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Der Dokumentarfilm ist (kurz) online!

Nach wochen- und monatelangem Tauziehen ist die Dokumentation Auserwählt und Ausgegrenzt: der Hass auf Juden in Europa ganz kurz online – bis heute um Mitternacht.

Diese Dokumentation von Joachim Schroeder und Sophie Hafner wurde für arte vom WDR produziert. Historiker, Fachleute und andere Journalisten die sie vorab sehen konnten lobten sie als gut recherchiertes und präsentiertes Meisterwerk.

[TiN, von dem ich diesen Link habe, trägt einige Zitate zusammen: „Eine ganze Reihe international anerkannter Historiker, Politikwissenschaftler […] loben die Dokumentation. Prof. Michael Wolffsohn bezeichnet die Dokumentation als „meisterhaft“, Ahmad Mansour als „großartig und überfällig“ und Götz Aly als „beachtliche und außerordentlich facettenreiche journalistische Leistung.““ ]

Arte und der WDR wollten sie aber dennoch nicht senden, und schoben immer weitere Gründe vor warum nicht. Inzwischen habe ich in einigen der Tonnen von Artikeln, die zu diesem Thema in allen möglichen Zeitungen zu finden sind, halb zwischen den Zeilen gelesen, daß die zuständige Redakteurin beim WDR, die den Film produziert, während der Dreharbeiten Regie geführt und letztenendes abgenommen hat, eine Vorgängerin des aktuellen Chefredakteurs bei arte war. Das lasse ich einfach unkommentiert so stehen, soll jeder selbst vermuten ob das Thema oder die brilliante Ausführung der Dokumentation vielleicht garnicht entscheidend waren. Einen wirklich stichhaltigen Grund dafür, den Film unter Verschluss zu halten, hat der aktuelle Chefredakteur bei arte jedenfalls nirgends angegeben (an einer Stelle wehrt er sich sogar gegen Antisemitismusvorwürfe, die überhaupt niemand gegen ihn erhoben hat – vielleicht, nur vielleicht, hatte die Doku für dieses Theater das falsche Thema?). Viele die darüber schreiben vermuten, daß ihm das Thema zu aktuell – und damit politisch zu brisant – behandelt wurde, indem es nicht die letzten achtzig Jahre oder so ausspart. Dann könnte man die Frage stellen, wie das Berufsbild eines Journalisten eigentlich aussehen soll, aber das nur nebenbei.

Warum oder auch warum nicht der Film zurückgehalten wurde: heute jedenfalls zeigt ihn die Bildzeitung (sic!) – für 24 Stunden. Bis Mitternacht kann man ihn also unter diesem Link ansehen:

Bitte so weit wie möglich weitrverbreiten (leider weiß ich nicht, ob das ab morgen öffentlich gezeigt werden darf, bevor sich Bild, arte, WDR und wer noch über die Rechte geeinigt haben – ob die Bildzeitung das also nochmal machen kann. Wer das sehen will, muß also erstmal schnell gucken).

 

Fußnote: gerade eben fällt mir ein, wie sachlich und unhysterisch ausgerechnet die Bildzeitung über das Sendai-Beben in Japan und die daraus folgende Fukushima-Havarie berichtet hatte; womit sie eine der wenigen Zeitungen war, die das taten. So arg überrascht, wo ich diesen Film letztenendes gucken kann, bin ich also garnicht mehr.

Kartentrick

Wer mitbekommt welche – wie sage ich das jetzt höflich? – „ideologisch gefärbte“ Information über den arabisch-israelischen Konflikt immer wieder mal verbreitet wird, stolpert früher oder später über eine Abfolge von vier Karten. Die sind auch eingefärbt (und auch ideologisch – „gefärbt“ meine ich aber ganz konkret: teilweise mit grüner Farbe koloriert, und sollen eine zeitliche Abfolge darstellen.

Zuerst kommt eine Karte des privaten Landbesitzes des Fünftels des britischen Mandatsgebiets auf dem sich jetzt der Staat Israel befindet (kürzer gesagt: ohne das ganze störende Jordanien). Sowohl Land in Staatsbesitz (das überwiegend meiste) als auch das wenige Land in arabischem Privatbesitz sind grün, das andere Bissl Land in jüdischem Privatbesitz ist rot koloriert. Ja, es ist dasselbe grün, und nein, ohne Grenzlinien zwischen der einen und der anderen Sorte grünem Land. Damit suggeriert diese Karte entweder, daß Land das keinem gehört den Arabern gehören sollte, oder daß dort überhaupt jemand wohnte und es nicht einfach staatlich verwaltete Niemandswüste war. Jeder, der die Reiseberichte Mark Twains gelesen hat (tagelang ist er niemandem begegnet) weiß alles über staatlich verwaltete Niemandswüste – der einzige Sinn den diese Karte für sich allein hätte wäre zu sehen wo damals überhaupt jemand war; dazu müßte aber auch das arabische Privatland so eingefärbt werden, daß es zu sehen ist.

Die zweite Karte ist ein von den Arabern 1937 abgelehnter Teilungsplan, der nie umgesetzt wurde. Nachdem das zu Zeiten war als dringend ein Zufluchtsort aus dem Dritten Reich gebraucht wurde, ging das nach dem Motto „wir geben Euch fast alles, wenn wir nur ein Stück von der Größe eines Tischtuchs behalten können“ – und so sieht die Karte auch aus. Praktische Relevanz hat sie nie erreicht, aber: der jüdische Teil den der Kartentrick hier rot anmalen kann ist etwas größer als die besiedelten Flecken auf der vorigen Karte. Und kleiner als das spätere Israel, weshalb sie eine Art Überleitung darstellen soll.

Das spätere Israel kommt in der dritten Karte. Allerdings stammt die nicht von irgendwann, sondern aus Zeiten als Jordanien das Stück davon besetzt hatte das es aus diesem Anlass in „Westbank“ umbenennen sollte, und Ägypten Gaza. Das würde die Leute ja nur verwirren wenn zwischendrin die roten Flecken mal größer und mal kleiner werden würden. Dementsprechend ist Israel komplett rot gefärbt bis auf das jordanisch besetzte Stück, das ist grün. In manchen Versionen wird Gaza unter den Tisch fallen gelassen, manchmal auch nicht. Eine Karte aus der Zeit zwischen 1967 und den Oslo-Abkommen fehlt in jedem Fall – das war die Sache mit den größeren und kleineren roten Flecken – denn als letztes kommt gleich:

Die vierte Karte, die aktuell ist. Auf dieser sind nur die Gebiete grün eingefärbt, die unter voller Kontrolle der PA sind (in anderen Versionen sind auch die Gebiete mit gemeinsamer Verwaltung hellgrün).

Nur „noch“. Denn alle vier Karten zusammen sollen die Botschaft übermitteln daß die arabischen Gebiete immer kleiner werden: vier Bilder sagen mehr als tausend Worte.

… und jedes davon ist gelogen, wie es einmal jemand fortgesetzt hat der über ein ähnlich ideologisch aufgeladenes Bild schrieb. Denn schaut man sich andere Karten an, lässt sich das umgekehrte feststellen:

1919 schlug die Versailler Friedenskonferenz folgendes Gebiet für einen jüdischen Staat vor (Anmerkung: „Palästina“ bezeichnete damals noch einen jüdischen Staat, erst Arafat sollte dieses Wort sehr viel später auf sich und seine Leute beziehen):

(gefunden bei: http://myrightword.blogspot.de/2017/05/zionism-yielding-territory-since-1919.html – Stellt Euch vor, das graue wäre rot und das weiße grün)

Stattdessen kam es zum Britischen Mandat. Davon gibt es natürlich auch Karten – ganz Israel und ganz Jordanien mit einem Union Jack vollzupinseln stellt für das was die Kartentrickser darstellen wollen, nämlich den arabischen Einfluß, aber eher eine Pause dar, denn das Sagen hatten eben die Briten. Und keine der beiden Farben stellt britische Hoheit dar.

Eine Karte vom späteren Staat Israel aufzutreiben ist nicht ganz leicht; Suchmaschinen und Onlinelexika spucken nur aktuelle aus. Am nächsten kommen dem ironischerweise Karten die einfach Israel verschwinden lassen und es umbenennen. Edit: inzwischen habe ich aber eine gefunden 🙂 :

 

(Einfach das gelbe grün und das weiße rot färben, et voila.  Stammt hierher: http://www.maggiesnotebook.com/2011/05/israels-pre-1967-war-borders-what-they-mean-the-reality/)

So sah es nicht lange aus – am Tag der Staatsgründung wurde es von den Nachbarn überfallen. Bis 1967 waren von Jordanien und Ägypten jeweils Gebiete annektiert – der Rest sah mehr oder weniger so aus wie die aktuelle Karte:

( Diese Karte stammt aus dem Wikipediaartikel über Israel: https://en.wikipedia.org/wiki/Israel)

Das „besetzt“ einfach auf „von Jordanien besetzt“ respektive „von Ägypten besetzt“ beziehen und die Nachbarstaaten grün färben, dann passt auch diese Karte da hinein. Jetzt allerdings geht es ein Bißchen hin und her – das ist fast nahöstliches Leiterspiel, hier – springt mal einen Schritt wieder nach oben. Denn 1967 konnte Israel einen weiteren Überfall seiner Nachbarn so erfolgreich abwehren, daß es auch die hier grün gezeichneten Teile zurückbekam. Im Zuge der Oslo-Abkommen 1990 … nun, jetzt wird die Sache unübersichtlich, jedenfalls gehts zurück zur unteren Karte. 2005 wurde der Gazastreifen (das grüne Teil am Mittelmeer neben Ägypten) de facto autonom. Was auf dieser Karte sonst noch grün ist, ist inzwischen in einen Flickenteppich aus Gebieten unterteilt, die teilweise unter der Verwaltung der PA, teilweise unter der Israels – und teilweise teilweise unter der einen und teilweise unter der anderen stehen (beide teilen sich hier die Verwaltung – daran, daß man mathematische Zeichen im Text bräuchte merkt man, daß man eigentlich nicht weiß, was man sagen will 🙂 ).

So ist das heute. Und in Zukunft?

Wenn ich jetzt dasselbe machen würde wie die Kartentrickser und Karten einbeziehe die eigentlich garkeine offiziellen sind, würde ich ja diese Karte nehmen:

Die stammt aus einem Artikel, der sich zurecht darüber beschwert daß Israel dort gar nicht mehr auftaucht: http://antisemitism-europe.blogspot.de/2017/06/france-israel-not-mentioned-on-agence.html

Das wird wohl auch das Ziel der ursprünglichen Kartenserie sein. Nicht auf der Karte, sondern in der Landschaft.

Es ist zum speibmn.

(Fußnote: auf die Idee für diesen Artikel gebracht hat mich diese Übersetzung von heplev: https://heplev.wordpress.com/2017/05/26/landkarte-zionismus-gibt-seit-1919-ab/ )

Aber wo geht sie hin, die Macht?

Das hier wird so eine Art Gegenentwurf zu den ganzen Wahlempfehlungen, die im Zuge der anstehenden Bundestagswahl allerorten herumtönen: wählt die hier! oder: nein, wählt die anderen! oder: nein, wir sind die Besten und gehören gewählt. Hier also auch eine Art Wahlempfehlung:

Ist echt empfehlenswert, so eine Wahl. Nein, wirklich:

„Steinmeier ist der Präsident von 80% der Deutschen.“
habe ich als Kommentar in einem anderen Blog gelesen. Und zwischen den Zeilen mit, was daran eindeutig ist: der kann, sanktioniert von vier Fünfteln des Landes, machen was er will, und wem das nicht passt, der kann garnichts machen. Das gleiche gilt natürlich für das Duo Merkel/Schulz und den ganzen Rest der Politikerdarsteller.
Dann habe ich allerdings angefangen zu rechnen, und bin fast vom Stuhl gefallen: Der 80-Prozent-Präsident heißt, die restlichen 20%, die nichts gegen ihn tun können sollen, sind 16 Millionen Leute. Wenn er direkt (ab)gewählt werden könnte, die ihm alle sauer und sich einig wären, hingingen, sagten: „den aber nicht!“, und die Wahlbeteiligung so ausfiele wie üblicherweise bei der Bundestagswahl, dann sind das sogar eine absolute Mehrheit der abgegebenen Stimmen. Wie in: mehr als 50% der üblicherweise etwas weniger als 30 Millionen eintreffenden Wahlzettel. Eine ganze Menge dafür, um ihnen zu sagen, sie sollen einfach die Klappe halten.

Papierkorbstimmen der anderen Art: Wahlurnen in München

Ich bin selbstredend nicht die einzige, der das auffällt: einigermaßen seriöse Wahlumfragen zeigen, daß Leute die nicht wählen gehen weder zu faul noch zu blöd dazu sind, oder gar in der Schule in Sozialkunde gepennt hätten; sondern schlicht die Schnauze voll vom Politikbetrieb und nicht das Gefühl haben, daß sie gehört werden. Dementsprechend werden je höher die Wahlbeteiligung ist, im Verhältnis um so weniger die etablierten Parteien gewählt. Kein einzelner Regentropfen löst für sich allein eine Flut aus… wenn es stark regnet, sieht die Sache aber ganz anders aus. Das Gesicht der Von-Oben-Herabkümmerer-Politiker jedweder Couleur, die jahrzehntelang die Leute mit Sprüchen wie „der Tropfen auf den heißen Stein kann der Anfang eines Regens sein“, äh, „motiviert“ haben ihre ungerecht(fertigt)erweise als „bürgerliches Engagement“ etikettierte Arbeit für sie zu tun, deren Gesicht würde ich gern sehen, wenn die Flut aller Tropfen die alle Fässer zum überlaufen brachten stattdessen sie überrollt.
Übrigens muß für Martin Schulz ja alles was mit Wasser, und besonders Wassermengen, zu tun hat nochmal genau erläutert werden, also: Sechzehn Millionen Tropfen sind ziemlich genau ein Kubikmeter (ein Milliliter Regenwasser sind je nach Tropfengröße, sprich Gewitterheftigkeit, so Pi mal Daumen zwischen 15 und 20 Tropfen). Wie in: tausend Litern, oder dem Wasserverbrauch von einer Woche. Er wiegt eine Tonne: eine metrische Tonne symbolischer Volkszorn. Doch, das fällt ins Gewicht [/zynismus].

(Einschub: was wäre wenn alle Tropfen eines Gewitters als einziger Tropfen herunterkämen, von xkcd: https://what-if.xkcd.com/12/ )

Das über die Wahlbeteiligung sollte viel mehr weitergesagt werden, und zwar genau so, mit der Ergänzung, wer da vielleicht doch kommt, und nicht ohne.
Ich vermute nämlich fast, die etablierten Politikgurus und Leuteerziehwoller machen so dusselige Werbespots für mehr Wahlbeteiligung in denen sie die Nichtwähler als blöd und faul und demokratienachhilfsbedürftig darstellen, weil die Chance dann größer ist daß niemand auf sie hört: sowohl die Leute denen der Politikzirkus zu blöd und arrogant und bevormundend ist nicht auf die Pseudostaatstragenachhilfespots, als auch die Politiker auf diejenigen die das was sie tun nicht in Ordnung finden.

Deswegen also doch eine Wahlempfehlung, für die die eine lesen wollen: hört nicht auf die blödgekrampften Werbespots, wählt was auch immer Ihr wollt. Aber wählt, was auch immer ihr wollt. Und damit das was Ihr nicht wollt: ab! Geht hin und sagt den Politikclowns, wo der Frosch die Locken hat. Sonst merken die es nie, wenn sie es nicht dann gesagt bekommen, wenn sie zuhören müssen: die haben nämlich keine Wahl, ob sie auf das Ergebnis auch hören.

 

Und was passiert wenn was herauskommt, das „denen da oben“ nicht passt; das kann man sich bei Pat Condell über das Brexit-Referendum anhören, das den Regierenden auch überhaupt nicht gepasst hat:

… ein kleines P.S. habe ich noch, wo es gerade um Wahlen und die EU geht. In der Verfassung – die ist nicht nur dazu da, um Trolle vor Trolljägern, Atomkraftbefürworter vor Energiegewendeten, Minirockträger vor Grapschern, Fleischliebhaber vor Veganern, und Umweltsäue vor Kohlrabiaposteln zu schützen, sondern auch explizit die Regierten vor der Regierung und die Bürger vor den Politikern; immer gut also wenn man deren vollen Wumms kennt, falls jemand einen in ein „Wir“ zwingen will, in das man nicht möchte – steht über Wahlen was von: allgemein, unmittelbar, frei, gleich, geheim.
Die EU tut in allem so ziemlich das Gegenteil. Wer dort was zu sagen hat, bestimmen diejenigen, die die Kommissare entsenden (nix unmittelbar, und schon garnicht allgemein). Jemanden in die EU schicken zu wollen, der auch tatsächlich die regionalen Interessen derer vertritt die ihn geschickt haben, gilt (auch wenn es das nicht ist, sondern ein völlig legitimes Gehörtwerdenwollen) automatisch als nationalistisch, rechts und böse an sich (manche Entscheidungen sind eben gleicher als andere: hat sich was mit frei). Die Griechen etwa dürfen nicht mal jemanden in ihre eigene Regierung wählen, der den Eurokraten sagt: so aber nicht; und die Briten dürfen das der EU auch nicht selbst sagen. Am gleichesten ist hier immer noch Martin Schulz, nicht die Briten oder die Griechen oder selbst die Leute die er nominell vertreten sollte – und die von ihm aber nicht vertreten werden wollen.
Bleibt noch als einziges: keiner braucht den Politokraten zu sagen, wem welche Stimme gehört, wenn er das nicht will.
Es ist was die EU betrifft höchste Zeit, sich die Frage zu stellen: alle Macht geht vom Volke aus – aber wo geht sie hin?

Wo geht sie hin? Gute Frage, nicht nur was die EU betrifft.

Ich drücke den Leuten in NRW die Daumen, daß ihre Stimmen heute gehört werden. Das müssen sie schließlich.

Kurzgedanken die niemand braucht: Gutmenschenbeichte

Kanalratte schrieb letztens über Selbsthassende: „Zumeist bei Menschen die mit ihrer eigenen Identität nicht klarkommen. Wer sich dafür schämt ein Deutscher zu sein, ist in der internationalen Realität ein armes Würstchen.
Dort hatte ich geantwortet: „Die meisten tun das aber nicht nur, sondern sind auch noch stolz drauf; weil sie finden daß sie das irgendwie zu besseren Menschen mache.

Bessermenschen durch Selbsthass sind die Gutdenker wohl alle – aber wieso eigentlich?

Schlussendlich wird es wohl wieder damit zu tun haben, daß das bessermenschliche Denken eine Religion ist, ohne eine zu sein. Denn was gut und richtig ist, sagt einem nunmal das Weltbild: „richtiges“ denken, reden und handeln ist orthodoxes Verhalten, „orthodox“ im Sinne der Überzeugungen; welche auch immer das sind. Religion, Religionsersatz, Ethik, Ideologie, oder einfach freischaffend. Daher hatte ich geschlossen: es ist eine der Riten der Gutdenkreligion, aus dieser Geisteshaltung des Selbsthasses heraus „nie wieder“ zu sagen, „den Anfängen zu wehren“, im Nachhinein „gegen die Nazis“ gewesen und jetzt diffus „gegen rechts“ zu sein, weil „uns“ die Alliierten ja am Ende des Dritten Reichs „befreit haben“. Seit welchem Ereignis „wir“ das Völkermorden aufrichtig bereut haben, der das vermutete Ritual durchführende Gutmensch sowieso „dagegen gewesen wäre“, und/oder „seine Verwandtschaft jemanden versteckt“ habe.
So eine Art ans Gutmenschentum als Religion adaptierte Beichte (minus die unterschwellige Rechtfertigung der Gutmenschenversion), kommt mir gerade so als Idee zum frühen Nachmittag, vielleicht teilweise weil mir gegenüber im Bücherregal „Schuld und Sühne“ und „der Idiot“ nebeneinanderstehen.

Eine tatsächliche, liturgische Beichte (also im ursprünglichen-mit-gibts-das-Realitätsschock Wortsinn die christliche respektive protestantische Version) beinhaltet im rituellen Text die Fragen (hier paraphrasiert), ob jemand bereue, was er getan hat, das in Zukunft anders/besser macht, und daran glaubt, daß ihm deshalb verziehen wird (von Ganz Oben, aber darauf wollte ich hier nicht hinaus). Woraufhin er dann absolviert wird (qua Auftrag von Ganz Oben, aber darauf wollte ich hier nicht hinaus, ist ja nicht Filmkritik an Blues Brothers). Den tatsächlichen Text kennt kaum jemand (ist auch nicht sooo relevant – wörtliche Zitate solcher Texte bringe ich bekanntermaßen nur im rechtfertigenden Notstand, das hier ist keiner, und so ziehe ich es vor Sachen von den „Schlüsseln des Himmelreichs“ auch weiterhin hier in Blog nur dann zu schreiben wenn es um Primeln geht). Aber das Bild dieses Rituals, oder Reste davon, gehört und gehören zum kulturellen Erbe der Gutdenker, die es an ihre eigenen Überzeugungen und Rituale adaptieren könnten. Die Gutdenkversion divergiert davon auch in einigen Punkten (sehr stark etwa durch die uneigentliche-Rechtfertigung-durch-die-Hintertür oder das Aufrechnen gegen die guten Versteckaktionen der Verwandtschaft) – an einem Punkt aber trifft es sich wieder: Bessermenschen wollen dafür, daß sie sich kleinmachen (eigentlich knapp daneben, aber nahe genug) von ihrer Verantwortung an und für etwas losgesprochen werden.

Diejenigen, die den Gutmenschen dann qua ihrer durch die Geschichte zugewiesenen Rolle absolvieren würden/sollten/müßten, wenn das wirklich eine Beichte wäre, also „die internationale Gemeinschaft“ oder „die Juden“ bzw. Israel als Staat – die machen das aber selbstverständlich nicht mit. Kein Mensch mit einem Funken Würde würde sich derart durch Überstülpen eines ungefragten Rituals zum Statisten eines fremden Weltbilds instrumentalisieren lassen, was sich eigentlich jeder denken könnte (irgendwo in einer meiner hinteren Hirnwindungen deutet sich hier der Schatten eines Vergleichs mit einer Zwangstaufe an, „Zwang“ auf alle Fälle). Der Gutmensch wird aber wegen des abgebrochenen Ritualskripts sauer (vielleicht hat er auch noch irgendwo im Hinterkopf daß eine Rechtfertigung durch die Hintertür oder ein Aufrechnen im ursprünglichen auch ein Grund sein dürften das abzulehnen… und schätzt es garnicht das gesagt zu bekommen). Und spricht von einer „besonderen Beziehung“ zu Israel und der internationalen Gemeinschaft. Ob mit „besonders“ allerdings gemeint ist, diejenigen könnten dem Gutmenschen Absolution erteilen oder die würdebewahrende Weigerung es zu tun – keine Ahnung.

„Besonders“ respektive „Sonder-“ öffnet wie Ari im Ausgangsthread bemerkt hat noch eine ganz andere can of worms. Deswegen die Schrecken ein andermal, und hier lieber ein Bißchen Botanik:

Primula eliator ist das. Je nach Verständnis eine der beiden Primelarten, die unter den Namen „Himmelsschlüssel“ fallen – oder wenn nur eine Art (primula veris) mit Himmelsschlüsseln gemeint sein soll: eben die andere, die das dann nicht ist. Auch bekannt als „Bergprimel“ oder „Frühlingsprimel“.

 

P.S. 19:30 : gerade habe ich erfahren, daß Frank Walter Steinmeier einen Kranz an Arafats Grab abgelegt hat. Igitt! Der kommt sich deswegen auch bestimmt ganz gut vor.

Worte an einen Trolljäger

Der folgende Text ist meine Antwort auf einen Beitrag in einem anderen Blog, in dem ich wohl mehreres gesagt hatte, das jemandem nicht passte. Woraufhin derjenige mich und andere mit folgenden Worten als Troll abkanzelte:

Die anonymen Trolle hier werden diesem liberalen Forum […] leider nicht gerecht. Ehrliche und glaubwürdige Menschen müssen sich nicht verstecken und giften. Schade, denn die großen Hauptbeiträge sind echt klasse.

Hallo, Stellvertreter von Herrn Maas, gut, daß ich Sie treffe!

Ich denke, ich muß Ihnen da einen Fehlschluss erläutern (mehr als einen, um genau zu sein). „Giften“ wäre es, wenn ich Ihnen den Geisteszustand des Großinquisitors (Anm: aus dem Roman von Dostojewski, mehr in der Fußnote)* unterstellen würde, nicht dessen Predigtstil und Überzeugungen. Für ersteren könnten Sie nichts, hätten Sie ihn denn, zweitere suchen Sie sich dagegen aus. In einer eigenen freien Entscheidung. Und die vertreten Sie dann. Was umgekehrt heißt, ich bin genauso frei Ihnen zu sagen: diese Entscheidung war schlecht. Weil das, wofür Sie sich da (wie frei auch immer: weil Sie es für richtig halten, per default, aus Faulheit oder weil heute Montag oder der Erste Mai ist; letztlich ist das etwas das Sie beitragen würden) entschieden haben: einfach sch.. ist, unter jeder Wildsau, lächerlich, absurd, falsch weil…, karfreitagsfromm, sinnlos, Technikgebrabbel, infantilisierend, paternalistisch, romantisierend, salbungsvoll, scheinheilig; oder was mir auch sonst dazu einfällt. In einer freien Gesellschaft bin ich nun einmal frei, von Ihnen vertretene Entscheidungen und Ansichten zu bewerten, lächerlichzumachen, abzutun, ins Absurde zu ziehen, oder durch den Kakao, gerechtfertigt oder ungerechtfertigt einfach schlecht zu finden und auch schlechtzumachen, und alle Kübel sämtlichen Spotts über Sie auszugießen. Und wenn ich also etwas anders bewerte als Sie, und/oder Ihre Ansichten darüber anders bewerte als Sie, dann ist das nicht unehrlich, und ich bin ein Troll, sondern ich habe eine andere Meinung. Die steht mir frei, das heißt: Meinungsfreiheit. Meinungsfreiheit heißt sogar, daß ich das Recht habe, in meinem Denken und Reden von Ihrer Meinung komplett frei zu sein. Das brauche ich nicht zu begründen und nicht zu rechtfertigen, da ich das fertige Recht eben schon habe.
Von diesem Recht Gebrauch zu machen und das was Sie sagen zu kritisieren – konstruktiv oder destruktiv – schlechtzumachen, als absurd darzustellen, lächerlich aussehen zu lassen, einfach unbegründet abzutun, Ihre sämtlichen heiligen Kühe in meine Hamburger wandern zu lassen (und dabei esse ich nicht mal Fleisch); das ist, wie es der Hausherr (Anm: Gerd Buurmann von TiN) öfter schreibt, keine Beleidigung, sondern Aufklärung: Sie benutzen Ihren Verstand (oder auch nicht, es steht Ihnen frei), und ich benutze meinen (oder auch weniger, das steht auch mir frei), um mir meine eigene Bewertung Ihrer so-seienden Sachen zuzulegen und zu entscheiden ob sie so-seiend oder anders-seiend sind. Jeder benutzt seien eigenen Verstand; das ist Aufklärung. Wer Wissenschaftler ist, der macht das sogar mit seinen eigenen Aussagen, Ideen, Meinungen, Überzeugungen, und, ganz wichtig: Wahrheiten. Je mehr Leute das tun, umso näher kommt man vielleicht der Wahrheit ohne -en. Wahrheit ist, frei nach Sherlock Holmes, das, was übrig bleibt, wenn alles andere oft genug verspottet und geschmäht wurde. Denn nur das ist es, was am Ende glaubwürdig ist, was oft genug zweifelnswürdig war; und trotzdem irgendwie übriggeblieben ist. Dadurch wird umgekehrt nicht gerade glaubwürdiger, was man nicht anzweifelt…

Das geht gegen die Ansichten, gegen die Überzeugungen, gegen die Meinungen, also gegen etwas, das Sie sich frei aussuchen. In diesem Fall schützt die Meinungsfreiheit ganz klar Trolle, weil sie dazu da ist, um Trolle zu schützen. Explizit. Das ist das Mißverständnis, das ich Ihnen erläutern wollte: die Meinungsfreiheit schützt nicht „auch“ Trolle, sie schützt vor allem und zuerst die Trolle. Wer nichts Kontroverses von sich gibt, braucht auch keinen Schutz in diesem Sinne. Wenn Sie so wollen gibt es Meinungsfreiheit genau dazu, daß jemand schreiben darf, der Mond sei aus Käse, ohne Apollo XI nachsehen lassen zu müssen. Und daß jemand anderes dann schreiben kann: ist er nicht, Apollo XI hat nachgesehen. Aufklärung und Fortschritt sind ein einziges langes trollen gegen das, von dem jeder weiß, daß es wahr ist.

Deswegen kann ich mir mit ZetaOri gegenseitig Unwissenschaftlichkeit vorwerfen, mich seiten- und tagelang über Religion zoffen – und ZetaOri trotzdem menschlich schätzen. Oder Thomas ex Gotha und Aristobulus miteinander. Da fliegen die Fetzen – aber als jemand in einem anderen Blog Aristobulus persönlich beleidigt hat, hat der Beleidiger unter anderem von Thomas ex Gotha (zurecht) einen auf den Deckel bekommen. Deswegen hat Hessenhenker auf seinem Blog stehen: der Klügere gibt solange nach, bis er der Dumme ist.

Und deswegen laufen alle gegen den Gesetzesvorschlag unseres Justizministers sturm, der das abschaffen will.
Sie sollten das auch: schon übermorgen bin vielleicht nicht mehr ich für Sie der Troll; sondern Sie sind das, für irgendjemand anderen. Vielleicht bekämen Sie dann das offizielle, staatlich gesiegelte, unwiderrufliche Trollzertifikat(TM) mit freundlicher Unterstützung von Herrn Maas. Ich denke, ich brauche Sie nicht zu fragen, ob Sie das wollen.

Gruß, der Troll

 

*Fußnote 1: hier die Erläuterung der Anspielung auf den Großinquisitor:

Der stammt von Dostojewski. Also, ich hatte in der vorhergehenden Diskussion aus dem Großinquisitor das Zitat vom „literarischen Diebstahl“ quasi Dostojewski literarisch geklaut.
Fjodor Dostojewski schrieb in sein Buch Die Brüder Karamasow ein Kapitel hinein, in dem sich der eine der titelgebenden Brüder eine Geschichte ausdenkt und sie einem der anderen erzählt. Diese quasi doppelt ausgedachte Geschichte über einen Großinquisitor aus der Geschichte von den Brüdern Karamasow wurde auch für sich allein als Novelle herausgegeben, unter dem Titel Der Großinquisitor (da der Text inzwischen gemeinfrei ist, kann er unter diesem Titel auch bei diversen Buchprojekten gelesen werden).
Durch ein Bissele Rahmenhandlung (schonwieder, Inception sieht blass aus dagegen) kommt der Großinquisitor an einen Gefangenen, der vielleicht oder auch nicht ein Wunder getan hat. Ob es ein Wunder war ist nicht eindeutig: dieser Teil ist aus der Sichtweise des Inquisitors geschrieben, nicht aus der Karamasows; also entweder eine Mischung draus wie sich Karamasow vorstellt wie sich ein Inquisitor der Renaissance etwas erklärt, das er nicht versteht, und dem daß der Inquisitor „leicht“ plemplem ist; oder ein was-wäre-wenn Karamasows mit einem echten Wunder. Der Inquisitor ist so oder so trotzdem plemplem. Wer der Gefangene ist, wird nie so ganz erklärt: in der Tradition der Legenden des Mittelalters ein Heiliger? Ein Prophet, als Karamasows was-wäre-wenn ein Engel, eine Halluzination des Inquisitors, ein zufälliger Absurdverdachtsgefangener, einfach irgendwer; letztenendes ist es egal, da der in der gesamten Novelle kein Wort spricht und lediglich als Publikumsersatz dem Großinquisitor gegenübersitzt. Es ist nicht einmal klar, ob er überhaupt dieselbe Sprache spricht. Und er ist Projektionsfläche für den Inquisitor, denn der sieht in ihm den wiedergekehrten Christus (habe ich schon mehr als dreimal erwähnt daß der Inquisitor sie höchstwahrscheinlich nicht alle hat? Trotzdem steht das auch in den meisten Textzusammenfassungen). Deshalb kippt der Inquisitor dem Gefangenen ein Kapitel lang vor die Füße, warum das was er selbst als Vertreter der Kirche, was die Kirche an sich aus dem Christentum machen und gemacht haben an Grausamkeiten, Abscheulichkeiten, und Verdrehungen (das sieht der Inquisitor selbst so und gibt es ganz offen auch zu), das vielleicht nicht so im Sinne des Erfinders ist (auch das konstatiert er als Fakt); warum das alles besser ist als die ursprüngliche Idee. Für die Menschen, für das Gute, na, undsoweiter. Am Schluss wirft er den Gefangenen quasi hinaus, nachdem der immer noch nichts zu alldem sagt (es gibt mehr als einen Hinweis drauf daß der Gefangene eine Halluzination sein könnte), sondern dem Inquisitor nur einen Kuss gibt und wortlos einfach geht (Dostojewskis literarisches Aufspießen der Idee vom Judaskuss?).
Der erzählende Karamasow fragt seinen zuhörenden Bruder, was er von der erzählten Geschichte hält. Der sagt nichts dazu ( 🙂 ), sondern gibt seinem Bruder einen Kuss … woraufhin der sich beschwert, das sei literarischer Diebstahl.

Im Blogbeitrag unter dem diese Diskussion stand hatte ich die Hoffnung geäußert: nicht auskarteln zu müssen, wer den Trolljäger abbusseln muß, um zu behaupten es sei literarischer Diebstahl; weil mich das was der schrieb/predigte an das erinnerte, was Dostojewskis Großinquisitor von sich gibt. Nicht, daß das noch mehr in diese Richtung ginge.

Fußnote 2: der erwähnte Beitrag findet sich hier: https://tapferimnirgendwo.com/2017/04/29/jeder-nur-einen-holocaust/