Priscus

BaerIch warne alle Leser gleich vor: dieser Post wird ziemlich grantig; es geht um ein Thema über das ich öfter innerlich schimpfe wie ein Kesselflicker. Manchmal, wenn ich meine daß Aussicht auf Erfolg besteht, auch diplomatisch verpackt äußerlich.

Am häufigsten treffe ich es in folgender Situation: Zu den weniger schönen Seiten des Apothekendaseins gehört die Tatsache, daß es Medikamente gibt mit Abhängigkeitspotential. Die machen süchtig – und zwar nicht nur die die ich hübsch verschlossen hinter Tresor und gelben Sonderrezepten habe, sondern ganz gängige Schmerztabletten, Nasensprays, Abführmittel. Wer sie länger nimmt, weiß das meisten auch – dementsprechend kauft, wer mehrere Packungen verlangt, das nie für sich selbst. Nie.

Regelmäßig kommt dann folgende Begründung nachgeschoben, die mich auf 180 mindestens bringt: Das ist für eine ältere Dame, die ist schon über neunzig, und…

Diese Nichtbegründung kommt nicht nur bei Abhängigkeitspotential vor, sondern auch, ab und an, bei anderen Medikamenten die nicht für sich selbsst geholt werden; dann wenn ich eine weitergehende Beratung anbiete, weil eine Alternative vielleicht besser gegen die fragliche Erkrankung hilft als das was sich die Kundin vorgestellt hatte: Das ist für eine ältere Dame, die ist schon über neunzig, und…

Oder wenn sich von den mehreren verordneten Arzneimitteln auf dem Rezept – nicht dem „eigenen“ Rezept! – welche untereinander nicht vertragen, das zu vermeidbaren zusätzlichen Nebenwirkungen führt; und ich in der Arztpraxis anrufen will um über eine Therapieänderung nachzufragen: Das ist für eine ältere Dame, die ist schon über neunzig, und…

Ja, und was und? Wer alt ist, ist es nicht wert anständig medizinisch versorgt zu werden, das und???

Jeder, verdammt nochmal, hat ein Recht auf anständige Linderung der Beschwerden; auf das vermeiden von unnötigem Leid in Form von unbehandelten Krankheiten, Abhägigkeitsrisiko und überflüssigen Wechselwirkungen! Wenn jemand impliziert es „lohne sich“ ab einem bestimmten Alter „nicht mehr“ – erstens, wer ist der um das zu entscheiden; und zweitens herrscht ja garkein Mangel an Resourcen daß überhaupt eine Entscheidung zu treffen wäre. Im Gegenteil spart eine gute medizinische Versorgung nebenbei auch noch Kosten, nämlich die Folgekosten der schlechten Versorgung. Womit das Ganze nicht nur zum schreien an sich, sondern an sich auch noch schreiend sinnlos wird. Jeder Tag ohne vermeidbares Leiden lohnt sich und… der Rest sollte sich eigentlich von selbst verstehen, tut es aber, wie man sieht, nicht.

Überhaupt erstaunt es mich immer wieder, was alles als zum Alter zugehörig einfach akzeptiert wird – bei anderen. Das hat es schon zu meiner Krankenhauszeit. Dort kam ab und an jemand völlig verwirrt auf die Station (in der Neurologie), weil er oder sie stark ausgetrocknet war. Eine völlig unkomplizierte Infusion später mutierte das demente alte Ömchen die nicht einmal wußte was sie selbst macht zur reizenden Gesprächspartnerin, die mir begeistert davon erzählte was ihre zwölf Enkel alle gerade tun.

Aber mit dem Flüssigkeitshaushalt, das ist so eine Sache. Ja, das Durstgefühl lässt im Alter nach. Die obige Situation lässt sich aber durch eine einfache Auskunft vermeiden, nämlich die wieviel Flüssigkeit der Mensch am Tag überhaupt braucht. Was erstaunlich wenige wissen: das sind keine zwei Liter, sondern 20ml (bis 30ml wenn es heiß ist) pro Kilo Körpergewicht. Wer keine 100kg wiegt, braucht auch keine zwei Liter trinken. Diese einfache Tatsache führt zu großer Erleichterung und einer realistischen Trinkmenge, die jemand an einem Tag auch tatsächlich zu sich nehmen kann – woraufhin es zumeist überhaupt erst versucht wird… Tja, Wissen hilft eben auch hier weiter als ein uns ist aufgefallen daß Du viel zuwenig trinkst und ohne Ahnung, aber von oben herab. Oft begegnet mir das auch mit Medikamenten die (nebenbei) entwässern. Und wann sollen sie in dem speziellen Fall natürlich immer eingenommen werden? Abends. Woraufhin diejenigen die sie schlucken die ganze Nacht zur Toilette müssen, mit voller Absicht weniger trinken damit sie endlich durchschlafen können, austrocknen, … Auch hier hätte ein wenig Wissen weitergeholfen, darüber welche Tabletten zu welcher Tageszeit am besten zu nehmen sind – aber der Mann ist schon über achtzig, der versteht das nicht mehr mit dem Trinken, und…

Womit wir beim Titel wären; a propos ein wenig Wissen hilft manchmal weiter. Da Arzneistoffe in unterschiedlichem Lebensalter unterschiedlich wirken können – jeder der mit welchen für Kinder zu tun hatte wird das bestätigen – gibt es für medizinisches Personal eine Liste mit Arzneistoffen, die bei Personen über ca. 65 anders wirken und daher sicherheitshalber lieber nicht verschrieben, sondern durch andere Wirkstoffe ersetzt werden sollten. Wohl nach dem lateinischen Wort für ‚altehrwürdig‘ heißt sie Priscus-Liste.

Das heißt, es gibt sie theoretisch. Den wem werden Wirkstoffe auf dieser Liste in der Praxis am häufigsten verschrieben? Ich sags ja schon die ganze Zeit: aaaaaaarrrrrrrrrrrrrrrgh!

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Veröffentlicht am Dezember 26, 2015 in Kein Smalltalk, Krankheit, Weltanschauung und mit , , getaggt. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink. 5 Kommentare.

  1. Oh Dear, als Posten auf der Priscus-Liste, der die 3 homöopathischen Wirkstoffe Bachata, Brugal und Noni regelmäßig zu sich nimmt (auch schon mal in Überdosis) aber langfristig mit sehr gutem Erfolg, muss ich erschreckt ausrufen: Halt ein liebe aurore, der Weise lernt vom nackten Stein, der Narr lernt von garnix, aber der Mensch nimmt dazu noch Drogen. Den Sozialismus in seinem Lauf hält weder Ox noch Esel auf (Thomas es Gotha ist der Beweis) und so ist’s mit den Medikamenten des Apothekers, Da wirst Du verzweifeln, da hilft nur radikale Busse und ein gaaanz distanziertes Verhältnis zu den Wirkstoffsüchtigen. Selbst Jesus, als Judas ihn verraten sollen musste, sagte: „Was Du tun willst, das tue bald“ und nicht etwa: „Oh brodda nicht doch, lobe stattdessen den Herrn“. Das mit dem ‚Recht‘ auf irgendwas ist sone Sache. Hätte man nicht, mal so als Mensch, ein Recht auf Unversehrtheit, darauf, nicht siech und dement zu werden? Wenn man’s denn hat, kann man’s aber nicht einklagen. Hängt vom Wetter und den Lottozahlen ab und manchem mehr. Und wenn ich ’ne Überdosis Noni will, wer will’s mir wehren? Noni braucht kein Rezept dafür. Allerdings sage ich auch nicht, diese Überdosis ist fuer nen alten Herrn über 95, da würde sie die Polizei rufen und taet’s wirken? Es lauft daraus hinaus: die Schlauen müssen den Dummen helfen, ohne selbst dabei die Dummen zu werden, ça c’est de l’art.

    Gefällt 2 Personen

  2. Gutartiges Geschwulst

    Ihr Artikel ist überaus lesenswert und informativ, liebe aurorula a.!
    Die Mutter meiner Frau ist eine ältere Dame, schon weit über neunzig und dement, doch „Jeder Tag ohne vermeidbares Leiden lohnt sich …“! Und nicht nur das.
    Sogar jede langlebige Anschaffung lohnt sich noch, sobald sie auch nur einen kleinen Moment der Freude bringt. Als wir für meine Schwiegermutter eine elektrische Orgel kauften, bekamen wir zu hören es lohnte sich doch nicht mehr für eine Dreiundneunzigjährige.
    Indessen spielt sie noch immer darauf, wie ein junges Mädchen. In dieser Zeit kehren ihre Wahrnehmungen zurück.

    Bachatero: „Den Sozialismus in seinem Lauf hält weder Ox noch Esel auf …“

    Warum auch? Gerade Ochs und Esel sind doch die wichtigsten Garanten des Sozialismus.

    Gefällt 3 Personen

  1. Pingback: Kontraintuitiv | kleines Südlicht

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