Kurzgedanken, die niemand braucht: das Nirvana des Buchdruckers

Mir gegenüber im Bücherregal steht ein recht zerfleddertes Buch. Ich bin nicht die erste, der es gehört: einst stand dieses Exemplar wohl in einer Bücherei, dann hatte es noch minestens jemand anderes; und schließlich habe ich es auf dem Bücherflohmarkt bekommen – umsonst mit elf anderen Büchern zusammen, weil ich ein paar Stunden ehrenamtlich den Flohmärktern sortieren und verkaufen geholfen habe.

Das Buch, das ich gerade anschaue, ist Orwells 1984. Mein Exemplar ist, wie gesagt, recht zerlesen; und irgendeine der Vor-Leser hat engagiert die deutsche Übersetzung einiger Worte an den Rand geschrieben. Eine Leserin, nicht ein Leser; sowohl die Schrift als auch die Idee sehen eher weiblich aus. Es sei denn, irgendeinen armen Schüler hat die Englischlehrerin dazu gequält; länger als bis Seite 30 oder so sind die Übersetzungsversuche nicht durchgehalten. Was, also das übersetzenmüssen und/oder im deutschenglischfranzösischhierspracheeinsetzen-Unterricht durchnehmen, so ziemlich die sicherste Methode ist, jemandem ein Buch zu ruinieren. Was schade ist, es ist ein wirklich gutes Buch.

Mein Exemplar ist durch die Kritzeleien jedenfalls nicht ruiniert. Aber wie das mit Papier so ist: diese Anmerkungen bleiben dort dann stehen. Nicht für die Ewigkeit, aber bis das Buch vollends auseinanderfällt schon. So, wie sie eben dort stehen. Genauso wie der Buchtext selbst. Der Text ist zu sehen, die Anmerkungen sind zu sehen, und was was ist, auch.

Bei einem Ebook wäre das alles nicht der Fall. Nicht nur sind Änderungen bei einem Onlinetext nicht zu erkennen; es ging ja um Ebooks. Auch der bleibende Text ist alles andere als sicher. Wenn ich ein Buch vom Bücherflohmarkt habe, oder aus der Buchhandlung, oder auf sonst einem Weg das physikalisch gedruckte Ding bekommen; dann gehört es mir. Ich kann damit alles möglliche tun – lesen, jemand anderem leihen, reinkritzeln, Seiten rausreißen und Papierflieger draus bauen, den Kamin befeuern – aber es ist da. Oder komplett kaputt. Aber der gedruckte Text ändert sich nicht, und er verschwindet auch nicht plötzlich von den Seiten. Schon garnicht, ohne daß ich das will oder gar merke.

Rein theoretisch geht letzteres mit einem Ebook natürlich. Wer mir eins verkauft, kann es auch zurückziehen oder ändern. Ohne mich zu fragen. Darf und tut ist dann praktisch eine ganz andere Frage.

Rein praktisch ist das schon passiert. Ein einziges Mal. Ein großer Online-Verlag konnte sich mit den Erben des Autors nicht über die Rechte an zweien seiner Werke einigen. Und so zogen die Buchhändler, die diese beiden Ebooks bereits verkauft hatten, sie zurück; was konkret heißt, sie löschten die Ebooks von den Lesegeräten und überwiesen das Geld zurück an die Käufer – die das weder erlauben mußten noch verhindern konnten.

Welche beiden Bücher das waren?

Animal Farm und 1984.*

Orwell hätte die Ironie daran bestimmt gefallen.

 

(*Fußnote: diese Geshichte übers Löschen habe ich von tvtropes)

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Veröffentlicht am Januar 10, 2017 in Literarisches, Philosophisches, Smalltalk, Zufälliges und mit , , , getaggt. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink. 5 Kommentare.

  1. Vorschläge für sich selbst schreibende Bücher:

    – Das traurige Buch, das sich selber schreibt, während man es liest. Es ist deswegen traurig, weil sich die Handlung dauernd verheddert und verschlingt, bis alles immer absurder wird und ka‘ Sau mehr was versteht, ja nichtmal das Buch himself versteht es, und dann fängt das Buch von Neuem an, sich selbst zu schreiben, es kann nicht aufhören!, und auch man selber MUSS dieses Buch lesen, denn man muss unbedingt wissen, ob Lady Elsinore jezze den Butler oder doch den Gärtner-?, und immer wieder geht sie spazieren (in der Sahara???) oder pleite (im Berverly Hills der 1979er???), oder in den Country-Club (in China???), oder sie fällt ins Schwimmbecken (das grad eben noch nicht da war, weil es doch in Manchester 1846 sowas nich‘ gibt!!), während der Gärtner grad den Butler kriegt und die Köchin des Lord Algernon an einer Atombombe baut, und das geht immer so furchtbar daneben, und man kommt als Leser nie, nie weg von dem Buch, das jede Nacht, wenn man erschöpft vom fruchtlosen Lesen gepennt hatte, neu was versucht hat, aber es geht immer weiter daneben und noch danebener und am Allerdanebensten 👿 👿

    – Das sadistische Buch, das sich selber schreibt, und ist unsagbar spannend. Es wird immer unerträglicher spannend, bis man nicht mehr kann und es bibbernd weglegt, es geht einem zwar völlig konträr, weil man WISSEN MUSSS wie’s verdammtnochmal weitergeht!, aber man kann nicht mehr, und nach 20 Minuten elenden Erschöpfungsschlafes hat sich das Buch neu geschrieben, bis man wieder nur an die spannenste, spannendere und an die allerspannendste Stelle kommt, diesmal nach 675 Seiten nonstop!, aber man kann einfach nicht mehr, man muss pennen, und nach dem Pennen wird man wiederum niemals erfahren, wie es weiterging, weil ALLES WIEDER WEG ist, weil das Buch das sadistischste Buch ist, das es nicht geben kann und nicht geben darf!, nie und nimmerlichst.


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    • – Das positive Buch, das sich selber schreibt. Es ist furchtbar positiv und wird immer entsetzlicher positiv!, und es hat sich jedesmal beim Aufschlagen wieder neu geschrieben, bis man von der positivsten an die allerfürchterlichst positivste Stelle kommt, und weil das alles doch nicht sein kann und überhaupt!, braucht man jetzt auf existenziellste Weise eine ganz kurze Pause von all dem Dauerglück und fällt draußen ins Schwimmbecken, und beim nächsten Mal, als man abgetrocknet ein neu sich geschrieben habendes Buch bis zur fürchterlichst strahlepositivsten Stelle gelesen hat, muss man aufspringen und kriegt draußen in der Sahara einen Schwitzschlag, und beim nächsten Mal trifft man auf die drei Fleischerhunde des Gärtners, während der Butler einen erschießt, und immer so weiter.

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      • – Das jüdische Buch, das sich selbst schreibt. Es ist sehr, sehr jüdisch und wird immer jidischer, bis Berl und Schmerl nur noch ojf di gass gehen, und wenn man vor lauter Jidischkeit nicht weiter lesen kann, um jetzt endlich scheingojisch zu pennen, hat das Buch sich am Dämmermorgen neu geschrieben, während man drin nur noch von Ruchele und Surele lejst, die in der schul den Rebben libhabbn usw. usf, und es wird immer kürzer, das Buch!, immer jidischer essenziell!, bis eines Tages da nur noch die jidische Absolutessenz OJWEJ steht, auf jeder Seite nur noch OJWEJ in der Form einer Menojre und dann OJWEJ in der Form von sieben Menojress und immer so weiter, bis man sich als Leser ernstlich fragt, ob man nicht sofort zum Lesegoj werden und nur noch die Süddeutsche Zeitung lesen sollte.

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        • Das absurde Buch, das sich selbst schreibt – und auch gleich selbst vorliest:
          Von Seite zu Seite, Satz zu Satz und Wort zu Wort wird das dämliche Ding immer irrer irelevant. Nichts vom Text ergibt irgendeinen Aschein von Sinn. Sodass man kein Wort mehr davon lesen, hören, mitbekommen will! Aber es liest sich ja selbst in einer Tour vor, ununterbrochen. Das akustische Äquivalent zur chinesischen Wasserfolter. Tags liest es sich vor und nachts liest es sich vor und wenn man es gegen die Wand donnert liest es sich vor und wenn man es zerfleddert und zerreißt lesen die Schnipsel sich kakophonisch jeder für sich vor; und wenn man den Ofen anschürt und die Buchreste drin verbrennt, so wispern die Flammen vom absurdesten Buch, das es je gegeben hat.

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        • 😀

          … dieses Buch könnt‘ so heißen oder so:

          – Von Grass‘ Ethik zu Steinmeiers Freude, und der ganze Rest.

          – Schwafel ist des Glückes Unterpfand! Wie man sich selbst unaufhörlich verwirklicht.

          – War Hitler ein Gutmensch oder ein Tierlieber? Neueste Sensationsfunde aus vergessenen Archiven.

          – Machen Sie sich feuerfest, taub, blind und resistent gegen jede Belehrung! Vom Anfänger zum Meister in zweihundertsiebzehn ausführlichsten Kapiteln.

          – Merkels Raute: Herkunft, Bedeutung, Permanenz. Mit idiotensicherer Anleitung zum Nachmachen.

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