A Weng s’Kalender, Tür 10 und 11

Zweimal Weihnachtsfeuer.

Einmal bei Jan Weiler, der von seinem heimwerkernden Schwiegervater erzählt, Tür 10:

Berichte aus dem Christstollen: Tonis Budenzauber
Antonio Marcipane hat alles, was man in seinem Alter braucht: ein warmes Heim, eine Kaffeemaschine, eine Frau, um sie zu bedienen (also die Kaffeemaschine), sowie einen Schwiegersohn, den man in der Nacht vor der Wahl in Italien anrufen kann, um ihn darüber zu informieren, daß der weitgehend unbescholtene, wenn auch fraglos langweilige Mario Monti ein „Musone“ sei, also eine beleidigte Leberwurst. Und daß nun vielleicht die „Mumie“ zurückkehre. So nennen sie in Italien den früheren Ministerpräsidenten Berlusconi wegen seiner inzwischen maskenhaften Gesichtszüge.
Jedenfalls machten wir uns Gedanken darüber, was man meinem Schwiegervater noch zu Weihnachten schenken könnte. Vielleicht irgendetwas für das Häuschen, das Antonio vor einiger Zeit gebaut hat. In seinem Garten. Dort legte er zunächst eine Art Schreberscholle an und züchtete allerhand Gemüse, und zwar nicht zu seinem Vergnügen, sondern um den bevorstehenden Versorgungsengpässen nach dem Zusammenbruch Europas von vornherein ein Schnippchen zu schlagen. zuletzt zimmerte er eben eine windschiefe Hütte in den Garten, zu nahe an der Grundstücksgrenze übrigens. Als es kälter wurde, baute er einen Ofen ein und sägte ein Loch in die Wand, durch das er ein monströses Rohr schob. Wenn sein Ofen in Betrieb war und der Schornstein qualmte, sah es so aus, als würde die Bude jeden Augenblick davonfliegen.
Die Knusperhäuschen-Gemütlichkeit von Tonis Laube eröffnete uns ein völlig neues Spektrum von Geschenk-Scheußlichkeiten, für die Toni sehr empfänglich ist. Also telefonierten wir, und ich fragte ihn, ob er noch etwas für seine neue Hütte benötige. Antonio antwortete ohne jede Bedenkzeit: „Soeine Kamindinge.“
„Eine Kamindinge? Antonio, was ist eine Kamindinge?“
„So Dingeda furde Kamin, mit Besen und Schaufele und alle Drumundran.“
„Du meinst ein Kaminbesteck.“
„Sagido.“
Ich begann eine Recherche im Internet, dem Spiegel menschlicher Bedürfnisse und ihrer Befriedigung. Wenn man sich eine Stunde lang mit Kaminbesteck beschäftigt, beginnt man an der Evolution zu zweifeln. Vielleicht haben die Kreationisten doch recht: das alles kann unmöglich von Menschen gemacht sein. Gott hat es entworfen. [Oder] ein blinder Hufschmied auf LSD. Doch selbst bei solch demütiger Einsicht will man die Hände zum Himmel strecken und fragen: „Herr, warum muß Dein Kaminbesteck so hässlich sein?“
Ich fuhr in die Stadt und suchte dort weiter. Ich hoffte darauf, eine Art „WoK“ zu entdecken, also ein riesiges „World of Kaminbesteck“, in dem auf vier Etagen für jeden Geschmack etwas dabeisein würde; in allen Preisklassen und [auch für diejenigen] geeignet, [die] in [ihrem] Ofen nicht nur Holz, sondern auch alle möglichen Baumaterialien und recyclebaren Restmüll verheizen. Schließlich muß man den Geschmack des zu Beschenkenden grundsätzlich bei der Auswahl eines Präsentes berücksichtigen. Ich fand aber nichts, das ich gleichzeitig für abscheulich und hochwertig genug befand, um es Antonio zu schenken.
Schließlich bestellte ich das Modell „Harmony 3“. Es kostete 67,20 Euro und wurde noch vor Weihnachten geliefert. Schön blöd. Zwei Minuten nachdem ich die Bestellung aufgegeben hatte, klingelte nämlich das Telefon. Meine Schwiegermutter Ursula war dran. Sie teilte mit, daß es Antonio gutgehe, er sei unverletzt, aber natürlich schockiert.
„Warum? Was ist denn passiert?“, fragte ich besorgt.
Ursula berichtete, daß Antonio, grenzenlos begeistert von seinem Ofen, diesen bei offener Kamintür mit Ethanol zu betreiben versucht habe. Dabei sei es erst zu einer Verpuffung und infolgeder zu einem bemerkenswerten Hüttenbrand gekommen, der nicht nur das Häuschen, sondern auch die Thujenhecke der Nachbarn weitgehend vernichtet habe. Antonio sei ebenso unverletzt wie untröstlich, aber fest entschlossen, seine Gartenlaube im Sommer wieder aufzustellen.
Gut. Dann bekommt er das Kaminbesteck eben im nächsten Jahr. Für kommende Woche habe ich im Baumarkt einen Feuerlöscher gekauft. Den kann er immer gebrauchen.

Und als zweites konnte ich mich nicht entscheiden zwischen einer zweiten Feuergeschichte, von Arno Surminski:

Während der Pfarrer die Weihnachtsgeschichte las, trat der Küster zu den beiden Alten.
„Bei Ihnen zuhause brennt es“, flüsterte er.
„Hast Du vergessen, die Kerzen auszupusten?“, raunzte der Mann die neben ihm sitzende Frau an.
„Wieso ich? Du pustest doch immer die Kerzen aus.“
Sie warteten auf das Ende der Weihnachtsgeschichte, dann erhoben sie sich und verließen das Gotteshaus.
„Ihr Nachbar hat angerufen!“, rief ihnen der Küster nach.
„Der hätte lieber die Feuerwehr anrufen sollen“, antwortete der Mann.
„Schöne Bescherung“, jammerte die Frau, als sie durch die Nacht eilten, die die heilige genannt wurde. Sie dachte für sich, an Weihnachten sollte es eigentlich nicht brennen, so etwas durfte […] nicht [passieren].
„Da wird nichts zu retten sein“, brummelte der Mann.
„Du hättest ein Taxi bestellen sollen“, antwortete die Frau. „Aber dafür war das Geld Dir zu schade. Lieber lässt Du das Haus abbrennen.“
Ihm fiel die Herdplatte ein.
„Weißt Du noch, was vor einem Jahr passiert ist? Du hattest den Herd nicht ausgeschaltet.Von der glühenden Platte sprang das Feuer zu den Topflappen. Wäre ich nicht zufällig in die Küche gekommen, hätte das Haus schon damals in Flammen gestanden.“
„Und Deine Zigarren“, schimpfte die Frau. „Der Stumpen qualmte die ganze Nacht und brannte ein Loch in die Tischdecke.“
Als sie um die Ecke bogen, sahen sie das Rotlicht der Feuerwehrwagen und die blauen Signale eines Polizeiautos.
„Früher hast Du sogar im Bett geraucht“, fing die Frau wieder an. „Wäre ich nicht wachgeworden, hättest Du uns beide umgebracht.“
„Was Du immer redest“, knurrte er. „Das ist vierzig Jahre her, wir waren jung verheiratet und haben gelacht über ein paar Brandlöcher im Kopfkissen. Ich hab das Zeug in die Mülltonne geworfen, und wir beide sind nocheinmal ins Bett gegangen.“
Auf der Straße hatte sich eine Menschenmenge versammelt. Der Nachbar, der in der Kirche angerufen hatte, kam ihnen entgegengelaufen.
„Alles unter Kontrolle!“, rief er. „Aber Ihre Wohnung steht unter Wasser!“
Aus den Fenstern quoll ein Gemisch aus Rauch und Wasserdampf, feuchte Wärme schlug ihnen entgegen.
„Na siehst Du, es war nicht die Küche, sondern das Wohnzimmer“, sagte die Frau. „Entweder die Weihnachtskerzen oder Deine Zigarre.“
Der Mann wollte ins Haus stürmen, aber ein Polizist hielt ihn zurück, es sei zu gefährlich.
„Wohnen Sie hier?“, fragte ein Feuerwehrmann.
„Als wir in die Kirche gingen, wohnten wir noch hier“, klagte die Frau. „Nun ist alles hinüber.“
„War wohl eine unglückliche Verkettung von Umständen“, meinte der Feuerwehrmann. „Wir denken an Feuerwerkskörper.“
„Unmöglich“, sagte die Frau. „So was haben wir nicht.“
„Eine Rakete könnte über die Brüstung geflogen und auf dem Balkon gelandet sein.“
„Die Knallerei sollte verboten werden!“, schimpfte der Mann. „Schon am Weihnachtstag fangen sie mit ihren Silvesterraketen an.“
„Der Feuerwerkskörper muß in eine Tüte mit Altpapier gefallen sein“, vermutete der Mann von der Feuerwehr.
„Warum hast Du das Papier nicht zum Container gebracht?“, fragte die Frau. „Wer lässt über Weihnachten eine Tüte mit Altpapier auf dem Balkon stehen?“
„Der Container war voll“, entschuldigte sich der Mann.
„Die brennende Tüte wäre nicht schlimm gewesen“, sagte der Feuerwehrmann. „Aber das Wohnzimmerfenster stand auf Kipp, aus der brennenden Altpapiertüte kam das Feuer durch den offenen Spalt im Fenster in die Wohnung.““Du mit Deiner Frischluft!“, schimpfte der Mann. „Wie kann man ein Fenster auf Kipp stellen, wenn wir in die Kirche gehen?“
Der Feuerwehrmann erwähnte noch die Gardine. Als das Feuer die erfasst hatte, gab es kein halten mehr.
Der Nachbar forderte die beiden Alten auf, zu ihm zu kommen.
„Wir haben Platz genug, Sie können heute die Nacht bei uns verbringen.“
Bevor sie ihm folgten, standen sie noch eine Weile vor dem rauchenden Anwesen.
„Schöne Bescherung“, seufzte die Frau.
„Man kann nicht mal in die Kirche gehen, schon passiert was“, grummelte der Mann.
Mit dem Nachbarn saßen sie noch eine Weile unterm Tannenbaum und sprachen über die unglückliche Verkettung der Umstände. Weihnachtsstimmung wollte nicht aufkommen.
Vor dem Schlafengehen verließ der alte Mann das Haus, kroch unter der Absperrung durch, stieß die angelehnte Tür auf und betrat die Küche. Der Herd funktionierte noch, keine Topflappen waren angebrannt. Schuld allein hatten die Frischluft und die Gardinen. Weiter nichts.

… und nochmal Loriot, Tür 11:

Advent

Es blaut die Nacht, die Sternlein blinken,
Schneeflöcklein leis herniedersinken.
Auf Edeltännleins grünem Wipfel
häuft sich ein kleiner weißer Zipfel.
Und dort vom Fenster her durchbricht
den dunklen Tann ein warmes Licht.
Im Forsthaus kniet bei Kerzenschimmer
die Försterin im Herrenzimmer.
In dieser wunderschönen Nacht
hat sie den Förster umgebracht.
Er war ihr bei des Heimes Pflege
seit langer Zeit schon sehr im Wege.
So kam sie mit sich überein:
am Niklasabend muß es sein.
Und als das Rehlein ging zur Ruh‘,
das Häslein tat die Augen zu,
erlegte sie direkt von vorn
den Gatten über Kimm‘ und Korn.
Vom Knall geweckt rümpft nur der Hase
zwei-, drei-, viermal die Schnuppernase
und ruhet weiter süß im Dunkeln,
derweil die Sternlein traulich funkeln.
Und in der guten Stube drinnen
da läuft des Försters Blut von hinnen.
Nun muß die Försterin sich eilen,
den Gatten sauber zu zerteilen.
Schnell hat sie ihn bis auf die Knochen
nach Waidmanns Sitte aufgebrochen.
Voll Sorgfalt legt sie Glied auf Glied
(was der Gemahl bisher vermied)-,
behält ein Teil Filet zurück
als festtägliches Bratenstück
und packt zum Schluß, es geht auf vier
die Reste in Geschenkpapier.
Da tönts von fern wie Silberschellen,
im Dorfe hört man Hunde bellen.
Wer ists, der in so tiefer Nacht
im Schnee noch seine Runde macht?
Knecht Ruprecht kommt mit goldnem Schlitten
auf einem Hirsch herangeritten!
‚He, gute Frau, habt ihr noch Sachen,
die armen Menschen Freude machen?‘
Des Försters Haus ist tief verschneit,
doch seine Frau steht schon bereit:
‚Die sechs Pakete, heil’ger Mann,
’s ist alles was ich geben kann.‘
Die Silberschellen klingen leise,
Knecht Ruprecht macht sich auf die Reise.
Im Försterhaus die Kerze brennt,
ein Sternlein blinkt – es ist Advent.

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Veröffentlicht am Dezember 10, 2017 in Kulturelles, Smalltalk und mit , getaggt. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink. Ein Kommentar.

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