durchaus antibiotikabedingten Durchfall haben, auf das Antibiotikum für eine Lungenentzündung…. you get the idea.

• Weiter in der Magie, von der viele wünschen daß Medizin sie wäre, mit „heilender“ Wirkung. Manchmal auch als globales „Beruhigen“ eines Körperteils (gerne Hals, Magen oder Haut) bezeichnet. Ein Bastard aus Esoterik und Wunschdenken. Ungefähr soviel wert wie die Aussage: „mir geht’s schlecht!“ Mit dem Unterschied, daß nachfragen woran es denn genau fehlt sehrsehr vorsichtig erfolgen muß um nicht als mangelndes Mitgefühl verstanden zu werden. Ich bezweifle ja nicht daß es jemandem schlecht geht wenn ich rausfinden will wie genau ich helfen kann – wenn ich nicht aufpasse verstehen aber viele die Bitte konkrete Symptome zu benennen die sich bessern sollen als Forderung nach Rechtfertigung, wirklich krank zu sein. Und alles nur, weil ich weder hellsehen noch zaubern kann. Eine „heilende“ Wirkung, die alle Beschwerden, egal welche, verschwindenlässt ist: Zauberei. Ohne jegliche Information zu wissen, was los ist: Hellseherei.
Die Ursachen einer Krankheit zu bekämpfen, Folgen auszugleichen und zu lindern, Mängel zu kompensieren oder zu ersetzen und Körperzustände zu beeinflussen; das ist Medizin. Wenn mir jemand die Eigendiagnose oder konkrete einzelne Symptome verrät kann ich dafür was entsprechendes raussuchen (oder die Leute zum Arzt schicken falls die Eigendiagnose fraglich scheint oder die Symptome gefährlich).

Klar soweit?  😉

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Veröffentlicht am Oktober 11, 2014 in Kein Smalltalk, Krankheit und mit , , getaggt. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink. 13 Kommentare.

  1. „Schmerztabletten, die nur bei Zahnweh, nicht aber bei Rückenschmerzen guttun; bei Migräne schon, aber dem gestumpten Zeh wieder nicht…“
    LOL!

    Also, ich meine, diese Sache mit den Schmerzen und den Schmerztabletten ist eine umgekehrt wechselseitige Sache. Hab ich so beobachtet. Kann das sein?
    Ich hatte zwanzig Jahre lang immer einen erheblichen Vorrat Aspirin; gegen Migräne. Die meist erst nach zehn Sprudeltabletten Aspirin verschwand.

    Dann ging mir mal das Aspirin aus, und ich bekam erstaunlich lange Zeit keine Migräne. Was auffiel. Das leere Stückel im Badezimmerregal blieb leer, und die Migräne blieb aus. Bis sie naturgemäß wieder erschien, und sie ging nach dem Frühstück weg, zögerlich, aber weg, jedoch ohne diese zehn Tortur-Aspirintabletten.
    Dann besaß ich wieder Aspirin – und kriegte Migräne. Hab’s verschenkt und bekam sie seltener. Viel seltener.

    Migräne ist nunmal Qual, und zwar eine extreme. Wenn da Tabletten stehen, denkt die Migräne: Aha, dann kann ich ja kommen, denn ich will quälen. Wenn da keine Tabletten stehen, kommt die Migräne nicht darauf, etwas über Qual oder überhaupt was zu denken, und sie kommt nicht (oder viel seltener).

    – Ist diese Überlegung nu ganz oder nur zum Teil eine migränedämonologische Spinnerei? 🙂

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    • Wenns gegen die Migräne hilft, ists ja fast egal wie 😉

      Allerdings verträgen nicht alle jedes Schmerzmittel – es ist möglich (wenn auch selten) daß jemand auf eines davon Kopfschmerzen bekommt statt daß sie weggehen. Das ist dann aber nur jeweils eins, andere Schmerztabletten helfen da so wie sie sollten.
      (Ibuprofen ist gut gegen Migräne, wenn Aspirin nicht hilft. Am schnellsten wirkt es mit einer Magnesiumtablette zum auflösen direkt hinterher. Falls Du noch etwas gegen Übelkeit/Seekrankheit/sowas hast kannst Du auch das zur Schmerztablette dazunehmen, selbst wenn Dir von der Migräne garnicht schlecht ist – dann hilft das Schmerzmittel schneller weil es besser aufgenommen wird.)

      Migräne ist nunmal Qual, und zwar eine extreme.
      Ohja, da ist ein wahres Wort gesprochen. Ich hatte auch ein paarmal welche als Reaktion auf ein Arzneimittel das ich nicht vertragen habe – ich war sooo froh als ich wußte woran es liegt und daß ich die seitdem los bin.

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      • Danke. Aber wenn ich heut‘ Magnesiumtabletten und Ibuprofen und sowas Antiseemännisches kaufte, hätte ich spätestens übermorgen beim Aufwachen die Migränigste aller Migränen – weil Aris Migränekomponente dann sicher ist, dass die Arikomponente die Migränekomponente dann halt mit den schönen Arzneyen bekämpft. Das will die ja. Die sucht ja nur nach ’nem Grund, den ich mir gebe 😉

        – Welches Arzneimittel hattest Du denn da geschluckt?

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        • … ah pardon, ich war zerstreut und frug nach diesem Arzneimittel, weil ich dachte, dass ich’s mal streng nach den Hahnemannschen Prinzipien probieren könnte, indem ich bei Migräne was schlucke, das mir Migräne macht (einfach aus Neugierde und wegen des alten Hahnemanns, der darauf schwor).

          Aber aus hm von mir nicht zu vertretenden konstitutionellen nein konstitutiven Gründen wär ich just mit diesem Arzneimittel konstitutiv wohl recht schlecht dran 🙂

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        • Das war ganz was völlig anderes und hatte in der Hauptwirkung nichts, aber auch garnichts mit der Migräne zu tun 🙂
          Komplett anderes Fachgebiet, das.

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  2. Hülfäh.
    Pardon, Du bist Apothekerin, und zwar eine verdammt gute, wie ich weiß. Ich bin derzeit von einem scheußlichen Husten malträtiert, dem ca. scheußlichsten nördlich des Kongo, und ich bräucht‘ den Namen einer Medizin, die mir diesen Husten zu einem Nichthusten macht.

    Meine hiesige Apothekerin gab mir am Mittwoch nur Bronchicum Elixier, aber das schmeckt bloß süßlich und nützt nichts.

    Heißen Tee trinken nützt wohl, aber das lässt sich nicht die ganze Zeit machen, zumal Nachts, wenn mich dieser widerliche Hustenreiz völlig schrottet (habe schon Muskelkater davon an den unbekanntesten Stellen)

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    • Ich fange mal vom Schluss an, ja? 🙂

      Gegen den Muskelkater kannst Du natürlich ein Schmerzmittel nehmen, was auch immer Du da hast (es gibt zwar auch Kombinationen Schmerzmittel/Krampflöser, das wäre noch die Kür mit dabei; aber jedes der gängigen Schmerzmittel macht hier die Sache schonmal angenehmer). Was Du dahast wird wahrscheinlich was sein wo Migräne nicht explizit drinsteht; auch der Fiebersenker Paracetamol hilft gegen Schmerzen genausogut wie Aspirin falls vorhanden.

      Wassertrinken macht den Husten tagsüber wesentlich angenehmer. Das muß weder heiß noch Tee sein: Wasser, Saftschorle, Tee, Eistee, was Dir halt schmeckt. Gerne auch stark gesüßt, Zucker ist hustenlösend. Möglich bis es gefühlt zu den Ohren rauskommt; das verdünnt das abgehustete, damit gehts leichter.

      in den ersten paar Tagen ist der Husten noch trocken, da nutzt ein Schleimlöser wie das von Dir erwähnte Bronchicum weniger als ein Hustenblocker. Vor allem nachts (die machen sowieso auch müde, nicht nur hustenfrei). Mehrere No-Name-Firmen nennen sie sogar ‚Hustenstiller‘ in Kombination mit dem Firmennamen, ansonsten gäbe es welche unter den Marken-Namen: Sedotussin (bin mir nicht sicher ob die den umbenannt haben) oder Silomat. Sind aber alle ähnlich zusammengesetzt, da sorgt ein No-Name-Hustenstiller genauso für Nicht-Husten (deswegen fallen mir die Markennamen auch nicht als erstes ein). Wirkt ungefähr acht Stunden (also wenn Du morgens um sechs autofahren willst nicht später nehmen als zehn Uhr abends…). Das wäre für Über-die-Nacht und nicht-schlafenkönnen vor Husten.
      Wenn der Husten nicht mehr trocken ist kann ein Hustenstiller auch in Kombination mit einem Hustenlöser genommen werden: also den anderen Hustensaft morgens und mittags und den Hustenstiller vor dem schlafengehen (direkt zusammen würde sich die Wirkung gegenseitig aufheben, aber mit mindestens vier Stunden Abstand gehts problemlos).

      Was ich selber nehme wenn ich Husten habe oder keinen bekommen will sind Pelargonium-Bronchialtropfen (die sind von ratiopharm). Machen nicht nur das Husten leichter, sondern haben auch eine immunstärkende und leicht antivirale Wirkung. Ich spare mir damit nach hinten weg ein paar Tage husten – offiziell bewiesen haben sie zumindest daß sie den Husten wesentlich angenehmer machen.
      An Deiner Stelle würde ich beides kombinieren, also diese hier morgens und mittags (abends weglassen) und abends den Hustenstiller (den dann tagsüber weglassen).

      Falls Du Dir nur eine Sache neu dazukaufen willst würde ich den Hustenstiller anschaffen und das Bronchicum ab übermorgen oder so wieder dazunehmen (dann Bronchicum morgens und mittags und den Hustenstiller abends).

      A propos schlimmster Husten nördlich des Kongo: wenn Du keine zwei Treppenstufen mehr ohne keuchen hochkommst oder was irgendwie gefärbtes (grün, gelb) hustest geh aber zum Arzt, ja?

      Nachklapp: wenn Du sowieso einen Tee kochst, ist Nase drüberhängen und Wasserdampf inhalieren auch recht angenehm.

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      • Danke danke, das ist ja alles schonmal sehr gut. Könnte sehr gut werden. Daran werd ich mich emporranken.

        Vielleicht komme ich für’s Erste um den Hustenstiller herum, denn während des Hustens einfach das Lösen wär schon das Allernützlichste nördlich des Kongo.
        Den Rest besorg ich mir so schnell es geht (nur die Schmerzmittel müssen nicht, die Muskelkaterer sind bloß Künstlerpech) – und ähm, ich werd den armen Apothekern nichts von aber bitte nur pflanzlich vorhusten.
        Und versprochen, sollte der Thomas Bernhardsche Treppenstufenzustand eintreten, geh ich ganz vorsichtig zum lokalen Pestarzt. Oder dann ist es doch die Ebojle, di bejse. Obwohl die einfach so eigentlich nicht vorkommt.

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        • *lol*
          Nein, dann ists nicht die Ebola, sondern etwas bakterielles hat sich opportunistisch auf den Husten draufgesetzt. Dann hört der Arzt Dir die Lunge ab und verschreibt ein Antibiotikum.

          Gute Nacht mit möglichst wenig Husterei 😀

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        • 🙂

          Sei froh, dass Du mich nicht durch drei Wände erlauschen musst (der Nachbar krachte letzte Nacht um drei an seine Wand, fühlte sich wohl zum Hauen, wohl weil er so heavymetal ist und ich den Rhythmus versaut habe)

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        • Auweh. Der Nachbar läuft aber unter der Überschrift Ohropax vobiscum!
          Auf alle Fälle gute Besserung für den Husten! 🙂

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        • D *hsst* da *hust* dan *huust* danke! *huuuscht*
          Ist aber schon besser geworden.
          Nur war das Ganze so anstrengend und auszehrend, dass ich nu völlig faiblisiert bin und keine sieben Schritte weit komme. *lamantier* *hust*
          Habe Penne mit Gorgonzola gegessen, denn die nähren 😉

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  1. Pingback: Kontraintuitiv | kleines Südlicht

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