Nix getan! – Das aber literarisch

… und zum späten Abend noch ein Philosophie-Post entstanden aus Beiträgen von anderen 🙂 . Heute Nachmittag war es Schum, diesmal ist es Bachatero, der die Vorlage liefert. In einem Exkurs zwischen Bachatero, Ari, Dante und mir in einer kleinen versteckten Ecke Tapfer im Nirgendwo ([http://tapferimnirgendwo.com/2015/05/25/juden-raus-begrundung-die-traurige-vergangenheit/#comment-101552]) beschreibt Bachatero einen ‚Mitlauf-Hasser‘ mit folgender Szene:

Jüngstes Gericht: Klutzenkopf, warum haßtest Du? Wer, ich, aeh, na ja, die haben doch alle gehaßt, da hab’ ich halt auch … Irgendwelche Gründe vielleicht wie Rache, Gier, Neid, Ideologie oder so? NNNNeeein, aber die konnten sich doch nicht alle irren? Petrus … der geht zu denen, die nicht wissen, warum sie in der Hölle sind.

Während es im verlinkten Dialog noch weitergeht über Befangenheit beim Jüngsten Gericht, Diskussionen mit Beisitzern, und letztenendes eine Vertagung wegen Hunger und Schabbes (geniale Idee von Ari, das! 😀 ) fällt mir hier ein, daß ich einen zu Bachateros Szene passenden Textschnipsel kenne.
Geschrieben hat ihn ein Spanier aus dem 17ten Jahrhundert mit dem schlichten, unschnörkeligen Namen Pedro Calderón de la Barca y Barreda González de Henao Ruiz de Blasco y Riaño, unter Calderon de la Barca auch als großer spanischer Dichter bekannt [selbst der Wikipedia: de.wikipedia.org/wiki/Pedro_Calder%C3%B3n_de_la_Barca]. Die Geschichte kursiert in mehreren Varianten inner- und außerhalb des Netzes; das Original von Calderon habe ich auf die Schnelle nicht gefunden, hier ersatzweise eine sinngemäße Nacherzählung von mir:

Der gute Mensch am Höllentor
Die Hölle war voll – sie war nahe daran wegen Überfüllung geschlossen zu werden – und noch immer stand eine lange Menschenschlange vor dem Höllentor und wartete auf Einlaß. Schließlich war es soweit daß der Teufel selbst herauskam: „Ich habe noch einen Platz in der Hölle, einen einzigen noch. Wer von allen der schlimmste Schurke ist, soll ihn bekommen: für die anderen ist kein Platz mehr hier!“
Und, fleißiger Arbeiter im Müllberg der Menschheit der er war, ging er umher und befragte die Wartenden in der Schlange nach ihren Verfehlungen, um herauszufinden welche die größten seien und wem demnach der letzte Platz in der Hölle zustünde. Da hörte er dies und das und alles mögliche, lässliches und schlimmes, absichtliches und unachtsames – nichts davon jedoch schien ihm herausragend unverzeihlicher zu sein als der Rest, keiner der schlimmste Schurke von allen.
Schließlich geriet er an jemanden der weiter hinten etwas abseits von den anderen stand. „Und was haben Sie angestellt daß Sie hier stehen?“ fragte der Teufel schon fast im Plauderton; er überlegte langsam ernsthaft mangels eines Menschen der spektakuläre Unmenschlichkeit zu beichten hatte einfach das Los zu werfen. „Ich bin eigentlich ein guter Mensch und nur aus Versehen hier“, erwiderte der andere, „getan habe ich mein Leben lang nichts!“
„Irgendwas müssens ja schon gemacht haben“, meinte der Teufel freundschaftlich, „sonst stündens ja net hier herunten.“
„Nein, nichts“, bekräftigte der Gute Mensch.
„Wie – nichts?“ staunte der Teufel.
Und der Gute Mensch holte aus: „Die Leute, wissen Sie, die Leute um mich herum, die haben alles mögliche gemacht – schlimme Sachen teilweise, das kann ich Ihnen sagen! Da wurden die anderen ausgegrenzt und beschimpft – da habe ich widerum demonstrativ nichts getan, man muß ja ein Zeichen setzen! – es wurde entmenschlicht, ausgeraubt, dann geschlagen und mißhandelt – nie würde ich etwas tun…! – sie haben sich zu etwas Besserem erklärt, da habe ich nichts getan! – gefoltert, vergewaltigt und gemordet, da habe ich erst recht nichts getan…“, erzählte er eine ganze Weile lang.
„Und Sie haben wirklich Ihr ganzes Leben lang dabei nichts getan?“ versicherte sich der Teufel.
„Schließlich haben sie meine Nachbarn getötet, diese Bestien“, fuhr der Gute Mensch fort, „ihre Kinder verschleppt und in die Sklaverei verkauft – vor meiner eigenen Haustür! – aber ich nicht, da habe ich nichts getan!!“
„Und Sie sind völlig sicher daß sie bei alldem nichts getan haben?? Nicht einmal eine winzige Kleinigkeit, nichts, wirklich garnichts??!“ wunderte sich der Teufel ungläubig.
„Nein!“ versicherte der Gute Mensch stolz, „Bei alledem habe ich überhaupt nichts getan.“
„Geh her, mein Freund“, sprach der Teufel, „mein letzter Platz in der Hölle gebührt eindeutig Dir, wenn Du gegen all das Unrecht überhaupt nichts getan hast hast Du ihn Dir mehr als verdient!“
Und er schloß dem Guten Menschen die Höllenpforte auf. Und achtete darauf nach ihm hindurchzugehen, damit er ihm nicht zu nahe käme.

?????????????

Beim Konditor durch die Scheibe geguckt

Ich sehe den Mitlauf-Hasser Klutzenkopf aus Bachateros Szene hier förmlich vor mir. Genau wie ihn Ari als Antwort beschreibt „im weißschimmernden Lämmchenpelz, und immer ganz rührend und ganz ahnungslos und ganz, ganz tief unter Null anfangend.“ Einer, der nicht (ein)sieht daß man auch Mist perfekt machen kann und nur die Perfektion wahrnimmt, nicht den Mist.

Jemand der nie etwas tut.

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Veröffentlicht am Mai 31, 2015 in Fremde Feder, Literarisches, Philosophisches, Smalltalk und mit , , , , getaggt. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink. 4 Kommentare.

  1. Wau, Aurorula! Ist das fein nacherzählt!
    „da habe ich wiederum demonstrativ nichts getan, man muß ja ein Zeichen setzen!“ Das placiere ich irgendwann bei TiN. Herrlich.
    Und dann der Schluss:
    „Und achtete darauf, nach ihm hindurchzugehen, damit er ihm nicht zu nahe käme.“ Das würde dem reichbenamsten Spanier nicht missfallen.

    Und der Teufel ist ein Bayer, meinst Du? Ich hatte auf Österreich getippt, aber die Sprechweisen ähneln sich, nicht? Außerdem soll der Teufel ein Meister der Verstellung sein, wie man’s an Allah sieht. Heißt es nicht in Koran 3:54:
    „Und sie schmiedeten Ränke, und (auch) Allah schmiedete Ränke; und Allah ist der beste Ränkeschmied.“
    (Übers. Scheich Abdullah As-Samit [F. Bubenheim] und Dr. Nadeem Elyas)

    Wer weiß, wer dich da durch die Konditor-Scheibe anmacht?

    Aber eine Frage habe ich noch: Was ist mit den Schweinen, die wegen Überfüllung nicht aufgenommen werden können? Zurück zur Erde? Ab ins Paradies, das bald danach nicht wieder zu erkennen sein wird?

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  1. Pingback: Kontraintuitiv | kleines Südlicht

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