A Weng s’Kalender Tür 16 und 17

Tür 16, Väterchen Frost von Wladimir Kaminer

Ob Väterchen Frost und Weihnachtsmann verwandt oder zwei unterschiedliche Typen sind, fragten mich neulich meine Kinder. Auf diese Frage hatte ich keine einfache Antwort parat. Soweit ich mich erinnern kann, war das Väterchen – oder auf gut russisch – Opa Frost trinkfester als sein europäischer Kollege. In der Sowjetunion schaute er zusammen mit seiner Freundin Schneeflöckchen einmal im Jahr bei uns vorbei – am Abend des 31sten Dezembers. Die beiden waren vom Betrieb meines Vaters beauftragt, allen Mitarbeitern, die Kinder hatten, einen Besuch abzustatten und eine Tüte mit Schokolade und Süßigkeiten zu überreichen. Außerdem musste Opa Frost einen auf das Wohl der Familie trinken. Das Schneeflöckchen hatte die Aufgabe, auf Opa Frost aufzupassen, damit er gerade stand und nicht allzu sehr herumtorkelte. Als erstes besuchten sie die Familie des Direktors, dann die seines Stellvertreters, anschließend die des Buchhalters und schließlich die Familie des Leiters der Parteizelle. Mein Vater war als stellvertretender Leiter der Abteilung Planwesen nicht der letzte Mann im Betrieb. Unsere Familie stand also auch ganz oben auf der Liste von Opa Frost, auf jeden Fall unter den ersten zwanzig Adressen. Und trotzdem konnte er bei uns schon kaum noch sprechen. Wir wohnten im fünften Stock, in einem Haus ohne Fahrstuhl, man hörte Opa Frost schon im Treppenhaus fluchen – wie er mit seinem Sack gegen die eine oder die andere Türe knallte. „Na, Boris, gehts noch?“, fragte ihn mein Vater. Opa Frost hatte eine Plastiknase ohne Nasenlöcher, sein Bart war schräg um den Hals gewickelt, ein Teil davon steckte in seinem Mund. „Viel Freude für Ihre Familie“, flötete Schneeflöckchen bei ihrer Ankunft. „Ich glaube, ich muß mich erst mal setzen“, sagte Opa Frost und nahm im Korridor auf unserem Schuhschrank Platz. Das rumsitzen in der warmen Wohnung tat Opa Frost aber nicht gut. Er sprang auf und rief: „Wo ist das Kind?“ Meine Eltern schoben mich nach vorne zu ihm hin. „Na Du, Du Junge, wie heißt Du? Sehr gut, Wladimir. Hier ist für Dich etwas zum knabbern!“ Opa Frost übergab mir eine zerknitterte Tüte aus seinem halbleeren Sack, trank mit meinem Vater im stehen einen Wodka, rülpste, drehte sich um und lief die Treppe wieder runter, Schneeflöckchen hinter ihm her. „Nicht so schnell, Boris, ich möchte nicht, daß wir wie letztes Jahr wieder im Krankenhaus landen“, schrie sie. „Scheiß drauf, die Kinder warten“, röchelte Opa Frost. Ich hielt ihn damals für einen Beamten, einen weiteren Diener des Staates, der wie die Bullen auf der Straße oder die Lehrer in der Schule zwar unangenehm, aber unvermeidlich war.
Hier in Europa ist alles viel komplizierter angelegt. Im Dezember sind hier gleich mehrere Männer mit Säcken unterwegs. In Holland zum Beispiel sind es drei: Am 5. Dezember wird der Sinterklaas zusammen mit dem Zwarten Piet, dem Schwarzen Mann, erwartet. Letzterer spielt die Rolle des Schneeflöckchens. Früher mussten sich holländische Pieter ihre Gesichter extra mit Ruß einschmieren, um realistisch zu wirken. Seitdem sie viele Mitbürger aus Surinam haben, ist das jedoch nicht mehr nötig. Beide kommen laut der Legende aus Madrid, sie sammeln Stroh und Mohrrüben für ihre Rentiere, der Zwarte Piet schmeißt den artigen Kindern die Geschenke durch die Kaminröhre. Die unartigen Kinder werden zur Bestrafung nach Madrid verschleppt. Ihre Eltern ziehen dann freiwillig nach. ZuWeihnachten kommt noch der Weihnachtsmann, Santa Claus, der aber in Holland keine Geschenke verteilt und nur so durch die Gegend fliegt, manchmal fährt er den Coca-Cola-Truck. In Deutschland sind Sankt Nikolaus und Santa Claus fast Klone, sie haben oft die gleichen Geschenke und sind deswegen im kollektiven Bewusstsein der Kinderbevölkerung zu einer Figur verschmolzen – der des Weihnachtsmannes. In Berlin werden die meisten Weihnachtsmänner von der studentischen Arbeitsvermittlung engagiert. An manchem Dezemberabend kann man zwei bis drei zur gleichen Zeit in einem U-Bahn-Waggon erwischen, wie sie hin und her durch die Stadt pendeln. Einige rülpsen laut in den Sack. Und wenn diese jungen Weihnachtsmänner lange genug unterwegs sind, können sie sogar dem alten Opa Frost paroli bieten.

Na dann, Prost. Tür 17 ist dann die „Schilder in Städten“-Ausgabe – Diese childer sahen im August in China doch recht merkwürdig aus:

..

Advertisements

Veröffentlicht am Dezember 20, 2017 in Kulturelles, Smalltalk und mit , getaggt. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink. 2 Kommentare.


  1. Saufen mit Russen?, gaaanz schlechte Idee.
    (Zumal das ja auch schon die Russen wissen)

    Gefällt 1 Person

antworten

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.

%d Bloggern gefällt das: