Point of view and guns

Heute Morgen habe ich die Übersetzung eines Texts gefunden, der vor drei Jahren auf dem Blog ‚Point of View‘ erschienen ist. Point of View ist ein israelisches Blog; die Autorin Na’ama Henkin, erfolgreiche Grafikerin und vierfache Mutter aus Neria schreibt dort zusammen mit anderen aus ihrem Alltag.

Schrieb.

Vor zwei Wochen wurden sie und ihr Mann vor den Augen ihrer Kinder erschossen. Daß die beiden Opfer des Anschlags wurden, war pure Willkür. Einziges Mordmotiv: sie befanden sich an einem Ort, an dem sie nach der verdrehten Ansicht der Mörder nicht zu sein hatten.

 

Die Übersetzung und der folgende rebloggte Text stammen von diesiedlerin.net ( http://diesiedlerin.net/2015/10/12/das-irrelevante-kopftuch-naama-henkin-sel-a/ ), wer das Original lesen will kann das auf der Facebookseite von pointofview.org.il.

siedlerinnetnaamahenkinNa’ama Henkin hy”d

Das irrelevante Kopftuch*

Hier bin ich wieder, bereite mich für ein Meeting in Tel Aviv vor, öffne zum hundertsten Mal meinen Schrank, um mir herauszusuchen, was ich anziehen soll.  Was wird bescheiden, aber modisch aussehen, elegant, aber nicht zu sehr? Trotz meiner Bestrebungen weiß ich, dass wenn ich im Herzen Tel Avivs aus dem Auto steigen werde, ich anders aussehen und mich anders fühlen werde. Ich werde “eine von denen” sein. Mein Designer-Kopftuch, das mir viele Komplimente von meinen Freundinnen in meiner Gemeinschaft einbringen wird, dasselbe Kopftuch ist so üblich und relevant in Tel Aviv wie ein Hijab – nämlich absolut irrelevant.

Nachdem ich es geschafft habe, meinen Minderwertigkeitskomplex zu überwinden, betrete ich das das Gebäude, in dem mein Meeting stattfindet (natürlich bin ich 10 Minuten zu spät, denn der Tel Aviver Verkehr scheint mich immer wieder von Neuem zu überraschen). Ein kurzer Stopp auf der Toilette gibt mir noch mal die Chance, mein Aussehen neu zu ordnen, mein Make-up zu korrigieren und mein Kopftuch neu festzubinden. Wen versuche ich hier eigentlich zum Narren zu halten?, denke ich mir, ein religiöses Mädel wird immer ein solches bleiben.

Während ich mir meinen Weg zum Treffen bahne, überlege ich vor mich hin: werden sie überrascht sein, zu sehen, dass ich gläubig bin? Wird die Person, die meine Arbeit bestellt hat, zu meiner professionellen Beschreibung hinzufügen: ‘Wir werden mit Na’ama zusammenarbeiten, sie macht Interface-Design. Ja, die eine Religiöse mit dem Kopftuch, aber sie ist eigentlich ganz cool”… Ich war niemals dabei, wenn ein solcher Satz gesagt wurde, aber ich fühle ihn immer, wenn ich in den Raum hineinkomme. Auch wenn ich mit einem Lächeln begrüßt werde, versuchen die Männer immer, diesen peinlichen Moment, die Hände zum Händeschütteln auszustrecken in der Erwartung, meine Hand zu schütteln, zu vermeiden. Und die Sekretärin bestätigt mir lächelnd, der Kaffee sei koscher.

Dann kommt der Smalltalk. Jemand wird fragen: “So, woher sagten Sie, dass Sie kommen? Jerusalem?” Und ich werde rot anlaufen und sagen, “nein, ich komme aus einer kleinen Stadt in der Nähe von Modi’in.” “Oh”, werden sie sagen und mit den Köpfen nicken, “wir haben von dieser Stadt gehört. Ein netter Ort. Wir sollten wirklich einmal dorthin mit unseren Kindern fahren, dort müsste ein schöner Park sein.”

Hier liegt Neria
Hier liegt Neria

 Eines Tages  – so verspreche ich dem verstörten Verlangen nach Gerechtigkeit in meinem Inneren – , vielleicht, wenn ich erwachsen sein werde, werde ich den Mut haben, die Wahrheit zu sagen. Ich lebe in Neria, einer Gemeinschaft in der Binyamin-Region. Ja, es liegt auf der anderen Seite der Grünen Linie. Die Medien mögen es eine “Siedlung” nennen, aber für uns ist es einfach “Zuhause”. Kommt vorbei, wenn ihr die Gelegenheit dazu findet, es ist wirklich wunderschön dort. 

Friede ihrem Angedenken und alles was in dieser Situation überhaupt Gutes sein kann ihrer Familie.

Auch wenn ich von Na’ama Henkin nur den Namen und diesen Text kenne – kannte – mehr kenne ich von vielen anderen Bloggern auch nicht. Deshalb geht mir der Tod der beiden Erschossenen nicht nur wegen des grausamen Mordes nah, sondern auch weil ich sie durch diese Zeilen quasi kennengelernt habe.

In den nächsten Tagen werde ich versuchen auch von anderen Mordopfern der schlimmen Anschläge der letzten Wochen verfasste Texte aufzutun. Texte der Ermordeten sollten m.E. soweit wie nur irgendmöglich verbreitet werden, um zu zeigen daß nicht einfach nur irgendeine egale Statitik dahintersteckt, wenn jemand erschossen, jemand erstochen, jemand absichtlich überfahren; jemand einfach so ermordet wird.

(vielleicht eröffne ich doch noch einen Twitter-Account, um ein Hashtag mit irgendwas wie ‚NotAStatistic‘ zu eröffnen – kann aber dauern bis ich die Technik erklettert habe)

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Veröffentlicht am Oktober 14, 2015 in .Nahost, Kein Smalltalk und mit getaggt. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink. 3 Kommentare.

  1. Gut, daß du das jetzt machst. Das Ganze ist einfach nur noch zum Heulen.
    Anbei LG, auch an Schum, Ari und wer sich sonst noch hier herum „römpömt“. 🙂
    M (derzeit etwas heftig beschäftigt)

    Gefällt 2 Personen

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