Tunneleffekt auf EU

TunnelSeit heute hat München eine Baustelle weniger und einen Tunnel mehr. Also gab es eine feierliche Eröffnung und ab morgen darf getunnelt werden – mei, schee!

Ein alternativer Grund für die Tunnelparty: Dieser Tunnel ist angeblich seit einem Dreivierteljahr schon fertig. Doch. Es geht das Gerücht daß seit Anfang November dieser Tunnel komplett fertiggebaut dortsteht und nicht freigegeben werden durfte. Aus bürokratischen Gründen. Weil die EU-Fördergelder sonst nicht gezahlt würden – da die offizielle Bauzeit bis Juli ginge, und EU-Vorgabe sei die Bauzeit der geförderten Bauprojekte einzuhalten. Also hätte diese abgewartet werden müssen.

Andererseits waren die durchschnittliche Berufsverkehr-Wartezeit an dieser Baustelle vorbei zwanzig Minuten, und irgendwie wollen die ja auch ausgefüllt werden.

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Veröffentlicht am Juli 26, 2015 in Rätselhaftes, Smalltalk, Zufälliges und mit , , , , getaggt. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink. 31 Kommentare.

  1. Verstehe: Die EU hat einen Mittelwert errechnet. Tunnelbauzeit in EU-Schlusslichtland Griechenland: bis Juli 2016 (i. e. + 20 Monate ab November 2014). Also sollten die Münchner gefälligst weitere 10 Monate warten. Um die Klassenschwachen nicht zu beschämen, ja? Man muss die Menschen mitzunehmen, wo sie sind – vor allem die Griechen, denen wir die Demokratie und Tsatsiki verdanken.
    Die Berufsverkehr-Wartezeit an der Baustelle vorbei hätte man staatlicherseits mit Aufklärung über diesen Zusammenhang füllen sollen. Das hätten die Münchner verstanden, begrüßt und sich nimmerfort geärgert. Die Musik kennen die Deutschen schon: Auch illegale Einwanderer muss man mitnehmen, wo sie sind: am Mittelmeer-Strand.
    Dazu übrigens ein fein-böser Artikel von Claudio Casula: „Bleib cool am Pool oder: Mit Beschweigen kommen wir nicht weiter“, Die Achse des Guten, 23.07.2015

    http://www.achgut.com/dadgdx/index.php/dadgd/article/bleib_cool_am_pool_oder_mit_beschweigen_kommen_wir_nicht_weiter

    Sei gesund, Aurorula, und freu Dich über den nagelneuen Tunnel! Oder ziehst Du gerade von ihm weg? Das wäre schade. Der ganze Warte-Ärger umsonst.

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    • … der Tunnel müsst‘ jetzt von Rechts wegen bis Arabien gehen, damit endlich mehr Flüchtlinge aufgenommen werden können. Das tät‘ großartig zum Tunnelblick der EU passen.

      Aber oh weh, hätte dann der Tunnel nicht vor einem Dreivierteljahr aufgemacht werden müssen, damit das Haltbatkeitsdatum der Flüchtlinge nicht überschritten werde?, und was sagen die Griechen dazu?, die haben längst-längst-längst nicht genug Zaziki zum Durchfüttern eines vollen Tunnels voller Flüchtilinge, zumal die ohnehin auf original türkischem Cacik bestehen würden, denn die wissen ja, was gut ist.

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    • Nein, leider, da habe ich nicht viel davon.
      Ich hatte mit der Baustelle aber auch nicht viel zu tun und habe das nur wegen der EU-Verschwörungstheorie fotografiert.
      Auf meinem Weg zu einer meiner Arbeiten komme ich über eine Kreuzung mit der ehemaligen Tunnelbaustelle; diese Ampel hat jetzt längere Grünphasen (dorther ist auch das Bild): davon habe ich zwei Minuten oder so. Durch wäre ich eh nie gekommen.
      Und beim Umzug mit dem Möbelwagen durchzufahren, nur um einmal durchzufahren, ist ein Umweg: der Tunnel geht von hier aus Richtung Süden – ich muß mit den Möbeln nach Nordwesten. Vielleicht, je nachdem wo ich den Möbelwagen abhole?

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  2. Neues vom Tunnel (im Nirgendwo). Gerdullahs Traum von Erneuerung scheint wahr zu werden: wer bei TiN reinschaut (ich glaub‘, ’s tun noch welche), der kann, wie ich, beobachten, daß jede Menge neue Namen als Kommentatoren auftauchen, als hätten sie schon lange unterm Bett gelegen und nur auf einen günstigen Moment gewartet, um hervorzuspringen. Vielleicht ist es sogar noch konspirativer, ich alter Intrigant, der Eindruck drängt sich auf, Gerdullah habe ein wenig manipuliert? Möglich, daß er einfach nur denkt, alle haben Zuwanderung, warum nicht ich? Soll er doch. Mal sehen, ob’s wenigstens bei ihm damit klappt.

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    • Hat der wenn er im Urlaub ist nicht die Kommertarfunktion geschlossen?
      Ich dacbte ich hätte soeine neue-Beitrags-Auto-Mail bekommen a la TiN ist im Urlaub.

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    • Du meinst, er hat sich angeboten, eine Anzahl von Flüchtlingen in seinem Blog zu beherbergen?

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      • … sah nur ein paar Schaluppen von dorten wegschwimmen, alsbald hierher, alsbald zu Nathan, alsbald zum Rand der Welt 🙂

        Bachatero, hmmm. Gerdullah manipuliert herum?, als das wär mir unbekannt und unerklärlich. Weil (so mein ich) es ihm völlig egal ist, wer in seinem Blog schreibt oder nicht schreibt, oder wer was nicht schreibt oder doch.
        Er macht das rein nach dem Lustprinzip.

        Tscha, Mancher kümmert sich um sowas zwar auch aus Lust daran, aber doch befeuert von disons Fürsorglichkeit oder zumindest Interesse. Wenn die aber fehlen, gibt’s nur Lust, also mal dies und mal das, und meist garnichts.

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  3. Aurorulas schnuckliger Blog ist uns auch Gedanken-Werkstatt, nicht? Eine Baustelle, sozusagen.
    Hier darf man also überlegen, was es heißt, sich öffentlich in einem Blog zu äußern. Schreiben, um gelesen zu werden, hält Aristobulus fest. Heißt: leserlich schreiben.
    Tatsächlich tut gerade Ihr drei mehr als der Leserlichkeit zu genügen: Euch ist Frische offenbar wichtig, die Lust am Wort. Vielleicht seid Ihr Euch mehr als Andere bewusst, dass schon alles gesagt worden ist, dass es nur noch auf das Wie ankommt.

    Auch ich weiß, dass schon alles gesagt worden ist, aber ich versuche oft bierernst (Bier? Pfui Teufel!) es noch einmal zu sagen, um es zu besitzen, ja? Umso mehr ärgern mich nachträglich Ungenauigkeiten, hässliche Tippfehler, ungeschickte Formulierungen.
    Was mir am meisten zusetzt: dass man nichts zurücknehmen kann, dass Mitteilungen für immer dastehen. Man kann zwar korrigieren, aber nicht annullieren. So war’s zwar auch bei Schularbeiten, die konnte man nachträglich auch nicht ändern, aber dafür verschwanden sie wie abgegeben. Irgendwo im Papierkorb der Lehrer. Blog-Kommentare dagegen sind quasi für die Ewigkeit. Das macht direkt schwitzen. Das muss man sich vorstellen: Du liegst schon längst im Grab, hast die mizwe der Tierfütterung erfüllt, aber bei TiN oder bei Numeri kann Jeder sehen, dass ein(e) Schum den nachmaligen Bundespräsidenten Steinauge mit Julius Streicher verwechselt hat – oder die edlen Palästinenser mit den Revanchisten der Weimarer Republik.

    Lange Rede, kurzer Sinn: Ich möchte hier die korrigierte Fassung eines Textes bringen, der mir am Herzen liegt. Er ist gestern in à-peu-près-Form auf Numeri erschienen und an Ari adressiert. Tatsächlich wird er jetzt weder ihn noch Euch interessieren. Wozu also? Wegen der Sache mit dem Grab. Um meinetwillen, um der Sache willen. Wie ging noch der böse Satz: Eine Sache um ihrer selbst willen tun…? Das ist gemein!

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  4. Zuerst Aristobuli Bemerkung, dann die Erwiderung.

    Aristobulus:
    Bei Draïs s’l Feststellung, dass das Judentum als einzige Religion zwar die Triebe (also den Sexualtrieb, nicht?) bejaht und gleichzeitig dazu auffordert, sie nicht unmittelbar zu befriedigen, fehlt etwas, denke ich. Weil in keiner altheidnischen Religion & Gesellschaft dieser Trieb unmittelbar befriedigt wird, denn gesellschaftliche Schranken, Tabus, Angst, Strafen, Hierarchien verbieten es.
    Jedoch im Judentum findet ein Verbot durch den Einzelnen selbst statt, nicht?, weil kein Kohen und kein König und kein Clanchef und kein Richter dem Einzelnen vorschreiben, was er wann wie nicht zu machen habe.
    Gegebenenfalls setzt sich der/die Einzelne dann mit den Halachojss von Taharat Ha’Mischpacha auseinander. Die sind strikt und schwer genug, hörte ich. Aber der Einzelne tut das nicht aus Angst vor Strafe –

    Schum:
    Sexualtrieb? Nicht nur. Es geht um all das, was man unter „Jezer ha-Ra“ (etwa: Trieb zum Bösen) versteht, und das die Religionen im Allgemeinen als „bösen Trieb“ verpönen: hauptsächlich Sexualbegierde und Aggressionslust. Nicht der Trieb an sich ist böse, sagen Chasal – und wie könnte er? Ist er nicht von G’tt mit erschaffen worden? ‒, sondern der Missbrauch, zu dem er einlädt.

    (Für die Feinschmecker: „Jezer ha-Ra“ ist nicht „ha-Jezer ha-ra“.)

    Der „Jezer ha-Ra“ gilt dem Judentum als Ausdruck der Liebe zum Leben. Er ist unverzichtbar, doch darf er nicht auf Kosten Anderer gehen.

    Wie drückt das R. Nachman bar Schmuel im Midrasch Bereschit Raba aus:

    אילולי יצר הרע לא בנה אדם בית, ולא נשא אשה, ולא הוליד, ולא נשא ונתן.

    Ilulé Jezer ha-Ra lo baná Adam Bajit, we-lo nassá Ischa, we-lo holid, we-lo nassá und natán.

    [Wäre der Jezer ha-Ra nicht, würde man kein Haus bauen, keine Frau heiraten, keine Kinder zeugen, keine Verhandlungen führen.]

    Setzt R. Ouri Cherki in einem Aufsatz von 2011 nach: Versuchen wir uns einen Mann vorzustellen, den es weder nach Frauen, noch nach Besitz, noch nach Ehrungen, noch nach Bessersein als Andere gelüstete. Was für eine Gesellschaft könnte so einer aufbauen?
    Derart ist der Höhlenheilige, der Idealtypus des Christentums: bewohnt ein Haus, das er nicht gebaut hat und hinterlässt keine Kinder. Die Sterilität selbst. Dazu die schuldbeladenen plüschig-mystisch-unanständigen Phantasien. (Letzterer Ausdruck nicht von R. Cherki)

    Was sagt Haschem zu Kajin, dem die Züge vor Zorn über die Abweisung seiner Gabe entgleisen? Die Sünde lagert vor der Tür, aber du werde ihrer Herr (we-ata timschól bo).

    Auf die Handhabe kommt es an. Mit seinem Zorn hätte Kajin Besseres anfangen können, als seinen Bruder zu erschlagen.

    Fragte man in den 20er Jahren den Psychoanalytiker Karl Abraham, wie sich die Psychoanalyse den psychisch gesunden Menschen vorstelle: „mit starken Trieben und mit starker Kraft, sie zu bändigen“, war die Antwort. War sich Abraham bewusst, dass er Chasal zitiert?

    Wie heißt es in Mischna Awot?

    Ése hu Gibòr, ha-kowésch et Jizró – Wer ist ein Held? Wer seinen Trieb erobert. (Pirke Awot 4, 1)

    איזה הוא גיבור, הכובש את יצרו

    Das, Ari, ist innerhalb der uns bekannten Glaubenssysteme (Weltanschauungen überhaupt?) tatsächlich einzigartig. Die Aufforderung, die Netijot schefelot, die dunklen Neigungen, nicht zu verleugnen, nicht zu verdrängen, sondern sie zum Guten zu verwenden.
    Wie es aussieht, verbindet das Judentum Schuld nicht mit Wünschen, nicht mit Vorstellungen, wie das gerade die altheidnischen Religionen & Gesellschaften taten, sondern ausschließlich mit Handlungen. Das hat psychisch weitreichende Folgen. Sicher ist es schon untersucht worden.

    Weißt Du noch wie Raschi nach dem Talmud das Doppel-Bet im Wort „(be-chol) Lewawcha“ aus dem „Schma“ deutet?

    בכל לבבך ‒ בשני יצריך, ביצר טוב וביצר הרע

    Bi-schnej Jezarécha – be-Jezer tow u-we-Jezer ha-Ra.

    וְאָהַבְתָּ אֵת ה‘ אֱלֹהֶיךָ בְּכָל לְבָבְךָ וּבְכָל נַפְשְׁךָ וּבְכָל מְאֹדֶךָ

    [Und liebe Haschem, deinen G‘tt, mit deinem ganzen Herzen und mit deiner ganzen Seele und mit deinem ganzen Vermögen.]

    – mit deinem ganzen Herzen: mit deinen zwei Trieben ‒ dem guten Trieb und dem Trieb zum Bösen.

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    • … ich habe keine Ahnung, ob etwa die Griechen seit Homer bis in den Hellenismus (Europäer) oder die Babylonier und alten Perser(Orientalen) Schuld mit Wünschen und Vorstellungen verbanden.
      Ich denke, sie verbanden es aristokratisch hingegeben mit Schicksal, also mit etwas, das nicht in der Verantwortung des Einzelnen zu liegen habe. Die griechische Tragödie (Aischylos, Sophokles) dreht sich nur um Schuld & Sühne, wie ein Mühlstein!, und Sühne findet statt, indem das Schicksal zuschlägt. Wie blind. Zwar weben die Moirai irgendwo im Untergrund die Schicksalsfäden, und die Erinnyen (auch drei, wie die Moirai) helfen auf finstere, blindmachende Weise bei der Durchsetzung, jedoch der Einzelne (der Aristokrat ist immer edelsinnig-illusionär-einzeln) kann nicht entrinnen. Oder gar etwas besser machen. Oder die Schuld vermeiden, indem er etwas für jemanden tut.

      Weil das den Aristokraten unter den etwas späteren Griechen, den republikanischen Römern und den späten Hellenisten nicht reichte (denn das Konzept ist tragisch und ausweglos), hat die Stoá dann ein anderes entworfen, nicht? Da ging’s um Seelenruhe, um Selbstbeherrschung, vulgo um Prävention 🙂 , denn einer, der wie Seneca seelenruhig dasitzt und reflektiert, vermeidet Verstrickung. Fast buddhistisch, das. Und pessimistisch.

      Leider hab ich vor Zeiten Nietzsches großartiges Buch „Die Geburt der Tragödie aus dem Geiste der Musik“ verliehen und nie zurückbekommen. Darin stellt unser Nietzsche bestimmt Erleuchtendes über Schuld, Tragik, Prävention und deren Schwächen fest. Und man kann dem Nietzsche trauen. Ob ich aber dem Seneca traue?, hmmm, der schreibt so verdächtig marmorn und über den Dingen schwebend.

      P.S.
      Jedenfalls kommt das alles nichtmal entfernt an die jüdische Ethik ran. Über die geht schlechthin gar nichts. Dank Dir!, dass Du das immer wieder an Stellen-Stellen-Stellen belegst

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      • Aber ja, Ari, Du hast Recht. Wo stand mir der Kopf bei dieser Hitze? Sicher in‘ner Voodoo-Küche. Die Homerischen Helden verbanden Schuld nicht mit Wünschen und Vorstellungen, sondern mit dem Tun allein. Dann kam das Christentum und steckte alles mit dem Sündengedanken an (Nietzsche dixit). „Das Christentum gab dem Eros Gift zu trinken: er starb zwar nicht daran, aber entartete zum ‘Laster’.“
        Jemand machte darauf aufmerksam, dass das Wort „Sünde“ in Zusammenhang mit dem alten Griechenland anachronistisch sei. Prometheus sündigt nicht, wenn er sich gegen Zeus auflehnt. Er frevelt. Nuance!
        Allerdings unterscheidet unser Nietzsche nicht zwischen jüdischer und christlicher Ethik. Der Sündenbegriff muss nicht mit Lebensfeindlichkeit einhergehen. Nicht, wenn das Menschenbild den Tatsachen des Lebens Rechnung trägt.
        Sooft kann man einen Beitrag nicht korrigieren, wie er falsch ist. Ach!

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        • Daran war doch nu wirklich garnix falsch! Die ‚Wünsche und Vorstellungen‘ kommen mit dem Laster wieder zur Tür herein, wenn man das so herum liest, also mit Nietzsche.

          – Eine fremde Welt, nicht?, diese Verknüpfung von Eros & Laster = Sünde, Erbsünde, Todsünde. (Kann ich mir nur abstrakt und in fremden Zitaten vorstellen, die. Kannst Du Dir besser vorstellen, wie die sich anfühlt?)
          Baudelaire jedenfalls hat’s felsenfest geglaubt. Der arme Rilke auch. Selbst Nietzsche war leider angesteckt (und hat sich dafür gehasst). Und Rebbe Sigmund musste sich an all den Leuten abmühen, die da drinsteckten.

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        • Sagt in einem Krimi ein verurteilter Frauenmörder nach der Entlassung: „Ich habe zwanzig Jahre gebraucht, um zu kapieren, dass ich in der Phantasie Frauen umbringen darf noch und noch, wenn ich das nur nicht in Wirklichkeit mache.“
          Der Mann war kein Jude. Einem Juden genügt dafür eine Torastunde.

          Die Verknüpfung von Eros und Schuldgefühl ist mir, soweit ich zurückdenken kann, tatsächlich fremd, nicht so allerdings die Verknüpfung von Aggressionsphantasie und Schuldgefühl. Der gegen Nächststehende gerichtete Todeswunsch hat mir in meiner Jugend doch zu schaffen gemacht. Nachträglich weiß ich mir Dank für den Mut, den Todeswunsch wenigstens benannt zu haben, aber –
          Das ist heute anders. Ich bin mit der Fähigkeit so sicher, zwischen innen und außen, zwischen Wunsch und Wirklichkeit unterscheiden zu können, dass ich mir in der Phantasie schlichtweg alles erlaube.

          Baudelaire hat tatsächlich an Sünde-Erbsünde-Todsünde geglaubt. Derselbe hat auch in seinem Tagebuch Mon cœur mis à nu – Mein entblößtes Herz – geschrieben, dass man alle Juden in einen Riesenofen stecken und anzünden sollte. Ob das eine mit dem anderen zusammenhängt?

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        • Mon cœur mis à nu, einfach großartig. Wenn nix auf dem Herzmuskel drauf ist, entzündet sich das Ding ja sofort und macht einen siech und schäumend, und dann will man alle Jidn in den großen, baalischen Ofen stecken und danach die spröde Nachbarin zerstückeln und das Dorf anzünden.

          Ein Buch Mon cœur mis à nu wird erst vollständig mit dem Schrei nach der Tötung aller Jidn, und mit dem Krächz, dass alle Frauen mal richtig durchgefiggt gehörten, und mit dem sich Wälzen in Todsünd‘ und Verderbnis. Et pourtant vous serez semblable à cette ordure, à cette horrible infection!, … mon ange, et ma passion! Baah.

          – Tötungswunsch in der Kindheit? Wenn ich so was hatte, als Anflug, hab ich mir sofort was Anderes vorgestellt. So mache ich das noch immer. Vielleicht aber etwas gelassener als damals 🙂

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        • … seltsam, dass dieses Konzept Todsünde-Hassliebe-Selbsthass bei ein paar Römern zuerst auftaucht (das Christentum hat es erst später ins System gebracht). Der Dichter Catull hat es so empfunden. Grad fiel mir was von ihm ein.

          Odi et amo.
          Quare id faciam, fortasse quaesivis.
          Nescio, sed fieri sentio,
          et excrucior.

          Ein fürchterliches Gedicht, wenngleich sehr gelungen musikalisch, er hat es herausgeschrieen.

          „Ich liebe und hasse. Warum ich das tue, möchtest du wissen? Ich weiß nicht!, ich fühl’s nur tun!, und ich gehe zugrunde.“

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    • Gut. Die Phantasien der Therese von Avila haben sich mir wohl zu tief eingeprägt. Wenn’s den Höhlenheiligen nicht nach Frauen gelüstet, dann schwitzt er auch nicht plüschig-mystisch-unanständig – ins Hemd. Das Malheur ist, dass es ihn trotzdem gelüstet. Und dass er trotzdem schwitzt. Dazu mit schröcklichen Schuldgefühlen. Le pauvre!

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