Kartentrick

Wer mitbekommt welche – wie sage ich das jetzt höflich? – „ideologisch gefärbte“ Information über den arabisch-israelischen Konflikt immer wieder mal verbreitet wird, stolpert früher oder später über eine Abfolge von vier Karten. Die sind auch eingefärbt (und auch ideologisch – „gefärbt“ meine ich aber ganz konkret: teilweise mit grüner Farbe koloriert, und sollen eine zeitliche Abfolge darstellen.

Zuerst kommt eine Karte des privaten Landbesitzes des Fünftels des britischen Mandatsgebiets auf dem sich jetzt der Staat Israel befindet (kürzer gesagt: ohne das ganze störende Jordanien). Sowohl Land in Staatsbesitz (das überwiegend meiste) als auch das wenige Land in arabischem Privatbesitz sind grün, das andere Bissl Land in jüdischem Privatbesitz ist rot koloriert. Ja, es ist dasselbe grün, und nein, ohne Grenzlinien zwischen der einen und der anderen Sorte grünem Land. Damit suggeriert diese Karte entweder, daß Land das keinem gehört den Arabern gehören sollte, oder daß dort überhaupt jemand wohnte und es nicht einfach staatlich verwaltete Niemandswüste war. Jeder, der die Reiseberichte Mark Twains gelesen hat (tagelang ist er niemandem begegnet) weiß alles über staatlich verwaltete Niemandswüste – der einzige Sinn den diese Karte für sich allein hätte wäre zu sehen wo damals überhaupt jemand war; dazu müßte aber auch das arabische Privatland so eingefärbt werden, daß es zu sehen ist.

Die zweite Karte ist ein von den Arabern 1937 abgelehnter Teilungsplan, der nie umgesetzt wurde. Nachdem das zu Zeiten war als dringend ein Zufluchtsort aus dem Dritten Reich gebraucht wurde, ging das nach dem Motto „wir geben Euch fast alles, wenn wir nur ein Stück von der Größe eines Tischtuchs behalten können“ – und so sieht die Karte auch aus. Praktische Relevanz hat sie nie erreicht, aber: der jüdische Teil den der Kartentrick hier rot anmalen kann ist etwas größer als die besiedelten Flecken auf der vorigen Karte. Und kleiner als das spätere Israel, weshalb sie eine Art Überleitung darstellen soll.

Das spätere Israel kommt in der dritten Karte. Allerdings stammt die nicht von irgendwann, sondern aus Zeiten als Jordanien das Stück davon besetzt hatte das es aus diesem Anlass in „Westbank“ umbenennen sollte, und Ägypten Gaza. Das würde die Leute ja nur verwirren wenn zwischendrin die roten Flecken mal größer und mal kleiner werden würden. Dementsprechend ist Israel komplett rot gefärbt bis auf das jordanisch besetzte Stück, das ist grün. In manchen Versionen wird Gaza unter den Tisch fallen gelassen, manchmal auch nicht. Eine Karte aus der Zeit zwischen 1967 und den Oslo-Abkommen fehlt in jedem Fall – das war die Sache mit den größeren und kleineren roten Flecken – denn als letztes kommt gleich:

Die vierte Karte, die aktuell ist. Auf dieser sind nur die Gebiete grün eingefärbt, die unter voller Kontrolle der PA sind (in anderen Versionen sind auch die Gebiete mit gemeinsamer Verwaltung hellgrün).

Nur „noch“. Denn alle vier Karten zusammen sollen die Botschaft übermitteln daß die arabischen Gebiete immer kleiner werden: vier Bilder sagen mehr als tausend Worte.

… und jedes davon ist gelogen, wie es einmal jemand fortgesetzt hat der über ein ähnlich ideologisch aufgeladenes Bild schrieb. Denn schaut man sich andere Karten an, lässt sich das umgekehrte feststellen:

1919 schlug die Versailler Friedenskonferenz folgendes Gebiet für einen jüdischen Staat vor (Anmerkung: „Palästina“ bezeichnete damals noch einen jüdischen Staat, erst Arafat sollte dieses Wort sehr viel später auf sich und seine Leute beziehen):

(gefunden bei: http://myrightword.blogspot.de/2017/05/zionism-yielding-territory-since-1919.html – Stellt Euch vor, das graue wäre rot und das weiße grün)

Stattdessen kam es zum Britischen Mandat. Davon gibt es natürlich auch Karten – ganz Israel und ganz Jordanien mit einem Union Jack vollzupinseln stellt für das was die Kartentrickser darstellen wollen, nämlich den arabischen Einfluß, aber eher eine Pause dar, denn das Sagen hatten eben die Briten. Und keine der beiden Farben stellt britische Hoheit dar.

Eine Karte vom späteren Staat Israel aufzutreiben ist nicht ganz leicht; Suchmaschinen und Onlinelexika spucken nur aktuelle aus. Am nächsten kommen dem ironischerweise Karten die einfach Israel verschwinden lassen und es umbenennen. Edit: inzwischen habe ich aber eine gefunden 🙂 :

 

(Einfach das gelbe grün und das weiße rot färben, et voila.  Stammt hierher: http://www.maggiesnotebook.com/2011/05/israels-pre-1967-war-borders-what-they-mean-the-reality/)

So sah es nicht lange aus – am Tag der Staatsgründung wurde es von den Nachbarn überfallen. Bis 1967 waren von Jordanien und Ägypten jeweils Gebiete annektiert – der Rest sah mehr oder weniger so aus wie die aktuelle Karte:

( Diese Karte stammt aus dem Wikipediaartikel über Israel: https://en.wikipedia.org/wiki/Israel)

Das „besetzt“ einfach auf „von Jordanien besetzt“ respektive „von Ägypten besetzt“ beziehen und die Nachbarstaaten grün färben, dann passt auch diese Karte da hinein. Jetzt allerdings geht es ein Bißchen hin und her – das ist fast nahöstliches Leiterspiel, hier – springt mal einen Schritt wieder nach oben. Denn 1967 konnte Israel einen weiteren Überfall seiner Nachbarn so erfolgreich abwehren, daß es auch die hier grün gezeichneten Teile zurückbekam. Im Zuge der Oslo-Abkommen 1990 … nun, jetzt wird die Sache unübersichtlich, jedenfalls gehts zurück zur unteren Karte. 2005 wurde der Gazastreifen (das grüne Teil am Mittelmeer neben Ägypten) de facto autonom. Was auf dieser Karte sonst noch grün ist, ist inzwischen in einen Flickenteppich aus Gebieten unterteilt, die teilweise unter der Verwaltung der PA, teilweise unter der Israels – und teilweise teilweise unter der einen und teilweise unter der anderen stehen (beide teilen sich hier die Verwaltung – daran, daß man mathematische Zeichen im Text bräuchte merkt man, daß man eigentlich nicht weiß, was man sagen will 🙂 ).

So ist das heute. Und in Zukunft?

Wenn ich jetzt dasselbe machen würde wie die Kartentrickser und Karten einbeziehe die eigentlich garkeine offiziellen sind, würde ich ja diese Karte nehmen:

Die stammt aus einem Artikel, der sich zurecht darüber beschwert daß Israel dort gar nicht mehr auftaucht: http://antisemitism-europe.blogspot.de/2017/06/france-israel-not-mentioned-on-agence.html

Das wird wohl auch das Ziel der ursprünglichen Kartenserie sein. Nicht auf der Karte, sondern in der Landschaft.

Es ist zum speibmn.

(Fußnote: auf die Idee für diesen Artikel gebracht hat mich diese Übersetzung von heplev: https://heplev.wordpress.com/2017/05/26/landkarte-zionismus-gibt-seit-1919-ab/ )

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Veröffentlicht am Juni 11, 2017 in .Nahost, Kein Smalltalk und mit , , , getaggt. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink. 3 Kommentare.

  1. Dankesehr 🙂
    Hach ja, wie viele Landkarten vom schlimmen roten Judenkraken da draußen so im Umlauf sind, nicht?
    Noch nie ist mit einer Landkarte soviel Fälschermüh‘ getrieben worden wie mit dieser einen kleinen Landkarte von dem kleinen Gebiet, in dem der jüdische Staat zu liegen wagt.
    Seit sibbenzich Jahren wird da draußen permanent der Judenkrake hingemalt, der sich Land hineinkrakt.

    Während bei all dem Gelüge über den ‚zionistischen Landhunger‘ permanent etwas fehlt, und zwar der größere Landkartenmaßstab. Nicht? Wenn die Landkarte nämlich von Algerien (links) bis zum Irak (rechts) reicht und 1948 beginnt, sieht man die jüdisch-roten Flecken aus Algerien, Libyen, Tunesien, Ägypten, Saudi-Arabien, Jordanien, Irak, Syrien und dem Libanon plötzlich verschwinden.
    Die plötzlich verschwundenen Flecken sind die Million vertriebener Juden, die dort teils über Jahrtausende gelebt hatten.

    Diese jüdischen Vertriebenen haben seitdem von niemandem eine Wiedergutmachung erhalten. Bloß Israel hat sie sofort aufgenommen, ohne Unterschied.

    Während die etwa siebenhunderttausend Araber, die 1948 zumeist freiwillig das entstehende Israel verlassen haben (in der Hoffnung, dass sie bald in die schöneren Häuser der Juden einziehen, die dann ins Meer getrieben sind) bis heute von keinem arabischen Staat aufgenommen und integriert worden sind. Außer in Jordanien müssen diese Araber, staatenlos in jetzt der vierten Generation, in Lagern leben. Von Gleichberechtigung mit anderen Arabern keine Spur.

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  2. Nachdem Links im Buurmannblog nicht immer funktionieren, lagere ich einen der grob zu diesem Thema passt hierhin aus, damit ich mich dann selbst zitieren kann, zitierenderweise:
    hier klicken
    talk about meta.

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