Das Gewissen der Anderen

Das hier ist der berühmte erste Post „that ticks all the boxes“. Der Post. Der Post, bei dem ich alle Kategorien angekreuzt habe, die nicht unter Smalltalk fallen. Und dabei wollte ich doch nur zwei Blogposts vergleichen, die ich gefunden habe, die sich desselben Themas auf unterschiedliche Weise annehmen, ein paar bunte Graffiti dazuposten die dasselbe illustrieren; und im Nebensatz meinen Senf dazugeben daß das wahrscheinlich der Grund ist daß wir hier in unserer demokratischen Bundesrepublik einen Feiertag einer Religionsgemeinschaft haben, die offiziell garkeine ist. Nämlich den kommenden Ersten Mai, das kommunistische Hochamt der Arbeiterklasse.

Aber der Reihe nach. Das Thema ist das schlechte Gewissen anderer Leute.

„Gewissen“ ist etwas, über das ganze Bibliotheken mit verschiedenen Definitionen und Interpretationen und Implikationen vollgeschrieben wurden; es geht um die ganz einfache Version des Begriffs: Im schlechten Film stehen der Oberschurke und jemand anderer eine Szene lang herum und theatralisieren für die Kamera, warum oder nicht der potentielle Neuschurke in spe auch etwas Schurkisches tun soll. Als Publikum ruft man entweder: „erstich ihn doch einfach selber!“ oder spult in Zeiten in denen DVDs billiger sind als Kinokarten ein Stück vor. Als Regisseur lässt man irgendwann die Frage stellen: „Wer sollte denn je davon wissen?“ Worauf der andere antwortet: „Ich weiß davon“. Was sich in dieser Antwort ausdrückt, das ist gemeint.

Der eine neugefundene Artikel trägt das schlechte Gewissen gleich im Titel: Die Partei des Schlechten Gewissens. Zur kommenden Bundestagswahl stellt unbesorgt die Parteien der Reihe nach vor – respektive so wie ich das nach dem ersten Teil verstanden habe stellt Gründe vor, aus denen speziell die jeweilige Partei unwählbar ist. Und schon gehts um Politik. Nachdem ich mich vor einiger Zeit beschwert hatte, daß ich eigentlich garkeine Wahl habe zu dieser Wahl, ist mir eine solche Artikelreihe auch wirklich sympathisch. Im ersten Teil von vor fünf Wochen beschreibt Roger Letsch die Grünen als: Die Partei des Schlechten Gewissens. Im Artikel wird das präzisiert: die Grünen sind die Partei des schlechten Gewissens anderer. Sie haben das nicht etwa ständig selbst, sondern erpressen ihre Wähler mit einem schlechten Gewissen, das die nicht zu haben bräuchten, würden die Grünen sie nicht ständig dafür sensibilisieren. Und versprechen sie davon zu erlösen. Indem sie zum Ablass für ihre Ökosünden, für die sie jetzt sensibilisiert sind, die Grünen wählen. Maggie Thatcher sagte berühmterweise: „das größte Problem für den Sozialismus ist, daß früher oder später das Geld anderer Leute ausgeht“. Analog dazu scheinen die Grünen jetzt das Problem zu haben, daß ihnen das schlechte Gewissen anderer ausgeht; und in den Umfragen auf Talfahrt zu gehen. Nicht daß sie, sozialistisch wie sie sind, nicht auch gerne das Geld anderer ausgeben würden. Beides zusammen macht sie unwählbar, sagt der Artikel, und ist der Grund aus dem ihre Wähler ihnen sagen: „wir müssen reden“ (sinngemäßes Zitat). Das ist wirklich ein Argument, und macht widerum mich außerdem neugierig auf einen angedeuteten folgenden Teil, in dem FDP-Wähler denen sagen: „wir müssen lachen!“ (das Lachen ist jetzt wörtlich zitiert).

Die extremste Form der Erpressung mit dem schlechten Gewissen, habe ich in einem anderen, uralten und trotzdem noch aktuellen Artikel bei heplev gelernt, ist das Stockholmsyndrom. Stockholmsyndrom ist nichts neuentdecktes, und dann gegeben, wenn sich Entführungsopfer krankhaft mit ihren Entführern identifizieren. Und schon gehts um Krankheiten. Es gibt auch das Limasyndrom, wenn sich umgekehrt Entführer unbedingt mit den Entführten solidarisieren, um das gehts im Artikel aber nicht. Stockholmsyndrom, schreibt Norman Doidge dort, sei das was passiert, wenn sich jemand extrem mit schlechtem Gewissen erpressen lasse, das er nicht zu haben braucht, und daher Der Vorteil des Bösen Gegenüber dem Gewissen. Er beschreibt etwas anderes neu, und zwar ein Secondhand-Stockholmsyndrom (for added aliterative appeal gefällt mir das Wort jetzt schon!). Hier identifiziert sich nicht (nur) die eigentlich entführte Zielperson mit den Idealen des Entführers, sondern jemand anderes, der von der Entführung hört oder liest. Was selbstredend auch die Entführer zu ihrem Vorteil auszunutzen wissen. Die Extremform des Kapitalschlagens aus dem schlechten Gewissen anderer. Und schon geht es immer noch um Politik, denn diejenigen die dafür anfällig sind, sind öfter die, die die Politik machen. Wie das Secondhandstockholmsyndrom funktioniert, einiges über Shakespeares Richard III und Terroristenpaten (c Ari), und warum das oft die Ursache dafür ist daß Terror romantisiert wird, findet sich also bei heplev.

„Romantisierter Terror“ bringt mich auch zu den versprochenen Graffiti. Respektive damit könnte man diesen Begriff gut illustrieren. Jemand, der sowieso schon illegaliter etwas wohinkritzelt, sorgt sich im allgemeinen wenig um potentiell bedenklichen Inhalt, um es höflich auszudrücken. Und so findet sich alles an irgendeiner Hausecke: was existiert, existiert als Graffito. Selbst Sachen auf die sich alle Löscher aus Orwells wildesten Alpträumen stürzen würden wie Geier aufs Frischgemetzelte. Solche Fotos habe ich zwar auch (vielleicht schiebe ich Zensurbalken drüber und verstecke sie in den Kommentaren, immerhin gibt es eine FSK-Bewertung für Blogs und ich habe sie nicht eingestellt, also flucht wenn möglich zwischen den Zeilen damit ich nicht jeden der hier vorbeisurft anklixen lassen muß daß er über 18 ist 🙂 Das Geierbild zählt nicht, das ist Naturdoku); aber das worauf ich hinauswill ist eines der vordergründig harmlosen Bilder.

An einer der zitierten Ecken finden sich mehrere Comicfiguren:

Asterix, Obelix, Idefix, … und ein Bombenleger:

Jeder kennt Uderzos Geschichte vom kleinen gallischen Dorf, das als einziges von den Römern nicht erobert werden kann, sondern sich wehrt. Jetzt, (möglicherweise) laut dem Graffito auf dem Bild, auch mit Sprengstoff. Dieses ausnutzen eines vorhandenen Bilds im Kopf (hier der Comicgallier), das ist ein Narativ (Quelle reiche ich nach, diese Erklärung von Narativ bzw Schema stammt aus etwas von Glenn Yeffeth über einen Schurkenanwalt in NYPD Blue). Wie das Graffito selbst gemeint ist, und ob denn so, könnte ich mit einigen der anderen aus der Umgebung untermauern, wenn ich genug mit schwarzem Balken rumgemalt habe. Aber es muß garnicht so gemeint sein, damit das Narrativ, die Erpressung mit dem schlechten Gewissen über den kolonalialistischen Westen und heldenhaften Widerstand, funktioniert.

Weshalb man Geschichtsbücher in denen das Wort Narativ vorkommt, sofort zu Pappmache verarbeiten sollte. Die haben das schlechte Gewissen der anderen auch gern.

Speziell das erwähnte Narativ, das vom kolonialistischen Westen, dem heldenhaften Widerstand und der Weltrevolution, würde den Glaubensinhalt einer Religion „Linksradikalismus“ recht gut zusammenfassen, wenn extremes Linkssein denn als Religion anerkannt wäre. Und schon geht es um Weltanschauungen. Daß Linksradikalismus in allem außer dem Namen eine Religion ist, dafür gibt es gute Argumente, und auch mit der Anerkennung in allem außer dem Namen ist es nicht weit – die Linksgläubigen haben sogar einen bundeseinheitlichen Feiertag bekommen: den Ersten Mai.

In diesem Sinne: passt auf Euch auf, nicht nur übermorgen.

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Veröffentlicht am April 29, 2017 in .Nahost, Kein Smalltalk, Krankheit, Politik, Weltanschauung und mit getaggt. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink. 5 Kommentare.

  1. Der Schreiber hießt mit Nachnamen „Doidge“ (nicht Dodge). Kann man „Deutsch“ aussprechen. 🙂

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  2. … und hier wie versprochen die anderen Graffiti, die nicht so harmlosen:

    Der versteht sich fast von selbst. Auch Sachen wie „Free Gaza“ und ähnlliches kann man locker der Regel „alles was im Internet getrollt wird landet auch an irgendeiner Wand“ zuschreiben. Im Extremfall, sowas hier:

    Sagte ich gerade „Extremfall“? Den nehme ich zurück. Beim nächsten Bild war ich ernsthaft am überlegen wie ich das tusche damit es mir nicht so geht wie Frau Schunke die dafür gesperrt wurde, daß sie eine Drohung an sich selbst öffentlich gemacht hat.
    Es geht um das hier:

    Also, die Reste von dem hier, um genau zu sein. Was unter dem von mir gemalten Betonklötzchen war, kann man sich vorstellen: mit einem anderen Symbol knapp am verfassungsfeindlichen vorbeigeschrammt. Jeder sieht es natürlich trotzdem.

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    • Mademoiselle la Liberté hat da wirklich ein Krakenheuz in der Hand? Huch-?, also die Idee, ihr eins in die Hand zu tun, ist als Idee ja immerhin mal eine, die wohl sonst noch nirggend-jemals – und wo hat man das sonst.

      Aber das kannst Du doch abbilden (also wenn Krankenheuz und nicht ein von mir Missverstandenes). Es geschieht aus Dokumentationsgründen.

      Und welcher Frau Schunke ist was passiert?

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      • Sie hat eine Flagge in der Hand die in allem außer der Form des schwarzen Symbols im Kreis ein verfassungsfeindliches Symbol ist – ich habe es gesehen als es noch nicht vom Hausbesitzer an entscheidender Stelle halb zugepappt und zusätzlich am letzten schwarzen Krümel von mir zensiert war. Das könnte ich nicht so ohne weiteres abbilden; das hätte ich mit einem „ganzen“ Krakelscheuß auch vor Heiko Maasens Machwerk nicht können. Genau genommen sind auch die ganzen Aufnäher der Punks mit durchgestrichenen und mülleimergeworfenen Krakelscheußen verfassungsfeindliche Symbole, auch wenn es im Ermessensspielraum eines möglichen Richters liegt, die zu ahnden oder wegen der Absicht dahinter eben nicht, sollte das jemandem mal auffallen. Dokumentiert ist das auch so; aber: entweder der Schreiber mogelt sich knapp am verfassungsfeindlichen Symbol vorbei, indem er das so malt daß das entscheidende Bißchen eben nicht drauf ist und jeder es trotzdem sieht, dann kann man ihm eh nix. Oder es ist auch so bedenklich, dann kann man vielleicht auch mir was, wenn ich das wiedergebe, und an mich kommt man im Gegensatz zum Schmierfinken hin. Der wahrscheinlichste Ausgang ist dann sogar der, daß man ihm nix und mir schon was kann. Ich bin keine Zeitung – was für mich den Vorteil hat daß ich nicht jedem Troll meinen echten Namen sagen muß, aber auch den Nachteil daß ich das dann eben nicht als Journalistin dokumentiere, sondern privat abfotografiere.
        Davon ganz abgesehen, ob ich es zeigen darf oder nicht: Was ich zeigen wollte, ist auch mit Betonklötzchen zu sehen, nämlich der Vergleich von Liberte, Egalite, Fraternite mit den Nazzen. Sozusagen Godwins Law der Graffiti. Das ist ähnlich, nur glücklicherweise um Längen nicht so schlimm, wie mit einem möglichen Attentat in einem Bus, bei dem der Zeitungsfotograf hinterher auch den halbzersprengten Bus fotografieren würde und nicht den Splatter. Um zu zeigen, was passiert ist, ohne das in einer Weise zu tun daß der Attentäter (oder im Fall oben der Schmierfink) das Abscheuliche by proxy über Dich stolz präsentieren kann. Deshalb wäre ich, wie Du ja weißt, auch dafür bei Attentaten den Namen des Täters nicht zu nennen und stattdessen den Ermordeten einen richtigen Nachruf zu schreiben: eine Frage der Identifikation ist auch eine Frage der Identifikation womit. Auch das sehen diverse Datenschutzgesetze leider anders.

        Anabel Schunke ist eine Journalistin, die Vergewaltigungsdrohungen bekommen hat wegen ihrer Berichterstattung (über Taharrush-Rudelbelästigen, glaube ich). Woraufhin sie im Aufschrei-Motto „seid laut!“ diese Drohungen öffentlich gemacht hat. Auf ihrer Fäzebuckseite. Wofür Fäzebuck sie dann 30 Tage lang gesperrt hat (to add insult to injury ist eine 30-Tage-Sperre bei denen eigentlich frühestens ab der vierten Sperre üblich). Als Journalistin nimmt man ihr damit ihr Arbeitswerkzeug, das ist auch noch anders als bei Privatleuten. Letzten Dezember war das. Zu lesen zum Beispiel hier:
        http://unbesorgt.de/harden-your-broadcast-ueberleben-im-denunziantenstadl-facebook/

        Als Privatperson kann man sich andererseits schlechter gegen soetwas wehren – auch Frau Schunnke konnte das nicht wirklich – und da ist es im Gegensatz zu einer Seite die mehrere Tausend Leute lesen auch noch völlig umsonst.

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