Das Wir

Jeder Zeitraum von ein paar Jahren hat seine Modewörter, und Wörter werden modern und unmodern, wie Kleidung oder Stile auch.

Und wie bei Modestilen auch kann das manchmal länger, manchmal kürzer, und manchmal ein Jahrzehnt dauern. Und irgendwann kann es keiner mehr sehen; oder im anderen Fall hören. Außer für Revivals, aber da muß jemand schon sehr genau hingehört haben: das 70er-Jahre Teeservice und Bilder von Frauen mit einer ganzen Packung blauem Lidschatten – an jedem Auge – die sind auf Einladungen zu „Seventies Party„s oft zu sehen; daß jemand das Wort, oder besser die Nachsilbe, der 90er überhaupt, -technisch, prominent in einer Einladung zum 90er-Revival in Szene setzt, ist selten. Schon, weil es kaum jemand als das erkennt, was es ist.

Momentan geht die Modezeit des Produkts langsam zuende. Habe ich zu Studienzeiten in langweiligen Vorlesungen noch neben „Äh“s und „Öh“s auch das Vorkommen der Vokabel „Produkt“ in die Hunderter zählen können, wird das inzwischen durch ubiquitäres „nutzen“ ersetzt. Während ich das Ende von ersterem begrüße, hat letzteres den Nachteil, daß es sowohl zum Verb als auch zum Substantiv, und sogar als Vor- oder Nachsilbe taugt. Nutzen Sie den Produktnutzen nutzenorientiert, und der Nutzen ist garantiert (nicht einmal, gnädigerweise, es nützt garantiert, aber der Verbalstil ist sowieso seit Jahrzehnten out).

2016 besch(w)erte das „Postfaktische“ (das W war eigentlich ein Tippfehler, aber gefällt mir so gut, daß ich es behalte). Es bleibt abzuwarten, ob nur für eine Saison oder als längerfristigen „Trend„.

Das unbestrittene, absolute, wirkliche Modewort des Jahrzehnts ist aber ein Pronomen: Wir! Das Wir. Das wir(r)ste aller Wire(n). (Was denn? Ich bin wir-klich nicht die erste, die Meme mit Viren vergleicht.) Everything is now wir-ed:

Das geht los im ganz kleinen; neulich fiel es mir auf, als meiner Kollegin ein Bild nicht gefiel. Statt „das Bild gefällt mir nicht!“ sagte sie: „wir wollen das hier nicht aufhängen“. Kunden bestellen bei mir statt mit „ich hätte gerne“ mit „so, wir brauchen“. Ihre Zustimmung drücken sie aus als: „das machen wir so!“ oder „das nehmen wir“. Letzteres kommt mir immer etwas verbalübergriffig vor, ähnlich wie ungewolltes Duzen, schließlich bin ich plötzlich ungefragt mitgemeint. Je nachdem, wie inklusiv das „wir“d, kann von mir durchaus dieselbe Antwort wie bei ungewolltem Duzen kommen, nämlich betontes Siezen. Aber ich schweife ab. Nur eins noch aus dem Apothekenalltag: jede Medizinstudentin im ersten Semester lernt wenigstens, den Großvater aller wirs, „wie gehts uns denn heute?“, zu meiden wie der Teufel das Weihwasser, und das aus gutem Grund: um nicht überheblich und paternalistisch zu „wir“ken und am besten auch nicht zu sein. Weshalb ich von Ärztinnen recht schnell quasi eine sprachliche Visitenkarte gereicht bekomme: den korrekten Gebrauch der Pronomen. Ungewöhnlich, ist aber so.

In Internetblogs gibt es diese Mode natürlich auch, daß jemand der von sich selbst spricht gleich seine Meinung durch „wir“-tuellen Mehrheitsbeschluss ratifizieren lässt. In dem Fall bin ich viel weniger höflich als im Geschäft – andererseits sind „jetzt werden wir wieder sachlich“ und ähnliche Formulierungen nicht erst seit den Zeiten des Wirs eine dünn verschleierte „Einladung“ zum Flamewar. Aber auch „wir haben alle gehofft, daß Trump nicht gewählt wird!“ und ähnliches sind auf dem Vormarsch. Was mitten in die Politik führt:

Mitunter wirds auch ganz groß politisch: Das Wir gewinnt. Wir schaffen das.

Was ich mich im Geschäft gefragt habe, fragen dann in den letzteren Fällen die Journalisten (wenn sie ihre Sache gut machen) die Wir-Sager der Politik: WER „wir“? Herrscht seit neuestem der Kommunismus, das große, ganze, ganz große Wir?

Ob das „wir“ also Ausdruck eines Lebensgefühls und/oder eines politischen Richtungswunsches ist; das ist Stoff für einen anderen Artikel.

Der dann nicht unter „Smalltalk“ fällt.

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Veröffentlicht am Januar 22, 2017 in Kulturelles, Smalltalk und mit , , getaggt. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink. 39 Kommentare.

  1. … wobei dieses Wir auch noch so spitzig nach Igitt klingt.
    Ich schlage statt desse und anstandsalber Wür vor. Wüür! Das hat viel mehr Boden, den heimischen. Es üst so züm Wülhlföhlen.
    Hört sich dann so an:

    – Wür müchten hundertfuffzich Gramm Postfäcktisches, günge da heut bei üns?
    – Dürfs auch bissken mähr sein?, wür hätten da ein ultümatüwes Prödückt, sowas Seventiestechnisches, fast Ninetiesmäßiges!, das wär doch was för üns!
    – Ach… das hängen wür uns heute nücht auf.
    – Was?!, das Prodückt ist mundgemalt, behündertengerücht und ohne Härm von Kühen und anderen Türen hürgestüllt!, ohne Rassisches oder Fäschüstüsches und ohne Diskriminatiön oder Sex isses gemacht und fääär gehündelt isses!, und watt?!, wür-wolln-das-nich?!, doch-wür-wolln-das!! Jätz!! Sönscht!!
    – Güt güt, üch bün ja kein Rassüst!, ich war noch nüü ein Züonüst oder Trümp oder Hütler!, also bütte!!, aber… alsö häben Sü das nich auch in grün-?

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  2. Vor allem ist es lügenhaft, wie ich schon als Kleinkind erkannte…

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    • Jetzt weiß ich zwar nicht so ganz, was „es“ ist (Kuchen? 🙄 ), aber klingt gut.
      Vielleicht ist auch das „wir“ gemeint, im Sinne von „Du, und Du allein“ gebraucht?

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    • … Clas meint das elterlich-includierend-perennierende Wir, denke ich mal meinen zu wollen.
      Das geht so:

      – Doch, wir wollen jetzt endlich einschlafen.
      – Wäääh!
      – Aber wir brauchen DRINGEND unseren Schlaf vor Sieben!, und wenn wir dann nicht schlafen, werden wir nicht groß und schön.
      – Wäääääh!!
      – Und dann kriegen wir auch nichts zu Weihnachten/Unabhängigkeitstag/Chanuke/Ostern, wenn wir jetzt nicht endlich schlafen.
      – Wääääääääh!!!
      – MEIN LETZES WORT!!
      – (…) [Baby denkt sich: Ah endlich, der erste wahre Satz seit der Lall-Babyzeit von Hera Lind.]

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      • Indem meine gute Mutter mir auseinandersetzte,was Lüge sei und dass ich nicht lügen dürfe, habe ich erwidert, sie lüge doch auch, Auf ihre um Fassung bemühte Nachfrage wann denn wohl und wie ich darauf käme, habe ich begründet: „Du hast gesagt: „Wir wollen jetzt nach Hause und Mittagessen.“ Und ich wollte gar nicht!“

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        • Mammis sind, was „wir“ angeht, die schlimmsten. Wer Kinder unter drei hat redet, besonders wenn es (noch) ein Einzelkind ist, so gut wie ausschließlich im pluralis majestatis. Was in der Apotheke ziemlich gefährlich ist – die simple Nachfrage, für wen denn die Medikamente sind, wird zwar als Affront gesehen (Mammi sieht ihre Rolle als „Gesundheitsmanagerin der Familie“ schwinden! PFUI!), kann aber Leben retten. Logischerweise sind Kinder nicht nur leichter als Erwachsene, unlogischerweise haben sie in unterschiedlichem Alter auch einen anderen Körperbau und sogar Stoffwechsel (gebt’s zu, das hat nicht nur mich überrascht, sondern Euch auch), und, die Perversität des Universums strebt wie immer einem Maximum zu, bei denselben Krankheiten mitunter andere Symptome. Bizarrerweise sind viele der Infektionskrankheiten mit dem euphemistischen Etikett „Kinderkrankheiten“ für Erwachsene ziemlich sicher lebensbedrohlich (das ist, Impfungen sei Dank, aber hierzulande eher theoretisch) – genauso wie Durchfall für ein Kleinkind.

          Und das alles, meint Mammi, gilt speziell für sie nicht, wenn sie drei oder vier Feng-Shui-Ping-Pong-Lifestyle-Holistik-Magazine gelesen und sich dort jedesmal im Kreuzworträtsel wiedergefunden hat. Nein, jetzt ist sie erleuchteter Teil des Wir-klichen Kollektivs der Besseren, ihre Familie zieht sie als erweiterte Teile ihres Selbsts dort mit hinauf – und so redet sie auch.

          Wenn ich umgekehrt die Kinder vor Schaden bewahren will, die ihre Mütter ihnen damit unwissentlich zufügen könnten, grenzt das mitunter an Diplomatie…

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        • – Guten Tag Frau Apothekerin, also wir haben Dünnschiss- pardon!, wir sind obstipationstechnisch herausgefordert, und wir haben Pusteln. Gibts dafür nicht diese anthroposophischen Kartoffelkrautkügelchen?
          – Also Sie haben Durchschiss- pardon!, den Fall der Fälle, oder Ihr kleines Kind?, und wo haben Sie Pusteln?
          – Also wir wollen mal diese anthroposophischen Kartoffelkrautkügelchen jetzt!, und wo wir Pusteln haben, geht nur unsere anthroposophischen Arzt was an.
          – Also hat Ihr Kind jetzt-?…
          – Und was ist das hier überhaupt für ein Laden!, da steht ja GAR nichts von der Wala!!, oder von Doktor-Hauschka???, ja ist denn hier MONSANTO und TRUMP?!, und wir wollen jetzt hier mal aufs Klo!, wir haben schließlich eine Störung des Ätherleibs!, darauf hat man Rücksicht zu nehmen!
          – Das Klo ist da hinten…
          – *ruft von hinten* Aber da hängt ja gar kein Bild von Doktor-Rudolf-Steiner auf dem Klo!!, was ist das hier für eine ahrimanische Ahrimanie?!, sind Sie mit dem dreivereingten Bösen im Bunde?!, also hier werden wir nicht machen!!, und unsere Pusteln auch nicht!!
          – … Aber…
          – *das Wir verduftet*

          Der Rest ist leider Schweigen 🙂

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        • Also, Bildnisse von Rudolf Steiner gehören nicht, nirgends und nie auf ein Klo… Deren Fehlen dort wird also wohl auch die wirrsaligste Mutter nicht reklamieren.

          Und die meisten Apotheken liefern jegliche Kügelchen, so sie lieferbar sind. Hingegen sind Kartoffeln überaus gar nicht anthroposophisch. Und eine Apotheke auf Sylt hatte kein Weledashampoo, als ich da mal eins kaufen wollte, nur eines von Rausch, das Schuppen und Kopfjucken verursacht und nachhaltig übel riecht, aber, zugegeben, ähnlich teuer war… Die Stellungnahme meiner Bienen zu dem Geruch werde ich nachreichen.

          Soweit in Kürze meine Erfahrungen.

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        • Schtümmt!, Kartoffeln sind ja aus Amerika, können also nur antianthroposophisch sein. Die Mutter muss authetischerweise nach Pastinakenkraut-Kügelchen rufen.
          Und auf dem Klo, sofern nicht der Steinige, habe Marie Sievers zu hängen. Die gab’s doch?, oder ich velwechser die mit Mary Wigman. Darf die da hängen?, also die oder die?
          Da gab’s auch mal einen, der selbst bei glühendster Hitze (nein, jetzt nicht die geistige gemeint) mit schwarzem Wintermantel, Pudelmütze und dicken Handschuhen herumlief. Der schrieb Gedichte übern Astralzustand. Wie hieß der-?, und dürfte der immerhin vor dem Klo hängen?

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        • Hängt sie höher! 🙂

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        • Aber muss man dann nich‘ wieder so den Hals recken, um sie in aller Pracht hängen zu sehen?

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        • Das gibt nur wieder Hexenschuss.

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  3. Ich habe gerade, a propos „wir“, noch ein Buch gefunden, daß ich mir anschaffen will:
    http://tvtropes.org/pmwiki/pmwiki.php/Literature/Anthem
    Und wenn ich das dann durchgelesen habe, gibt es noch alles auf diesem Index:
    http://tvtropes.org/pmwiki/pmwiki.php/Main/IndividualityIsIllegal

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  4. Offtopic: Wenns mit dem Wir ganz schlimm wird, werden bekanntlich schonmal Teddybärchen geworfen. Wir schaffen das.

    Manchmal auch Gummibärchen:
    http://www.todayifoundout.com/index.php/2012/11/when-the-beatles-got-pelted-with-jelly-beans/
    Dry Bones hat vor einiger Zeit einen Cartoon gemalt in dem jemand ein Attentat auf Trump versucht und seine Leibwächter rufen: Donald, duck! (den finde ich jetzt gerade nicht) – das und in Kombination mit dem Gummibärchenwerfen auf die Beatles ist gerade mein Kopfkino des Abends 😈

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  5. P.S: letzte Woche ist ein Auto an mir vorbeigefahren mit folgender Reklame:

    ohne (weitere) Worte.

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  6. Mir fällt gerade ein und auf, dass wirken
    ja eine westfälische Verniedlichungsform
    des W i r ist.
    Wenn es nicht gar um Verharmlosung geht,
    wie beim Bierken

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  7. „Und Wörter werden modern“.

    Ich brauch eine Brille.
    Immer liest mein dummes Ich was Anderes, als die Augen sehen:
    „Wörter werden morden“.

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  8. Clas Lehmann

    Wo ist das Wir?

    Sucht und sucht und schließlich:

    Ah…! Kulturell…!

    Mir war nämlich aus der bekannten Quelle üblerer Wire ein besonders fieses Exemplar in’s Ohr geschossen worden…

    Deutschlandfunk, da gibt es diese Sendung, die den Koran erklärt, und da überstäuben sie den ja immer Versweise mit Wirrworten, bis man weiß, er sei schwer zu verstehen, aber gut, wenn nicht besser, und Mordaufrufe seien aus der Zeit zu verstehen und eigentlich auch gar keine, sondern am besten… Schließlich ein spätantiker Text, nicht wahr, und

    Diese Wirrworte haben sie nun in ein Buch getan, des nämlichen Titels, und um das zu promoten, talkten da so Deutschlandfunker und der Herausgeber dieses Buches wollte dann auch was sagen, und dann sagte er es:

    „Wir haben Respekt zu haben!“

    Das kriegst Du nicht wieder aus dem Ohr… Diese Konstruktion dann noch dabei, dieses fundamentale Missverständnis, was Respekt denn sei. Nachhaltig schüttelt’s mich.

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  9. Clas Lehmann

    Ein weiteres Wir trug hier die AFD bei, ein besitzergreifendes.

    Sie plakatierte:

    SICHERHEIT FÜR UNSERE FRAUEN UND MÄDCHEN!

    Ist das Wir vielleicht generell ein besitzergreifendes Pronomen?

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  1. Pingback: Kontraintuitiv | kleines Südlicht

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