Alles normal

normal.

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Was es nicht alles gibt in Norddeutschland: Der Bäcker bei mir um die Ecke (who, I think, prefers anonymity) verkauft, wie hier zu sehen, zehn-normale Semmeln. Was auch immer die sind. Vielleicht soetwas ähnliches wie 10-normales Etwas in der Chemie (siehe unter dem Schlagwort „Äquivalentkonzentration“, z.B. in online-Lexika)? Eine Semmel also, die zehn durchschnittliche Bissen ergibt, könnte ich mir vorstellen.

Während diese poetisch-akzidentale Schreibart für „zehn Semmeln für zwei Euro“ noch ganz charmant dasteht, auf dem Schild und auf dem Gehsteig, bringt mich das Wort „normal“ im Apothekenalltag mitunter zur Verzweiflung. „Schwamm ist ein vorzügliches Material“, und was „normal“ ist oft ziemliche Interpretationssache.

Nicht das Wort normal an sich ist der Knackpunkt, das heißt schlicht „das, was ich am häufigsten brauche und daher gewohnt bin“. Nun gibt es Waren, bei denen sich die Interpretation von unterschiedlichen Leuten über „Normalität“ nicht groß unterscheidet: ein normales Brötchen hält wohl keine großen Überraschungen bereit; und wenn ich auf dieses Angebot ein- und in die Bäckerei gehe bekomme ich mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit zehnmal entweder das was in Bayern „Kaisersemmel“ heißt oder zehn Baguettesemmeln. Mißverständnis fast ausgeschlossen, und beide Möglichkeiten sind im Grunde sowieso dasselbe. Auch wenn ich bei meinem Stammtürken „einmal das Übliche“ bestelle, weiß der was ich meine – wenn auch nur weil ich schon oft in genau diesem Imbiss Spinatpide mit Ei und großen Milchkaffee bestellt habe.

Bei Arzneimitteln sorgt der Wunsch nach einem „normalen“ Wasauchimmer dagegen mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit für Verwirrung statt Spezifikation. Selbt wenn es „Standardausführrungen“ von Medikamenten gäbe (oder diese mit etwas gutem Willen hineinzuinterpretieren sind als „das was am häufigsten verlangt wird“) – das sind fast immer mehrere! Hier nachzufragen ist eine Aufgabe für Profidiplomaten – denn für mich ist das zwar so wie wenn ich beim Wunsch nach einem „normalen“ weißen Hemd frage: „gerne, in welcher Größe darfs denn sein?“, für den- oder diejenige die es verlangt aber wie „was meinen sie jetzt mit ’normalem‘ weiß?? Welche RAL-Nummer hat denn das überhaupt? Ich will Sie jetzt mit einem philosophischen Vortrag über völlig irrelevante Definitionen einen halbe Stunde aufhalten, obwohl sie keine Zeit haben; nur weil es das  was sie wollen nicht als Selbstbedienung gibt (warum wohl nicht?) und Sie das nur von mir bekommen und ich das kann und mir das Spaß macht!“

Dementsprechend ist die häufigste Antwort wenn sich jemand in dieser Situation sieht ein verärgertes: „ein ganz normales, übliches!!!“ Entweder das oder ich frage garnicht, rate einfach drauflos und hole die zwei oder drei wahrscheinlichsten Alternativen. Oft, wenn ich die Kunden nicht kenne und, so wie der türkische Wirt in meinem Fall, weiß was sie immer haben – verkehrt. Das kommt immer sehr kompetent an, so als bekäme ich in der Bäckerei auf dem Bild dann plötzlich zehn Roggensemmeln.

Der Klassiker für letzteres ist das Schmerzmittel Ibuprofen, das es für Erwachsene freiverkäuflich in vier verschiedenen oft verlangten Ausführungen gibt (zwei Dosierungen mit nur Ibuprofen allein und dann zwei – aber andere zwei! – kombiniert mit dem Eiweiß Lysin); und dann noch in einer die ab und zu bestellt wird. Bei „ganz normalen Ibuprofentabletten für Erwachsene; die zum schlucken“ versuche ich alle vier Versionen von einer Firma zu holen, damit nicht das Packungsdesign (das wird wiedererkannt!) entscheidend ist statt der subtil draufstehenden Dosierung (nein, nur eine Packung! Und das waren die anderen, die normalen!) – und dann falsch dosiert wird, weil Beipackzettel ja sowieso überflüssiger Müll sind. Und den will ja jeder vermeiden.

„Ganz normales Nasenspray. Zum Sprühen. Für die Nase.“ bietet schon größere Trefferchancen, da braucht Lieschen Normalnasi am häufigsten eins für Schnupfen. Aber auch nicht immer, sehr viele Allergiker haben ein „normales“ Allergienasenspray und dann, wenn es ganz dick kommt, zusätzlich kurzfristig ein Schnupfenspray. Mammis von Kleinkindern spülen die Nase bei Schnupfen tagsüber häufig mit einem „normalen“ wirkstofffreien Salzwasserspray und geben dem Kleinen nur abends ein Schnupfenspray… dann ist das ’normale‘ beim Schnupfen – genau. Der Wunsch nach einem „Nasenspray“ ist eben so, als käme jemand „ich will normale Globuli, das ist was homöopathisches“, wie ich es letztens gelesen habe.

Auch das kommt vor. Doch, doch. Nicht oft, aber öfter der Wunsch nach „’normalen‘ XYZ-Globuli, den homöopathischen; das sind so ganz wutzelige Pillchen“. Eine besondere Anekdote des Apothekenalltags hatte ich letztens genau bei diesem Thema. XYZ war hier Arnica. Die gibt es als pflanzliches Arzneimittel in Sportsalben und auch die Homöopathie nimmt sie – was ist hier nur aus dem Simile-Prinzip geworden? – bei Schwellungen und Verletzungen. Nun ist bei Homöopathie zwar nichts kaputt wenn ich da die falschen Globuli erwische, aber weiter ging es folgendermaßen:

Ich: Gerne, in welcher Dosierung darfs denn sein? – Kundin: Die ganz normale Packungsgröße. – Ich: Ja, aber welche Wirkstärke möchten Sie? Es stehen noch ein Buchstabe und eine Zahl auf der Packung*, das heißt wie stark die Globuli sind. Hat der Heilpraktiker gesagt, was sie bekommen? – Kundin: Ja, N3**!!

Das geht natürlich auch.

 

Anmerkungen: *Ich meine mit ‚Buchstabe und Zahl‘ als ‚Dosierung‘ die Potenz der Homöopathika. Was dort draufsteht ist in einer Mischung aus lateinischen und arabischen Zahlen wie oft etwas homöopathisch verschüttelt wurde. Zum Beispiel ist eine C30-Potenz dreißigmal (30) eins zu hundert (C) verdünnt. Warum D bei Homöopathen 10 heißt und nicht 500 weiß ich nicht, die können einfach nicht zählen. **N1, N2 und N3 waren bei rezeptfähigen Arzneimitteln die Zuzahlungsstufen für die gesetzlichen Krankenkassen. Je nachdem in welche Preisgruppe etwas fiel mußte man beim einlösen von Rezepten unterschiedlich viel dafür zuzahlen (günstig, mittelviel und teurer). Verbandsstoffe etwa sind unabhängig von Preis und Packungsgröße in der Gruppe N2. Nachdem die Zuzahlung seit der x-ten Gesundheitsreform nach dem Preis geht wäre das nur noch von historischem Interesse, aber: es hat sich (ursprünglich inkorrekterweise) als Abkürzung für N1, N2, N3 = kleine, „mittlere“, große Packung eingebürgert (weil für die wenig, mittel, beziehungsweise viel zuzuzahlen war), deswegen hat man es behalten. Was auch wieder zu Kommunikationsproblemen führt, wenn es in einer Zuzahlungsstufe mehrere Packungsgrößen gibt; but that’s life und ein anderes Thema.

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Veröffentlicht am Dezember 23, 2015 in Philosophisches, Rätselhaftes, Smalltalk, Zufälliges und mit , , getaggt. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink. 7 Kommentare.

  1. … ich (waah, schlechter Anfang!, jeder Kommentar, der mit ich anfängt, ist doof!, pardon, aber es geht ja hier um Normaldoofheiten, also passt’s wohl), also moi hatte gestern Abend eine lethale Portion voll genau verkehrt herumer normaler Normal-Homöopathie, randvoll mit dem Simile-Prinzip à l’envers, aber sowas von galore.
    Wieso, wie, warum-?

    Also mir war nicht übel, aber da stak oben im Schädel diese Migräne, die ja normalerweis‘ mit Übelkeit verschüttelt oder verknotet ist oder sein soll, was zwar weder schön noch nett ist, aber wohl leider normaaal bei ’ner Migräne.
    Weswegen ich zu den leider dann doch fälligen Ibuprofentabletten (zwei Kapseln, normal) dann diese Anti-Übelkeitstropfen schlock (geschtorrckenes Werpp), weil die wohl gegen nichtvorhandene Übelkeit bei saumäßig geschtorrckener Schädelmigräne helfen sollen, zumal sie zugleich irgendwie die Antimigränenormalkapseln beschleunigen sollen, nein nicht die selbst, denn die beschleunigt man, indem man sie halt schneller oder am allerschnellsten schluggt *gulp*, sondern deren Wirkung sollen die beschleunigen. Die Tropfen gegen Übelkeit -> die Kapseln, nicht die Schluck. Die Wirkung der Kapseln. Gegen die Schädelmigräne. Also die mit der, nein gegen die. So.
    Warum: Weil das so sein soll.
    Weswegen ich das also tat.
    Freilich a bissele contre-cœur, wegen der Verknüpfung von Medizin und Bäh.
    Aber ich tat’s.
    Woraufhin mir sogleich richtig übel wurde, baaah!, aber so richtig-richtig übel, dobbelt und dreifachst ad libitum, zusätzlich zum ekligen Schädeldröhnen.
    Ach, ach.

    Ich hab mich dann zwar verschüttelt, was aber nischt half, weder mir, noch der Migräne, und auch nicht dem in Migräne und galorigster Übelkeit ersaufenden Kosmos, aber der Migräne soll ja nischt helfen, nein?, denn ihr möge geschadet werden, so herum!, und zwar nach dem Simile-Prinzip streng nach den Hahnemannschen Prinzipien (theoretisch gesprochen) möge ihr Gleiches mit Gleichem vergolten werden, weswegen das Rammen des Schädels gegen den Türpfosten (praktisch gesprochen) Wunder wirken soll, nicht wegen des Rests an gesundem Menschenverstand, jedoch wegen des streng hahnemänischen Simile-Prinzips!, allein ich bin zu skeptisch und allzu prinzipienlos für sowas Hahnemannbrachiales 🙂 , und gegen Übelkeit analogerweis‘ hahnemannisch dürfte das Schnüffeln an einer länger toten Ratte ultimaterweise helfen, ja?, was ich jedoch leider nie tue.
    Ach, aus Gründen.
    Zumal es mir ja nicht übel war.
    Nichtmal das.

    Weswegen ich in meiner Nichtübelkeit andere Tropfen hätte schluggen soll’n, etwa welche, die das Nichtübelsein mit Nichtüblem unterstützen, wegen des Hahnemannischen, ja?, aber was wär dann mit der Übelkeit passiert?, wird einem dann schlecht?
    Und was, wenn man nicht an die Schönheiten des Simile-Prinzips des schönen Hahnemannes glaubt, wirkt das dann auch oder trotzdem?, oder wirkt das dann halt andersrum normal?
    Und war zuerst der Hahnemann oder die Henne?

    In diesen Übelkeitstropfen (weil sie für Übelkeit sorgen, also nicht für Nichtübelkeit) sind übrigens so unwiderstehliche nein unausstehliche Widerlichkeiten enthalten wie Süßholzsaft und Kümmelöl und Kamille, was zusammen einen extem widerwärtigen süßlichen überfallenden massakrierenden Penetrantgeschmack ergibt, der dann gar nicht verschwindet!, raah, so wie bei ’ner vollen Ladung Tabasco, nach der Dir sämtliche Intestinalien feurig verschwelen und verbrutzeln. Dieser extremistisch grauenhafte Süßholz-Kümmel-Kamillengeschmack generiert définément Übelkeit, also davon wird es einem zwangsläufig übel!, aber sowas von.

    Was nun die Frage generiert, ob man wirklich so gegen Übelkeit angeht?, indem man einfach was Ekliges schluckt?
    Müsst‘ schoo‘.
    Aber wer bringt das übers Herz?
    Und wer haut seinen Migräneschädel in heilender Absicht gegen den Türpfosten?, obschon solches der Hahnemannische freilich hätte gutheißen müssen.
    Ja?

    Gefällt 1 Person

  2. Sachma aurore, willst Du nicht den Beruf wechseln und hier bei mir z.B. ’ne Bachataschule aufmachen, Noni würde Dich einführen und die caballeros hier stehen steif auf Blancas mit Apothekenerfahrung (und Hinternformat a la Coco Austin). Mir kamen die Tränen, als ich las, was Du da alles machen und aushalten muss, obwohl Guantanamo mir so nahe ist. Man lebt nur 1x und meistens schlecht, überleg‘ Dir’s mal.

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  3. Gutartiges Geschwulst

    „10- NORMALE BRÖTCHEN“

    Welch eine hoffnungsfrohe Weihnachtsbotschaft, in einem Land leben zu dürfen, in dem wenigstens die Brötchen noch normal sind. Und das auch noch für den unschlagbaren Preis von 1,99 €!
    Man bedenke vergleichsweise, wie teuer der Wahnsinn üblicherweise zu Buche schlägt.

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  4. Gutartiges Geschwulst

    „Nun ist bei Homöopathie zwar nichts kaputt wenn ich da die falschen Globuli erwische, …“

    Sind Sie sicher, liebe @aurorula a., dass Sie die Wirkung der Homöopathie nicht fahrlässig unterschätzen? Immerhin haben wir es mit minimalen Substanzen zu tun, die durch jeweilige Verdünnung einen immer höheren Wirkungsgrad entfalten; d. h. Patienten nehmen homöopathische Mittel ein und scheiden diese aus, wodurch sich die Wirkung bereits verstärkt. Doch damit nicht genug. Die Verdünnung setzt sich fort, in der Kanalisation, den Flüssen, den Ozeanen und wird stärker und STÄRKER, womit wir beim Thema sind. Wurde eigentlich jemals darüber nachgedacht, woher all diese Umweltprobleme kommen, die Erderwärmung, die Wirbelstürme, das Abschmelzen der Polkappen, das Ozonloch, das Waldsterben, das Hirnsterben u.s.w.? Welche Ursache, außer einer, deren Wirkung durch stete Verdünnung verstärkt wird, könnte diese infernalisch Kraft entfalten?
    Die Industrialisierung? Schwachsinn! Wer sowas glaubt, soll Greenpeace beitreten.
    Die globale Klimakatastrophe wurde einzig durch Homöopathie verursacht!!!

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  1. Pingback: Kontraintuitiv | kleines Südlicht

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