Ich packe meine UBahn

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Sommer2014: ich halluziniere wohl; macht das die Hitze? Aber um sieben Uhr morgens schon…? Hoffentlich habe ich nicht den Wecker verschlafen und liege eigentlich noch träumend im Bett!

Seit einiger Zeit gibt es in den S- und Ubahnwagen hier in München in regelmäßigen Abständen von der Decke herabhängende Bildschirme, auf denen Werbefilmchen, Haltestelleninformationen, Wetterberichte, Nachrichten und ähnliches laufen.

Nun können alle diese technischen Gadgets finden wie sie wollen: eigentlich nervig, oder egal, oder wenigstens was zu gucken. Vor den Haltestellen werden die Umsteigemöglichkeiten angezeigt, und das ist sinnvoll. Die Verspätungsmeldungen sind dagegen genauso informativ wie die durchschnittlichen Nicht-Durchsagen. Essenz: „Wir sind verspätet, weil wir länger brauchen, und bitten um Geduld.“ Ab und an auch mal: „Wir brauchen länger, weil wir verspätet sind.“ Komplett überflüssig, aber das ist ein anderes Thema. Ob das die Flimmerbildchen auch sind, wer weiß?

Leider hat die Stadt dafür etwas anderes aus den Wagen entfernt, und das fehlt wirklich: Müllkübel und Gepäcknetze!
Warum Müllkübel ist offensichtlich angesichts von leeren Brotzeittüten und Wasserflaschen und ausgelesenen Zeitungen und ähnlichem, die gerüchteweise doch mal in UBahnen transportiert werden. Ich freue mich aufrichtig jedesmal, wenn ich mich auf Zeitungsfledder setzen darf (nicht schlimm) oder in etwas klebriges trete (schon).
Auch sperrigere Gegenstände, vulgo Gepäck, werden gerüchteweise doch mal in S- und UBahnen transportiert: die Koffer auf dem Weg zum Bahnhof oder zum Flughafen, die Laptoptasche in die Arbeit, die Damenhandtasche Modell ‚Logistikunternehmen‘, Sportausrüstung, zwanzigtausend Tüten mit Einkäufen vom Kreditkarteleeren oder einfach denen damit der Kühlschrank nicht leerbleibt. Mit allem war ich schon in der UBahn unterwegs und viel öfter noch neben anderen die das alles in wechselnder Zusammenstellung dabeihatten. Wohin damit im vollbesetzten Waggon, gerade wenn die Fahrt eine Viertel- oder halbe Stunde gehen soll? Und so quetscht sich alles mit Gepäckstücken auf die gleichen Sitze, halb in die Gepäckstücke hinein, stehend damit in den Gang – hoffentlich nicht tretend auf die Pfoten mitreisender Hunde – fliegend bei plötzlichen Bremsungen.

Den schönsten solchen Transport hat aber eine Kollegin von mir erlebt: U-Bahn-fahren mit einem ca. 2,50m großen, sehr ausladenden Tannenbaum.
Den Baum und seine Begleitung hat sie schon die Rolltreppe hinunterkommen sehen – das heißt, gesehen hat sie nur den Baum, neben dem auf der engen Treppe natürlich kein Platz mehr war. Und der unvorsichtigen Passanten die nicht schnell genug auswichen über das Geländer mit den letzten Ausläufern der Zweige einen (oder mehrere) übergepeitscht hat. Das drübergezogene Netz half da auch nicht mehr viel. Alles selbstredend im Feierabendverkehr: mehr als ein gedrängter Stehplatz auf dem Bahnsteig war für keinen richtig drin, was das ausweichen noch erschwert hat. Neben ihr fragt ihre Nachbarin schon halb panisch: „der wird doch nicht mit der UBahn…?!“ Doch, ist er geworden. Beziehungsweise ist er. Mit hinter der Tür hineingequetschtem Baum und allem. Jedesmal wenn jemand zu- oder ausgestiegen ist hat der fürsorgliche Baumfahrer den Baum zur Seite gedreht – und der neben ihm stehenden alten Dame unabsichtlich die Zweige ins Genick gewischt. Die schaute schon ganz betreten – es muß ein Bild wie aus einer Filmszene gewesen sein.
Als er in Fröttmaning endlich mit seinem nadelpeitschenden Pflanzenmonster ausstieg, hat meine Kollegin schon halb erwartet daß jemand der alten Dame ein Mikro unter die Nase hält: „Versteckte Kamera!“ Aber es kam keiner, das war real life in seiner schönsten Spielart.

Ich sehe es schon kommen: in Zukunft müssen nicht nur Fahrradkarten, sondern auch Gepäckstückkarten gelöst werden. Irgendwie muß das Geld für die Werbebildschirmchen schließlich wieder reinkommen – für was die kosten hätte jemand lange Müllkübel leeren können.

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Veröffentlicht am Juni 2, 2015 in Smalltalk, Zufälliges und mit , , getaggt. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink. Ein Kommentar.

  1. Hi, was für ein feiner Schlussabsatz! Schön, wie die Akteure vor dem Vorhang zusammen kommen und sich verbeugen.

    Und doch war’s „Versteckte Kamera“, Aurore, bzw. hätte werden sollen. Nur: Das Team mit der Kamera hat es nicht geschafft, sich durch die Wagentür hinein zu quetschen. Wegen des Tannenbaums nämlich, den es zusammen mit den Reaktionen der Fahrgäste hätte aufnehmen soll.

    Die herabhängenden Bildschirme, die es auch in Berlin (Hauptstadt!) gibt, quittierst Du mit einem Humor, den ich mir antrainieren müsste. Mir machen sie angst und bange. Und noch ein Big-Brother-Gerät, noch eins. Zwischen den Zweigen des mächtigen Tannenbaums können die Fahrgäste gedankenabwesend die Worte erhaschen: „Israel fliegt Angriffe auf den Gazastreifen“. Gedankenabwesend: Darauf kommt’s an. Geistig wehrlos, ausgeliefert. Zwischendurch erfährt man, dass die nächste Bahn sich verspäten wird, weil sie später einfahren wird. Und wieder Israel. Bis es sitzt und du den Text im Schlaf kannst.

    Apropos Schlaf: Gute N8.

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