A Weng s’Kalender, Tür 8 und 9

Ging es nicht immer mal wieder um Loriot: „wo laufen sie denn, ja, wo laufen sie denn“?

Jetzt laufen sie zum Spielzeugkaufen, Loriot, Spielwaren, Tür 8:

Opa Hoppenstedt betritt einen Spielwarenladen. Er berührt eine kleine Guillotine. Das Fallbeil fällt, der Kopf der Puppe wird vom Rumpf getrennt.

OPA Haben Sie Spielzeug? … Zu Weihnachten … Für mein Enkelkind …
VERKÄUFERIN … Und was darf es da sein?
OPA Es muß ein Bißchen was … (macht eine aufmunternde Bewegung mit dem Arm) … nicht wahr …
VERKÄUFERIN Wie alt ist denn das Kind?
OPA (denkt nach) … Ungefähr so … (zeigt die Größe)
VERKÄUFERIN Ein Junge oder Mädchen?
OPA (denkt nach) … Tja …
VERKÄUFERIN (freundlich) … Na, Sie werden doch wissen ob Ihr Enkelkind ein Junge oder ein Mädchen ist …
OPA Wieso?
VERKÄUFERIN Wie heißt denn das Kleine?
OPA Hoppenstedt … wir heißen alle Hoppenstedt …
VERKÄUFERIN … Und mit Vornamen?
OPA Dicki … Dicki Hoppenstedt …
VERKÄUFERIN … Und es … Es ist ein Mädchen?
OPA (zögernd) … Nee …
VERKÄUFERIN Also ein Junge …
OPA (zweifelnde Bewegung mit der Hand) … Neeneeneenee …
VERKÄUFERIN (verblüfft) Was denn nun?
OPA (denkt nach) … So genau kann ich das nicht sagen …
VERKÄUFERIN Wie ist es denn angezogen?
OPA Hosen … blaue Hosen …
VERKÄUFERIN Na, vielleicht haben Sie es ja auch mal ohne Höschen gesehen …
OPA Nein … wozu denn? … (sieht sich scheu um) … Sagen Sie mal … was für ein Laden ist denn das hier?
VERKÄUFERIN (zu umstehenden Damen) … Ich hatte den Herrn nur gefragt, ob sein Enkelkind ein Junge oder ein Mädchen ist … (zu Opa Hoppenstedt) Wenn Ihr Enkelchen ein Zipfelchen hat könnte man immerhin …
OPA Zipfelchen?!
VERKÄUFERIN Mein Gott, dann hat es eben kein Zipfelchen …
OPA Mein Enkelkind hat alles, was es braucht! Gesunde Eltern und ein anständiges Zuhause … und Zucht und Ordnung! (Schlägt mit der Faust auf den Tisch, so daß sich eine Gruppe Kleinspielzeuge schnarrend in Bewegung setzt) Also haben Sie nun Spielzeug für anständige Kinder oder nicht? (Schlagt auf den Tisch, das Spielzeug steht still)
VERKÄUFERIN (nimmt ein Spiel aus dem Regal) Hier haben wir ein neuartiges Spiel für Jungen und Mädchen im Alter von fünf bis zehn Jahren … Das wird sehr gern genommen … „Wir bauen uns ein Atomkraftwerk“ … Da haben die Kinder viel Spaß dran und die Eltern … es ist wirklich etwas für die ganze Familie … (öffnet das Spiel) … Hier ist die Spielanleitung … und das sind die einzelnen Teile, die zusammengesetzt werden … die Brennkammer, der Uranstab, Neutronenbeschleuniger, Kühlsystem und die Sicherheitskuppel …
OPA Und was ist das?
VERKÄUFERIN Das sind Kühe, Häuser und Menschen für die Landschaft drumrum … alles wunderhübsch gearbeitet!
OPA Kann das auch richtig explodieren? (macht aufmunternde Handbewegung)
VERKÄUFERIN Ja … wenn man einen Fehler macht … gibt es auch eine kleine Explosion … natürlich nicht richtig … es ist ja für Kinder … Aber es macht Puff, und die Kühe fallen um und die kleinen Häuser und Menschen … da ist dann immer ein großes Halloo und viel Spaß … Möchten Sie es mitnehmen? …
OPA Jawohl … (summt eine Marschmelodie)
VERKÄUFERIN 64 Mark 50 … (holt ein verpacktes Exemplar) … Sie bekommen es originalverpackt …
OPA (sucht nach Geld) … Nehmen Sie auch Spielgeld? (lacht albern)
VERKÄUFERIN (humorlos) Nein … (tippt an der Kasse)
OPA (bezahlt)
VERKÄUFERIN (übergibt das Paket) Ich wünsche Ihnen ein frohes Fest und viel Freude mit dem schönen Spiel …

Opa entfernt sich mit dem Paket. Er summt einen Marsch, wobei er den Schirm wie einen Tambourstab bewegt. Kurz vor Erreichen der Türe bleibt er mi seinem Schirm in einem großen unter der Decke befestigten Netz hängen. Im Hagel herabfallender Bälle verlässt er den Laden.

Das klingt im Nachhinein fast prophetisch oder postmodern – mir hat aber auch das Fallbeil gefallen. Jedenfalls wird das schöne Spielzeug auch irgendwann ausgepackt – Loriot, Weihnacht, Tür 9:

Vati und Opa Hoppenstedt schmücken den Weihnachtsbaum, an dem bereits schiefe Elektrokerzen hängen. Mutti Hoppenstedt hat viele große, rote Äpfel vor sich auf dem Wohnzimmertisch und knotet Fäden an die Stiele. Jeden fertigen Apfel reicht sie an Opa weiter, der ihn Vater Hoppenstedt übergibt. Dicki, das Kind, ist acht Jahre alt und etwas rundlich.

OPA … Früher war mehr Lametta!
VATI Dieses Jahr bleibt der Baum grün … naturgrün …
MUTTI … Mit frischen natürlichen Äpfeln …
VATI Naturfrisch und umweltfreundlich …
OPA … Und wann kriege ich mein Geschenk?
VATI Jetzt wird erst mal der Baum fertig geschmückt, dann sagt Dicki sein Gedicht auf, dann holen wir die Geschenke rein, dann sehen wir uns die Weihnachtssendung im Dritten Programm an, dann wird ausgepackt, und dann machen wirs uns gemütlich …
OPA … Und wann kriege ich mein Geschenk?
VATI … Oder wir sehen uns erst die Weihnachtssendung im Ersten Programm an, packen dabei die Geschenke aus und machen es uns dann gemütlich …
(Der Baum fällt um.)
DICKI (steht mit rausgestreckter Zunge in der Zimmertür)
MUTTI Dicki, wirst Du wohl in Deinem Zimmer bleiben, sonst wird der Weihnachtsmann ganz böse! (steht auf und verlässt mit Dicki das Zimmer)
OPA (richtet mit Vati den Baum wieder auf) Früher war mehr Lametta!
VATI … Und dieses Jahr ist der Baum grün und umweltfreundlich.
MUTTI (kommt mit festlichen Paketen herein, die sie auf zurechtgestellten Tischen ablegt) Fröhliche Weihnachten! So, Kinder, es geht los … Opa hilft mir jetzt ein bißchen, und Vati knipst den Baum an … (verläßt mit Opa das Zimmer)
VATI (kriecht an die Steckdose) Ja doch …
(Der Baum leuchtet)
MUTTI (bringt mit Opa weitere Arme voller Pakete ins Zimmer) Fröhliche Weihnachten…
OPA Was?
MUTTI Fröhliche Weihnachten!
VATI Fröhliche Weihnachten … (verläßt das Zimmer)
MUTTI Dicki, wo steckst Du denn?
DICKI (tritt mürrisch ins Zimmer)
MUTTI Fröhliche Weihnachten, mein Schatz!
VATI (kommt mit weiteren Paketen) Fröhliche Weihnachten … (stellt den Fernseher an, auf dem ein Weihnachtsbaum erscheint. Stimmungsvolle Weihnachtsmusik mit Kinderchor)
MUTTI Dicki möchte uns ein Gedicht aufsagen … (Vati, Mutti und Opa sehen erwartungsvoll auf Dicki)
DICKI Zicke-Zacke Hühnerkacke …
OPA (kichert und verläßt das Zimmer)
MUTTI Nein, das nicht!
VATI Und jetzt wird ausgepackt! (Vati, Mutti und Dicki beginnen auszupacken)
OPA (setzt sich im Flur eine rote Zipfelmütze auf, zieht Fausthandschuhe und einen roten Bademantel an, hängt sich einen weißen Bart um, wirft sich einen Sack über die Schulter, nimmt eine Rute und klopft an die Wohnzimmertür.)
MUTTI Ja, wer mag das denn wohl sein?
VATI Herein!
OPA (kommt schweren Schrittes als Weihnachtsmann herein und bleibt vor Dicki stehen) Na, Dicki …
DICKI (hält sich die Augen zu un streckt die Zunge heraus)
VATI Dicki!
MUTTI Schau mal, wer da ist!
DICKI Opa …
OPA (reißt sich die Mütze vom Kopf und den Bart ab) Ich will jetzt mein Geschenk haben!
VATI (gereizt) Hier ist Dein Geschenk, Opa, und nun sei ein bißchen gemütlich!
(Die Familie packt hastig aus. Es wächst ein Berg von Kartons, Weihnachtspapier, Packpapier, Klarsichtfolie, Holzwolle, Styropor, Bindfäden, Glückwunschkarten, bunten Bändern, Goldschnüren, Tannenzweigen und Wellpappe.)
MUTTI Schau mal, Walter, ein Heinzelmann-Saugblaser, originalverpackt!
VATI … Eine Krawatte! (zeigt eine styroporverpackte Krawatte, die er zu vielen anderen styroporverpackten Krawatten legt)
DICKI (spielt mit Kartons)
OPA (läuft zwischen den Auspackenden hin und her und zeigt sein Geschenk.) Guck mal, ein Plattenspieler!
MUTTI Damit Du Deine Lieblingsplatte immer schön in Deinem Zimmer spielen kannst! Kinder, seht Euch den Baum an …
OPA Früher war da mehr … na … Dings …
VATI Schau mal, eine Krawatte! (legt sie zu den anderen)
OPA (den Plattenspieler mit der Platte in der Hand, zieht den Stecker für die Elektrokkerzen heraus; es wird dunkel.)
VATI Ach nee, Opa …
OPA Ich will meine Platte spielen …
VATI Du suchst Dir sofort eine andere Steckdose …
(Der Weihnachtsbaum geht wieder an)
OPA Seid doch nicht so ungemütlich … (bläst sich einen Marsch und geht mit dem Plattenspieler zu einer anderen Steckdose)
VATI (hebt eine weitere Krawatte hoch) Schau mal, eine Krawatte!
MUTTI … Kinder, ist das gemütlich bei uns … !
OPA (hat den Plattenspieler in Gang gesetzt und stößt zu schmetternder Marschmusik seine Faust rythmisch in die Luft)
VATI (gegen die Musik anschreiend und ein weiteres Krawattenpaket öffnend) Ach nee … Opa! Sei jetzt gemütlich, und guck in den Fernseher!
OPA Ja… ja… ja… ja… ja… (schaltet den Plattenspieler ab und setzt sich vor den Fernseher)
MUTTI Opa, guck Dir doch lieber mal den Baum an!
OPA (vor dem Bildschirm) Tu ich ja …
MUTTI Spielt Vati jetzt wohl mit Dicki das schöne neue Spiel?
VATI (geht zu Dicki) … Schau mal, Dicki! … (hebt den Deckel des Spiels hoch) Wir bauen uns ein Atomkraftwerk! Das sind Bäume, Häuser, Kühe und Menschen … die möchten gern ein schönes Atomkraftwerk haben … und da bauen wir es hin … (Vati beginnt zu bauen)
MUTTI Entzückend, die beiden … Ach, wenn doch jeden Tag Weihnachten wäre …!
VATI (mit der Spielanleitung in der Hand die einzelnen Teile zusammensetzend) … Das ist der kleine Neutronenbeschleuniger und das Kühlsystem … Schau doch mal, Dicki, ist das nicht niedlich? Dicki! … Guck doch mal! … Also spielst Du nun mit oder nicht … Dicki, ich rede mit Dir … sieh mal … das ist die Brennkammer (Dicki stößt mit dem Finger an eine Kuh) Nicht die Kuh umwerfen! Schäm Dich, Dicki … Du hast die Kuh umgeworfen! (stellt Kuh wieder auf) … und jetzt stecken wir diesen winzigen Uranstab ganz vorsichtig in die Brennkammer und setzten die Sicherheitskuppel oben drauf … fertig!
MUTTI (kniet sich dazu) Darf Mutti auch mal zugucken?
VATI Wenn wir irgendwas falsch gemacht haben, dann sollte es jetzt ‚Puff‘ machen …
MUTTI Wieso Puff?
VATI Mein Gott, es macht eben ‚Puff‘ … dann fallen alle Häuser um und alle Kühe und Menschen …
MUTTI Phantastisch!
VATI Aber es macht nicht Puff …!
(Das kleine Atomkraftwerk explodiert und durchschlägt den Fußboden. Durch das Loch sieht man im darunterliegenden Stockwerk ein älteres Ehepaar beim Essen sitzen)
VATI Es hat Puff gemacht!
MUTTI Entzückend!
VATI (durch das Loch nach unten) Familie Hoppenstedt wünscht frohe Feiertage!
EHEMANN (mit Nachdruck heraufrufend) Muß … das … sein?!
VATI (durch das Loch) Jawohl, es muß sein! Das ist nämlich ein Kinderspiel, und Weihnachten ist das Fest des Kindes … guten Abend … (richtet sich auf, zur Familie) Kommt, wir legen was drüber … (legt mit Mutti Weihnachtspapier über das Loch) Ich habe keine Lust, mich Heiligabend mit diesen Spießern rumzuärgern!
MUTTI So Kinder, jetzt machen wir’s uns gemütlich!
VATI … Erst wird aufgeräumt … (lädt sich einen Haufen Kartons auf die Arme und verläßt das Zimmer)
MUTTI … und Du gehst jetzt ins Bett, Dicki … wenns am schönsten ist, soll man aufhören! (Sie ergreift Verpackungsabfälle und geht zu Vati in den Flur)
OPA (marschiert zu den Klängen der Marschmusik durch das Zimmer, tritt in das abgedeckte Loch und bleibt mit einem Bein bis zur Hüfte darin stecken.)
VATI (beladen im Flur) Wir stellen einfach alles ins Treppenhaus … Mal sehen, ob die Luft rein ist … (öffnet vorsichtig die Wohnungstür. Eine Lawine von Verpackungsmüll stürzt in den Flur und begräbt Vati und Mutti unter sich. Ein Weihnachtschor mischt sich mit anschwellender Marschmusik.)

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Veröffentlicht am Dezember 9, 2017 in Kulturelles, Smalltalk und mit , getaggt. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink. Hinterlasse einen Kommentar.

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