A Weng s’Kalender, Tür 14 und 15

Nu, Hauptsache am Schluss sind es 24 🙂 …

Hier also Tür 14 und 15: Das 20-Sekunden-Vergnügen, von Ralf Sotscheck und Carola Rönneburg

Teil 1:

Man kann wirklich auf viele Arten in den Wahnsinn getrieben werden – ich denke da auch an die Verrückten, die einen ohne Not während der Weihnachtszeit belästigen! Mitte Dezember des vergangenen Jahres zum Beispiel, in meiner Firma: Morgens auf dem Gang wurde ich von zwei Kollegen angesprochen. Ob ich schon ihren Weihnachtsbaum gesehen hätte? Hatte ich nicht, obwohl wir doch in einem modernen, vollverglasten Büro arbeiten, das uns alle zu Aquarienbewohnern macht.
Neugierig folgte ich den beiden in ihr Becken. In einer Ecke lungerte der Kollege Klein, der einen ungewöhnlich entspannten Eindruck machte; auf einem der Schreibtische stand ein bodenvasenhoher, grüner Plastiktannenbaum im Plastiktopf, der auf seiner Spitze eine rote Weihnachtsmannmütze trug. „Hübsch“, sagte ich höflich und wollte schon wieder gehen, als der Baum sich auf einmal sanft hin- und herwiegte und dazu ein fröhliches, sesamstraßenähnliches „dum-dum-dum-dum-dum-dum“ anstimmte. Mir blieb keine Zeit zum staunen, denn nun klappte mitten im Plastikzweigegestrüpp ein Paar große Augen auf; gleichzeitig öffnete das Gewächs einen bisher ebenso verborgenen Mund. Eigentlich riss es sogar eher die Klappe auf, vor allem aber begann es zu singen: „Jingle Bells“. Übrigens nicht die überstrapazierte James-S.-Pierpoint-Nummer, sondern eine moderne Fassung. Das ganze dauerte etwa zwanzig Sekunden, dann sackte der Baum in sich zusammen und sah so unscheinbar aus wie zuvor. Ein Kollege wollte den Schalter an der Rückseite umlegen, aber ich war noch nicht zufrieden. „Noch mal!“, brüllte ich begeistert. Man kam meinem Wunsch nach. „Du-dum-dum-dum“… wieder wackelte der Baum im Rhythmus, um dann mit einer geradezu dramatischen Geste die Augen aufzureißen und sein Lied zu singen.
Die Reaktionen auf eine solche Darbietung sind von Mensch zu Mensch verschieden. Während ich ergriffen in die Knie ging, kicherte der inzwischen tränenüberströmte Kollege Klein hilflos in sich hinein. Die anderen dagegen freuten sich schlicht. Inständiges betteln bescherte mir einen weiteren Auftritt des singenden Weihnachtsbaums. Noch bevor er sein Lied beendet hatte, beschloss ich ihn zu lieben. Kollege Klein dagegen verschluckte sich an einem Pausenbrot und mußte von seinem Abteilungsleiter mit dem Heimlich-Griff vor dem sicheren Tod bewahrt werden. Danach gingen alle zurück an die Arbeit.
Ich saß also auch zunächst wieder an meinem Schreibtisch, aber ich spürte eine seltsame Unruhe in mir. Ich konnte mich nicht konzentrieren – der Weihnachtsbaum beherrschte meine Gedanken. Als eine lange halbe Stunde verstrichen war, stand ich auf und streifte ein wenig durchs Haus. Auf dem Rückweg passierte ich zufällig das Baumbüro. Leise öffnete ich die Tür – alle waren beschäftigt. Zielstrebig, aber ohne aufzufallen, bewegte ich mich auf meinen neuen Freund zu und schaltete ihn ein. „Jingle Bells“ erfüllte den Raum. Zwar erntete ich ein paar strafende Blicke, aber ja nur zwanzig Sekunden lang. Um größeren Ärger zu vermeiden, fiel mir ein, daß ich noch etwas zu tun hatte, und ich trat den Rückzug an.
Dann war endlich Mittagspause. Die Baumhüter verschwanden in der Kantine – endlich waren er und ich allein. Es war wunderbar: Er wackelte und sang für mich, und ich fand heraus, daß er über eine spezielle Funktion verfügte: Ähnlich wie moderne Wecker reagierte er auf Geräusche. Wenn man ihm zum Beispiel nach seinem Auftritt kräftigen Applaus spendete, wiederholte der Baum sein Programm. Sooft man wollte, übrigens. Bevor ich mich vorläufig wieder von ihm trennte, schaltete ich ihn also nicht aus, sondern beließ ihn sozusagen in Wartestellung.

und Teil 2:

Anschließend bezähmte ich mich für eine gute Stunde, in deren Verlauf ich fröhlich ein gewisses Weihnachtslied vor mich hinsummte. Dann suchte ich erneut die Kollegen auf. Mißtrauen schlug mir entgegen, doch ich würdigte ihr Spielzeug keines Blickes, sondern brach ohne Umschweife eine Diskussion über kulturpolitische Angelegenheiten vom Zaun. Unter Verwendung einiger haltloser Vorwürfe hatte ich den Laden schnell in eine zunehmend lauter werdende Auseinandersetzung verstrickt. In Baumnähe gelang es mir dann, einen der Anwesenden so sehr zu provozieren, daß er seine Entgegnung mit einem gezielten Faustschlag auf die Tischplatte unterstrich. Es war herrrlich: Der Baum reagierte auch auf Erschütterung! Das hatte ich bisher nicht gewusst.
Leider wurde ich nach diesem schönen Erlebnis mit einem Hausverbot belegt. Zurück an meinem Platz grübelte ich, wie ich den Baum trotzdem zum singen bringen könnte. Die Hausmeisterin vermisste ihren Werkzeugkasten. Hatte sie ihn bei mir stehenlassen? Nein, antwortete ich. Aber, schlug ich vor, vielleicht irgendwo auf meiner Etage? Sie sollte besser einmal nachsehen, sagte ich, und außerdem könne sie bei dieser Gelegenheit im Zimmer des Herrn Klein ein wahres Wunderwerk der Technik in Augenschein nehmen, eine überaus raffinierte elektronische Weihnachtsbaumkonstruktion, die müsse sie sich unbedingt vorführen lassen…
Nur wenige Minuten später marschierte sie an meiner Glaswand vorbei durch den Flur. Ich folgte in ihrem Windschatten und machte mich neben dem Weihnachtsbaumbüro am Fotokopierer zu schaffen.
Es ist sehr schwer, wenn nicht gar riskant, Hausmeisterinnen eine Bitte abzuschlagen. Schließlich kann schon morgen ein Bücherregal zusammenbrechen oder ein Telefon defekt sein – wenn also eine Hausmeisterin eine musikalische Tanne singen hören will, so lautet die Regel, dann lässt man besser alles stehen und liegen und ist ihr zu Gefallen. Ich sah zu, wie sich meine Kollegen mit zusammengebissenen Zähnen an die Gesetze hielten, und sang draußen voller Inbrunst mit: „Jingle bells, jingle bells, tatatata-tamm.“
Im Laufe der nächsten Stunden mobilisierte ich das gesamte Haus. Dabei entdeckte ich mein bisher verborgenes Organisationstalent: Das große Interesse an der einmaligen Weihnachtsshow erforderte einen perfekten Zeitplan. Es gelang mir, die Besuchergruppen so zu koordinieren, daß sie sich gegenseitig nicht behinderten, und ich ermunterte sie, sich auf keinen Fall abweisen zu lassen. Es ginge schließlich nur um zwanzig Sekunden Vergnügen, soviel Zeit müsse sein. In regelmäßigen Abständen traten so immer wieder Abordnungen an, den Baum zu bewundern und Zugaben einzufordern, und jedesmal kam auch ich zufällig des Weges. Gegen Feierabend mischte sich zwar dann und wann ein störendes Schluchzen in die Melodie – insgesamt aber war die Veranstaltung ein voller Erfolg, und ich ging an diesem Tag sehr zufrieden nachhause.

Oder auch: Weihnachtsdeko aus der Sicht eines G’scherten. Irgendwie fies, der Gute, nicht?

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Veröffentlicht am Dezember 19, 2017 in Kulturelles, Smalltalk und mit , getaggt. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink. 6 Kommentare.

  1. Der G’scherte ist ein echter Troll. Der hat das Trolldasein erfunden 😀

    Gefällt 1 Person

  2. A propos Kalender… Bei Sandra las ich, der Termin Knobloch/ Melzer im Gericht München –
    Prielmayerstr. 7, im Saal 219 (am Stachus) sei um 10.00h. Mir ist es zu weit, aber wann’st da wen kennst…?
    Der Autor und Journalist H. Broder darf Melzer „Antisemit“ -nach gewonnenem Prozess – nennen. We cross the fingers für Frau Knobloch.
    Wer kommt ?

    Gefällt 1 Person

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