A Weng s’Kalender, Tür 6 und 7

Es stehen noch zwei Beiträge im Stau 😳 , nämlich Tür 6 & 7 (hiersindsie, hiersindsie!), und Tür 8 & 9 (die folgen). Das Blog und ich bitten um Entschuldigung für die technischen Schwierigkeiten und wirklich langen Ladezeiten.

Am 5. Dezember hatte ich ein Weihnachtslied mit neuem Text gepostet. In dem Fall war der andere Text Absicht – oft genug ist er das aber nicht, sondern poetischer Verhörer a la „in Beethovens Stall“. Mehr über die Verhörer von Axel Hacke und Michael Sowa als Tür 5:

Holger, Knabe im lockigen Haar – Was man Weihnachten alles zu hören bekommt
Weihnachten wird viel gesungen in Familien überall auf der Welt. Vielleicht beginnen wir mit einem der berühmtesten Verhör-Fälle, nämlich Rudolph, the red-nosed reindeer, hierzulande bekannt als Rudolf Rotnase, das Rentier. Da heißt es im Text des Liedes, Rudolf habe eine leuchtende, geradezu rot-glühende Nase gehabt – und weiter:
‚All of the other reindeer
used to laugh and call him names…‘
Also: Alle Rentiere lachten und spotteten über ihn. Viele amerikanische Kinder aber hören Jahr für Jahr:
‚Olive the other reindeer
used to laugh and call him names…‘
Also gibt es da nur ein anderes Rentier namens Olive, das den Rudolf hänselt. Der Fall ist so berühmt, daß Vivian Walsh und J. Otto Seibold ein schönes Kinderbuch verfasst haben, in dem ein kleiner Hund names Olive die Hauptrolle spielt. Olive hört das Lied und kommt in eine Identitätskrise, fühlt sich als Rentier angesprochen und bricht zum Nordpol auf, um sich für die Rentierherde des Weihnachtsmannes zu bewerben…
So gehört Olive in eine Reihe mit den vielen anderen Wesen, die aus Verhörern entstanden sind, ‚Gladly, the cross-eyed bear‘ zum Beispiel, Gladly, der schielende Bär, der seine Phantasieexistenz dem anglikanischen Kirchenlied Gladly the cross I’d bear verdankt. Und ‚Round John Virgin‘, dem dicken John Virgin, der dem englischen Text von Stille Nacht entstammt, in dem es heißt:
‚Silent night, holy night
all is calm, all is bright
round yon virgin mother and child…‘
Im deutschen Text des Liedes fühlte sich einst Holger, der kleine Bruder von Herrn D. aus Mainz, sogar persönlich besungen. Er hörte Jahr für Jahr:
‚Holger, Knabe im lockigen Haar
Schlaf‘ in himmlischer Ruh!‘
Das Holde ist als Wort dem Kind nunmal ebenso fremd wie die Gnade, weshalb sowohl Herr K. aus München als auch Herr P. aus Trier berichten, in ihren Familien sei die Zeile von der ‚gnadenbringenden Weihnachtszeit‘ oft als ‚Knaben bringende Weihnachtszeit‘ aufgefasst worden, was nicht ganz ohne Logik ist, bedenkt man noch die Post von Frau K., die von einer Freundin ihrer Mutter schrieb, die plötzlich abends ihren fünfjährigen Sohn beten hörte:
‚Maria, Du bist voller Knaben.‘
Wie es im Himmel zugehen mag, davon machen sich viele Kinder gerade zu Weihnachten ein eigenes Bild. Zahlreiche Leser schrieben, sie hätten bei Ihr Kinderlein kommet statt ‚Hoch droben schwebt jubelnd der Engelein Chor‘ gehört:
‚Hoch droben schwebt Josef den Engeln was vor.‘
Wohingegen im Hause der Familie F in Stadthagen jedenfalls das Christkind nicht schwebte, sondern… Die Eheleute F. berichteten in einem gemeinsam unterzeichneten Schreiben, ihr vierjähriger Enkel Karl habe das Alle Jahre wieder so vorgetragen:
‚Alle Jahre wieder
kommt das Christuskind
auf die Erde nieder,
wo wir Menschen sind.
Kehrt mit seinem Segen
ein in jedes Haus,
geht auf allen Vieren
mit uns ein und aus.‘
‚Wie alle frommen Seelen wissen, muß es heißen: ‚Geht auf allen Wegen…“, schrieben Herr und Frau F.
Aber das muß man uns ja nicht erzählen.
Dr. P. aus Greifenberg schrieb: ‚Unser Sohn Martin, Heiligabend 1962 knapp drei Jahre, fragte als wir nach der ersten Strophe von Ihr Kinderlein kommet Atem schöpfen wollten: ‚Wieso eigentlich in Beethovens Stall?“
Welch seltsame Personen an welch seltsamen Orten da den Kindern zu Weihnachten gegenübertreten – und wie sie aussehen!
Da ist der Herr Rhodes, der in Wahrheit Herodes heißt – Frau H. aus Bischofsgrün berichtete von ihm.
Da ist die Julia, die in Kirchen so oft mit herzlich lautem ‚Hallo, Julia!‘ gegrüßt wird, jedenfalls verstand die Enkelin von Frau M. aus München das Halleluja so.
Und da ist der bekannte Gottessohn Ovi aus der Stillen Nacht:
‚Stille Nacht, heilige Nacht / Gottes Sohn Ovi lacht / lieb aus Deinem göttlichen Mund…‘ Von dem erzählen viele.
Ja, und da wäre noch Herr K. aus München, dessen Vater in Am Weihnachtsbaume, die Lichter brennen die Zeile ‚…kein Auge hat sie kommen sehn‘ Jahr für Jahr sang als ‚…kein Auge hats und konnte sehn.‘
Herrn W. aus München wollen wir nicht vergessen, dessen kleiner Bruder im Alter von fünf Jahren zwei Zeilen in Leise rieselt der Schnee immer mißverstand. Im Original heißen sie:
‚In den Herzen wirds warm
still schweigt Kummer und Harm.‘
Der Bruder hörte:
‚in den Herzen wirds warm
still schweigt Kummer und Darm.‘
In die Reihe von Olive bis Holger gehört auch noch der Schuldi, den Frau H. aus Bonn, Herr E. aus dem Münsterland und Herr W. aus Bergisch Gladbach unabhängig voneinander am Ende des Vaterunsers entdeckten: ‚…wie auch wir vergeben unserem Schuldi gern.‘
Auf englisch heißt das: ‚Forgive us our trespasses…‘
Aber es gibt viele Menschen, die verstehen: ‚Forgive us our Christmasses…‘
Nun stimmen wir ein in den Gesang der kleinen Annalena aus München, deren Großmutter, Frau S. aus München, berichtete, sie habe vor Jahren am heiligen Abend so laut und schön gesungen:
‚Oh Tannenbaum, oh Tannenbaum,
wie grinsen Deine Blätter.
Du grinst nicht nur zu Sommerszeit,
nein auch im Winter wenn es schneit.‘

… und dazu gibt es auch ein zweites Kapitel (über Kirchenlieder im Allgemeinen), das folgt als Tür 6:

Der Herr hat sieben Zähne: Die Kirche als Ort großer Mißverständnisse
Herr U. aus Altötting schrieb mir, er habe als Kind immer ein altes, mittlerweile verschwundenes katholisches Kirchenlied gesungen, das Herz Jesu hieß und unter anderem folgende Zeilen hatte:
‚Wir stachen Dich mit Spott und Wut, / Du kauftest uns mit Deinem Blut,…‘
U. aber sang, bis er lesen lernte, immer so:
‚Wir stachen Dich mit Stock und Hut.‘
Und der ersichtliche Unsinn habe ihn, so U., ‚angesichts des allgemein verwirrenden Charakters unserer Liturgie‘, nicht einen Augenblick irritiert.
Nein, im Gegenteil, auch die Liturgie birgt die allerwunderbarsten Beispiele für den Verhörer als poetische Realitätsinterpretation. Besonders das Kirchenlatein der Katholiken stellt zumal Kinder vor nahezu unlösbare Aufgaben, nehmen wir nur das speravimus in te (‚Wir haben auf Dich gehofft‘), welches Leser Z. zum Anlass nahm, mich auf ein entlegenes Werk von Arthur Maximilian Miller namens Honorat Würstle – Mei Pilgerfahrt durchs Schwabenländle aufmerksam zu machen. Darin erinnert sich ein Kaplan, das immer als ‚Sperr ab, ich muß ind Höh!‘ verstanden zu haben. Noch schöner aber ist die Geschichte von Frau K. aus München, die in einer Familie aufwuchs, in der man oft und ausgiebig Tee trank. ‚Zur Sonntagsmesse nahm mich mein Papa auf die Orgelempore mit, knöpfte, wenn ich in der ungeheizten Kirche fror, sein Jakett auf und hüllte mich ein. Vorne am Altar war viel Gold und Weihrauch und der Herr Pfarrer sang: ‚Speravimus in Tee!‘ Welche Teezutat mochte das wohl sein? Das Speravimus blieb ein schönes Geheimnis!‘
Bei der Gelegenheit: Das Lateinische ist ja nicht nur Kindern oft ein Rätsel. Herr J. schrieb mir, er sei in den Siebzigerjahren Redakteur beim deutschen Depeschendienst gewesen. ‚Sonntags erhielten wir regelmäßig am späten Nachmittag die ausgeschriebenen Fassungen der Interviews, die abends um 19.10 Uhr im ZDF ausgestrahlt wurden, damals noch mit Durchschlägen auf der Schreibmaschine geschrieben. Es muß kurz vor den Bundestagswahlen 1976 gewesen sein, als der damalige CSU-Vorsitzende Franz Josef Strauß interviewt worden war, und ihm wurde die Frage gestellt, ob eine von der Union geführte Bundesregierung sich an die von der sozialliberalen Regierung geschlossenen Verträge halten würde. Seine zunächst niedergeschriebene Antwort lautete: ‚Ich habe immer gesagt: Packt das auseinander.‘‚ Später sei, so J., die Passage dann durchgestrichen und durch die richtigen Worte ersetzt worden: Pacta sunt servanda, Verträge sind einzuhalten, also eigentlich das Gegenteil vom auseinanderpacken, aber eben auf Latein.
Das nur nebenbei, es hat mit der Kirche ja nichts zu tun.
Aber es ist nicht bloß das Lateinische, es sind auch die bildhaften Geschichten der Bibel, die in Kinderohren oft anders ankommen, weil sie in einer Sprache geschrieben sind, die keiner so mehr spricht.
Also wenn man den Begriff ‚ein Wunder wirken‘ nicht kennt, geht es einem so wie der kleinen Schwester der Frau M. aus Berlin, die gerade sechs Jahre alt war, als die Ältere ihr Bibelgeschichten aus dem eigenen Religionsunterricht vorlas. Bei der Überschrift ‚Jesus wirkte das Brotwunder‘ protestierte die Kleine: es müsse heißen: ‚Jesus würgte das Brot runter.‘
Oder das Wort ‚Odem‘. Dazu fällt mir die Zuschrift eines Lesers ein, der bei dem Gesang ‚Alles was Odem hat, lobe den Herrn!‘ immer verstand: ‚Alles was Ohren hat, lobe den Herrn!‘
Da passt die Kinderzeichnung einer Freundin von Frau K. aus Breisach, welche vor vielen Jahren in der Schule eine Bibelgeschichte von einer wunderbaren Heilung durch Jesus hörte: ‚…und die Lahmen konnten wieder gehen, die Blinden wieder sehen und die Tauben wieder hören.‘ Die Freundin von Leserin K. malte dazu ein Bild, auf dem viele Tauben flogen – und alle hatten Ohren.
Seltsame Wesen bevölkern die Welt junger Kirchgänger, die Himmel-Sau zum Beispiel. Herr M. aus Leipzig schreibt, sein Vater habe ihm zum einschlafen oft ein Lied vorgesungen:
‚Himmelsau, licht und blau, / wieviel zählst Du Sternlein…‘
In Wahrheit heißt es ‚Himmels Au‘, aber das erfuhr M. erst später.
Oder die Kühe, von denen Herr S. aus München schreibt, dessen fünfjährige Tochter bei einer Trauung nicht Kyrie eleison hörte, sondern etwas anderes. Jedenfalls sang sie beim hinaustreten aus der Kirche ein entzückendes halblautes ‚Kühe reden leise‘ vor sich hin.
S. berichtet auch von einem Theologen, den bei einer Mai-Andacht tiefe Heiterkeit erfasste, als er ein Kind singen hörte:
‚Meerschwein, ich Dich grüße, o Maria hilf!‘
Richtig heißt es: ‚Meerstern, …‘, aber welches Kind, fern der Meere lebend, kann sich unter einem Meerstern etwas vorstellen?
Und Gott? Dr. L. aus Gundelfingen gewann als Bub eine Vorstellung von dessen Äußerem, als er das Schlaflied hörte, nicht nur zu Weihnachten natürlich:
‚Weißt Du wieviel Sternlein stehen, /an dem blauen Himmelszelt?
Weißt Du wieviel Wolken gehen, / weithin über alle Welt?
Gott, der Herr, hat sie gezählet…‘
Der kleine L. aber hörte: ‚Der Herr hat sieben Zähne…‘
Allein Gott in der Höh sei Ehr heißt ein anderes berühmtes Lied, darin heißt es: ‚all Fehd hat nun ein Ende.‘
Aber [nicht nur – Klassiker!] Frau A. aus Miesbach sang immer: ‚Alfred hat nun ein Ende.‘
Klingt gruselig, Alfreds Ende so zu besingen. Aber noch gruseliger wird es in der Nachricht von Leser B., dessen Frau in ihrer Kindheit ein modernes Kirchenlied hörte:
‚Leben im Schatten, Sterben auf Raten – / haben wir was davon?
Hass und Empörung, Leid und Entbehrung – / ist das die Endstation?‘
Düster genug. B.’s Ehefrau aber hörte (was der Reim ja auch nahelegt):
‚Leben im Schatten, Sterben auf Ratten…‘
Huuuuuh! ‚Klingt fast nach Borchert‘, findet B.
Bevor ich zum Kapitelschluss komme noch zwei weitere sehr schöne Falschhörer aus dem evangelischen Liedgut. Da wären erstens ein paar Zeilen aus dem 17. Jahrhundert in denen es heißt:
‚Will Satan mich verschlingen, / So lass die Englein singen: /Dies Kind soll unverletzet sein.‘
[a.d.Ü: nie gehört (was bei Kirchenliedern nix heißt), deswegen mußte ich jetzt dreimal spicken wie man das vorletzte Wort schreibt… das folgende scheint also vorprogrammiert]
Sowohl die Kusine von Frau M. aus Wolfratshausen als auch Herr J. aus Saarbrücken verstanden: ‚Dies Kind soll unser letztes sein.‘
‚Recht so‘, fügt Herr J. in seinem Brief hinzu, ‚Ich war der Jüngste und wollte es bleiben.‘
Ein wahres Juwel finde ich in den Einsendungen von Frau S. und Herrn E., beide aus München. in ihren Elternhäusern wurde gern der Choral Ach bleib mit Deiner Gnade von Josua Stegmann gesungen, in dessen zweiter Strophe es heißt:
‚Ach bleib mit Deinem Worte / bei uns, Erlöser wert,
daß uns – beid‘ hier und dorte – / sei Glück und Heil beschert.‘
Beide verstanden: ‚… daß uns bei Bier und Torten / sei Glück und Heil beschert.‘
Und dann wäre da Kurt L. aus Bielefeld, der berichtet, in einer befreundeten Familie hätten die Eltern oft ‚Gottseidank!‘ gerufen, die Kinder aber ‚Kurt sei Dank!‘ verstanden und schließlich gefragt: ‚Warum sollen wir Onkel Kurt immer danken?‘

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Veröffentlicht am Dezember 9, 2017 in Kulturelles, Smalltalk und mit , getaggt. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink. 3 Kommentare.

  1. Ja, und der Dergl auch 🙂

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