Archiv der Kategorie: Fremde Feder

Fluchende Zeitungsseite flattert zielgerichtet

In den unvergleichlichen Worten Terry Pratchetts: Die Welt ist voller Omen, es kommt nur drauf an sich die richtigen auszusuchen. Nach dem letzten Gewitter habe ich eins dieser ubiquitären Omen gefunden: auf der Straße flatterte mir zusammen mit einer ganzen Menge Laub eine Zeitungsseite entgegen, deren Titelzeile mir prompt die Meinung über… die Straße mitteilte:

Zufälliges Zeitungspapier. Für die Daten-Nerds: ich habe keine Verbindung zur abgebildeten Zeitung; sie flog mir nur als Müll entgegen, weiter nichts.

Schade, daß ich (wahrscheinlich) nicht in der als verflucht verschrienen Straße stand, aber auch auf der Metaebene kann man nicht immer alles haben. Ich muß mir noch überlegen, wofür die fluchende Zeitung ein Omen sein soll, oder womit sie die Straße denn verfluchen soll – aus mir wird also nicht so schnell ein Horrorfilmregisseur, fürchte ich.

Normalerweise flucht man ja umgekehrt über das was in der Zeitung steht, oder die Flüche anderer landen in der Zeitung. Letztens hatten Ari und ich auf der Internetseite einer Zeitung zusammen mit jemandem der sich „A Regular Guy“ nennt auch Gedichte über Flüche geschrieben, das geht natürlich auch. A Regular Guy hatte Shakespeare zititert, Macbeth. Das zu sagen soll einen übrigens auch verfluchen, wenn man Schauspieler ist – außer man probt gerade eine Rolle in Macbeth – weshalb Schauspieler von „the Scottish Play“ reden, um nicht den Fluch Shakespeares auf sich zu ziehen. Wir drei Kommentatoren waren alle keine Schauspieler, und so sagte A Regular Guy einfach „Macbeth!“ und zitierte:

Double, double toil and trouble;
Fire burn and caldron bubble.
Fillet of a fenny snake,
In the caldron boil and bake;
Eye of newt and toe of frog,
Wool of bat and tongue of dog,
Adder’s fork and blind-worm’s sting,
Lizard’s leg and howlet’s wing,
For a charm of powerful trouble,
Like a hell-broth boil and bubble.

Double, double toil and trouble;
Fire burn and caldron bubble.
Cool it with a baboon’s blood,
Then the charm is firm and good.

Mit der Anmerkung über die amerikanische Demokratische Partei, um deren Halloween-Spinnereien (Verkleiden ist kulturelle Aneignung! etc.) es gerade ging:

And for the heck of it… ear of Democrat and the toes of bats.

Aris Demokraten-Fluch-Gedicht darauf:

😀

… fillet of Pelosi snake,
bones of Waxine Maters fake;
eye and puke and toe of Hogg,
wool of Biden, taste of bog,
Cortez‘ phück and Stormy’s sting,
Shumer’s leg and Booker’s thing,
for the charmless leftist trouble!,
like a smell-broth shmoil and shmubble.

Und meine Fortsetzung:

… Michael Avenatti’s tongue,
Hogg-boy David’s left-wing lung,
Fauxcahontas‘ cheekbone marrow,
Washintonian bog’s ge-farrow,
Eye of Cortez, eye of Cory,
Online buIIies‘ quotes and quarry,
Bernie Sanders‘ pudding cup,
FIeas from Katzen’s strangled pup:
Stirr it to the left and spit –
This is instant gossip hit!

Womit wir wieder bei dem waren, was in der Zeitung steht. Und bei Fluch und Spuk. Auch bei Erlen in der Nähe soll es ja spuken: sie wachsen im Moor und das Harz ist blutrot, das reicht. Es reicht zumindest für den Erlkönig (den Quotenmann zu Shakespeares Hexen?). Aber nicht alle Kunst die ein Erlkönig sein könnte muß nun so unbedingt Kunst sein, wie beim zweiten Selbst letztens festgestellt, manchmal reicht es auch nur zu:

„Wer drahtet so spät in Wind und Nacht?“
„Das Bühnenbild hab ich nicht fertiggemacht!
Siehst, Alder, Du den Erlkönig nicht?“
„Das ist ein Gefrickel, das ist kein Gesicht!“
„Den Erlkönig, Alder, mit Bein und Schweif!“
„Mein Freund, das ist ein Drahtbügel-Reif.
Moderne Kunst mit Müh und Not –
Die Kritiker schlagen Dich morgen tot!“

Nicht jedesmal wenn jemand eine Zeitung (oder einen Draht) in neue Formen dreht ist es eben gleich Kunst.

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Anderer Leute Honig

Hauswände angucken ist auf regionalpolitischer Ebene manchmal informativer als zeitunglesen – es ist immer irgendwo ein Spruch oder ein Aufkleber mit dem, was jemandem wichtig ist; und im Gegensatz zum Internet auch noch völlig unbeobachtet. Letzte Woche also tauchte an einer Hauswand hier in der Nähe dieser Aufkleber auf: Ackergifte? Nein Danke! Was so ein kurzes Bickerl einem natürlich nicht vermitteln kann, ist Kontext. Die Comicfigur ist offensichtlich eine Biene, und dem Kleber-Kleber brennt es auf den Nägeln daß jemand die Äcker und damit die Bienen vergiftet; offensichtlich ist in mehrerer Hinsicht eine Sauerei im Gange. Ohne Clas Lehmann, der Imker ist und auch schon über das Thema geschrieben hat, wüßte ich aber nicht, worum es geht: daß Neonicotinoide, eine Sorte Insektenvernichtungsmittel, jetzt auch in amerikanischen Nationalparks erlaubt und wohl bedeutend langlebiger sind, als bislang gedacht. Hier ist, aus mehreren Beiträgen zusammengeschnitten, was Clas dazu schreibt:

Neonics […]: Die sind hochpersistent und ultragiftig, irreversibel dazu, für alle Articulaten. […] Substanzen, die als einstellige Nanogrammdosen schon töten, recht unspezifisch alle Artikulaten, sollte man nirgends hintun und gar nicht zulassen. Zumal dann nicht, wenn sie hoch persistent sind, systemisch wirken. […] Es gibt eine vernünftige Regel, dass Substanzen von hoher Wirksamkeit eine Halbwertzeit im Boden von höchstens 180 Tagen aufweisen. So kann es zu keiner Anreicherung kommen, Nachgemessen wird das aber nicht, nur abgehakt, das es da steht, in den Genehmigungsunterlagen. Beim Nachmessen wurden bis über [fünf Jahre lange Halbwertszeiten] gefunden. Das müsste eigentlich belegen, dass die Angabe […] falsch war, die Zulassung also erlogen und erschlichen wurde. Leider hat das nicht zur Folge, dass die dann erlischt.

Alles, was auf so Flächen oder in der Entwässerungslinie so artikuliert, und eigentlich in the war on pests non-target ist [ist von diesen angereicherten Giften betroffen]. […] Gemeint sind die nicht, die Brachypoden, aber sie haben halt wohl den selben Acetylcholinrezeptor, und wenn der blockiert wird, durch eine Substanz, die da nicht mehr abgeht… Dann geht es nur noch um die Frage, ob die ihre Nervenverbindungen selber bräuchten, für irgendwas. Je komplexer das notwendige Verhalten, desto anfälliger gegen störende Dauerreize. Deswegen ist Daphne auch eher ungeeignet, um neurotoxische insektizide Einträge in Gewässer zu bewerten: hüpfen und strudeln ist eher unterkomplex. Mückenlarven sind da als Zielorganismen auch eher schwer zu treffen.

[…] Vom Regenwurm über Collembolen bis zu Laufkäferlarven und Bienen sind allerhand Nützlinge dabei, die kollateral mit erledigt werden. Deutlich weniger [dieser Tiere sind zu finden]. Andere wären zum Beispiel Stallfliegen, die etwa von Schwalben gefressen würden. Weg, als Nahrungsgrundlage betrachtet. In den Gewässern larvieren Köcherfliegen, Zuckmücken, Libellen… alle viel empfindlicher als Wasserflöhe, die jedoch auch. Die sind Nahrungsgrundlage für Fische, die Imagines auch etwa für Schwalben. Vor dem Verbot für 3 Neonicotinoide haben die [Vögel], aus Mangel und Not, meine Bienen bejagd. Sowohl hier als auch im Moor, wo sie von ihren Nestern ein bis zwei Kilometer fliegen mussten. Ihnen gegönnt, obwohl ich nicht einsehe, mit meinen Tieren den Schaden, den andere anrichten, zu ersetzen.

Ach, und naturgemäß ist es noch komplexer: Im Grünland wird heute, vermöge des Simplex, alles bekämpft, was 2 Keimblätter hat, und wegen der Düngeverordnung und der als solcher ja nun mal angefallenen Gülle und der Gärreste auch, sind nun so Leute wie Klee nicht mehr erwünschte Stickstoffsammler, sondern als solche betrieblich schädlich… Kollateral… Damit fehlt dann etwaigen Wildbienen die Nahrungsgrundlage, woraufhin sie von einem Startup gezüchtet werden und verkauft und ergo als viel effektiver und besserer angepriesen und die Honigbiene bezichtigt, denen ja das Futter wegzufressen und gar nicht effektiv zu bestäuben. Gezüchtet? Sagen die ja, aber etwa fern in der Türkei hört man, es würden da Hummelköniginnen wegefangen…

Ein paar Fußnoten von mir:

Eine „Wartezeit“ (so heißt das ganz offiziell) kenne ich auch, von Tierarzneimitteln. Auch Nutzvieh wird mal krank; und um sicherzustellen daß etwa das, was der kranken Milchkuh wieder auf die Beine hilft nicht in der Milch landet wird die Kuh sozusagen krankgeschrieben, bis alle Reste der Arznei ausgeschieden sind. Und die Zeit, für die die Milch dieser Kuh nicht als Lebensmittel taugt, ist eben die Wartezeit. Ähnlich ist es mit Pflanzenschutzmittel: auch da gibt es eine Mindestzeit zwischen dem Einsatz des Mittels und der Ernte. Das wird auch im Normalfall alles kontrolliert und überwacht – ab und zu versagt aber diese Überwachung, und dann gibt es den Lebensmittelskandal. Was das um die falsch angegebene Halbwertszeit bei Neonicotinoiden auch sein sollte!

Dann die Sache mit den Grenzwerten: für Menschen sind die sehr sicher festgelegt (wie ich bei Feinverstaubt schonmal erklärt hatte), selbst eine massive Überschreitung schadet direkt noch niemandem – aber so eine Biene ist eben kein Mensch! Deshalb gibt es eine eigene Bienenschutzverordnung. Kurioserweise gilt die für alles außer Hopfen und Kartoffeln: für die gibt es eigene Gesetze, die mehr oder weniger dasselbe regeln. Aber ich muß ja Gesetze nicht verstehen, oder?

Eine Apotheke muß allerdings alle diese Gesetzestexte auf Papier gedruckt zum nachschlagen da haben (deswegen weiß ich das mit den Kartoffeln). Das muß ich auch nicht verstehen, braucht aber einen ganzen Schrank voller Wälzer.

A tribute to Dr. Martin Luther King (reblog)

Zweitesselbst hat ein Video aufgetan in dem jemand das Memphis von 1968 als Hommage an Dr. Martin Luther King nachgebaut hat, der vor 50 Jahren ermordet wurde; a tribute von King Leno:

Ein wirklich gut gebautes Video – Memphis von 1968 ist wunderbar akkurat getroffen; und die Idee am Schluss die letzte Rede Dr. Kings zu hinterlegen vermittelt ein eindrucksvolles Bild davon, wer da eigentlich ermordet wurde.

Die historischen Untertitel lassen zwei Sachen aus von denen ich meine daß sie dazugehört hätten – was bei kurzen Erklärungen naturgemäß immer so ist, deswegen sind sie kurz – und weil ich nicht am Video herumkritteln will, das mir wie gesagt sehr gut gefällt, ergänze ich sie einfach:

Eine kleine Sache wird unfreiwillig parteiisch: gegen Schluss als es um das Museum am Lorraine Hotel geht, werden nur Präsidenten mit demokratischer Parteizugehörigkeit als Besucher erwähnt – die anderen Präsidenten waren natürlich auch da. Alle seitdem es eröffnet hat, bis heute; die Rede des aktuellen amerikanischen Präsidenten zum 50sten Todestag Dr. Kings war wohl dort.

Und im ganzen Video fehlt eine Erwähnung von Dr. Kings Freund und Mitstreiter Rev. William Franklin Graham! Billy Graham hat sich vor und zusammen mit Martin Luther King genauso für gleiche Bürgerrechte für alle eingesetzt, war oft derjenige der ungerechtfertigt verhängte Strafen und Kautionen bezahlt hat um Dr. King sein politisches Engagement zu ermöglichen; und war der erste – der erste! – der bei seinen eigenen Reden die Absperrungen entfernt hat die die Zuhörer trennen sollten und ihnen gesagt hat daß sie bitte alle sitzen sollen wo auch immer sie wollen. … und keine Zeile dazu. Was nicht weiter bemerkenswert wäre wenn einfach niemand von der Bürgerrechtsbewegung außer Dr. King namentlich erwähnt würde – das ist aber auch nicht so, also warum nicht Billy Graham?

Die englische Wikipedische versteckt Rev. Grahams bürgerrechtliches Engagement übrigens auch in der Zusammenfassung irgendwo im halben Nebensatz und schiebt es nach weiter hinten im Artikel; und hier bin ich im Gegensatz zum Video fast geneigt dem Autor Vorsatz zu unterstellen – Rev. Graham wird in geschichtlichen Rückblicken über die Bürgerrechtsbewegung öfter einmal „vergessen“ (was auch der Grund sein wird warum King Leno ihn nicht kannte als er sein Video gedreht hat).

Halb absichtlich.

Der Grund für diese selektive Amnesie ist sowohl bitter ironisch als auch zutiefst tragisch: Billy Graham hatte für viele derjenigen die heutige „Narrative“ mit einer „Botschaft“ verfassen statt einfach über die Vergangenheit zu berichten eine Eigenschaft die ihn quasi automatisch disqualifiziert –

die „falsche“ Hautfarbe.

Was Dr. King darüber gedacht hätte daß man seinen guten Freund ausgerechnet aus diesem Grund aus der Geschichte herausretouchiert, fasst Dry Bones ganz gut in einem Cartoon zur Präsidentschaftswahl vorletztes Jahr zusammen:

Naturrecht, Inspiration und sanktionierte Zivilisation

Dieser Kommentar zu meinem sprachlich angepassten Artikel 1 Satz GG und gestrichenem Satz 2; eine Antwort auf die Frage woher überhaupt Grundrechte kommen (die der erwähnte Artikel ja schützen soll), gefiel mir so gut den gibt es jetzt (leicht gekürzt) als Gastbeitrag. Nur die Überschrift, die stammt von mir. Und der Stich im Bild hat auch schon ein paar Tage aufm Buckel. In der Überschrift (das muß man bei der aktuellen ständigen Umdefinition von Begriffen vielleicht dazusagen) verwende ich sowohl „Inspiration“ (=Eingebung von oben, Erkenntnis von außen) als auch „sanktionieren“ (=absegnen, gutheißen) im ursprünglichen Wortsinn. Naturrecht auch, aber das Wort kennt sowieso kaum jemand, weshalb ihm eine ständige Neudefinition nicht so oft passiert ist wie den anderen beiden.

Was dagegen zum Naturrecht gehört und was zur Zivilisation, darüber schreibt Ari:

Naturrecht, Inspiration und sanktionierte Zivilisation

Ein Gastbeitrag von Robert Cohn

[D]as Recht, das Grundrecht zumal; wo kommt es her?, und wer erteilt wem ein Grundrecht?, zumal es ja erstaunlich einfach ist, einfach mal ein paar Grundrechte zu streichen, wenn man […] als Minister am Drücker sitzt. Dann sind diese Grundrechte nichtmal mehr theoretisch, sondern weg.

Ursprung des Rechts: Da gibt es die Naturrechtler seit dem siebzehnten Jahrhundert (vielleicht auch schon Picco della Mirandola dreihundert Jahre vorher), die meinen, dass den Leuten von Natur aus Rechte gegeben seien. Das war zwar eine fortschrittliche Idee, denn sie argumentiert für Allgemeinrechte gegen partikulare Herrschaftsrechte, also gegen jene, die immer gleicher sind als die anderen Gleichen. Aber sie postuliert Natur dort hin, wohin sie nicht gehört. Unter Natur verstanden die Naturrechtler von Locke bis Spinoza und von Picco della Mirandola bis Rousseau einen gütigen, humanen, ideal altgriechischen Zustand, in dem das Individuum frei sei.
Die Naturrechtler wurden alsbald von ihrem eigenen Idealismus eingeholt, denn je mehr man sich (außerhalb der antiken Philosophie) mit dem Fressen und Gefressenwerden und mit dem Ursprung der Arten auseinandersetzte (Dichter wie Opitz und Gryphius nach dem 30jährigen Krieg, Zoologen wie Lamarck und Linnaeus in der Aufklärung des achtzehnten Jahrhunderts), um so klarer wurde es, dass sich aus der Natur kein allgemeines Menschenrecht ableiten lässt. Friedrich Nietzsche wusste das gut.

Gegen die Naturrechtler, die es auch schon in der römischen Antike gab, stand seit je her das Judentum. Darin geht es sehr streng und sehr eindeutig zu: Recht wird demnach ausschließlich nach allgemeinen Verhandlungen von ganz oben erteilt, auf dem Har’Ssinai, als Moses da hochstieg, um die Torah zu bekommen. Da wurde das Recht erlassen, das Recht schlechthin. Vorher gab es kein Recht, sondern Barbarei, das Primat des Stärkeren, allgemeine Verantwortungslosigkeiten und allerlei Unklarheiten wie einst im Paradies, als Eva von der Frucht aß, weil sie auf Einflüsterungen hörte, dass sie dadurch werden könne wie Gott. Und als Adam einfach mitmachte, ohne zu sagen, ja-aber.
Adam und Chava waren noch keine Menschen, denn sie lebten unter gütigem Kuratel. Aber sie wollten plötzlich so werden wie Gott. Nix dazwischen! Ja so einfach geht das doch nicht.

Chava hat dann, als sie gefragt wurde, was sie denn bewogen habe?, einfach mal so die Verantwortung für ihre eigene Entscheidung abgestritten, sondern sie meinte, die Schlange sei Schuld, und Adam sagte gar nichts. Beide kauten noch.

Also hat qua Judentum der Naturzustand einfach nicht hingereicht; denn wenn einer menschliche Verantwortung hat, dann muss er mitten in den Gegebenheiten der Natur (außerhalb des Paradieses) leben und dabei möglichst menschlich bleiben. Oder menschlicher werden. Alles wieder mal gar nicht so einfach ^^

Weswegen viel, viel später dann Moses mit den Luchess vom Berg herunterkam, aber die Tojre passte ja nicht drauf, es standen bloß die Zehn Gebote drauf (der jidische Gelehrte Mel Brooks meint freilich, es seien erst fünfzehn Gebote gewesen, was keiner widerlegen kann 😀 ). Das Volk (entlaufene Sklaven) diskutierte und protestierte, so wie das Volk das ebenso gern wie immer tut, und Moses ging wieder auf den Berg, kam wieder herunter, ging wieder hinauf.
Heißt: Zwischen dem Gesetzgeber (der Ojberschter, boruch Ho’Schejm), dem Hauptverhandler (Mojsche) und dem Volk (der Souverän, dem es oblag, das Gesetzbuch anzunehmen oder nicht) herrschten Verhandlungen. Es wurde ausgehandelt, was Recht sei, und was es nicht sei. Etwa, dass es sich um Menschenrecht handeln müsse, denn die Zehn Gebote sind kein Stammesrecht, kein Gruppenrecht und kein Partikularrecht, sondern sie sind Individualrecht mit dem Einzelnen als Rechtssubjekt, ja?, das sich auf die ganze Menschheit bezieht.
Und er sah, dass es gut war, und selbst Moses-Cornutus, der sich äußerst über das Volk mit seinem plötzlich aufgewärmten neoägyptischen, sklavischen goldenen Kalb ärgerte, sah, dass es gut war, und das Volk begriff schließlich, dass es keine andere Wahl hatte, als vom Daueropfer- und Sklavendasein durch eigene Entscheidung wegzukommen: Es war gefragt worden, hatte verhandelt, hatte dem Ergebnis zugestimmt.

So kommt laut dem Judentum Recht zustande. Das ganze jüdische Volk hat darauf geschworen: „Schamor ve sachor, wir werden es bewachen und bewahren und es anwenden und uns erinnern.“ Seitdem sind die Zehn Gebote nicht verhandelbar oder gar abschaffbar: Denn-die-gelten.
So die jüdische Meinung und die jüdische Realität seit Moses Zeiten bis heute. Dreitausenddreihundert Jahre immerhin. Besser als so geht’s nimmermehr.

Das jüdische Recht, das in der Folge von den Christen leicht modifiziert in Kontinente umgreifendem Maßstab angewandt wurde, ist kein Naturrecht. Es ist göttlich gesetztes, allgemeines Bürgerrecht, weil der Einzelne nur auf diese Weise vor Tyrannei, Theokratie oder Umsturz geschützt ist – damit er keiner Rechte verlustig geht. In den Zehn Geboten steht Rechtsgleichheit der Individuen unabhängig vom sozialen Status oder vom Geschlecht (daraus folgt zwingend die Abschaffung der Sklaverei, und daraus folgt auch die Meinungsfreiheit), darin stehen Eigentumsrecht und der Schutz der Familie, darin stehen das Verbot von Tyrannei und das Verbot, zu morden.
Zivilisierter geht es nicht.
Gerechter geht es auch nicht.
Jeder Versuch einer Modifikation, euphemistischerweise Verbesserung oder gar social justice genannt, hat bisher zu neuer Tyrannei oder zu neuem Gruppenrecht des rechtlosen Fressens geführt.

Meine Antwort drauf fiel wesentlich pragmatischer aus:
„Ich hätte auch gern eine Schusswaffe, so wie sie die Amerikaner haben dürfen – damit würde ich nicht mal was tun, ich hätte sie einfach nur irgendwo zuhause weggeschlossen, damit alle Möchtegern[abschaffer] wissen daß es sie gibt. Aber [Politiker] wüßten eben: denk nichtmal dran, als Politiker bist Du dem Grundgesetz und den Wählern verantwortlich – und es gibt eine Menge Leute denen am Grundgesetz liegt, und die andere Mittel haben eine Regierung zur Verantwortung zu ziehen als nur alle vier Jahre einen bedeutungslosen Stimmzettel irgendwo abzuwerfen oder mit schicken Pappplakaten zu wedeln.
*seufz*
Die Möglichkeit reicht; aber ein vorstaatliches Grundrecht ist ohne die Möglichkeit es gegenüber dem Staat durchzusetzen doch auch nur Papier. Die abschreckende Wirkung ohne (theoretisch) den Wumms dahinter, das funktioniert nur bei der israelischen Atombombe. Von der keiner weiß ob sie wirklich existiert… offiziell gibt es garkeine, aber blöd wäre die israelische Regierung, das hartnäckige Gerücht einer „inoffiziellen“ allzu glaubwürdig zu dementieren: so bekommen sie, falls es wirklich keine gibt, die Abschreckung ohne sich um einen aufwendig zu wartenden Staubfänger kümmern zu müssen. Schick.
Wenn es Politiker von dummen Ideen abhalten soll – dann gehört der aufwendig zu wartende Staubfänger wohl dazu, einfach nur ein Gerücht in die Welt zu setzen reicht da wohl nicht. Mist.“

… wobei ich jetzt im Nachhinein denke, daß ein von oben inspiriertes Recht eben auch etwas ist das man nicht einfach so mal ändert. Deshalb funktioniert es: es setzt sich selbst durch.

Gerd Buurmann, das jüngste Gericht und die Kunstpause

[Das hier ist quasi der zweite Teil zum Artikel über die verschwundenen Kommentare beim Buurmannblog, in dem Ari über eine Gerichtsverhandlung wegen übler Bilder schreibt; mit/ohne Buurmannbeteiligung:]

Gerd Buurmann, das jüngste Gericht und die Kunstpause

von Robert Cohn

Gerd Buurmann (der Großblogger von Tapferimnirgendwo) ist bedeutendererer als Streisand, Rihanna und Jesus zusammen. Warum: Für Buurmann zählt nur die Buurmannrolle, so wie für Streisand nur die Streisandrolle zählt, und für Buurmann zählt nur das Rihanna-Buurmann-Halbglamour-Exhibitionismus-Bühnendasein, so wie für ihn nur die eigene Erlöserrolle zählt, denn es führt kein anderer Weg zum Vater denn durch ihn.

Also gilt der B-mann als Erlöser hoch Sieben. Ein Kamel schafft es nimmermehr durch des B-mannes Nadelöhr, denn alle außer dem B-mann sind Kamele – während er selbst da einfach durchflutscht. So wie auf seiner Bühne, wenn er da flutscht. Wenn er da mal nicht flutscht, macht er sich so glitschig, damit es flutscht. Denn was nicht flutschglitscht, ja?, dann kann das nicht B-mann sein.

Sonst?, sonst zählt nichts für diesen Mann, weil außer diesem Manne für diesen Mann schlechthinniglichst gar nichts zählt.

Wie komme ich zu dieser apodiktischen Aussage: Ah, mit Grund. Es gibt übrigens viele Gründe. So viele Gründe wie Heu in Nadelhaufen. Denn es gibt ja diese bestimmten Gelegenheiten im Leben, nicht?, diese one-and-only-Mustergelegenheiten, die sich immer wiederholen, wegen der EINEN Mustergelegenheit, die man versiebt hat.

Diese eine Gelegenheit, auf die ich gleich kommen werde, war nicht bloß eine, sondern grad an dieser bemisst sich das Muster für hundert weitere analog systematisch verpasste Gelegenheiten. Ich rede von dieser einen bestimmten Gerichts-Gelegenheit. Da war nämlich einst ein Gerichtstermin im Dortmunder Amtgericht. Es ging um eine Strafanzeige wegen Beleidigung gegen den Dortmunder Rentner-Pester Erhard Arendt (Schreibweise wie DDT, so kann man sich merken, mit welchen Dehs und Tehs der sich schreibt, weshalb auch immer).

Ich weiß nicht, ob dieser Erhard Arendt überhaupt noch schreibt, man muss das nicht wissen, zumal er auch vorher nie geschrieben hatte, als er glaubte, dass er schriebe. Man erinnert sich dunkel, ganz dunkel, dass seine Webseite „Palästina Portal“ hieß, selbstverfreilich ohne Bindestrich, denn mit korrekten Schreibweisen, mit Grammatik, mit nachvollziehbarer Argumentation, mit deutscher oder sonstiger Sprache und überhaupt mit Faktischem hatte es der Erhard Arendt nicht so.
Er hat hingegen auf seiner uferlos umfangreichen und immer uferlosererer umfangreicherereren Webseite über Jahre die Israelis als die neuen Nazis bezeichnet, hat die Hamas als Volkswiderstand gefeiert, hat arabischen Terrorismus verherrlicht, und abgesehen davon war er niemals von des Gedankens Blässe angekränkelt, oder mit einem noch so schüchternen Anflug von Geist gesegnet. Tatsachen, selbst die alltäglichsten, galten ihm als zionistische Naziverschwörung von der Ostküste. Gegen den zionistischen Nazismus und für die endliche Ausrottung Israels war er angetreten. Mehr von der Welt verstand er nicht, tja.

Dieser Rentner-Pester machte auch Collagen, jedenfalls nannte er die so, weil er die wohl für solche hielt. Auf einer dieser Collagen (also Koll’aaaschen, ja?, nicht Kolla’geen, das ist wohl was Anderes, weil Fettiges) hatte er Gerd Buurmann und mich 2013 als Schweine dargestellt. Genauer: Als Judensäue. Des Buurmannes und mein Gesicht hatte er irgendwo im Internet gefunden, und er hat die Gesichter mit Namensnennung in ein Foto von sich suhlenden Schweinen hineinkopiert. Auf diese collageoide, reife-trejfe Rentnerleistung war er stolz wie Bolle.

Er hielt den Buurmann für einen Zionisten, so wie er auch mich für einen Zionisten hielt, der ich ja in der Tat bin, na was denn sonst?!, das war der Grund für’s Schweinerne. Weil man als aufrechter, linksextremer (oder rechtsextremer, egal) Antizionist die Zionisten gern wie im Mittelalter und wie in bösesten Julius-Streicher-Pogromzeiten als Schweine darstellt. So tickte der Judendenunziant aus Dortmund.
Diese judenschweinische Collage schrie und flehte nach einer Strafanzeige.

Ich wurde also 2013 zum Prozess ins Dortmunder Amtsgericht zitiert. Ich fuhr hin. Gerd Buurmann war nicht da. Ich hatte niemanden mitgenommen, hatte mich dort auch mit niemandem verabredet, weil ich niemanden in Gefahr bringen wollte. Man weiß ja, was passieren kann, wenn man als Jude vor Gericht auftritt: Allerlei pogromgeile Wesen können nein werden einem auflauern. Das war mir schon mehrfach passiert, einmal warteten etwa fünfzig Neonazis (Freie Kameradschaften aus dem ganzen Norden) auf mich vor dem Hamburger Landgericht, weil ich dort in zweiter Instanz gegen einen stadtbekannten Neonazi aussagte. Linksextreme wie der Dortmunder Rentner-Pester sind bekanntlich auch nicht besser als die, und so bestand die erhebliche Gefahr, dass irgend BDS-Horden in Dortmund warten würden, um mit dem Juden das zu machen, was sie gern mit dem Juden machen.

Weil ich niemanden in Gefahr bringen wollte, indem man als einzelner Jid immer noch am Besten entkommt (jahrhundertealte Erfahrung, das!), ging ich allein ins Dortmunder Amtsgericht zur Verhandlung, und ich ging allein wieder hinaus, spähte nach Wesen und entkam wieder: Das Entkommen vor hmm Wesen als urdeutsche weil urjüdische Urerfahrung.
Buurmann war nicht da. Er hatte mir auch nicht angeboten, mit hinzufahren. Ich hätte ihm freilich davon dringend abgeraten und mich darin durchgesetzt wie sonst auch. Man hört jedoch trotzdem gern den Satz, „ich komm mit, Mann!“, nicht?, einfach so als guten Satz. Weil das nämlich ein verdammt guter Satz ist, wenn es in die Schlacht geht.

Der langen Rede kurze, eklige Pointe: B-mann hatte nie daran gedacht, vielleicht mitzukommen. Er wäre eine knappe Stunde gefahren, während ich fünf Stunden fuhr, und ich war ja nicht als Einziger das Judenschwein auf der Collage, Buurmann war schließlich auch als Schwein drauf, nicht? Ich rief ihn also aus der Eisenbahn an und sagte ihm, dass ich unbeschadet aus dem Gericht gekommen sei und dass es einen Freispruch gegeben hatte, na klar, was denn sonst?, denn eine öffentliche Judensau gilt hierzulande seit Zwölfhundertnochwas als erwünschte Pogrom-Propaganda und neuerdings als islamfreundliche Bagatelle.
Er erwiderte nur eins: „Hast du MICH bei der Verhandlung denn auch ERWÄHNT?“

Und ich Idiot, der noch immer an des B-mannes Lauterkeit glaubte, sagte, dass ich ihn selbstverständlich erwähnt hatte bei der Verhandlung, denn er war ja auch als Schwein dargestellt worden.
Falsche Ebene!, die Buurmannsche Ebene hatte ich idiotischerweise nicht begriffen.
Was ist diese Ebene: Das Primat der Eitelkeit der reinen Bühnenexistenz. Wenn er nicht erwähnt wird, verliert er und ist zernichtet. Er muss also erwähnt werden, egal wo, egal von wem, nur erwähnt muss er werden. Etwas Anderes zählt nicht.

Darum war er so stolz wie Bolle gewesen, dass das Simon Wiesenthal Center ihn einst lobend erwähnt hatte, und es machte ihn jetzt stolz, dass ich ihn im Gericht erwähnt hatte. Ich hörte diesen Stolz am Telefon, obgleich er nichts sagte. Die Pause war’s. Nennt sich das im Bühnenjargon Kunstpause?

Des Mannes stolze Kunstpause, weil er wieder erwähnt worden war, ja die sagte alles, was man über den B-mann wissen kann.

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