Von Leben, Tod, und Kanon in D

Der Kanon in D: der Kanon in D, natürlich; Pachelbels Kanon in D. Das originale One-Hit-Wonder der Klassik.

 

♦ Es gibt Situationen, da ist Pachelbels Kanon in D einfach ein furchtbares Musikstück. Für Cellisten etwa. Kann ich ihnen nicht verdenken, daß fast niemand der Cello spielt diesen Kanon ausstehen kann. Die Cellostimme besteht nämlich gerade einmal aus acht Noten. D, A, H, Fis, G, D, G, A; das 54 Mal – das wars. Sonst gibts nix. So kann manchmal das Leben sein, ad infinitum und ad nauseam immer und immer dasselbe.

Nun spiele ich kein Cello; ich habe mal Geige gespielt, lange ists her, kann es also ein Bissl nachfühlen. Aber hier zum Beispiel beschwert sich ein Cellist (mehr von dem → Rob P. Rocks) darüber schon das ganze Leben von dieser lausigen Musikstimme verfolgt zu werden:

Als ich dieses Video gehört habe, sind mir die Tränen in die Augen gestiegen: so sehr habe ich lachen müssen!

Zumal sehr, sehr viele Musikstücke die Akkordfolge abkupfern und auch D, A, H, Fis, G, D, G, A ad infinitum et ad nauseam spielen lassen…

 

♦ Es gibt Situationen, da ist Pachelbels Kanon in D einfach ein wunderbares Musikstück. In der Geschichte etwa, die Gnaddrig aufgetan hat. Dort geht es um das improvisierte Abschlusskonzert eines alten, todkranken Musikers. Eigentlich wollte der alte Mann, sein ganzes Leben lang Musiklehrer, die geliebte Geige die ihn überallhin begleitet hatte auch mit in den Operationssaal nehmen. Eine Ärztin kommt herzu, als er gerade die OP-Schwester bittet, doch eine Ausnahme zu machen und das Instrument mitnehmen zu können. Sie widerum schlägt vor, er solle doch stattdessen jetzt etwas spielen; und so wird vor dem OP-Saal mit zwei Chirurgen, von denen einer das Keyboard aus der Krankenhauskapelle ‚entführt‘ und der andere schnell seine für die Musikprobe am Abend im Auto liegende Geige holt, das Lieblingsstück der OP-Schwester gespielt. Pachelbels Kanon in D. Das Publikum (Schwestern, Pfleger, Ärzte, Patienten, jede(r) der es mitbekommen hat) war zu Tränen gerührt; der alte Musiker spielte wie nie zuvor in seinem Leben. So kann manchmal das Leben sein: das wunderbare im alltäglichen.

Die Erzählung der vorschlagenden Ärztin findet sich hier:

http://josephinechaos.wordpress.com/2014/09/15/pachelbels-kanon/ .

Als ich diese Geschichte gelesen habe, sind mir auch die Augen übergegangen: so gerührt war ich.

Als ich davon las wie hingebungsvoll der Musiklehrer gespielt hatte und wie gerührt er beim Schlussapplaus war, dachte ich in der Zeile: wenn es etwas wie Gerechtigkeit oder zumindest narrative Kausalität in dieser Welt gibt, dann dürfte er jetzt in diesem Moment auch von der Bühne abtreten. Er war am langsamen sterben; und der einzige bessere Tod für ihn wäre es, garnicht sterben zu müssen.

Als die letzte Zeile dann aber war: „Acht Stunden später kam Luigi müde aus Saal V, Chirurgie geschlichen, mit dem Geigenkasten im Arm und Tränenflecken auf dem OP-Hemd“ (Luigi ist der spontane Pianist), habe ich doch fast zehn Minuten geweint.

(nach dem oberen über Pachelbels Kanon in D – hier Leonard Cohens Interpretation von D, A, H, Fis, G, … für die zweite Texthälfte:

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Veröffentlicht am November 5, 2014 in Musikalisches, Philosophisches, Smalltalk und mit , , getaggt. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink. 25 Kommentare.

  1. über die Geschichte sag ich lieber nichts 🙂 , die gehört ja völlig überarbeitet… aber nein, ich sag nichts drüber, auch nichts über den Schlusssatz, der VIEL angedeuteter passieren müsste!, ja bloß nicht so rumms!, und auch nichts über die Beschreibung der Musik („tirilieren“, ojojoj), denn es ist zu unerträglich, wenn ein Autor über einen anderen Autor anfängt die Zähne zu fletschen, weswegen ich nu lieber nichts über die Geschichte sage.

    Ich hab hier eine andere für Dich zum Abend, liebe Aurorula (das ca. achte Kapitel aus meinem Roman Koschere Groupies, der immer noch nicht fertig ist).

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    Wann der Belzer wieder frühstückt

    von Robert Cohn

    „Müsli…“, sagt der Katz. Er sagt es wie Tag, Nacht, Timbuktu oder Steuererklärung. Der Katz ist weiter weg als jedes Müsli. Ho’Schejm soll helfen.

    Belzer sitzt an Katzens Bett. Im Hafenkrankenhaus. Das Bett ist frisch, die Apparate neben dem Bett piepen und zirpen frisch, die Zimmerluft ist frisch von Desinfektionsmitteln. Nur der Katz ist nicht frisch. Der Katz liegt im Bett wie ein Haufen Zeitungspapier, denkt Belzer. Nicht, weil er es denken will, er denkt nicht so über den Katz. Es fällt ihm ein, weil Katz das sonst so über sich sagte.
    „Katz, wie geht’s?“ – „Wie ’nem Haufen Zeitungspapier.“ – „Katz, was hast du gestern gemacht?“ – „Nu, was soll’n Haufen Zeitungspapier schon gemacht haben, alles halb so schlimm.“
    So ist Katz.

    Jetzt ist der Katz zu wenig. Belzer sieht ihn an. Katz hatte einen Schlaganfall, er hat Lungenentzündung und ein Fieber aus Mali. Keiner weiß, was Katz in Mali gemacht hat. Es war wohl wegen der Zeitungen, denkt Belzer. Auf dem Nachttisch liegt eine Zeitung, sie hat kaum Platz wegen der Apparate und wegen der Schläuche, die von den Apparaten bis in den Katz hineinhängen. In Timbuktu wurde am Mittwoch der, liest Belzer. Sonst liegt da nichts, Katz hat nichts hier.
    Der Katz kann keine Zeitung lesen, denkt Belzer jetzt, und es ist ein unmöglicher Satz, der nicht sein kann.

    „Müsli…“, sagt der Katz jetzt. Seine Stimme ist weiter weg als Mali und Mamelucken. Katz hört nicht zu, wenn Belzer ihm etwas sagt, Belzer hat es ausprobiert. Belzer hat Katzn gefragt, wie es ihm gehe. Müsli. Ob er etwas machen könne, hat Belzer gefragt. Müsli. Ob Mali schön sei? Müsli. So, wie einer wohl Breslau oder Kaisertum oder Cincinnatus antwortet, wenn man ihn fragt, ob schönes Wetter ist.
    Manchmal sagt der Katz Müsli, wenn Belzer ihn etwas gefragt hat, manchmal sagt er Müsli, wenn Belzer nur etwas gesagt hat, und dann sagt er Müsli, wenn Belzer nichts gesagt hat. Belzer weiß nicht, ob der Katz ihn hören kann, ob er weiß, dass er es ist, Belzer. Er weiß nicht einmal, ob der Katz weiß, dass er es ist, Katz. Ho’Schejm soll helfen…

    Auf dem Korridor hat Belzer mit der Ärztin geredet. Oberärztin.
    „Sind Sie ein Verwandter?“
    „Ja natürlich“, hat Belzer gesagt, obwohl er kein Verwandter ist. Er kennt den Katz so lange, wie man sonst Verwandte kennt, also ist er wohl jetzt einer, hat Belzer gedacht, und hat gelogen.

    Katz habe ein Flugticket aus Mali dabei gehabt, Aéroport International de Bamako, als er in der Nacht im Taxi zusammenbrach, sagte die Oberärztin zu Belzern im Korridor. Dieses, und einen Pass mit dem Namen Erich Avigdor Katz, und einen Koffer voll mit afrikanischen Zeitungen, und Fotoapparate aus Japan. Dass Katz eine exotische Infektion aus wohl Mali habe, sie testeten seit der Nacht sein Blut, in Mali gebe es zwanzig exotische Krankheiten, es sei nicht ganz klar, und die Lungenentzündung-.

    „Was ist mit der Lungenentzündung?“, hatte Belzer gefragt, „die ist nicht die exotische Infektion?“
    „Nein, ist sie nicht“, sagte die Oberärztin eilig, „gegen die können wir was tun, und der Schlaganfall ist auch nicht die Infektion, den bekam Herr Katz erst hier zum Glück, in der Nacht, wir konnten sofort eingreifen, sonst hätte er nicht bis jetzt überlebt.“

    Mehr weiß Belzer nicht. Nur, dass er bis jetzt überlebt hat. Er sitzt an Katzens Bett, sieht Katzens Augen, sie sind weiter weg als Mali.

    Belzer hört auf zu fragen, denn vielleicht ist es dem Katz zu anstrengend, vielleicht muss Katz schlafen. Katz schläft nicht. Katz macht Bewegungen, ganz schwache, ganz weit weg, sie rascheln.
    Belzer summt Melodien, Hinej maTov, Frère-Jacques, Ojfn Pripetschik, alles was ihm einfällt. Katz macht ein bisschen die Augen zu, reißt sie wieder auf, sieht an die Decke. Jetzt macht er sie wieder zu. Belzer summt.

    Jetzt steht Belzer auf, er kann nicht mehr sitzen, ihm sind die Füße eingeschlafen. Er tanzt ganz leise auf und ab, bloß nicht umfallen!, denn Belzer tanzt schlecht und das Zimmer ist eng, alles steckt voll mit Apparaten. Belzer hat nichts gefrühstückt, denn er hat ein Frühstücksproblem. Das Wort Müsli geht ihm nicht aus dem Kopf. In Belzers Dachkammer steht dieser alte Kühlschrank, vor dem er sich sehr ekelt, denn er tropft und klappert. Innen sind Spuren, diese Spuren, die Belzer noch nie putzen konnte, vielleicht von Müsli, die sind zu hart und zu eklig. Meine Spuren sind das nicht, denkt Belzer jetzt und schüttelt sich, ich hinterlasse keine.

    Jetzt fällt ihm ein, dass er nicht mehr in dieser Dachkammer wohnt. Da hatte er nicht gewohnt. Belzer wohnt jetzt in einer Dachkammer ohne Kühlschrank. Nein, er ist beim Katz. Wenn er denn wohnt, da oder dort. Beim Katz wohnt er nicht, und nicht mal der wohnt oder ist er selbst, oder Müsli, denkt Belzer und tanzt auf und ab, ganz leise. Jetzt sieht er den Katz, ganz Halbdunkel, ganz Zeitungspapier, ganz weit weg.

    Es klopft. Die Tür schwingt auf. Belzer still wie ein Stock. Ein Haarbusch hinter der Türkante von hinten angeleuchtet wie im Aquarium, ein roter Haarbusch, rotes Gewirr, jetzt geht Licht an, Belzer kneift die Augen zusammen, Belzer sieht nichts.
    „Ja der Belzer!, bist du das, Belzer?, siehst ja aus wie ein Chassid auf der Flucht!, also isses der Belzer“, sagt jemand.
    Belzer reißt die Augen auf. Nein, die roten Haare kennt er nicht, aber das Gesicht kennt er, das ist Zippy, ach Zippy, die Zippy Katz.
    „Zippy Katz“, sagt Belzer zu Zippy Katzn und weiß nicht, wie er stehen soll.
    „Nein“, lacht Zippy Katz, „Zippy Ayalon jetzt, und was machst du hier, Belzer?, wo ist er denn…“
    Zippy schiebt Belzern zur Seite, schiebt sich an den Apparaten vorbei. Sie steht beim Katz. Der hat die Augen zu. Er sagt nichts. Zippy sagt auch nichts.
    „Er hat nur Müsli sagen können“, flüstert Belzer jetzt.
    „Ich seh ihn ja kaum“, flüstert Zippy.
    „Er ist kaum noch da, Ho’Schejm soll helfen“, flüstert Belzer.
    Ein Apparat zirpt, zirpt, hört auf zu zirpen.

    „Warum das gelbe Band hier ums Bett?“, flüstert Zippy. Belzer überlegt.
    „Wegen der Ansteckung?“, fragt Belzer.
    Zippy macht einen Schritt zurück, stößt gegen einen Apparat, der Apparat schwankt, Zippy schwankt stärker, Belzer fängt Zippy auf, ein Bündel mit rotem Gewirr in seinem Arm. Sie riecht nach Apfel.
    Zippy lehnt sich an, macht sich los.
    „‚Ne moderne Frau von heute muss allein stehen können“, flüstert sie, „und was hat er gesagt, Müsli?!“
    „Nichts Anderes als Müsli, aber er will ja keins“, flüstert Belzer.
    So stehen sie da.

    „Und Mali?“, fragt Belzer.
    „Mali?“, fragt Zippy. Sie sieht den Katz an.
    „Er war doch in Mali“, flüstert Belzer.
    „In Mali sind die Talibaním“, sagt Zippy jetzt und schüttelt sich, das rote Gewirr fliegt. „Alles voll von Talibaním da. Sie haben die Wüste im Norden besetzt, wollen da eine Medinat ha’Talibaním machen, sowas wie Sudan oder wie Syrien und Gaza halt – und da war er?! Wie isser rausgekommen?!“
    „Über Bamako, sagt die Ärztin“, flüstert Belzer.
    „Baruch Ha’Schem, da sind sie noch nicht“, flüstert Zippy.
    So stehen sie da. Ein Apparat zirpt, zirpt, hört auf zu zirpen.

    Zippy quetscht sich jetzt auf den Stuhl. Belzer lehnt sich daneben. Der Katz hinten im Halbdunkel, obwohl Licht an ist. Es wird ihn nicht blenden, hofft Belzer, lehnt da, sieht den Katz an. Er hat noch immer die Augen geschlossen, atmet flach. Ein Haufen Zeitungspapier im Halbdunkel mit Apparaten.

    „Warum Ayalon?“, flüstert Belzer.
    „Ma-nischtana ha’laila Ayalon?“, fragt Zippy.
    „Du hattest Ayalon gesagt“, flüstert Belzer.
    „Hatte ich?“, murmelt Zippy. „Ah so, Ayalon. Das war nur der Danny. Danny Ayalon, irgend ein Kerl aus Tel-Aviv, so’n großer Kerl halt. Den hab ich in Haifa geheiratet. Frag mich nicht wieso. Meschigge werd ich gewesen sein. Jedenfalls ist er weg, der Papa mochte ihn nicht, hat ihn bei der Hochzeit gesehen, Recht hat er gehabt, ich hätt mal auf ihn hören sollen“.
    Zippy zieht die Nase hoch, sieht ganz klein aus in ihrem Stuhl. Sie schüttelt sich. Der Stuhl bebt.
    „Wenn Papa was meinte, nein meint!, hatte er drüber nachgedacht, auch wenn er sonst nur seine Zeitungen im Kopf hat“, flüstert Zippy jetzt. „Der Herr Ayalon schickt mir keinen Get. Kannste dir das vorstellen, Belzer?! Ein Kerl aus Tel-Aviv, völlig chiloni, völlig cool und so, und er schickt mir keinen Get?! Der Papa würd ihm alle Zeitungen ins Maul stopfen, damit er mir ’nen Get schickt.“

    Belzer überlegt. „Also habt ihr unter der Chuppe bei einem Rebben geheiratet, und du hast jetzt keinen Scheidebrief“, flüstert Belzer.
    „Ich hab die Nase voll von Vorschriften und von Kerlen“, flüstert Zippy, „von Rabbinern auch, obwohl der Papa das ja so wollte. Nu, bin ich halt weiter Frau Ayalon, auch kein schlechter Name, viele heißen so. Ich wohne in Aschkelon, das reimt sich drauf, ich verkaufe da Autos, viele weiße Autos, Autos-Schmautos, Ayalon-Schmayalon ba’arez schmarez, würde der Papa sagen. Hab dich ja ewig nicht gesehen, Belzer.“
    „Ewig“, flüstert Belzer. „Groß bist du geworden. Und warum rot?“
    „Rot?“, fragt Zippy.
    „Nu, rot“, flüstert Belzer.
    „Ach, die“, begreift Zippy und fährt sich durch die Haare, ein Krake aus roten Flusen. Sagt nichts mehr, sitzt da. Ein Apparat zirpt, zirpt, hört auf zu zirpen.
    So sitzen sie da.

    „Hör mal, Belzer“, räuspert sich Zippy jetzt, „es ist spät, war’n langer Flug für mich, ich schlaf hier, die haben ein Kabuff. Und du? Du wohnst doch irgendwie? Früher hast du nicht gewohnt und nichts gegessen. Bist du noch der alte Belzer, oder machst du jetzt Risches, verkaufst schwarze Limousinen und manipulierst die Börse, hm?“
    „Oj, es geht, wenn es geht, aber viel geht nicht“, flüstert Belzer.
    Zippy sieht Belzern an. Mustert ihn. Betrachtet jedes Stäubchen auf seiner Jacke. Belzer fühlt sich plötzlich wie auf dem Heiratsmarkt von Marrakesch, da gab es einen, hat der Katz ihm erzählt. Oder war es in Mysore? Nein, es war in Nuakchott, da ist der Katz gewesen, er hatte es erzählt, Nuakchott, was hat der Katz da gemacht?, Zeitungen?, wie ist er heil wieder weggekommen von dem Heiratsmarkt da?, Belzer denkt an Nuakchott, Belzer denkt nicht an Zippys Blick!, Belzer denkt an den Katz, und ob der Katz je wieder woanders hinkommt, woanders hin aus diesem Apparatezimmer im Hafenkrankenhaus.

    „Hör mal, Belzer“, flüstert Zippy jetzt, „ich lege mich in dem Kabuff aufs Ohr, und du gehst da hin, wo du vielleicht wohnst, und kommst wieder? Du kommst wieder, Belzer? Früher bist du immer wiedergekommen.“
    „Ich komm am Morgen wieder, Zippy, und Ho’Schejm soll helfen“, flüstert Belzer und drückt sich von der Wand ab. Seine Waden sind eingeschlafen, beide. Belzer bewegt seine Waden. Zippy mustert ihn.
    „Hör mal, Belzer“, sagt Zippy jetzt, „hast du zu essen? Slicha, dass ich so frag!, aber bei dir weiß man das nie, und da frag ich lieber gleich“.
    „Es geht, danke“, flüstert Belzer und bewegt seine Waden. Sind sie noch da? Da sind keine Waden, denkt Belzer.
    Zippy seufzt, kramt in ihrer Tasche, eine große Tasche mit Rosen und Fischen und gelben Quallen drauf, und jetzt zieht sie einen wilden grünen Geldschein aus dem Dunkeln. SCHEKALIM BANK JISROEL steht darauf, Zippy schüttelt den Kopf, die roten Flusen fliegen, sie versenkt die Schekel wieder im Dunkeln. Belzer spürt jetzt seine Waden, jetzt, oj Gwalt!, sie kribbeln, Belzer denkt an Abraham, auch der hat schon mit Schekel bezahlt, das steht geschrieben in der Tojre!, und seine Waden kribbeln furchtbar, Belzer denkt an seine Waden, denkt an Abraham, denkt nicht an Schekel!, er will doch nicht, Belzer denkt lieber an die Tojre.
    Zippy sieht Belzern an, schüttelt den Kopf, gibt ihm jetzt einen blauen Schein, 5 €uro steht drauf. Belzer schüttelt den Kopf, sagt „danke!“, er will doch nicht. Zippy stopft ihm jetzt den Schein in die Jacke.
    „Du musst was essen, Belzer“, flüstert Zippy, „du bist a schejner Jid, Belzer, aber bist einer, der nichts isst. Das kann ja nichts werden.“
    Belzer verbeugt sich, er liebt Zippy, sieht Zippys rote Flusen, er liebt sie trotzdem, er sieht zum Katz, murmelt eine Broche zum Katz hin, der liegt so da.

    Draußen spürt Belzer wieder seine Waden, er schleicht durch den Korridor, langsam wegen der Belzerwaden, schleicht die Treppe hinunter, schleicht aus dem Hafenkrankenhaus. Zippy hat ihm Reichtümer gegeben. Reichtümer. Was macht Belzer mit den Reichtümern? Müsli, denkt Belzer sofort, Müsli jetzt sofort.

    Es ist Nacht, es ist dunkel, die Schatten wachsen zum Himmel hoch, und er, Belzer, hat Reichtümer in seiner Jacke. Da ist ein Geschäft in der Talstraße neben der Reeperbahn, dieses Geschäft, denkt Belzer jetzt, er denkt an das Geschäft, geht durch die Schatten. Sie verkaufen da perlweiße Telefone, prächtige Kabel, glitzernde Föhne, kurdische Baklava mit bunten Streuseln, und Tee aus Brasilien. Belzer geht durch die Schatten zu dem Geschäft, er war mal drin, er hat es sich mal angesehen. Belzer hatte so was noch nie gesehen. Ein wahnsinniges Müsli verkaufen sie da. Völlig wahnsinnig!, denkt Belzer, ein Müsli mit Amaranth, Dinkelflocken, Walnüssen, getrockneten Feigen, getrockneten Birnenstücken und Himbeer, ganz kleinen ganz roten Stückchen Himbeer, Belzer hat es da gesehen, eine wahnsinnige Tüte, sie kostete 4 €uro 99, wahnsinnig viel, Reichtümer.
    Müsli, denkt Belzer jetzt in der Nacht, Müsli für den Katz!, denn warum sagte der Katz Müsli?, er hat Müsli gesagt!, Müsli immerzu!, der Katz wird ja einen Grund gehabt haben!, und der Katz braucht Müsli.
    Das denkt Belzer, er denkt Müsli, denkt Reichtümer, geht durch die Schatten der Nacht. Er geht und geht.

    Jetzt sieht Belzer das Geschäft leuchten, gelber Schimmer in der Nacht, sie haben immer geöffnet, denkt Belzer und geht auf den Schimmer zu, diese Straße in der Nacht mit dem gelben Schimmer, er wird größer, er füllt die Nacht aus, jetzt ist Belzer da. Geht durch die Tür. Ein Geruch nach perlweißen Telefonen und Tee aus Brasilien. Ein Regal mit Cashewnüssen, Paranüssen, Erdnüssen mit Ingwer, Schokoladennüssen, Belzer sucht, Belzern wird es ganz schwach in den Knien, Belzern wird es ganz leicht im Kopf, Müsli!, denkt Belzer und sucht, und da steht es. Eine Tüte mit lila Etikett, goldene Schnörkel auf Englisch, alles Englisch,
    The Mussli-Jive from Palestine-of-Texas,
    is always yummy-fine sex for us!
    Belzer streckt die Hand aus, nimmt vorsichtig die Tüte, die wahnsinnige Tüte auf seiner Hand, Schnörkel aus Gold, drinnen die Amaranthkörner mit roten Stückchen, die Himbeeren, die Birnenstückchen, denkt Belzer, sieht Birnenstückchen, sieht Walnüsse, Belzer schwankt. Belzer schwankt zum Tresen.
    „Vier-neun-neuzich“, strahlt der Mann mit dem Schnauzbart. Belzer gibt ihm den Geldschein, schwankt, Belzer bekommt einen Cent, der Schnauzbart strahlt, Belzer schwankt, Belzer mit Tüte schwankt hinaus in die Nacht.

    Milch, denkt Belzer jetzt. Müsli für den Katz, Milch für den Katz. Belzer steht jetzt in der Küche und schwankt, es ist nicht seine Küche, Belzer hat keine Küche. Belzer hat nur den Schlüssel für das Gebäude, das Salomon Heine gebaut hat, den hat er gefunden. Belzer haust hier in einer Dachkammer, die sonst keiner kennt, eine sehr schöne Dachkammer, sogar mit einem Dachfenster, ein bisschen bemoost, durch das er in Baumblätter und Himmel sieht, wenn er auf seiner Schlafmatte liegt. Sterne kann er da sehen.
    (Aber das ist eine andere Geschichte…)
    Die Küche ist nicht seine, die gehört der Gemeinde vom Rebben Lewitscharoff. Ihn, Belzern, sieht niemand, er ist der Geist des Hauses, er räumt hier auf, er spült hier ab in der Nacht, er räumt die Stühle im Betsaal richtig und rollt die Torahrolle in den Nächten vor dem Schabbojs immer an die richtige Stelle, und keiner weiß, dass er hier haust. Belzer haust gern hier.
    Aber jetzt schwankt Belzer, er schwankt sehr, ihm ist sehr leicht im Kopf. Belzer schwankt an den Tisch, fällt auf den Schemel, nicht auf den Stuhl, der ist nur für den Rebben Lewitscharoff, wenn überhaupt, denkt Belzer jetzt. Belzer schwankt jetzt auf dem Schemel, sieht die Tüte mit dem wahnsinnigen Müsli auf dem Tisch, sieht die Flasche mit Milch, die stand im Kühlschrank, Belzer hat sie vorsichtig auf den Tisch gesetzt. Belzer atmet. Es hallt ganz leise von den Korridoren. Da hallt es immer ganz leise, ganz weit weg. Wohl die Schejdim in der Nacht, denkt Belzer und schwankt, ganz weit weg sind sie, keiner sieht sie, wohl Echos von früher, sie hängen als Schatten unter den Decken, und manchmal hallen sie leise. Belzer lauscht.
    Darf er die Milch nehmen?!
    Ein ganz bissele Milch…?
    Belzer nimmt hier sonst nichts, gar nichts!, es ist ja nicht seins, es gehört vielleicht dem Rebben Lewitscharoff, oder überhaupt. Manchmal isst Belzer etwas altes Brot oder einen halben Apfel, wenn er den angeschnitten findet.
    Darf Belzer ein bissele Milch für den Katz nehmen?
    Belzer schüttet jetzt a bissele Milch in eine Schüssel, schüttet jetzt a bissele Müsli darüber, Belzer weiß gar nicht was er hier tut!, Belzers Hände tun das einfach so!, und jetzt löffelt Belzer Müsli, es schmeckt wahnsinnig!, es schmeckt nach Birnenstückchen und Feigenstückchen, nach Datteln auch, und die Himbeerstücken schmecken wahnsinnig nach Himbeeren. Belzer löffelt.
    Was tut er da nur?!
    Belzer hat so etwas Wahnsinniges noch nie gegessen. Belzer isst noch einen Löffel, a bissele, und dann noch einen. Birnenstückchen und Walnüsse und geröstete Dinkelflocken in ihm drin, die Milch in seiner Kehle schmeckt wie die Sahne von der Kuh, die Sarahle, Abrahams Frau, hinten im Stall hatte. Einfach wahnsinnig.

    Was hat Belzer da bloß getan?!

    Belzer wagt es nicht, auf die Tüte zu sehen. Jetzt sieht Belzer auf die Tüte. Die Tüte ist noch fast voll. Belzer schlingt eine Schnur oben um die Tüte, knotet die Schnur zu, so fest er kann. Das ist nicht sein Müsli, das ist Katzens Müsli!, Katzens Müsli!, hämmert es jetzt in Belzers Kopf. Belzer lauscht auf das Hallen aus den Korridoren, es hallt ganz leise. Belzer denkt an den Katz, und wie er so daliegt. Belzer sieht die Tüte nicht an!, Belzer lauscht auf das Hallen, Belzer hat wahnsinniges Müsli tief in seinem Bauch, er schmeckt es noch immer, es vergeht nicht.
    Und Belzer schwankt nicht mehr, Belzer ist wieder er selbst, und vielleicht ist es nicht so schlimm, dass er dem Katz etwas Müsli weg gegessen hat. Es ging wohl nicht anders, denkt Belzer und WEISS, er WEISS ganz genau!, dass es wohl anders gegangen wäre.

    – Am Morgen geht Belzer durch die Straßen zum Hafenkrankenhaus. Eine rote Schale in der einen Jackentasche, denn der Katz mag Rot, und einen Löffel in der anderen, damit nichts verkratzt. Ein leeres Marmeladenglas hat er mit Milch gefüllt, hoffentlich merkt keiner, dass a bissele Milch fehlt. Die Tüte mit der fest und noch fester verknoteten Schnur trägt Belzer in der Hand.

    „Müsli…“, sagt der Katz. Belzer hört ihn durch die Tür, sie steht offen, Schwestern und die Oberärztin kommen heraus.
    „Ist schon hier“, sagt Belzer zum Katz, schließt die Tür, wedelt mit der Tüte vor dem Katz. Der Katz hat die Augen offen, folgt jetzt der Tüte, folgt ihr hin und her. Belzer füllt Müsli in die Schale, gießt Milch drüber, ein wahnsinniger Geruch!, und jetzt schiebt Belzer einen Löffel in Katzens Mund. Der Katz kaut. Noch einen. Der Katz wedelt mit der Hand, die Schläuche drin wedeln mit, er wischt sich den Mund.
    „!Müsli!“, schreit der Katz und macht den Mund auf. Belzer löffelt.

    „Müsli görr“, sagt der Katz, als er fertig gekaut hat. „Örrge gröffte Müsli. Ach. Müsli?! Görr! Schrrimpfe Welzke Müsli, nein, Welzke!, Belke!, Müsli“.
    Belzer löffelt ihm Müsli.
    „Görrf!“, schreit der Katz jetzt und will sich aufsetzen. Belzer drückt ihn zurück.
    „Bleib liegen, Katz, iss Müsli!, Frühstück, es ist das wahnsinnigste Müsli unter der Sonne, Boruch Ho’Schejm“, sagt Belzer jetzt zum Katz, und der Katz nickt. Katz isst Müsli, Katz räuspert sich, hustet, will sich wieder aufsetzen, Belzer erlaubt es, Belzer stopft ihm das Kissen zurecht, damit der Katz besser liegt. Der Katz kaut.

    „Örrfte, Welzer, nein, Belzer!“, sagt der Katz jetzt und kaut, „Bali. Nein, Bali garsske nein Müsli. Mali. Mali görff kein Müsli, Belzer. In Mali. Weißte? Ach. Gibt’s Grörff, gipps noch Müsli?“
    „Klar“, sagt Belzer, zittert, denn der Katz sagt was!, und wie der Katz was sagt!, und jetzt greift sich der Katz den Löffel, Katz löffelt Müsli. Bis die Schale leer ist.

    Der Katz hustet, der Katz legt sich zurück, und die Apparate zirpen wie wahnsinnig. Die Tür fliegt auf, Schwestern überall. Belzer hat Schale und Löffel schon versteckt.
    „Ach Bier, ihr“, sagt der Katz, schluckt und wedelt mit den Schläuchen, „görff, was is‘ das?, gremmt bremmt nemmt die mir baus, raus, die gräuff ich nicht“.

    „Das Fieber ist fast weg“, murmelt die Oberärztin, „die Lunge hört sich besser an, hören Sie, Herr Katz?, Sie sind im Hafenkrankenhaus, Sie haben eine tropische Infektion und eine schwere Lungenentzündung und einen Schlaganfall, Herr Katz!, hören Sie mich?“

    „Alles harb so schrimm“, sagt der Katz und kaut.

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    • Josephine Chaos

      @aristobulus: In der Medizin heißt es „wer heilt, hat Recht“ – ich habe auf den Pachelbel so viel positive Resonanz bekommen, dass ich davon ausgehen kann, die Menschen berührt zu haben. Das ist ein sagenhaft schönes Gefühl – mehr brauche ich nicht. Und da ist es mir auch völlig Wurscht, was Marcel Reich Ranicki dazu gesagt hätte.

      Und den kleinen Seitenhieb, den kann ich mir jetzt doch nicht verkneifen: meine Texte werden auch gelesen, wenn ich sie nicht unter andere Leute Blogeintrag pinne…
      In diesem Sinne: Frieden auf Erden!

      Und Dir, liebe aurorula, vielen Dank für´s verlinken und die schönen Worte dazu.

      Josephine

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      • Und ja, Kritik ist immer sowas Respektloses, ja eine Übergriffigkeit, gar Frechheit, gell?, selbst wenn’s noch so zurückhaltend gesagt wurde.

        Sie, Frau Choas, brauchen keine Kritik mehr, nichtmal von dem verblichenen Reich-Ranicki (der ja auch nur Andere niedermachte, nicht?, anstelle zu helfen), denn Sie sind vollendet, und man reißt sich gegenseitig Ihre Texte aus Händen und Füßen..

        Frohes Schaffen weiterhin 🙂

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        • Das muß ich jetzt nochmal sagen:
          Danke, daß Du mir Deine Müsli-Geschichte vorab geschenkt hast 😀
          Texte werden auch gelesen – Ich habe sie gelesen. Eher inhaliert. Sie ist gut. So gut, daß ich die Frage vergesse, ob sie gut ist. Weil das keine Rolle spielt gegenüber dem, was darin passiert.
          Ich weiß nicht so ganz wie ich das ausdrücken soll, nenne ich „bedrucktes-Papier-Koma“, wenn ich in einer Geschichte so ‚drin‘ bin daß sie wirklicher ist als die Wirklichkeit. Zu diesen Geschichten jedenfalls gehört Deine dazu.

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        • Ojojoj. Danke!, das freut mich sehr.
          Aber Du hättst’se gerne kritisieren dürfen 🙂

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      • Danke fürs aufschreiben der Geschichte, die ich verlinkt habe 🙂 Die schönsten Geschichten schreibt das Leben.

        In der Medizin heißt es “wer heilt, hat Recht” – außer, wer heilt tut das mit der Schulmedizin. Dann wars das ganz schnell mit dem rechthaben. Weil Medizin eigentlich eine Wissenschaft ist – seelenlos, aber es hilft! – hätten es viele gerne wenn sie wie Magie funktionieren würde. Oder wie narrative Kausalität, Schreibkunst. Die Realität ist aber manchmal verdammt unrealistisch.

        Die schönsten Geschichten schreibt das Leben, aber das liefert nur den Stoff – schreiben ist eine Kunst, keine Wissenschaft. Die Realität ist manchmal eben verdammt unrealistisch, sie funktioniert nicht wie narrative Kausalität. Ich kanns nicht, Romane schreiben – aber ich würde mich auch nicht mit Messer, Spiegel und einem Buch ‚Medizin leichtgemacht‘ selbst auf den OP-Tisch legen (zumindest solange ich noch alle Hirnzellen beieinander habe), oder? 😉

        ich habe auf den Pachelbel so viel positive Resonanz bekommen,
        Ja! Und die war auf die Idee, das Konzert stattfinden zu lassen. Unbedingt! Unbedingt weiter so (oder falls es doch erfunden sein sollte, unbedingt damit anfangen) – in der Medizin. Sie kann es brauchen. Kurz gesagt: Dort braucht es Leute wie Sie.

        Umgekehrt, beim schreiben – auch da gibt es Profis. Wer keiner ist, nicht beleidigt sein davon, keiner zu sein. 🙂

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  2. Für Leben und Tod ist eigentlich dieser Ja in Hallelu-Ja zuständig, nicht? Derselbe Laut „Ja“ heißt aufregenderweise in slavischen Sprachen „Ich“, im Deutschen das Gegenteil von Nein und auf Iwrit „G’tt“ (als Abkürzung von „Jahu“).
    Sofern Leben und Tod mit Gerechtigkeit oder narrativer Kausalität (was für ein feiner Ausdruck) zusammenhängen, sind wir wiederum zuständig, nicht?
    Und was ist mit der Liebe? Wer ist da zuständig? It’s a cold and it’s a broken Halleluja? Mich haut das zweite Video um.

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  3. Paravonian ist klasse. Den kannte ich gar nicht, aber der Pachelbel Rant ist genial. Habe Tränen gelacht! Und er hat ja auch ein bisschen recht, der Cello-Part ist wirklich ein wenig unterbelichtet.

    Man kann aber trotzdem viel Spaß mit dem Stück haben:

    Yngwie Malmsteens Version lassen wir mal beiseite, die ist mittlerweile etwas ausgeleiert. Da ist das hier schon besser. Oder was ausgefeilter und vielseitiger, dies hier

    Sogar mit der Mundharmonika kann man das Stück, ähm, lassen wir das. Die ganzen A-capella-Versionen sind auch nichts.

    Dann schon lieber arrangiert für Mandoline und Irish Fiddle

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  4. Gern würde ich Dir den ersten Kommentar zu der Belzer-Geschichte überlassen, weil sie ja für Dich ist, aber weiß ich, wann Du Dich meldest?

    Neben dem ausgewogen Bau – Anfang und Ende am Krankenbett; Zweier-, Dreier-, Einser- Zweiersituation ‒ wirkt hier wie überall dieser wahnsinnige RC-Stil, den man nicht anders als lancinant bezeichnen kann. Ich weiß nicht einmal wie man „lancinant“ auf Deutsch sagt. Augenblick! „Stechend“, heißt es im Larousse. Nee. Lancinant, das ist das, was stößt und stößt und stößt und hört nicht auf. Oder es wühlt und wühlt.

    Der erste Gedanke am Anfang: Wer sieht sich oder RC nicht an so einem Bett sitzen oder stehen? Muss nicht „Müsli“ sein, was da zu hören ist, aber es läuft auf „Müsli“ hinaus. Irgendein Wort, anscheinend daneben oder aus einem unzugänglichen Inneren, immer dieses eine Wort. Und ein Wort wäre noch gut. Manchmal ist es nur ein unverständlicher Laut.
    Aber was RC hier erzählt, ist umwerfend: Wörter haben eine Bedeutung! Müsli heißt Müsli! Und der Kranke wird gesund, weil Einer das Wort beim Wort genommen hat.

    Ich saß einmal am Bett eines lieben Kranken. Der hat leider nichts Unverständliches gemurmelt, oder es bei einem Wort belassen. Klar und deutlich kam heraus: „Ich will sofort in die Schul“.
    Um Mitternacht. Fest angebunden wie er war an allen Schläuchen, die es gibt. Und hinter den Schläuchen lauter Apparate. Und es war vielleicht sein letzter Wunsch.
    Was konnte ich tun? Auch wenn ich ihn hätte befreien können, er hätt‘ es nicht bis zum Taxistand geschafft. Ach was! Wir hätten‘s nicht einmal bis zum Flurende geschafft, an den Wachen und Kameras der Intensivstation vorbei. Und Chaim selbst? Konnte er überhaupt stehen? Und die Synagoge nachts, sie ist doch zu. Wie hätte man den Schammes herausklingeln können, wo es draußen keine Klingel gibt?
    Losflennen ging auch nicht. Nichts ging.
    Und es war sein letzter Wunsch.

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    • … wenn es nur irgend möglich ist, liebe Schum (und warum soll das nicht möglich sein?, wir wissen es bloß nicht), dann kam Chaim doch noch in der Schul an.

      Und der Satz „ich will sofort in die Schul“ ist ein sehr großer Satz, ja ein äußerst fetter Satz!, ein prima Satz, es hat ihn da genervt mit den Schläuchen und so liegen zu müssen, und da wollte er sofort in die Schul.
      Vernünftiger kann ein Wunsch nicht sein

      P.S.
      Und a dikngrojssn Dank für Dein Lob wegen der Geschichte, ojojoj *rot anlauf*

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  5. Noch ein paar Worte zur Musik: Pachelbels Stück fand ich als Kind gut und beruhigend, wohl weil es kindlich ist?
    Seitdem irgendwann in Paris in den Siebzigern Marin Marais im Radio gesendet wurde (on venait de le découvrir), lässt er mich nicht los. Er hat wie Pachelbel (und wie so viele Andere kurz vor und kurz nach 1700) eine Chaconne-Ciacona-Passacaglia-Passacaille nach Strickmuster geschrieben, sie heißt La Sonnerie de Sainte Geneviève-du-Mont à Paris, und das Stück kreist auch so auf dem Tonfolgenschema, kreist und kreist, obgleich man danach tanzen kann. Das ergibt wohl den Unterschied zu Pachelbels Stück, nicht?, das nicht tanzbar ist und in protestantischer Innerlichkeit versinkt. Marin Marais aber nicht. Der rockt.
    Find‘ ich jedenfalls so mitten in der Nacht 🙂

    Vielleicht rockt Marin Marais Stück auch wegen des lokalen Bezugs, der sich quasi raushören lässt?, die Kirche Sainte Geneviève-du-Mont (einst beim Panthéon gelegen) war zu seiner Zeit schon sehr baufällig, wohl eine Ruine, und das Läutwerk (la sonnerie) war wohl bloß eine Erinnerung für die Bewohner des Viertels. In dieser Kirche sollten die Merowinger begraben sein (die es wohl gar nicht gab), alles voller Merowingergräber, von denen man 1807 beim Abriss der Kirche jedoch nur komische Steinsärge fand, die zeitlich und stilistisch und auch sonst nicht passten. Diese Steinsärge verschwanden später, als das Museum aufgelöst wurde, in dem sie gelandet waren. Nichts ist davon übrig. Wo diese ominöse Kirche lag, verläuft heute die Straße rue Clovis. Die ist praktisch, weil man da von der Anhöhe runter zu den Boulevards kommt, und da ging ich als Schüler oft durch.
    Weiter ist nichts übrig. Nur ein angebauter Turm neben der Straße.
    Erstaunlich, so viele leere Stellen

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  6. Noch so was Hypnotisches:

    Überhaupt Domenico Scarlatti kann einen süchtig machen. Sogar in einer Star Trek-Folge spielt einer auf ’nem Planeten Scarlatti auf dem Cembalo, zu Spocks vollemFaszinosum, sie konnten’s und mochten’s nicht lassen. Seitdem ich diese Folge als Kind sah (schwarzweiß), hab ich den Scarlatti im Ohr

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  7. Domenico Scarlatti, wie er einen voll süchtig macht:

    (Ihn bitte nie mit Alessandro Scarlatti verwechseln!, der war der Vater)

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  1. Pingback: Des Kanons neue Kleider | gnaddrig ad libitum

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