A Weng s’Kalender, Tür 4 und 5

Tür 5, für heute, zuerst, nämlich Jan Weiler der versucht einen dieser Kindergartennikolausabende zu sabotieren – und es nicht schafft:

Höchstwahrscheinlich war das Sarahs Idee. Bestimmt hat sie mich vorgeschlagen, den Nikolaus im Kindergarten zu machen. Kann ich mir genau vorstellen, wie das gelaufen ist. Die rauhen Frauen, mit denen sie dort einmal pro Monat zusammensitzt, um zu erörtern, wo bei den Kindern die Grenze zwischen ‚lebhaft‘ und ‚asozial‘ verläuft, diskutierten wahrscheinlich darüber, wer von den männlichen Erziehungsberechtigten als Bischof am besten geeignet wäre. Und meine zauberhafte Frau hat dann gesagt: „Das kann ruhig mein Mann machen, der macht ja sonst nix. Und außerdem muß ich immer diesen Kindergartenkäse mitmachen, und er drückt sich davor, weil er insgeheim Angst vor Euch hat.“ Gut, den letzten Satz wird sie nicht gesagt, aber gedacht haben. Und damit hat sie nicht ganz unrecht.
Sie kam nach hause und ich fragte: „Na, wie war es in der Neigungsgruppe Männerhass?“ Sie antwortete: „Gut, wir haben einstimmig beschlossen, daß Du dieses Jahr der Nikolaus bist.“
„Was heißt einstimmig? Ich bin dagegen!“
„Aber Du warst nicht da.“
„Barack Obama war auch nicht da. Müßte der das jetzt machen, wenn Ihr ihn gewählt hättet?“
„Das Kostüm gibt es im Büro. Du mußt es mittags abholen und dann pünktlich um 17:00 Uhr ans Fenster klopfen. Der Sack mit den Geschenken steht neben der Papiertonne. Und das Buch auch“ Das kannte ich schon: Die Eltern bekleben je eine Seite in dem großen Buch mit einer Art Zeugnis für ihr Kind. Meistens stand drin, daß der Korbi sein Zimmer schon ganz toll aufräume, jedoch bitteschön den Kopf seiner kleinen Schwester künftig nicht mehr im Klosett untertauchen möge. Als Nikolaus hatte ich dies mahnend vorzutragen und dann dem zauberhauften Korbi das für ihn vorgesehene Geschenk zu überreichen. Die Päckchen im Sack waren mit Namensschildern versehen. In Nicks Gruppe gab es sechzehn Kinder.
Um halb fünf zog ich mich um. Griechische Bischofsmontur, total stilecht. Allerdings roch der Bart ziemlich streng. Der Hund erkannte mich nicht und biß bellend in mein Gewand. Ich nahm dies als Kompliment für meine Verkleidungskunst, die ich mit einer ausrangierten Brille krönte. Die Gläser waren viel zu schwach. Dann setzte ich mich ins Auto. Ich parkte hinter dem Kindergarten, holte mir Sack und Buch und klopfte mit dem Bischofsstab ans Fenster. Ich rief: „Ho! Ho! Hoooo!“ Eine Kindergärtnerin öffnete das Fenster und rief verzückt nach hinten: „Nun guckt mal, wer da ist!“ Und zu mir sagte sie leise: „Bitte nicht Ho-Ho-Ho. Das ist Amischeiße. Wir sagen: ‚Hallo Kinder, laßt mich ein, ich will so gerne bei Euch sein.‘ Okay?“ Dann öffnete sie die Tür, ich kam hineingestolpert (der Umhang, die Tür, der Sack) und rief: „Hallo. Laßt mich rein, Kinder, laßt mich rein, damit ich bei Euch sein kann.“
„Das reimt sich garnicht“, rief ein kleiner Klugscheißer, den ich rasch als die Pest aus dem Haus gegenüber identifizierte. Seine Eltern waren genausoschlimm wie er, bloß älter. Und häßlicher.
Ich setzte mich auf einen kleinen Stuhl. Mir war warm. Ich wollte nach hause. Nachdem ich dreimal tief geatmet hatte, machte ich mir ein Bild von meinem Publikum. Sechzehn Kinder, vier Erzieherinnen. Der Duft von Früchtetee. Mein Sohn Nick saß in der ersten Reihe und hatte vor Aufregung knallrote Wangen, soweit ich das mit der alten Brille erkennen konnte. Ich wollte grade anfangen mit dem Buch, als die kleine Claire anfing zu weinen.
„Wasn los?“, fragte ich. „Ich habe doch noch garnicht angefangen!?“
„Du bist so gruselig“, rief Claire, und das tat mir leid. Und außerdem stimmte es garnicht. Ich glaube eher, da stimmt was in der Familie nicht. Da muß man mal mit dem Jugendamt hin. Meine Meinung. Egal.
„Das wird alles nicht so schlimm“, sagte ich in väterlichem Ton. Ich ob das Buch hoch, schlug es auf und brummte: „Na, wo ist denn der kleine Finn?“ Der kleine Finn hob die Hand, und ich brummte weiter: „Soso, Du bist der Finn.“
„Nein, ich bin der Konstantin, und ich muß aufs Klo.“
Ich winkte mit dem Bischofsstab und sagte: „Dann geh mal, mein lieber junger Freund.“
Ich blätterte in den großen Buch, in dem alle Eltern kurze Erziehungshinweise zum Wohle ihrer Kinder eingetragen hatten. Himmel, war das warm hier. Durst! Und der Schweiß rann in den Bart, welcher kunstvoll mit der Mitra verbunden war. Er fühlte sich an wie ein zweihundert Grad heißer feuchter Flokati. Ekelhaft.
„Dann wollen wir mal sehen“, brummte ich nikolausig. „Wer von Euch ist denn nun der Finn?“
Ein kleiner blonder Bursche hob die Hand. „Eine Frage“, sagte Finn.
„Schieß los“, sagte ich jovial.
„Wo ist eigentlich Dein Krampus?“
Der Krampus ist eine Art höllisches Zottelwesen und gehört zum süddeutschen Nikolaus-Brauchtum. Er sieht aus wie die Morlocks in dem Film „Die Zeitmaschine“. Häufig taucht er im Rudel auf und soll die unartigen Kinder erschrecken. In anderen Gegenden Deutschlands gibt es den Knecht Ruprecht. Er verhält sich zum Nikolaus in etwa wie der FDP-Generalsekretär Dirk Niebel zu Günther Westerwelle.
„Ich brauche keinen Krampus“, sagte ich beleidigt.
„Wenn Du keinen Krampus hast, dann bist Du garnicht richtig.“
„Hast Du eine Ahnung. Wenn Du nicht still bist, dann fresse ich Dich vor den Augen Deiner Kumpels einfach selbst auf. So! Haps!“
Sofort fing Claire wieder an zu heulen. Aber darauf konnte ich keine Rücksicht mehr nehmen. Zeit ist Geld. Auch ein Nikolaus muß effizient arbeiten.
„So, Finn, hier lese ich daß Du schon ganz toll Deinen Teller abräumst und gerne mit dem Hund spazierengehst. Das ist ja schön.“
„Woher weißt Du das?“
„Das steht hier.“
„Und wer hat das da reingeschrieben?“
„Ist doch egal“, brummte ich.
Ich wollte die Sache nun endlich hinter mich bringen. Ich sagte: „Du mußt aber auch Dein Zimmer aufräumen. Okay? Nun bekommst Du ein Päckchen aus dem Säckchen, und Du darfst es erst öffnen, wenn ich weg bin. Ihr müßt alle warten, bis jeder eines hat.“ Dazu hatte mir Sarah geraten. Ansonsten würde die Aufmerksamkeit zu schnell nachlassen. Und dann kam mir eine teuflische Idee: Ich griff in den Sack, nahm ein Geschenk heraus und entfernte rasch das Namensschildchen darauf. Finn erhielt also nicht sein Päckchen, sondern irgendein Päckchen. Hohoho. Nikolausens Rache.
Ich machte weiter. Jedes Kind schimpfte ich zunächst milde und bescherte es dann mit einem Päckchen. Schließlich erhob ich mich ächzend, teilte der Truppe mit, daß ich einen schweren Bandscheibenvorfall habe, leider gesetzlich versichert sei und nun nach hause müsse, um dort Kindersuppe zu kochen, was Claire dazu veranlasste, aufzukreischen und in den Schoß der Gruppenleiterin zu flüchten. Dann ging ich, mit dem Bischofsstab winkend. Im Hinausgehen hörte ich noch, wie der erste rief: „Was soll ich denn mit dem Mädchenkram hier?“ Dann war ich weg.
Sarah holte unseren Nick eine Stunde später ab. Er war ganz zufrieden mit seinem rosa Spiegelchen, obwohl Sarah ihm eigentlich eine Playmobilfigur gekauft hatte. Am nächsten Tag brachte ich Nick in den Kindergarten, und die Erzieherin bedankte sich herzlich bei mir für die wunderbare Idee, die Kinder zur Kommunikation und zum Tauschen angeleitet zu haben. Das sei pädagogisch unheimlich wertvoll gewesen, und sie habe mir diesen Weitblick garnicht zugetraut. Mist: jetzt muß ich jedes Jahr ran.

Und für gestern (Tür 4): Ich hatte vorgestern Lily Brett über Weihnachten in Australien; mehr von Lily Brett habe ich leider nicht, aber mehr über Weihnachten in Australien hat BobInOz: http://www.bobinoz.com/blog/3580/another-great-australian-christmas-song-sing-a-long/ (leider hat er die Video-Version des australischen Weihnachtslieds inzwischen ausgetauscht, aber der Text ist lustig 🙂 )

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Veröffentlicht am Dezember 5, 2017 in Kulturelles, Smalltalk und mit , getaggt. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink. 2 Kommentare.

  1. [Edit und Anmerkung Aurorula: auf Aris Wunsch bringe ich das als eigenen Beitrag raus 🙂 ]

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