Naturrecht, Inspiration und sanktionierte Zivilisation

Dieser Kommentar zu meinem sprachlich angepassten Artikel 1 Satz GG und gestrichenem Satz 2; eine Antwort auf die Frage woher überhaupt Grundrechte kommen (die der erwähnte Artikel ja schützen soll), gefiel mir so gut den gibt es jetzt (leicht gekürzt) als Gastbeitrag. Nur die Überschrift, die stammt von mir. Und der Stich im Bild hat auch schon ein paar Tage aufm Buckel. In der Überschrift (das muß man bei der aktuellen ständigen Umdefinition von Begriffen vielleicht dazusagen) verwende ich sowohl „Inspiration“ (=Eingebung von oben, Erkenntnis von außen) als auch „sanktionieren“ (=absegnen, gutheißen) im ursprünglichen Wortsinn. Naturrecht auch, aber das Wort kennt sowieso kaum jemand, weshalb ihm eine ständige Neudefinition nicht so oft passiert ist wie den anderen beiden.

Was dagegen zum Naturrecht gehört und was zur Zivilisation, darüber schreibt Ari:

Naturrecht, Inspiration und sanktionierte Zivilisation

Ein Gastbeitrag von Robert Cohn

[D]as Recht, das Grundrecht zumal; wo kommt es her?, und wer erteilt wem ein Grundrecht?, zumal es ja erstaunlich einfach ist, einfach mal ein paar Grundrechte zu streichen, wenn man […] als Minister am Drücker sitzt. Dann sind diese Grundrechte nichtmal mehr theoretisch, sondern weg.

Ursprung des Rechts: Da gibt es die Naturrechtler seit dem siebzehnten Jahrhundert (vielleicht auch schon Picco della Mirandola dreihundert Jahre vorher), die meinen, dass den Leuten von Natur aus Rechte gegeben seien. Das war zwar eine fortschrittliche Idee, denn sie argumentiert für Allgemeinrechte gegen partikulare Herrschaftsrechte, also gegen jene, die immer gleicher sind als die anderen Gleichen. Aber sie postuliert Natur dort hin, wohin sie nicht gehört. Unter Natur verstanden die Naturrechtler von Locke bis Spinoza und von Picco della Mirandola bis Rousseau einen gütigen, humanen, ideal altgriechischen Zustand, in dem das Individuum frei sei.
Die Naturrechtler wurden alsbald von ihrem eigenen Idealismus eingeholt, denn je mehr man sich (außerhalb der antiken Philosophie) mit dem Fressen und Gefressenwerden und mit dem Ursprung der Arten auseinandersetzte (Dichter wie Opitz und Gryphius nach dem 30jährigen Krieg, Zoologen wie Lamarck und Linnaeus in der Aufklärung des achtzehnten Jahrhunderts), um so klarer wurde es, dass sich aus der Natur kein allgemeines Menschenrecht ableiten lässt. Friedrich Nietzsche wusste das gut.

Gegen die Naturrechtler, die es auch schon in der römischen Antike gab, stand seit je her das Judentum. Darin geht es sehr streng und sehr eindeutig zu: Recht wird demnach ausschließlich nach allgemeinen Verhandlungen von ganz oben erteilt, auf dem Har’Ssinai, als Moses da hochstieg, um die Torah zu bekommen. Da wurde das Recht erlassen, das Recht schlechthin. Vorher gab es kein Recht, sondern Barbarei, das Primat des Stärkeren, allgemeine Verantwortungslosigkeiten und allerlei Unklarheiten wie einst im Paradies, als Eva von der Frucht aß, weil sie auf Einflüsterungen hörte, dass sie dadurch werden könne wie Gott. Und als Adam einfach mitmachte, ohne zu sagen, ja-aber.
Adam und Chava waren noch keine Menschen, denn sie lebten unter gütigem Kuratel. Aber sie wollten plötzlich so werden wie Gott. Nix dazwischen! Ja so einfach geht das doch nicht.

Chava hat dann, als sie gefragt wurde, was sie denn bewogen habe?, einfach mal so die Verantwortung für ihre eigene Entscheidung abgestritten, sondern sie meinte, die Schlange sei Schuld, und Adam sagte gar nichts. Beide kauten noch.

Also hat qua Judentum der Naturzustand einfach nicht hingereicht; denn wenn einer menschliche Verantwortung hat, dann muss er mitten in den Gegebenheiten der Natur (außerhalb des Paradieses) leben und dabei möglichst menschlich bleiben. Oder menschlicher werden. Alles wieder mal gar nicht so einfach ^^

Weswegen viel, viel später dann Moses mit den Luchess vom Berg herunterkam, aber die Tojre passte ja nicht drauf, es standen bloß die Zehn Gebote drauf (der jidische Gelehrte Mel Brooks meint freilich, es seien erst fünfzehn Gebote gewesen, was keiner widerlegen kann 😀 ). Das Volk (entlaufene Sklaven) diskutierte und protestierte, so wie das Volk das ebenso gern wie immer tut, und Moses ging wieder auf den Berg, kam wieder herunter, ging wieder hinauf.
Heißt: Zwischen dem Gesetzgeber (der Ojberschter, boruch Ho’Schejm), dem Hauptverhandler (Mojsche) und dem Volk (der Souverän, dem es oblag, das Gesetzbuch anzunehmen oder nicht) herrschten Verhandlungen. Es wurde ausgehandelt, was Recht sei, und was es nicht sei. Etwa, dass es sich um Menschenrecht handeln müsse, denn die Zehn Gebote sind kein Stammesrecht, kein Gruppenrecht und kein Partikularrecht, sondern sie sind Individualrecht mit dem Einzelnen als Rechtssubjekt, ja?, das sich auf die ganze Menschheit bezieht.
Und er sah, dass es gut war, und selbst Moses-Cornutus, der sich äußerst über das Volk mit seinem plötzlich aufgewärmten neoägyptischen, sklavischen goldenen Kalb ärgerte, sah, dass es gut war, und das Volk begriff schließlich, dass es keine andere Wahl hatte, als vom Daueropfer- und Sklavendasein durch eigene Entscheidung wegzukommen: Es war gefragt worden, hatte verhandelt, hatte dem Ergebnis zugestimmt.

So kommt laut dem Judentum Recht zustande. Das ganze jüdische Volk hat darauf geschworen: „Schamor ve sachor, wir werden es bewachen und bewahren und es anwenden und uns erinnern.“ Seitdem sind die Zehn Gebote nicht verhandelbar oder gar abschaffbar: Denn-die-gelten.
So die jüdische Meinung und die jüdische Realität seit Moses Zeiten bis heute. Dreitausenddreihundert Jahre immerhin. Besser als so geht’s nimmermehr.

Das jüdische Recht, das in der Folge von den Christen leicht modifiziert in Kontinente umgreifendem Maßstab angewandt wurde, ist kein Naturrecht. Es ist göttlich gesetztes, allgemeines Bürgerrecht, weil der Einzelne nur auf diese Weise vor Tyrannei, Theokratie oder Umsturz geschützt ist – damit er keiner Rechte verlustig geht. In den Zehn Geboten steht Rechtsgleichheit der Individuen unabhängig vom sozialen Status oder vom Geschlecht (daraus folgt zwingend die Abschaffung der Sklaverei, und daraus folgt auch die Meinungsfreiheit), darin stehen Eigentumsrecht und der Schutz der Familie, darin stehen das Verbot von Tyrannei und das Verbot, zu morden.
Zivilisierter geht es nicht.
Gerechter geht es auch nicht.
Jeder Versuch einer Modifikation, euphemistischerweise Verbesserung oder gar social justice genannt, hat bisher zu neuer Tyrannei oder zu neuem Gruppenrecht des rechtlosen Fressens geführt.

Meine Antwort drauf fiel wesentlich pragmatischer aus:
„Ich hätte auch gern eine Schusswaffe, so wie sie die Amerikaner haben dürfen – damit würde ich nicht mal was tun, ich hätte sie einfach nur irgendwo zuhause weggeschlossen, damit alle Möchtegern[abschaffer] wissen daß es sie gibt. Aber [Politiker] wüßten eben: denk nichtmal dran, als Politiker bist Du dem Grundgesetz und den Wählern verantwortlich – und es gibt eine Menge Leute denen am Grundgesetz liegt, und die andere Mittel haben eine Regierung zur Verantwortung zu ziehen als nur alle vier Jahre einen bedeutungslosen Stimmzettel irgendwo abzuwerfen oder mit schicken Pappplakaten zu wedeln.
*seufz*
Die Möglichkeit reicht; aber ein vorstaatliches Grundrecht ist ohne die Möglichkeit es gegenüber dem Staat durchzusetzen doch auch nur Papier. Die abschreckende Wirkung ohne (theoretisch) den Wumms dahinter, das funktioniert nur bei der israelischen Atombombe. Von der keiner weiß ob sie wirklich existiert… offiziell gibt es garkeine, aber blöd wäre die israelische Regierung, das hartnäckige Gerücht einer „inoffiziellen“ allzu glaubwürdig zu dementieren: so bekommen sie, falls es wirklich keine gibt, die Abschreckung ohne sich um einen aufwendig zu wartenden Staubfänger kümmern zu müssen. Schick.
Wenn es Politiker von dummen Ideen abhalten soll – dann gehört der aufwendig zu wartende Staubfänger wohl dazu, einfach nur ein Gerücht in die Welt zu setzen reicht da wohl nicht. Mist.“

… wobei ich jetzt im Nachhinein denke, daß ein von oben inspiriertes Recht eben auch etwas ist das man nicht einfach so mal ändert. Deshalb funktioniert es: es setzt sich selbst durch.

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Veröffentlicht am März 10, 2018 in Fremde Feder, Kein Smalltalk, Philosophisches, Politik, Robert Cohn und mit , , getaggt. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink. 16 Kommentare.

  1. … schankedön für’s Artikelmachen, Aurorula.

    Es würd‘ mich interessieren, was der ZetaOri dazu sagt. Der ist zwar ein kluger Kopf 🙂 , aber wenn’s um allerley Gottesbezüge geht, wird er rabiat. Das kann ich verstehen: Weil durch andere solche Bezüge ja woanders durchaus missioniert und vereinnahmt wird.
    Da war erst in der vorigen Woche (habe ich bei The Daily Wire gelesen) dieser wutentbrannte Aufstand von Nachbarn in einer Stadt in Indien, weil amerikanische Missionare (einer hieß Richard Nixon) dort Bibeln verteilt und versuchten hatten, Hindukinder zu missionieren. Die Hindu-Nachbarn brüllten die Missionare an und verbrannten diese Bibeln.
    Und nein, derlei läuft nicht unter Christenverfolgung.
    Derlei läuft unter moderate Selbstverteidigung gegen Missioniererei.

    Sollen diese Missionare doch bittschön in Afghanistan oder in Saudi-Arabien missionieren. Ob sie da nur einen Tag überleben? Aber sollen sie doch die Hindus und die Buddhisten und die Jiddn in Ruh lassen. Übrigens gibt es christliche Missionare in Indien seit dem sechzehnten Jahrhundert, und nie hamse mal einen von denen umgebracht. Nur gegen zwangsweise umgesetzte, zerstörerische Gottesbezüglerei haben die was.

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    • … wobei die Erzählung ja auch völlig ohne Gottes- und Menschenrechtsbezug auf mehreren allegorischen Ebenen funktioniert:
      – da steht Moische als das Ich zwischen dem Volk (Es) und den Anweisungen von Oben (Über-Ich) und handelt zwischen beiden aus, was richtig und falsch ist.
      – oder: Moische (Rechtssprechung und Gesetzgebung) steht zwischen Naturrecht (Volk) und Ethik (wieder die Anweisungen von Oben) und baut daraus eine Zivilisation, in der alle gut leben können.
      Was durchaus nicht falsche Aussagen sind, auch wenn sie in einer Geschichte mit Gottesbezug miterzählt werden.

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      • … schon, wobei die Erzählung sowohl Halacha als auch Haggada ist, nicht?, also Rechtsetzung und Erzählung. Die ganze Tojre gilt als Verbund von Rechtssprechung mit erzählerischen (dramatischen) Passagen.
        Allegorisch ist die Tojre nicht 🙂 , auch nicht symbolisch, obgleich man sie so lesen kann (die Buber-Rosenzweig-Übersetzung gibt sich sehr symbolistisch-expressionistisch).

        Der Gottesbezug ist immer konkret, nicht allegorisch, hm, und ein Freudsches Über-Ich für entlaufene Sklaven müsste nicht der Ojberschter gewesen sein, sondern das goldene Kalb (als Schatten, wie Jung wohl sagen würde, der die Herrschaft übernimmt, so bald das kollektive Bewusstsein, Moses, einen Bergspaziergang macht. Dann übernimmt der Schatten aus dem kollektiven Unbewussten gleich wieder alles).

        Gestern auf der Suche nach halachischen Erklärungen (über was Anderes) fand ich das Forum von Mi-Yodea, in dem hunderte Chossidn einander auf Jeschiwisch kommentieren. Raaah, als Nicht-Jeschiwischer kann man dem kaum und kaumer folgen, hm, nur ganz zur Not vielleicht grad so 😀 *
        Da frug einer, ob die Jidn nur auf einer Seite des Bergs gestanden hätten, oder auf allen vier Seiten?, als Mojsche oben war. Das sind so Fragen (er wollte ein Bild malen, auf dem alles richtig ist). Und derlei Fragen beziehen sich nie auf’s Praktische (etwa Verteidigung; sich in der Wüste zu verteilen ist taktisch unklug, oder auf Geografisches; es muss ein hoher und schroffer Berg gewesen sein, weil Moses immer lange unterwegs war, während das Volk über die Gesetzesentwürfe diskutierte, was ja nur geht, wenn alle in Rufweite lagern), sondern allein auf schriftliche Stellen und Überlieferungen und Interpretationen. Schriftliche Interpretationen selbstverfreilich 🙂 . Von den Weisen. Und es gibt Aberhunderte von Weisen.

        .

        * P.S.
        Hier mal’n Bleistift, wie sich Jeschiwisch liest (ach und anhört, denn es wird selbstverfreilich so geredet):

        „What kind of seder did a non-oleh l’regel have during the time of the Bais Hamikdash?“ Drunter mehrere Antworten auf Jeschiwisch.

        Nochn Bleistift, vollständig mit Antwort, die ähemm alles klärt:
        „What should a woman who can only do Chalitza do if her Yevam can’t do it? In some cases of Zikas Yibum, there is a Rabbinic prohibition against their doing Yibum (eg. the deceased husband’s brother is a Mamzer, cf. Shulchan Aruch Even Hoezer 174) and as such they must perform Chalitza. What if in such a case all the brothers could not perform Chalitza for practical reasons (eg. none of them have legs, cf. Shulchan Aruch Even Hoezer 169). Could the brother who’s a mamzer do Yibbum (according to Sefardim who allow Yibbum and even according to Ashkenazim as there is no option of chalitza) or would she be left an aguna?

        Answer: The Mishnah and gemora on Perek 14 of Yevamos (Charais Shenisa – 112b to 113b) seems to deal with it by not mentioning any case except that of the two sisters (as the basic case of a yevama). That is, the implication is that in any case where the cheireish is faced with the problem of having to give chalitzah to a woman who is asur to him, it is treated exactly as if she is the sister of his wife. Since the gemora does not bring up the case of isur derabbanim, such as the cases that you mention they are treated in the same way. Had there been a difference, the gemara would have asked that question.“>/em>

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    • … würd‘ mich interessieren, was der ZetaOri dazu sagt. Der ist zwar ein kluger Kopf, aber wenn’s um allerley Gottesbezüge geht, wird er rabiat. Das kann ich verstehen: Weil durch andere solche Bezüge ja woanders durchaus missioniert und vereinnahmt wird.

      😀
      Mit Speck fängt man Mäuse?
      Na, als angeblich „kluger Kopf“ sollte ich das eigentlich ignorieren, und da mir so garnicht nach Rabiatesse ist, müsste ich Dich möglicherweise gar enttäuschen: Die Zeiten, da ich mich mit Vehemenz und Überzeugung in solche Dispute gestürzt habe, sind seit einigen Jahrzehnten vorbei. (Damals glaubte ich auch noch, die menschliche Vernunft müsse doch – zumindest annähernd – gleichverteilt sein. Wie meinte Ernst Jandl: Werch ein Illtum!)
      Heute empfinde ich nur noch seltenst das Bedürfnis, mich zu dieser Thematik zu äußern, und wenn die Argumentation ins Metaphysische und / oder, schlimmer noch, ins Pseudowissenschaftliche abgleitet, breche ich meist ohne Widerrede ab:
      Meine Zeit wird knapper.
      Wenn Du da also in der jüngeren Vergangenheit irgendwas als ‚rabiat‘ empfunden hast, stimmt etwas nicht: Mit Deinem Empfinden.
      (Wobei mein Hang zum Rabiat-Werden zwischen den verschiedenen irrationalen Überzeugungssystemen sicher auch heute noch etwas differiert: Du hast völlig Recht (ich erwähnte es auch wohl andernorts schon), dass mir Leute, die, als Gruppe oder Individuum, ihren ganz persönlichen Vertrag mit ihrem ganz persönlichen Skydaddy haben, mir selbigen aber nicht aufdrängen, ja, so eigentlich nichtmal mit mir teilen wollen, wesentlich sympathischer sind als die aufdringlicheren Fraktionen, welche mir ggf. sogar ernsthafte Konsequenzen irdischer Art androhen, sollte ich ihnen nicht beitreten oder sie, falls unglücklicherweise hineingeboren, gar verlassen wollen.)
      Aber wenn Dir mit ein bisschen Zynismus, etwas Süffisanz und viel Augenzwinkern gedient ist, bitte sehr:

      Deine ‚Rechte‘ sind genau das (Aurorula deutet es ja schon an ¹) ), was Du aus eigener Kraft oder in Gemeinschaft (im weitesten Sinne) mit Anderen …

      a) … erforderlichenfalls mit Gewalt (im weitesten Sinne) oder
      b) … mit der Androhung selbiger

      aa) … durchsetzen oder (im Falle der Verletzung nachträglich)
      bb) … sanktionieren (im heute gebräuchlichen Sinne)

      … kannst, wenn sie Dir jemand streitig macht.
      (Es gibt da einen kleinen Staat im Nahen Osten, der seine Immernoch-Existenz genau dieser frühzeitigen Erkenntnis verdankt. >;D )
      Alles andere ist ‚ex gratia‘, unverdiente Gnade, Almosen, die willkürlich auch wieder entzogen werden können.
      Daraus folgt:

      – Gegenüber einer allmächtigen Instanz kann es definitionsgemäß keine Rechte geben.
      – Die obigen Fälle b) & bb) setzen ausreichende Vernunftbegabung Deines Widerparts voraus, weshalb die ‚Natur‘ ebenfalls ausscheidet. Weder gewährt sie ‚Rechte‘, noch lässt sie sich durch Argumente oder Gewaltandrohung welche ab‚handeln‘, und irgenwelche Sanktionen sind ihr herzlich schnuppe:
      Wenn Du ohne entsprechende Bewaffnung oder Fluchtmöglichkeit einem hungrigen Löwen begegnest, bist Du tot.
      Wenn Du meinst, einen 100 m tiefen Abgrund fliegend schneller überwinden zu können als kletternd, bist Du tot.
      Wenn Du von den falschen Pilzen denkst, sie würden eine treffliche Mahlzeit abgeben, bist Du tot.
      Wenn Du Dich einer ausreichenden Menge pathogener Mikroorganismen aussetzt, bist Du tot.
      Wenn Du Deine Hütte zum falschen Zeitpunkt auf ’nem aktiven Vulkan baust, bist Du tot.

      DAS ist Natur. Alles andere ist Philosophen-Geseire. Hirnpfürze von Leuten, die nie vor ihren vom Unwetter verwüsteten Feldern gestanden haben, denen kein einstürzender Bergwerksstollen die Beine abgequetscht, kein weidwund geschossener Eber noch eben die Bauchdecke aufgerissen, keine Sturmflut das Fischerboot zu Kleinholz verarbeitet hat. Deren Kontakte mit der Natur sich sowohl im wörtlichen als auch im metaphorischen Sinne auf sommerliche Picknicks im Grünen und Lustwandeln auf gekiesten Wegen zwischen kunstvoll kupierten Buchsbäumchen beschränken.

      Nun ist ‚homo‘ als Herdentier ’natürlich‘ schon per evolutionärem Erbe auf weitgehend friedliche Regeln des Zusammenlebens getrimmt. Als ‚historisches Tier‘ erinnert er sich aber nicht nur daran, dass der dicke Rüpel von nebenan ihm per Faustargument ’ne heiße Braut ausgespannt und ihn von der vorzüglichen Stelle zum Angeln weggeschubst hat, sein Opa hat ihm auch erzählt, dass der Opa des Rüpels schon genauso war. Wenn sich dann genug andere ebenfalls erinnern, beschließen sie vielleicht, den Rüpeln gemeinsam ein paar Umgangsformen beizubringen. Und ebenfalls vielleicht resultiert daraus mit der Zeit auch eine Formulierung von etwas abstrakteren Rechten als nur dem, nicht umgebracht zu werden. Und zwar völlig ohne Gottesbezug.
      Könnt sein?
      Jedenfalls hatte alleine homo s. schon eine gute viertel Million Jahre überlebt ohne sich selbst auszurotten, bevor die Horde ‚entlaufener Sklaven‘ da durch die Wüste geirrt ist oder auch nur jemand auf den Gedanken kam, mittels seltsamer Symbole auf mehr oder weniger beständigen Unterlagen irgendwelche individuellen Rechte verbindlich niederzuschreiben.

      Das kam natürlich auch irgendwann, ebenfalls lange vor dem ominösen vierzigjährigen Wüsten-Gewaltmarsch und auch schon mit eindeutig individuellen Rechten. Immerhin hat z.B. der olle Hammurabi mir sogar das Recht auf ungepanschtes, preisgebundenes Bier zugesprochen., siehe § 108
      (Daran sollen sich die modernen Menschenrechtler mal ein Beispiel nehmen. Hah!)
      Zwar auch mit ’nem dezenten Gottesbezug aber mit duchaus konkreten weltlichen Sanktionen bewehrt!
      (Und ob die Götterfigur nu Marduk oder Jehova oder Baal oder Wieauchimmer heißt: Wenn er auf mein Bier achtet, soll’s mir recht sein. (Vielleicht könnt‘ er noch nebenher ein Auge auf den guten Single-Malt-Whisky werfen? Aber nur wenn’s keine Umstände macht.))
      Dass da innerhalb solcher ‚gewachsener‘ Hierarchien die Rechte trotzdem nicht gleich verteilt sind, ist genauso ‚Natur‘ wie die ‚Ächtung‘ willkürlicher Gewalt (im weitesten Sinne): Beides dient der ‚Effektivität‘ der Gruppe (respektive der evolutionären ‚Fitness‘ der Spezies, nicht der des Individuums).

      Da ist einerseits so ein Haufen „entlaufener Sklaven“ (die ja zunächst ‚absolut gleich rechtlos‘ waren) natürlich prädestiniert für die Formuliereung eines allgemeinen, für alle gleichen Rechtes. Andererseits fehlt denen aber selbst die rudimentärste ’staatliche‘ Infrastruktur, dessen Einhaltung zu kontrollieren und Verstöße zu sanktionieren. Und, wie Du richtig ausführst, war dieser Ex-Sklaven-Haufen nach jahrelanger (recht wasserarmer) Odyssee auf dem Sinai nicht gerade ein strahlendes Beispiel für Diszipliniertheit. ²)
      In solchen Fällen ist so ein überdimensionaler himmlischer Zampano, der seine Augen und Ohren überall hat, dann sicher recht nützlich. (Insbesondere, wenn der auch noch ‚verhandlungsbereit‘ ist, gelle?)

      Das Problem damit ist allerdings, dass ebendieser Zampano sich weigert, mal so ganz persönlich vor dem Haufen aufzutreten und auch mal selbst ein paar Ehebrecher ³) zu steinigen, einige eigentlich fällige Nackenschläge und Ohrfeigen auszuteilen oder zumindest denen, die auch am Sabbat auf Nahrungssuche gehen oder ihren Schinken mit ’nem Glas Milch runterspülen, einen dicken Manna-Klumpen an den Kopf zu schmeißen. Da muss man dann auf konstruierte ‚göttliche‘ Bestrafung ausweichen („siehst’e, nu hat dich der Blitz beim Scheißen erwischt, warum musstest du auch ‚Jehova‘ rufen“; oder: „hätt’ste mal die Finger von meiner Frau gelassen, dann hätte dich die Wüstenotter nicht gebissen“) oder diese Sanktionierung in ein mystisches Jenseits verlegen, aus dem nie irgendwelche Nachrichten zurückkommen. Sowas nutzt sich naturgemäß schnell ab, wenn man fortwährend die Erfahrung macht, dass auch der super-gottesfürchtige Nachbar nicht vor dem Blitz gefeit ist und selbst garantiert unschuldige Kindlein von bösen Schlangen gebissen werden. (Hat der olle Paulus gut erkannt und mit der Erfindung der Erbsünde so etwas wie ‚Unschuld‘ per se abgeschafft. Das vereinfacht die Argumentation.)
      Weshalb der gewaltige und gewaltig rachsüchtige Himmelspopanz am Ende die Sanktionierung von Frevlern / Häretikern (ja, letztlich sogar die Auslegung dessen, was denn nun wirklich sein Wille sei, als ob der sich nicht unmissverständlich ausquatschen könnte) doch wieder an entsprechende menschliche Hände respektive Köpfe delegieren musste, womit die ‚Gleichheit‘ und ‚Allgemeinheit‘ schon wieder perdu war, wie bei jeglicher Institutionalisierung halt so üblich:
      Nam quis custodiet ipsos custodes?
      (‚ER‘ zumindest hat sich seither in personam wohl nicht mehr gemeldet. Hmmm …)

      So, das soll’s erstmal sein. Ich hoffe, ich habe erfolgreich vermieden, allzu ‚rabiat‘ zu werden. #-)

      ¹) @ Aurorula: Der Besitz einer Feuerwaffe (-> Erteilung einer Waffenbesitzkarte (WBK)) ist an die Voraussetzungen …
      – Bedarf
      – Sachkunde
      – Eignung
      … gebunden.
      Die ersten beiden liefert z.B. ein Sportschützen-Verein. (Wobei insbesondere die Sachkunde (Lehrgang ~ 2 Tage; ~150,- … 200,- €) schon zum Schutz gegen Selbstgefährdung unabdingbar ist. So’n Teil entwickelt mehr ‚Eigenleben‘ als ein Anderthalbhänder. ;o) )
      Der Nachweis von Zuverlässigkeit und Eignung sollte für jemanden entsprechenden Alters der nicht gerade unter Betreuung gestellt ist und ein halbwegs sauberes Führungszeugnis vorweisen kann, kein Problem sein.

      ²) Wer mal im Rahmen eines EKL als Truppführer ’ne gute Handvoll eh schon testosteronggeschwängerter Jungs für nur 48 Stunden Überlebensübung durch die Pampa gescheucht hat, kann die Probleme des ollen Moishe nachvollziehen. Spätestens, wenn er denen nach 40 Stunden auch noch ’nen simulierten Verwundeten aufgeladen hat. >;o)
      (Statt 10 Geboten gibt’s da dann die Wehrdisziplinarordnung mit ~ 150 §§)

      ³) Das war ja dummerweise immer noch dabei, auch nachdem Moische ‚IHN‘ von 15 auf 10 runtergehandelt hatte. 😀

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      • A propos jenseitig garantiertes Bier: es gibt einen gar scheußlichen protestantischen Choral mit der Zeile „…daß uns beid hier und dorten sei Glück und Heil beschert“ – nicht wenige Leute verstehen angesichts der ebenso scheußlich holperigen Wortgebung: „…daß uns bei Bier und Torten sei glücklich Eis beschert“. Trotzdem würde ich eher das Picknick als den Protestantismus empfehlen…

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  2. Sei bedankt, Ari!
    Mir gefällt Dein gesamter Beitrag, aber dieser Satz, sofern ich ihn richtig verstehe, hat mich tief beeindruckt:
    „… denn wenn einer menschliche Verantwortung hat, dann muss er mitten in den Gegebenheiten der Natur (außerhalb des Paradieses) leben und dabei möglichst menschlich bleiben.“
    Wer also das Menschsein für sich beansprucht, hat auch die Verantwortung zu tragen, die mit dieser Auszeichnung verbunden ist. Er hat das Paradies (die Unmündigkeit) zu verlassen und sich den Gegebenheiten der Natur (der Realität) zu stellen.

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    • Schankedön, Wolfgang 🙂
      Ja, darauf kommt es an im Judentum. Danke, dass Du’s gefunden hast (ich hätte es mehr betonen sollen). Hillel drückt das so aus: „Was du nicht willst, das man dir tu, das füg auch keinem Andern zu. Der Rest ist Auslegung, Geh hin und lern sie.“

      Ähm!, die Auslegung, die Hillel da so kurz auf den Punkt bringt, umfasst aber mittlerweile die Torah und die Mischna und die Gemara, das Schrifttum der Amoraim und Tossafisten und Gaonim usw. usf. bis zum Schulchen-Ojrech und dem ganzen Maimonides und rabbinischen Responsa und Rechtsurteilen seit dem 18. Jahrhundert bis zu Emil Fackenheim und Emanuel Lévinas. Waaah. Viiiiiel.

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  3. A propos Zivilisation, gmx hat zum Thema „Hass im Netz“ jemanden interviewt:
    https://www.gmx.net/magazine/news/hass-kommentare-laute-minderheit-32863306
    Jedes zweite Wort ist „Hass“ – leider ist nirgends erwähnt, was als „Hass“(-Kommentar) im Sinne dieser Statistik gezählt wurde. Unzufriedenheit mit den erwähnten Politikern Merkel (Hashtag merkelmußweg), Maas („besonders oft Opfer von gezieltem Hass“) oder so schwammig wie das geschrieben ist nach der Beschreibung eines Angriffs auf den auch Höcke („Wechselwirkungen beobachtet“)? Letzteres halte ich einfach für schlechte Schreibweise, die durch mehrere Hintertüren irgendwo im Wald landet; aber wenn man garnicht weiß was los ist? Likes für einen Beitrag der selbige ausdrückt? Aufrufe politisch andersdenkende gewaltsam einzuschüchtern? Hashtags wie kandelistüberall? Nirgendwo wird konkret gesagt: Hass im Sinne dieser Untersuchung ist …
    Wat denn nu?
    Etwas später wird ein „Medienguerilla-Handbuch“ erwähnt: ohne Titel, ohne Autor, nur DAS Handbuch, in dem nachzulesen sei, wie man bei Hasskampagnen vorgeht. Falls der ungenannte Autor Saul Alinsky ist und das Buch „Rules for Radicals“ kann ich ja durchaus verstehen daß man nicht die (offen gewaltbereite) Antifa gleich am Artikel demonstrieren lassen will was Hass denn nu ist –
    Allerdings springen sie gleich zu Warnungen vor Identitären und Neonazis; deren Ziele allerdings mehr als nur teilweise so formuliert sind wie das Linksextreme tun würden – und spätestens in diesem Teil ist kaum noch auszumachen, welche Hashtags wohl Opfer und welche Teil der ungreifbaren „Hasskampagnen“ sein sollen. Wenn ich hier richtig ruminterpretiere, wohl alle Teil – ich kann mich aber auch irren.

    Leider kann ich nicht mal nachfragen, weil für diesen Artikel keine Kommentarfunktion freigeschaltet ist.

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