Kurzgedanken die niemand braucht: Gutmenschenbeichte

Kanalratte schrieb letztens über Selbsthassende: „Zumeist bei Menschen die mit ihrer eigenen Identität nicht klarkommen. Wer sich dafür schämt ein Deutscher zu sein, ist in der internationalen Realität ein armes Würstchen.
Dort hatte ich geantwortet: „Die meisten tun das aber nicht nur, sondern sind auch noch stolz drauf; weil sie finden daß sie das irgendwie zu besseren Menschen mache.

Bessermenschen durch Selbsthass sind die Gutdenker wohl alle – aber wieso eigentlich?

Schlussendlich wird es wohl wieder damit zu tun haben, daß das bessermenschliche Denken eine Religion ist, ohne eine zu sein. Denn was gut und richtig ist, sagt einem nunmal das Weltbild: „richtiges“ denken, reden und handeln ist orthodoxes Verhalten, „orthodox“ im Sinne der Überzeugungen; welche auch immer das sind. Religion, Religionsersatz, Ethik, Ideologie, oder einfach freischaffend. Daher hatte ich geschlossen: es ist eine der Riten der Gutdenkreligion, aus dieser Geisteshaltung des Selbsthasses heraus „nie wieder“ zu sagen, „den Anfängen zu wehren“, im Nachhinein „gegen die Nazis“ gewesen und jetzt diffus „gegen rechts“ zu sein, weil „uns“ die Alliierten ja am Ende des Dritten Reichs „befreit haben“. Seit welchem Ereignis „wir“ das Völkermorden aufrichtig bereut haben, der das vermutete Ritual durchführende Gutmensch sowieso „dagegen gewesen wäre“, und/oder „seine Verwandtschaft jemanden versteckt“ habe.
So eine Art ans Gutmenschentum als Religion adaptierte Beichte (minus die unterschwellige Rechtfertigung der Gutmenschenversion), kommt mir gerade so als Idee zum frühen Nachmittag, vielleicht teilweise weil mir gegenüber im Bücherregal „Schuld und Sühne“ und „der Idiot“ nebeneinanderstehen.

Eine tatsächliche, liturgische Beichte (also im ursprünglichen-mit-gibts-das-Realitätsschock Wortsinn die christliche respektive protestantische Version) beinhaltet im rituellen Text die Fragen (hier paraphrasiert), ob jemand bereue, was er getan hat, das in Zukunft anders/besser macht, und daran glaubt, daß ihm deshalb verziehen wird (von Ganz Oben, aber darauf wollte ich hier nicht hinaus). Woraufhin er dann absolviert wird (qua Auftrag von Ganz Oben, aber darauf wollte ich hier nicht hinaus, ist ja nicht Filmkritik an Blues Brothers). Den tatsächlichen Text kennt kaum jemand (ist auch nicht sooo relevant – wörtliche Zitate solcher Texte bringe ich bekanntermaßen nur im rechtfertigenden Notstand, das hier ist keiner, und so ziehe ich es vor Sachen von den „Schlüsseln des Himmelreichs“ auch weiterhin hier in Blog nur dann zu schreiben wenn es um Primeln geht). Aber das Bild dieses Rituals, oder Reste davon, gehört und gehören zum kulturellen Erbe der Gutdenker, die es an ihre eigenen Überzeugungen und Rituale adaptieren könnten. Die Gutdenkversion divergiert davon auch in einigen Punkten (sehr stark etwa durch die uneigentliche-Rechtfertigung-durch-die-Hintertür oder das Aufrechnen gegen die guten Versteckaktionen der Verwandtschaft) – an einem Punkt aber trifft es sich wieder: Bessermenschen wollen dafür, daß sie sich kleinmachen (eigentlich knapp daneben, aber nahe genug) von ihrer Verantwortung an und für etwas losgesprochen werden.

Diejenigen, die den Gutmenschen dann qua ihrer durch die Geschichte zugewiesenen Rolle absolvieren würden/sollten/müßten, wenn das wirklich eine Beichte wäre, also „die internationale Gemeinschaft“ oder „die Juden“ bzw. Israel als Staat – die machen das aber selbstverständlich nicht mit. Kein Mensch mit einem Funken Würde würde sich derart durch Überstülpen eines ungefragten Rituals zum Statisten eines fremden Weltbilds instrumentalisieren lassen, was sich eigentlich jeder denken könnte (irgendwo in einer meiner hinteren Hirnwindungen deutet sich hier der Schatten eines Vergleichs mit einer Zwangstaufe an, „Zwang“ auf alle Fälle). Der Gutmensch wird aber wegen des abgebrochenen Ritualskripts sauer (vielleicht hat er auch noch irgendwo im Hinterkopf daß eine Rechtfertigung durch die Hintertür oder ein Aufrechnen im ursprünglichen auch ein Grund sein dürften das abzulehnen… und schätzt es garnicht das gesagt zu bekommen). Und spricht von einer „besonderen Beziehung“ zu Israel und der internationalen Gemeinschaft. Ob mit „besonders“ allerdings gemeint ist, diejenigen könnten dem Gutmenschen Absolution erteilen oder die würdebewahrende Weigerung es zu tun – keine Ahnung.

„Besonders“ respektive „Sonder-“ öffnet wie Ari im Ausgangsthread bemerkt hat noch eine ganz andere can of worms. Deswegen die Schrecken ein andermal, und hier lieber ein Bißchen Botanik:

Primula eliator ist das. Je nach Verständnis eine der beiden Primelarten, die unter den Namen „Himmelsschlüssel“ fallen – oder wenn nur eine Art (primula veris) mit Himmelsschlüsseln gemeint sein soll: eben die andere, die das dann nicht ist. Auch bekannt als „Bergprimel“ oder „Frühlingsprimel“.

 

P.S. 19:30 : gerade habe ich erfahren, daß Frank Walter Steinmeier einen Kranz an Arafats Grab abgelegt hat. Igitt! Der kommt sich deswegen auch bestimmt ganz gut vor.

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Veröffentlicht am Mai 9, 2017 in Kein Smalltalk, Politik, Weltanschauung und mit , getaggt. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink. 9 Kommentare.

  1. Hat sich Steinmeier beim Kranzniederlegen jetzt selbst gehaßt, oder gut gefühlt?

    Jedenfalls hat er beides nicht in meinem Namen getan, will ich hoffen.

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    • In meinem hoffe ich auch nicht.
      Aber da hoffe ich wahrscheinlich vergeblich: gekranzt wird kaum der Privatmann Frank-Walter Steinmeier haben, sondern der Herr Bundespräsident stellvertretend für die Bundesrepublik Deutschland *speib*.
      Seine Stimme will ich nicht für mich sprechen lassen, und könnte man den Bundespräsidenten direkt wählen, hätte er meine Stimme auch nicht. In beiden Fällen gibts aber keine Wahl.

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    • Der Steingemeierte hat’s für die vielen, vielen mohammedanischen Bessermenschen getan, die jetzt in der dritten Generation SPD wählen (sowas wie 90%), während sie in der dritten Generation schlechter Deutsch können als 90% der Amish in Pennsylvania (und das will was heißen!, will aber nicht heißen, dass die Amishn nu auch SPD wählten, denn das tun sie beileibe nicht, sonst hätte der Steingemeierte vielleicht lieber und möglicherweise etwas sinnvoller an der Geburtskirche von Betlechem einen Bekränzten niedergelegt.)
      Er hat ihn aber an Arafats Grab niedergelegt, weil seine SPD nicht von Amishen, sondern von drittgenerationigen Mohammen gewählt werden will.
      Denn wenn sie nicht von denen!, dann geht sie unter.
      Weil sonst ka‘ Ssau die SPD mehr wählt.

      Heißt: Er MUSS beim Kranzniederlegen an seine Wähler, an Macht, Wählerreklame und Geld gedacht haben, summa an’s Gutsein. Er KANN an nichts sonst gedacht haben, nicht an die Tausende, die Arafat hat umbringen lassen.
      Und ja, er HAT daran gelitten. Am Gutsein. Oh! Etwa so, wie Grass (der diese Zeilen für uns-alle ausgesprochen hat, wie Augstein zu bedenken gab) an seinem eigenen grandiosen Israelkritikgedicht noch grandioser gelitten hat.

      Also ist der Steingemeierte das beste Bestbeispiel für den Bessermenschen-als Beispiel-an-sich-und-für-sich. Ja? Muss er ja doch wohl sein. Auch, weil er ja doch so gelitten hat. Und auch, weil er beim sich-bekränzten-Niederlegen nicht an Arafats besundelte Griffeln gedacht haben KANN.
      Ja kann man doch nicht.
      Ka‘ Ssau kann das!

      Hingegen er hat daran gedacht, ferner, dass die Deutschen in Sachen Aufarbeitung vorbildlich für alle Welt sind, obwohl sie daran so gelitten haben (oder weil?), und dass man als Wiedergutgewordener nicht nur das verdammte Recht, sondern die verdammichte PFLICHT habe, ja weil (oder obwohl?) man daran LEIDET!, dem Jud‘ endlich zu zeigen, dass unter Adolf und unter Arafat nicht alles ganz schlecht gewesen sein kann!D
      enn wenn doch, also doch alles schlecht unter denen: Wären die Deutschen ja nichtement wiedergutgeworden, sondern immer noch böse.
      Und das kann ja keiner wollen.
      Oder dass die SPD etwa keiner mehr wählt-?, oh Graus. Das also auch nicht.

      Der Jud‘, so Steinmeier heute beim Kranzlegen, hat also die verdammte Pflicht, sich mit den Wiedergutgewordenen mitzufreuen, so steht es nämlich auf Steinmeiers Kranz geschrieben. Da steht drauf: „Na freut euch doch endlich MIT, ihr Spielverderber!“

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      • waah, das stelle ich mir jetzt bildlich vor, einen Kranz auf dem das steht 😦

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        • Also im Geiste mitmarschierend steht’s drauf.

          Gutt Nacht 🙂

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        • P.S.
          Noch’n Beispiel (aber ein altes, komisch, wie wenig sich ändert!, es ändert sich, wenn, dann eher zum Schlimmeren) für die besondere Form deutscher Staatsbesuchs-Diskretion und deutscher Staatsbesuchs-Weltbeglückungssucht.

          Also, es ist 1895 an Queen Victorias Tafel, sie hat Außenminister aus aller Welt zu Gast.
          Passiert ihr plötzlich etwas Menschliches.
          Steht der französische Außenminister auf, verbeugt sich, murmelt „je m’excuse-!“, setzt sich.
          Passiert Queen Victoria wieder etwas Menschliches.
          Steht der italienische Außenminister auf, verneigt sich, murmelt „scusatemi-!“, setzt sich wieder.
          Passiert Queen Victoria wieder etwas Menschliches.
          Springt der deutsche Außenminister auf, knallt die Hacken zusammen und bellt, „den drittn, viertn und fünftn Furz übanimmt de deutsche Reichs-Rejierunk!!“

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  2. Die Selbsthasser hassen uns gleich mit („Das WIR entscheidet“).

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    • … habe mir neulich Fotos von SPD-Präsidium angesehen (das ist irgend ein Dings aus Nasen, das die haben, nur damit’s einen runterzieht), ein Foto nach dem anderen Foto, und baaah, wenn ich da noch nicht vergrätzt war (war’s aber), dann esspehdierte der Ätz Angesichts dieses Grämiums in migränöse Untiefen des kosmischen Ätzgrames hinab, dass der Hades erbarm‘.

      Ein Rat zur Nacht: Niemals, niemals Fotos mit nur irgendwas ferne SPDeskem ansehen. Niemals. Nicht! Einfach sein lassen. Einfach gaaarr nichttt. Bitte!

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