Zeitungen können nicht zählen

Zu Zeiten der inzwischen glücklicherweise untergegangenen Sowjetunion berichteten die Zeitungen – angeblich – über ein Rennen, bei dem die glorreiche Sowjetunion als zweites ins Ziel kam, und die Amerikaner als vorletztes. Außer ihnen beiden, das schrieben die Zeitungen nicht, war niemand angetreten.

An diese Methode, wie man natürlich auch schreiben kann, daß die Sowjetunion gegen die Amerikaner verloren hat, muß ich gerade denken, wenn ich die Meldungen über die niederländischen Wahlen lese:

Jetzt reden alle Nachrichtenagenturen mit viel Sendezeit und Druckertinte hämisch-schadenfroh von „Sieg gegen den Rechtspopulismus“ und „Dämpfer für Wilders“ – und was ist eigentlich passiert?
https://en.wikipedia.org/wiki/Dutch_general_election,_2017#Results
Mark Rutte hat gegenüber der letzten Wahl ein Bißchen mehr als fünf Prozent Stimmen verloren, Geert Wilders drei Prozent gewonnen und stellt mit 20 Sitzen die zweitstärkste Fraktion im Parlament. Alles in allem selbst in Rutte-freundlicher Interpretation also mehr oder weniger unverändert, mit einem deutlichen Zeichen der Unzufriedenheit an die Adresse Mark Ruttes.
Zeitungen können nicht zählen.

Oder sie wollen gar nicht objektiv berichten, sondern Meinungsbildung betreiben. Erinnerungen an den Witz oben „sind weder zufällig noch absichtlich, sondern unvermeidlich“, wie es in einem treffenden Vorwort einmal hieß. Sogar über eine Zeitung*.

 

(*Fußnote: das Buch zum Vorwort ist die verlorene Ehre der Katharina Blum)

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Veröffentlicht am März 16, 2017 in Kein Smalltalk, Politik und mit , getaggt. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink. 35 Kommentare.

  1. … wie schrieb der Gutartigste drüben im anderen Blog so überaus zutreffend: Er sei gegen den Ausdruck Lügenpresse, weil der Ausdruck Idiotenpresse so viel zutreffender sei.

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  2. Gutartiges Geschwulst

    Gibt es womöglich eine alternative Variante? Arschkriecherpresse?

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  3. Clas Lehmann

    OB, opinion-building, to avoid a failed opinion…

    Hier tun sie das mit der Anzahl der Mandate, die sie als Dämpfer bewerten.

    Gefällt 1 Person

  4. Clas Lehmann

    Ich glaube also an eine bemerkliche Absicht, nicht an Idiotie seitens der Presse, sondern eher an die dortseitige Spekulation auf die Idiotie der geschätzten Leserschaft…

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  5. (zu 21:38)
    … also wenn jemand moralisch ist, geht’s immer voll in die Hose, behaupt‘ ich mal so (dazu eine moralische Zeitung, hui!, das Deutsche Allgemeine Sonntagsblatt!)
    Es sei denn, jemand ist ehrlich.

    Wenn er jedoch ehrlich auf die Unfreiwillige ist, so wie die Taz auf die Rundäugige oder wie die Süddeutsche auf die Drach‘-Antisemitisierende, geht’s erst Recht in die Hose, ja grad bei flagranter Moral (die sind dabei so entsetzlich moralisch, die Taz auf die Bessermenschenlnde, die Süddeutsche auf die Geprantlte.
    Um so hosiger wird’s 🙂 .

    Am Besten immer noch, einer ist ehrlich, ohne Moral, nicht?
    Wie sagte Voltaire (na ausgerechnet der war nur dann ehrlich, wenn’s ihm mal nicht gegen die Juden ging):
    „Un monstre gai vaut mieux
    qu’un sentimental ennuyeux.“

    Indem er (also nicht der Voltaire, der hat’s nur gesagt, um sich nicht selber daran zu halten), also indem er jedoch gai ist, lustig, kann er gar nicht so monströs werden, indem ihm das Moralische fehlt. Indem z.B. Voltaire immer da am Allerunlustigsten wird, je mehr er den Jud‘ hasst.

    – Denk ich mir grad so, das

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