Feinverstaubt

Keiner soll sagen daß ich hier nicht auf Leserbriefe antworte 😛 : auf Aris besonderen Wunsch bringe ich meine Antwort aus dem Autoabgasthread bei TiN hier nochmal als gesonderten Artikel. 🙂

In Gerd Buurmanns Artikel ging es um den unsäglichen Tweet eines WDR-immer-mal-etwas-anderes-Funktionärs, der mögliche Gesundheitsschäden durch Autoabgase als „vergasen“ bezeichnet hatte. Immer wenn jemand in einer ähnlichen Funktion wie der WDR-was-auch-immer-für-ein-Titel-aktuell-ist so richtig polemisch werden will, geht das nicht ohne Bezug auf die Jahre 1933 bis 45; Gerd Buurmann hat eine ganze Liste „unpassende Vergleiche sind schlimmer als die Nazis“, die aus diesem Grund auch immer länger wird; und so twitterte Jürgen Döschner: „Deutsche Automafia vergast jedes Jahr 10000 Unschuldige“.

Die Kommentatoren bei TiN waren sich mit dem Hausherrn einig, daß dieser Vergleich ein Griff ganz tief in die Kanalisation der unpassenden Vergleiche (die immer schlimmer sind, siehe oben) darstellt. Bis auf eine, die schrieb es sei an Zynismus nicht zu überbieten auf die Maßlosigkeit dieses Vergleichs hinzuweisen und das was verglichen wird in den richtigen Kontext einzuordnen, ja, das stelle eine Verhöhnung und Verspottung der „Abgasopfer“ dar, sich (Horror!) dabei zu amüsieren. Immerhin hat sie es ohne den Doppelpack „zynisch und menschenverachtend“ (c Josef Joffe) geschafft, auch wenn sie nicht ausgeführt hat, wobei sich amüsiert wird: beim Zynismus, vermutlich.

In diesem Sinne bitte nicht über das Wort „Abgasopfer“ amüsieren – ich habe schon jemanden gehört der Leute die etwas länger auf einen Zug warten müssen als „Verspätungsopfer“ bezeichnet hat. Und in dem Fall meine ich auch eher, daß die Schuld bei wem auch immer liegt, der die Zahl in die Welt gesetzt hat – und bei Jürgen Döschner natürlich, der die Unwissenheit der Leute in Gesundheitsfragen ausnutzt um Panikmache zu verbreiten. Das Folgende ist eine Zusammenfassung und Ergänzung einiger der Antworten, die ich ihr gegeben habe.

Abgasopfer durch Überschreitung der Grenzwerte?

Sagen Sie das den Leuten die lungenkrank sind, in Hamburg wohnen und während der G20 Atemprobleme hatten, weil soviel gebrannt hat. Sagen Sie das den Leuten, die Lungenkrank sind, in München wohnen und im Winter Atemprobleme haben, weil es in der Stadt vielzuviele Pelletheizungen gibt die alle viel mehr stauben als jeder Diesel. Ernsthaft: München könnte das Autofahren komplett verbieten und würde die Grenzwerte trotzdem nicht einhalten können. Aber Pelletheizungs-Staubschleudern mit richtigen Filtern nachrüsten lassen? Oh, nein! In Hamburg war während der G20 soviel Staub in der Luft, das hat sogar das Wetter in den Tagen danach geändert: die ganze Rauchwolke hat sich im feuchten Wind vom Meer mit Wasser vollgesaugt und kam tagelang als Regen runter. Und wo waren die dötschigen Weltuntergangspropheten die vom G20-Fallout sprachen? Nirgends.

Ergänzung: Es ist also öfter einmal eine ganze Menge mehr Staub in der Luft als durch Dieselruß. Das ist dann wirklich nicht schön und kann zu Atemproblemen führen, besonders bei Leuten die sie sowieso schon haben. Was ich gemerkt habe in den Tagen nach dem G20-Gipfel; schließlich kommen die Leute in die Apotheke um sich (mehr) Medikamente gegen Atemnot zu holen, die ihnen der Arzt verschrieben hat. Oder gegen Husten. Auch hier gilt aber: die Dosis macht das Gift – was ich auch daran merke daß normalerweise eben nicht soviel Gekeuch herrscht wie bei den G20. Trotz Dieselruß, weil die eben alle Filter haben. Außer, es ist im Frühjahr viel Blütenstaub in der Luft; aber der ist ja „Bio“.

Ergänzung 2: „Fallout“ ist Regen, der durch Ereignisse verursacht wird, die eine Menge Partikel hoch in die Luft blasen, wo sie als Kondensationskeime für Wolken funktionieren können (jeder Kondensstreifen eines Flugzeugs zählt im Prinzip schon dazu). Stäube in der Luft sind „Rauch“, feinverteilte Tröpfchen sind „Dampf“ – auch wenn sich „Aerosol“ viel vornehmer anhört ist es als Wort eigentlich überflüssig.

Wie kommt ein Grenzwert überhaupt zustande?

Genug von staubigen Städten: Grenzwerte sind ungefähr so festgelegt wie Tempolimits, nur noch ein Bißchen sicherer. An vielen Autobahn-Baustellen hängen Tempo-60-Schilder, in der festen Annahme daß die meisten dann mit 80 unterwegs sind, um sicherzugehen daß auch ja niemand über 100 fährt. Geblitzt wird man mit 80 freilich trotzdem und zahlt 30 Euro – aber niemand setzt mit 100 irgendwo auf oder wird aus der Kurve getragen. Wäre das Tempolimit so festgelegt wie ein Grenzwert, würde bildlich gesprochen an der Baustelle nur Schrittfahren erlaubt sein (und nichtmal das), damit auch ja keiner über 100 kommt. Mit 30 (=zehnfache Überschreitung) geblitzt müßte man freilich trotzdem den Führerschein abgeben – aber garantiert niemand versucht 100 zu fahren. Noch sicherer ist ein Grenzwert festgelegt, nicht nur für Abgase, sondern generell – weil man von dem ausgeht was die Leute auch tatsächlich vielleicht tun: die Dosis die garantiert noch niemandem schadet (sagen wir in dem Fall also 80), wird nochmal durch 100 geteilt (gibt 0,8), und das ist dann der Grenzwert. Dann müßten sogar Fußgänger (mit 3 bis 7 unterwegs) wegen 4- bis 10-facher Überschreitung des Grenzwerts Strafe zahlen – aber ganz sicher niemand versucht auch nur etwas in der Nähe dieser 80 zu fahren. Die theoretisch sogar auch noch sicher wären.

Ergänzung: von Tichys Einblick habe ich gelernt, daß diese noch-sichere-Dosis entweder toxikologisch (im Tierversuch oder neuerdings manchmal mit der Biotechnologie) festgestellt werden kann oder epidemiologisch. Also quasi empirisch aus statistischen Daten ermittelt wird – im Prinzip das was ich auch tue wenn ich sage: viele verbrannte Autos geben das große Keuchen; nur viel wissenschaftlicher. Beide Werte unterscheiden sich etwa bei Stickoxiden dramatisch – das ist das Beispiel das Tichy anführt: dort berträgt der toxikologische Grenzwert das 24fache des epidemiologisch ermittelten. Und ersteren hätten die fraglichen Diesel wohl eingehalten. Der gilt aber nur für Innenräume, nicht für die Straße. Man sollte mehr Tunnel bauen oder die Straße zum Innenraum erklären, dann wäre alles in bester Ordnung. Soviel aber zu Abgasopfern…

Warum ist die Bezeichnung „vergasen“ daneben?

Nochmal zurück zum Vergleich: die Assoziationen die der Leser wahrscheinlich hat machens aus – das nennt sich semantischer Hof. Im Beispiel mit dem Tempolimit kann ich von Autobahn und Führerschein und von (Ab)gas reden, ohne daß ein Leser etwas anderes denkt als daß es darum geht wie schnell man wo fahren darf ohne der Erlaubnis verlustig zu gehen: das assoziiert man mit „Tempolimit+Autobahn+Führerschein“. Meistens. Wenn ich einen Absatz drüber das durch Staub verursachte abregnen – obwohl faktisch korrekt – als „Fallout“ bezeichne, weil ich mir einen Vergleich überlege der genauso unglücklich wie der mit dem vergasen sein könnte, assoziiert man damit atomaren Fallout. Auch eine Assoziation, aber die falsche, weil mit ihr zwischen den Zeilen ein absolut maßloser Vergleich steht. Und genauso wie sich ein Herr Döschner beim Wort „Fallout“ vorher denkt: besser nicht, dann denkt jemand ziemlich wahrscheinlich Hiroshima und Tschernobyl!, damit mache ich die Opfer klein und mich lächerlich, müßte er sich beim Wort „vergasen“ vorher denken: besser nicht, dann denkt jemand ziemlich wahrscheinlich Gaskammer!

Tut er aber nicht. „Manche Blödheid ist so groß daß der Unterschied zur Absicht verschwindet“ ist da noch die freundlichste Interpretation.

Ergänzung: später mußte ich nochmal klarstellen daß es um die Opfer des Atombombenabwurfs ging…

Ergänzung 2: der semantische Hof sind alle Assoziationen die jemand zu einem bestimmten Wort hat. Im Zeichentrickfilm Ratatouille (guter Kinderfilm über eine anthropomorphische Ratte als Koch) riecht eine der Personen den Duft eines von der Ratte Remi gekochten Essens, und dann gibt es eine kurze Rückblende mit seiner Mama die ihm als Kind genau dieses Essen zum Trost kocht als er vom Fahrrad fällt. Wäre der Essensduft ein Wort, dann ist diese Rückblende der semantische Hof.

War sie damit zufrieden?

Nö. Alle meine mühsamen Erklärungen waren dann „Relativierung“. Ohne sie gelesen zu haben. Weshalb ich dann richtig ins schimpfen kam, und das hörte sich dann so an:

mit dem Finger woanders hin zu zeigen
Sie haben schon gelesen was ich geschrieben habe, oder was Sie sich vorstellen was ich geschrieben haben könnte? Es geht um Feinstaub, und um die Grenzwerte für Feinstaub, und darum, daß es Dieselopfer nicht gibt. Nochmal zum mitschreiben: nicht geben kann, weil Grenzwerte eben so sicher ausgelegt sind, damit es keine Opfer von wasauchimmer man begrenzen wollte geben kann, selbst wenn sie überschritten werden. Dann erkläre ich Ihnen lang und breit zuerst Beispiele von Grenzwerten, für Feinstaub (also nichts anderes, von wegen „woanders“!) die weit überschritten werden (in München sogar regelmäßig), ohne daß es „Staubopfer“ zu beklagen gibt. Damit Sie einordnen können, was das heißt mit dem Feinstaub (mit nichts sonst). Nochmal: was die Autohersteller tun ist Betrug, es sollte nicht sein und auch geahndet werden – aber der einzige Schaden den jemand hier davonträgt kann finanzieller Natur sein, weil sie sich ungerechtfertigt bereichern. Beklaut werden macht nicht krank.

Dann erkläre ich Ihnen lang und breit wie ein Grenzwert zustandekommt (Sie erinnern sich? Als ob man in einer Baustelle 0,8 km/h fordert, weil 80 die garantiert noch sichere Geschwindigkeit ist, und dann die Fußgänger blitzt wegen Überschreitung. Ich kann nichts dafür, so wird ein Grenzwert nunmal festgelegt). Damit Sie einordnen können, was das heißt mit dem Grenzwert (mit nichts sonst).

Wenn Sie Angst vor einer harmlosen Winkelspinne haben, und Ihr Therapeut zeigt Ihnen erst Bilder von Vogelspinnen (=Gefährlichkeit, i.e. Grenzwert einordnen), und gibt Ihnen dann eine Spinne auf die Hand (=selbst erleben, i.e. Beispiele stark überschrittener Feinstaubgrenzwerte ohne Feinstaubopfer) – dann würden Sie ja auch nicht sagen er macht es falsch und meine Angst klein; daß Sie die loswerden wollen war ja Sinn der Sache.

Schließlich: die Opfer, die der Falloutvergleich kleinmacht, sind die Opfer der Atombombenabwürfe, durch den Vergleich mit dem schlechten Wetter in Hamburg, nicht etwa die G20-Anwohner mit denen sie verglichen werden. Und die Opfer, die der Vergasungsvergleich kleinmacht, sind die Opfer des Holocausts, durch den Vergleich mit der Angst vor Dieselruß, nicht etwa diejenigen mit denen Sie verglichen werden.

Was Sie hier tun, indem Sie sagen ich mache die „Dieselopfer“ klein indem ich ihnen den Vergleich mit dem Dritten Reich nehme, ist eine Mobbingtaktik, es ist fies, Sie hauen mir mit der Implikation um die Ohren ich würde diese Leute gerne persönlich umbringen indem ich ihnen den maßlosen Vergleich mit dem Dritten Reich nehme; und wer Leute gerne umbringen will sollte gefälligst die Klappe halten und nicht darauf hinweisen daß der Vergleich vielleicht maßlos überzogen ist, und schon garnicht erkären warum!
Das ist fies, das ist ungerechtfertigt (bevor Sie das tun sollten Sie gefälligst belegen daß es tatsächlich einen Völkermord mit Dieselabgasen gibt, und daß ich den unbedingt will), es ist ein Totschlagargument um sich ja nicht durchlesen zu müssen was ich denn eigentlich schreibe – und Sie sollten sich dafür entschuldigen.

 

Und dann?

Hat sie wieder nicht gelesen.

Advertisements

Veröffentlicht am August 2, 2017 in Kein Smalltalk, Krankheit, Politik und mit , , getaggt. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink. 3 Kommentare.

  1. 🙂
    Schankedön, Aurorula.

    Tja, der Dauerkonflikt zwischen angreifenden Ideologen und konsternierten Fachleuten, die es immer nicht fassen können, wie halbseiden und sachlich unfundiert die Ideologen scheinargumentieren.

    Wie sagte Lenin eben nicht: An ihren miesen Methoden sollt ihr sie erkennen.

    Gefällt 1 Person

  2. Gutartiges Geschwulst

    Dein Artikel ist wirklich informativ und lesenswert, liebe Aurorula! Leider entspricht es dem Wesen dummer Menschen, dass sie gegen Fakten resistent sind.

    Gefällt 2 Personen

antworten

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: