Interessierte Öffentlichkeit

Auch wenn das eine wenig bekannte Tatsache ist: doch, die Auszählung der Stimmzettel bei Wahlen ist tatsächlich öffentlich. Jeder darf theoretisch zugucken – rein praktisch ist das zwar ungefähr so, wie sich die Zeitlupe der WM-Tore anzuschauen: Tor gibt der Schiedsrichter, und die Zeitlupe gäbs theoretisch – also wer würde es schon tatsächlich angucken?

Ich. Also die Auszählung, nicht den Fußball. Einfach interessehalber war ich heute spontan inoffizieller Wahlbeobachter, „interessierte Öffentlichkeit“ und als Blogger irgendwo auch „von der Presse“.

Außer der Erkenntnis daß die Wahlauszählung öffentlich ist (auch wenn kaum jemals tatsächlich jemand zuguckt) gibt es noch ein paar andere Dinge bei denen ich mir gedacht habe: eigentlich logisch, aber sonst fällt das nicht so auf. Im Gegensatz zur Form der Wahlurne, die fällt jedem auf: daß die Wahlurnen wie Müllkübel aussehen habe ich ja schon mehrfach angemerkt; und irgendwelche Sprüche über Papierkorb-Stimmen sind wohl auch sehr häufig.
Damit die Stimmen nicht wirklich im Papierkorb landen schickt auch die OECD Wahlbeobachter, offizielle in dem Fall. Was nicht heißt daß wir offiziell in einer Bananenrepublik leben; aber wie hat es unbesorgt letztens ausgedrückt: ain’t your friend, the gouvernement. Stattdessen sind die Freunde und Helfer in blau vertreten: natürlich stehen alle Wahllokale von morgens an bis zum Ende der Auszählung unter Polizeischutz. Dazu kommen noch die ehrenamtlichen Wahlhelfer (beziehungsweise die „Beisitzer des Wahlleiters“), ab und zu die Hausmeisterin vom Gebäude in dem das Wahllokal ist – und natürlich kamen diejenigen die wählen wollten. Und auch das war diesmal genau wie bundesweit eine Überraschung in puncto „wer da alles kommt…“: von etwas über achthundert Wahlberechtigten die theoretisch persönlich vorbeikommen hätten können waren ziemlich genau sechshundert auch da. Drei von vier Leuten – sonst kommen deutlich weniger.
Das ist auch das erste, was gezählt wird, nämlich einfach die abgegebenen Stimmzettel. „Einfach“ schreibt sich hier so einfach, eigentlich ist es dreifach: es werden nicht nur die Stimmzettel gezählt – mehrfach – sondern auch die mitgebrachten Wahlscheine (Wahlbenachrichtigungskarten, so ein Wort gibt es wohl nur im deutschen) und die Einträge im Wählerverzeichnis. Heute stimmt alles, hurra, es ist kein Stimmzettel beim auskippen unter den Tisch gerutscht und niemand hat sich verzählt. Die Reihenfolge der oben erwähnten Zettel mit dem Bandwurmnamen sollte übrigens auch nicht durcheinandergeraten – in den nächsten Tagen schaut nochmal jemand im gesamten Wahlkreis für alle Wahllokale, ob diese Karten auch wirklich alle da sind und nicht vielleicht im Verzeichnis jemand erfunden wurde.
Und dann geht die Zählerei so richtig los. Montesquieu würde blass werden vor Neid, was da alles aufgeteilt und zusammenaddiert und protokolliert wird und untereinander stimmen muß. Wer auch immer sich das ausgedacht hat, hat wirklich niemandem getraut. Es werden Wahlzettel gezählt die beide Stimmen für dieselbe Partei haben, beide Stimmen für unterschiedliche Parteien, nur eine Stimme vergeben, leer sind, und bei denen nicht so ganz klar ist ob sie denn gültig sind.
Was mir zwei Aha-Erlebnisse bringt. Zum einen: es müssen logischerweise nicht beide Stimmen für dieselbe Partei sein – aber sogar wenn jemand nur eine von beiden Stimmen abgeben will (also nur zwischen Kandidaten oder zwischen Parteien wählen will) gilt die abgegebene Stimme selbstverständlich trotzdem, auch wenn sich jemand bei der anderen enthält. Es ist überhaupt fast unmöglich, ungültig zu wählen: solange zweifelsfrei erkennbar ist was gemeint ist und nicht nachzuvollziehen von wem der Stimmzettel stammt, gilts. Sogar eine Anmerkung die sich strikt auf eine Änderung auf dem Wahlzettel bezieht wäre erlaubt (anderes Geschreibsel allerdings nicht). Wenn jemand also das Kreuz erst an der falschen Stelle macht, es dann ändert und irgendwas in Richtung „dieses ist das richtige“ schreibt – geht das. Dafür werden die vielleicht-doch-gültigen Stimmen gesammelt, dann müssen nämlich mehrere Leute unterschreiben daß sie dasselbe gesehen haben.
Die andere Erkenntnis ist, daß das auch tatsächlich jemand jeweils tut. Nur eine Stimme abgegeben, zuviele Stimmen abgegeben, trollen auf dem Stimmzettel, leere Zettel; alles dabei – und bei einem Zettel frage ich mich: ??? Er ist komplett durchgestrichen; selbst da wird noch die Frage gestellt ob da das Kreuz nur über den ganzen Zettel geht und eindeutig bei einer Partei ist, ist es aber nicht, das ist auf der Mitte des Wahlzettels. Der ist ungültig – im Gegensatz zu dem bei dem die ganze linke Hälfte durchgestrichen und nur mit der Zweitstimme gewählt ist: der gilt nur für die Zweitstimme, aber er gilt. Eindeutig.
Dann sind sämtliche Erbsen für checks and balances zerquetscht – und erst dann werden tatsächlich auch die abgegebenen Stimmen gezählt (in der Reihenfolge wie oben, nochmal zusammengeschmissen werden sie wenigstens nicht). Noch etwas an das man vielleicht nicht denkt: nicht nur Wahlzettel, Kugelschreiber, Wahlkabinen, Urnen, Listen, Kartons, Klebeband, undsoweiter wasmanbraucht werden bundesweit verschickt – es werden sogar Taschenrechner mitgeschickt. Quasi inoffiziell-offizielle Taschenrechner, das ist wirklich one step beyond.

Nun, es wird also ausgezählt und zusammengezählt – alles stimmt mit den Stimmen, falls sich jemand aus versehen verzählte wird immer alles von mindestens zwei Leuten gezählt – ich sehe mir alles an und stelle ab und zu eine Frage – und dann ist es zwei Stunden später fertig ausgezählt.
Theoretisch würde jetzt beim Bundeswahlleiter angerufen und ein „Schnellergebnis“ durchgesagt. „Schnell“ deswegen weil die Stimmen für den gesamten Wahlkreis nochmal gezählt werden, nur nicht hier und heute.

Beim Bundeswahlleiter ist besetzt. Das Radio im Wahllokal funktioniert nicht; und weil mein Telefon das einzig internetfähige ist gucken derweil alle bei mir auf dem Handybildschirm die Hochrechnungen an, bis der Wahlleiter auf dem offiziellen Telefon zurückruft.
Bei der nächsten Wahl bekomme ich (freiwillig) einen Schrieb, ob ich mithelfen will – das kann nämlich auch jeder der möchte.

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Veröffentlicht am September 24, 2017 in Kein Smalltalk, Politik und mit getaggt. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink. 6 Kommentare.

  1. … hast aufgepasst, dass die fast-aber-nicht-ganz-ungültige Stimme für die Sozialistische Reichspartei nicht einfach untern Stimmzettelpapierkorb rutscht, sondern richtig weggeschmissen wird 🙂

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    • 🙂

      So ungefähr zwei Dutzend Stimmen waren dabei für Parteien von denen ich noch nie was gehört habe und/oder nicht geglaubt hätte daß jemand sie ernsthaft wählt.
      „Bündnis bedingungsloses Grundeinkommen“ und ähnliches. Häh? DIe wollen doch auch nur die berühmten 83 Cent pro Wählerstimme und sonst nix.

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      • … wohl ein Bündnis wie das Bündnis 90/De Jröönen, nur mehr sozialistisch-reichsparteilich.
        Was gab’s da noch?, die Tierschutzpartei bestimmt, sind das Veganer, die für ein allgemeines Kutschen- und Kanarienvogelverbot sind?, und die Deutsche Mitte gibt’s wohl auch noch?, die sind alles, nur nicht Mitte 😀 , sondern da hörstelt ein Herr Hörstel von der zionistischen Weltverschwör‘.

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        • Die gibts alle drei: Tierschutzpartei, eine Partei der Veganer (sie nennt sich V-Partei), und theoretisch die Zentrumspartei – die kandidiert in diesem Wahlkreis aber nicht.

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        • … ’s gab auch noch was mit Vau, las ich jüngst, die Violetten 🙂 , also da hat man als Bio ja größte Wahlen der Qualen, ob man nu die Veganerpartei oder die violette Spiritualistenpartei wählt, obwohl die ja im Grund nur für die Freigabe von Drogen ist, so wie die Piratenpartei.

          Fehlt eine B-Partei, die das Besäufnis für jedermann jeden Tag will. Man müsst‘ die gründen. Aber dann kommen wieder die Leutz‘ und werfen einem vor, man sey Spaßpartei. Hach!

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  1. Pingback: Hamburg: sehr rot | kleines Südlicht

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