Archiv der Kategorie: Krankheit

Das Gewissen der Anderen

Das hier ist der berühmte erste Post „that ticks all the boxes“. Der Post. Der Post, bei dem ich alle Kategorien angekreuzt habe, die nicht unter Smalltalk fallen. Und dabei wollte ich doch nur zwei Blogposts vergleichen, die ich gefunden habe, die sich desselben Themas auf unterschiedliche Weise annehmen, ein paar bunte Graffiti dazuposten die dasselbe illustrieren; und im Nebensatz meinen Senf dazugeben daß das wahrscheinlich der Grund ist daß wir hier in unserer demokratischen Bundesrepublik einen Feiertag einer Religionsgemeinschaft haben, die offiziell garkeine ist. Nämlich den kommenden Ersten Mai, das kommunistische Hochamt der Arbeiterklasse.

Aber der Reihe nach. Das Thema ist das schlechte Gewissen anderer Leute.

„Gewissen“ ist etwas, über das ganze Bibliotheken mit verschiedenen Definitionen und Interpretationen und Implikationen vollgeschrieben wurden; es geht um die ganz einfache Version des Begriffs: Im schlechten Film stehen der Oberschurke und jemand anderer eine Szene lang herum und theatralisieren für die Kamera, warum oder nicht der potentielle Neuschurke in spe auch etwas Schurkisches tun soll. Als Publikum ruft man entweder: „erstich ihn doch einfach selber!“ oder spult in Zeiten in denen DVDs billiger sind als Kinokarten ein Stück vor. Als Regisseur lässt man irgendwann die Frage stellen: „Wer sollte denn je davon wissen?“ Worauf der andere antwortet: „Ich weiß davon“. Was sich in dieser Antwort ausdrückt, das ist gemeint.

Der eine neugefundene Artikel trägt das schlechte Gewissen gleich im Titel: Die Partei des Schlechten Gewissens. Zur kommenden Bundestagswahl stellt unbesorgt die Parteien der Reihe nach vor – respektive so wie ich das nach dem ersten Teil verstanden habe stellt Gründe vor, aus denen speziell die jeweilige Partei unwählbar ist. Und schon gehts um Politik. Nachdem ich mich vor einiger Zeit beschwert hatte, daß ich eigentlich garkeine Wahl habe zu dieser Wahl, ist mir eine solche Artikelreihe auch wirklich sympathisch. Im ersten Teil von vor fünf Wochen beschreibt Roger Letsch die Grünen als: Die Partei des Schlechten Gewissens. Im Artikel wird das präzisiert: die Grünen sind die Partei des schlechten Gewissens anderer. Sie haben das nicht etwa ständig selbst, sondern erpressen ihre Wähler mit einem schlechten Gewissen, das die nicht zu haben bräuchten, würden die Grünen sie nicht ständig dafür sensibilisieren. Und versprechen sie davon zu erlösen. Indem sie zum Ablass für ihre Ökosünden, für die sie jetzt sensibilisiert sind, die Grünen wählen. Maggie Thatcher sagte berühmterweise: „das größte Problem für den Sozialismus ist, daß früher oder später das Geld anderer Leute ausgeht“. Analog dazu scheinen die Grünen jetzt das Problem zu haben, daß ihnen das schlechte Gewissen anderer ausgeht; und in den Umfragen auf Talfahrt zu gehen. Nicht daß sie, sozialistisch wie sie sind, nicht auch gerne das Geld anderer ausgeben würden. Beides zusammen macht sie unwählbar, sagt der Artikel, und ist der Grund aus dem ihre Wähler ihnen sagen: „wir müssen reden“ (sinngemäßes Zitat). Das ist wirklich ein Argument, und macht widerum mich außerdem neugierig auf einen angedeuteten folgenden Teil, in dem FDP-Wähler denen sagen: „wir müssen lachen!“ (das Lachen ist jetzt wörtlich zitiert).

Die extremste Form der Erpressung mit dem schlechten Gewissen, habe ich in einem anderen, uralten und trotzdem noch aktuellen Artikel bei heplev gelernt, ist das Stockholmsyndrom. Stockholmsyndrom ist nichts neuentdecktes, und dann gegeben, wenn sich Entführungsopfer krankhaft mit ihren Entführern identifizieren. Und schon gehts um Krankheiten. Es gibt auch das Limasyndrom, wenn sich umgekehrt Entführer unbedingt mit den Entführten solidarisieren, um das gehts im Artikel aber nicht. Stockholmsyndrom, schreibt Norman Doidge dort, sei das was passiert, wenn sich jemand extrem mit schlechtem Gewissen erpressen lasse, das er nicht zu haben braucht, und daher Der Vorteil des Bösen Gegenüber dem Gewissen. Er beschreibt etwas anderes neu, und zwar ein Secondhand-Stockholmsyndrom (for added aliterative appeal gefällt mir das Wort jetzt schon!). Hier identifiziert sich nicht (nur) die eigentlich entführte Zielperson mit den Idealen des Entführers, sondern jemand anderes, der von der Entführung hört oder liest. Was selbstredend auch die Entführer zu ihrem Vorteil auszunutzen wissen. Die Extremform des Kapitalschlagens aus dem schlechten Gewissen anderer. Und schon geht es immer noch um Politik, denn diejenigen die dafür anfällig sind, sind öfter die, die die Politik machen. Wie das Secondhandstockholmsyndrom funktioniert, einiges über Shakespeares Richard III und Terroristenpaten (c Ari), und warum das oft die Ursache dafür ist daß Terror romantisiert wird, findet sich also bei heplev.

„Romantisierter Terror“ bringt mich auch zu den versprochenen Graffiti. Respektive damit könnte man diesen Begriff gut illustrieren. Jemand, der sowieso schon illegaliter etwas wohinkritzelt, sorgt sich im allgemeinen wenig um potentiell bedenklichen Inhalt, um es höflich auszudrücken. Und so findet sich alles an irgendeiner Hausecke: was existiert, existiert als Graffito. Selbst Sachen auf die sich alle Löscher aus Orwells wildesten Alpträumen stürzen würden wie Geier aufs Frischgemetzelte. Solche Fotos habe ich zwar auch (vielleicht schiebe ich Zensurbalken drüber und verstecke sie in den Kommentaren, immerhin gibt es eine FSK-Bewertung für Blogs und ich habe sie nicht eingestellt, also flucht wenn möglich zwischen den Zeilen damit ich nicht jeden der hier vorbeisurft anklixen lassen muß daß er über 18 ist 🙂 Das Geierbild zählt nicht, das ist Naturdoku); aber das worauf ich hinauswill ist eines der vordergründig harmlosen Bilder.

An einer der zitierten Ecken finden sich mehrere Comicfiguren:

Asterix, Obelix, Idefix, … und ein Bombenleger:

Jeder kennt Uderzos Geschichte vom kleinen gallischen Dorf, das als einziges von den Römern nicht erobert werden kann, sondern sich wehrt. Jetzt, (möglicherweise) laut dem Graffito auf dem Bild, auch mit Sprengstoff. Dieses ausnutzen eines vorhandenen Bilds im Kopf (hier der Comicgallier), das ist ein Narativ (Quelle reiche ich nach, diese Erklärung von Narativ bzw Schema stammt aus etwas von Glenn Yeffeth über einen Schurkenanwalt in NYPD Blue). Wie das Graffito selbst gemeint ist, und ob denn so, könnte ich mit einigen der anderen aus der Umgebung untermauern, wenn ich genug mit schwarzem Balken rumgemalt habe. Aber es muß garnicht so gemeint sein, damit das Narrativ, die Erpressung mit dem schlechten Gewissen über den kolonalialistischen Westen und heldenhaften Widerstand, funktioniert.

Weshalb man Geschichtsbücher in denen das Wort Narativ vorkommt, sofort zu Pappmache verarbeiten sollte. Die haben das schlechte Gewissen der anderen auch gern.

Speziell das erwähnte Narativ, das vom kolonialistischen Westen, dem heldenhaften Widerstand und der Weltrevolution, würde den Glaubensinhalt einer Religion „Linksradikalismus“ recht gut zusammenfassen, wenn extremes Linkssein denn als Religion anerkannt wäre. Und schon geht es um Weltanschauungen. Daß Linksradikalismus in allem außer dem Namen eine Religion ist, dafür gibt es gute Argumente, und auch mit der Anerkennung in allem außer dem Namen ist es nicht weit – die Linksgläubigen haben sogar einen bundeseinheitlichen Feiertag bekommen: den Ersten Mai.

In diesem Sinne: passt auf Euch auf, nicht nur übermorgen.

Kontraintuitiv

Oder: gerade so, wie man nicht denken würde.

Fast hätte ich diesen Post 20% more assumed genannt, nach den „20% more awesome“, dem um zwanzig Prozent Beeindruckenderem, das überall im Netz zu finden ist, und „to assume“, annehmen. Besagtes ehrfurchterregenderes Fünftel stammt allerdings (als Parodie) ursprünglich aus einem Kinderzeichentrickfilm – nichts gegen Lauren Faust oder den künstlerischen Wert ihrer Arbeit; aber ob ihre Anwälte mich sie einfach so zitieren lassen? Außerdem hört sich die einzig halbwegs sinnvolle Form so an, als sehe etwas um ein Fünftel größer aus als es ist. Auch schön, aber Fatamorganas sind nicht ganz das, worauf ich hinauswill.

Etwas passender ist der Spruch, den ein Freund als „die einzige immer richtige Bauernregel“ gedichtet hat:

Kompass

Geht die Sonne auf im Westen, sollte man den Kompass testen. Eindeutig, nur ob der Autor möchte daß ich seinen Namen öffentlich ausplaudere?

Die Kombination aus beidem – den Titel gibt es ja schließlich auch noch – lässt nicht im Dunkeln worauf dieser Artikel rausläuft: conventional wisdom. Deutsche Worte dafür fehlen mir; was gut ist, die meisten deutschen Begriffe sind sehr deutsch; gemeint ist die nicht-unbedingt-bösartige, kleinere Version des Vorurteils: etwas, das jeder weiß – das aber falsch ist. Oder wenigstens ganz anders, als intuitiv angenommen. Meistens harmlos.

Meistens. In einer Ausgabe des Webcomics Freefall nennt jemand etwas „so gefährlich wie eine Mücke“. Besagter Jemand ist eine charmante Künstliche Intelligenzform, die die Todesfälle durch Malaria, Gebfieber, Dengue, Zika und Konsorten aufrechnet – und mit dem Mückenvergleich ganz wörtlich meint: richtig, verdammt, gefährlich!

Im Apothekenalltag begegnet mir das in etwa folgender Gestalt (und wirklich nicht alles davon harmlos):

Plastiktüten sind des Teufels (siehe Tüten aus der Hölle 1 und 2). Arzneimittel wirken nur an einzelnen Körperteilen, dafür behandeln sie dort alles (siehe magische Medizin). Es gibt so etwas wie eine „heilende Wirkung“ (ebendort). Schmerztabletten sollte man zum Essen nehmen, damit sie den Magen nicht reizen (die meisten tun das in der richtigen Dosierung sowieso nicht, noch weniger wenn sie auf nüchternen Magen genommen werden). „Vor dem Essen“ heißt direkt vor dem Essen, und direkt danach muß zwingend etwas gegessen werden (im Gegenteil mindestens eine Stunde vor dem Essen, damit die Arznei nicht mit dem Essen zusammenkommt – das andere ist zum Essen). Nach dem Essen… (=zwei Stunden oder länger nach dem Essen). Es gibt alles in der ganz herkömmlichen, normalen Standardausführung (Sicher doch – genauso wie es Kleidungsstücke im ganz herkömmlichen Material, der Standardfarbe und der normalen Größe gibt – jetzt weiß ich endlich, was 42 ist). Besonders Nasenspray (der Klassiker mußte einfach, daß „normales“ Nasenspray sowas wie „Tabletten mit der normalen Wirkung“ sagt, nämlich garnix, überrascht alle immer noch. Daß sie beim Sprühen das einatmen und „hochziehen“ vermeiden sollen, auch). Ich bin gegen diese Tablettenschluckerei (i.e. als ob dieselben Arzneistoffe in anderer Darreichungsform keine wären). Je unangenehmer etwas ist, umso besser hilfts (eine merkwürdige Form des Placeboeffekts, selbst bei Stoffen die geschluckt viel besser wirken als z.B. als Zäpfchen). Ich nehme ja nie was, deswegen hilft das bei mir alles so gut (Abgesehen davon daß etwas grundsätzlich besser behandelt als verschleppt ist, und Wechselwirkungen zwischen Arzneistoffen zwar direkt oder indirekt, aber nicht als irgendwie esoterische Buchhaltung auftreten – bringt mich letzterer zuverlässig zum kochen, heißt nämlich nichts anderes als: „wer krank wird, ist selbst schuld“ kombiniert mit „Leiden macht zu einem besseren Menschen“; zwei meiner schlimmsten Berserkerknöpfe zum Preis von einem). Wer vom Zahnarzt Schmerztabletten bekommt, sollte sie nur nehmen, wenn es garnicht ohne geht (die helfen auch gegen Schwellung und Entzündung – vorbeugend – und werden deswegen einige Tage „stur nach der Uhr“ in der verschriebenen Dosierung genommen, anfangend bevor überhaupt die Spritze nachlässt). Kinder sind wie Erwachsene, nur leichter (ganz böse Falle!, da sich auch der Stoffwechsel altersabhängig ändert – mehr dazu hatte ich über Senioren schon geschrieben). Arzneimittel wirken bei jedem gleich (auch eine böse Falle – angenommen etwa, ein Bienenstich wäre ein Arzneimittel: der häufige eine kriegt eine nervige, juckende Quaddel; der seltene andere reagiert vielleicht mit einem anaphylaktischen Schock und stirbt in unter zehn Minuten. Glücklicherweise gilt das auch für:). Jeder, der ein Medikament schluckt, bekommt alle Nebenwirkungen im Beipackzettel (quasi das gleiche, nur umgekehrt; es ist sogar so, daß die überwiegend meisten garkeine davon verspüren). Je „natürlicher“ etwas ist, umso harmloser (dasselbe in grün, pflanzliche Arzneimittel haben genauso Wirkungen und Nebenwirkungen wie chemische auch, weil es biochemisch diese Unterscheidung sowieso nicht gibt; was keine Nebenwirkung hat hat auch keine Hauptwirkung, woher soll die Wirkung denn wissen ob sie Haupt- oder Neben- ist; und wie gesagt ist es generell meistens besser etwas zu behandeln als zu verschleppen, da auch letzteres nicht gerade unter „harmlos“ fallen kann. Die (Zom-)Biene von oben lässt auch schön grüßen). Zurück zu Kindern meinen umgekehrt auch einige Leute, für Kinder sei es generell „besser“, nichts zu nehmen; glücklicherweise werden die aber langsam weniger (nur weil Kindern Erwachsenenhosen nicht passen müssen sie ja schließlich auch nicht in Kutten herumrennen).

Probleme gibt das alles im Apothekenalltag nur dann, wenn ausgerechnet die unrealistische, kontraintuitive Realität wichtig wird. Die meisten Beispiele sind harmlos genug daß sich auch ohne gut leben lässt, manche aber eben nicht. Ja, etwas ähnliches wie die gefährliche Mücke ist mir auch schon passiert. Auf einer Afrikareise, als ich mit erfolglosen Engelszungen versuchte eine Mitreisende zu überzeugen, sich – mittels Repellent – von den Tsetsefliegen nicht stechen zu lassen (80% von denen übertragen eine Krankheit die unbehandelt in der Hälfte und bei optimaler Behandlung noch in einem Drittel der Fälle tödlich ist), und schlechte Karten hatte weil ich nur Obst gegessen habe daß sich schälen ließ. Sie wurde mehrfach gestochen – und hatte einfach Glück. Puuuuhhhh. 🙂

Der absolute Spitzenreiter der Kontraintuition, der mich überhaupt auf dieses Thema bringt, ist aber: „Der Körper weiß schon, was gut für ihn ist!“ So ziemlich das Gegenteil von dem, was mein Biochemie-Professor öfter zum besten gegeben hat: der Körper kennt das Arzneibuch nicht. Ich mußte an die vielen Beispiele unerfreulicher physiologischer Vorgänge aus dieser Vorlesung denken, als ich diesen Artikel gelesen habe:

http://www.technion.ac.il/en/2016/10/cancer-treatment-as-a-double-edged-sword/

Und an erfreuliche wissenschaftliche Durchbrüche natürlich auch 🙂

 

Nachklapp: ich habe die Links zu früheren Beiträgen geflickt – jetzt funktionieren sie (:

Seit mehr als dreißig Jahren kurz davor

fragezeichenDonnerstag, am ersten Dezember, war Welt-Aids-Tag.

Jeden Tag ist irgendwas, dieser erinnert an die Toten der Aids-Pandemie.

Das deprimierendste daran: fast so lange wie das HI-Virus bekannt ist, ist die medizinische Forschung kurz davor, etwas dagegen zu finden. Ganz am Anfang war dieses „etwas dagegen“ eine Impfung, später eine Behandlung – aber immer wieder ist jemand kurz davor, und das „etwas“ greift wieder zu kurz. Noch gibt es weder noch.

Die ganze Forschung hat allerdings eine ganze Menge Gutes gebracht. Teilweise direkt gegen das HI-Virus, das vom Todesurteil zur chronischen Krankheit wurde. Teilweise indirekt gegen anderes: die halbe Biotechnologie baut auf der Entdeckung der reversen Transkriptase auf – und die wurde beim HI-Virus zuerst entdeckt. Die widerum für eigene Zwecke zu nutzen ermöglichte biotechnologisch hergestellte Eiweiße: Insulin etwa, oder einen Impfstoff gegen Hepatitis; eine andere Krankheit, bei der die Forschung jahrzehntelang kurz davor war, „etwas“ zu finden.

Diesen Impfstoff gibt es inzwischen schon mehrere Jahrzehnte, und seit letztem Jahr gibt es auch eine Behandlung, die Virus-Hepatitis heilt. Sie stammt übrigens aus Israel.

Von dort kommen auch die neuesten guten Nachrichten:

http://www.jewishpress.com/news/breaking-news/zion-pharmaceuticals-kaplan-hospital-developing-gammora-cure-for-aids/2016/11/01/

Noch kürzer davor, sozusagen, als sonst.

Priscus

BaerIch warne alle Leser gleich vor: dieser Post wird ziemlich grantig; es geht um ein Thema über das ich öfter innerlich schimpfe wie ein Kesselflicker. Manchmal, wenn ich meine daß Aussicht auf Erfolg besteht, auch diplomatisch verpackt äußerlich.

Am häufigsten treffe ich es in folgender Situation: Zu den weniger schönen Seiten des Apothekendaseins gehört die Tatsache, daß es Medikamente gibt mit Abhängigkeitspotential. Die machen süchtig – und zwar nicht nur die die ich hübsch verschlossen hinter Tresor und gelben Sonderrezepten habe, sondern ganz gängige Schmerztabletten, Nasensprays, Abführmittel. Wer sie länger nimmt, weiß das meisten auch – dementsprechend kauft, wer mehrere Packungen verlangt, das nie für sich selbst. Nie.

Regelmäßig kommt dann folgende Begründung nachgeschoben, die mich auf 180 mindestens bringt: Das ist für eine ältere Dame, die ist schon über neunzig, und…

Diese Nichtbegründung kommt nicht nur bei Abhängigkeitspotential vor, sondern auch, ab und an, bei anderen Medikamenten die nicht für sich selbsst geholt werden; dann wenn ich eine weitergehende Beratung anbiete, weil eine Alternative vielleicht besser gegen die fragliche Erkrankung hilft als das was sich die Kundin vorgestellt hatte: Das ist für eine ältere Dame, die ist schon über neunzig, und…

Oder wenn sich von den mehreren verordneten Arzneimitteln auf dem Rezept – nicht dem „eigenen“ Rezept! – welche untereinander nicht vertragen, das zu vermeidbaren zusätzlichen Nebenwirkungen führt; und ich in der Arztpraxis anrufen will um über eine Therapieänderung nachzufragen: Das ist für eine ältere Dame, die ist schon über neunzig, und…

Ja, und was und? Wer alt ist, ist es nicht wert anständig medizinisch versorgt zu werden, das und???

Jeder, verdammt nochmal, hat ein Recht auf anständige Linderung der Beschwerden; auf das vermeiden von unnötigem Leid in Form von unbehandelten Krankheiten, Abhägigkeitsrisiko und überflüssigen Wechselwirkungen! Wenn jemand impliziert es „lohne sich“ ab einem bestimmten Alter „nicht mehr“ – erstens, wer ist der um das zu entscheiden; und zweitens herrscht ja garkein Mangel an Resourcen daß überhaupt eine Entscheidung zu treffen wäre. Im Gegenteil spart eine gute medizinische Versorgung nebenbei auch noch Kosten, nämlich die Folgekosten der schlechten Versorgung. Womit das Ganze nicht nur zum schreien an sich, sondern an sich auch noch schreiend sinnlos wird. Jeder Tag ohne vermeidbares Leiden lohnt sich und… der Rest sollte sich eigentlich von selbst verstehen, tut es aber, wie man sieht, nicht.

Überhaupt erstaunt es mich immer wieder, was alles als zum Alter zugehörig einfach akzeptiert wird – bei anderen. Das hat es schon zu meiner Krankenhauszeit. Dort kam ab und an jemand völlig verwirrt auf die Station (in der Neurologie), weil er oder sie stark ausgetrocknet war. Eine völlig unkomplizierte Infusion später mutierte das demente alte Ömchen die nicht einmal wußte was sie selbst macht zur reizenden Gesprächspartnerin, die mir begeistert davon erzählte was ihre zwölf Enkel alle gerade tun.

Aber mit dem Flüssigkeitshaushalt, das ist so eine Sache. Ja, das Durstgefühl lässt im Alter nach. Die obige Situation lässt sich aber durch eine einfache Auskunft vermeiden, nämlich die wieviel Flüssigkeit der Mensch am Tag überhaupt braucht. Was erstaunlich wenige wissen: das sind keine zwei Liter, sondern 20ml (bis 30ml wenn es heiß ist) pro Kilo Körpergewicht. Wer keine 100kg wiegt, braucht auch keine zwei Liter trinken. Diese einfache Tatsache führt zu großer Erleichterung und einer realistischen Trinkmenge, die jemand an einem Tag auch tatsächlich zu sich nehmen kann – woraufhin es zumeist überhaupt erst versucht wird… Tja, Wissen hilft eben auch hier weiter als ein uns ist aufgefallen daß Du viel zuwenig trinkst und ohne Ahnung, aber von oben herab. Oft begegnet mir das auch mit Medikamenten die (nebenbei) entwässern. Und wann sollen sie in dem speziellen Fall natürlich immer eingenommen werden? Abends. Woraufhin diejenigen die sie schlucken die ganze Nacht zur Toilette müssen, mit voller Absicht weniger trinken damit sie endlich durchschlafen können, austrocknen, … Auch hier hätte ein wenig Wissen weitergeholfen, darüber welche Tabletten zu welcher Tageszeit am besten zu nehmen sind – aber der Mann ist schon über achtzig, der versteht das nicht mehr mit dem Trinken, und…

Womit wir beim Titel wären; a propos ein wenig Wissen hilft manchmal weiter. Da Arzneistoffe in unterschiedlichem Lebensalter unterschiedlich wirken können – jeder der mit welchen für Kinder zu tun hatte wird das bestätigen – gibt es für medizinisches Personal eine Liste mit Arzneistoffen, die bei Personen über ca. 65 anders wirken und daher sicherheitshalber lieber nicht verschrieben, sondern durch andere Wirkstoffe ersetzt werden sollten. Wohl nach dem lateinischen Wort für ‚altehrwürdig‘ heißt sie Priscus-Liste.

Das heißt, es gibt sie theoretisch. Den wem werden Wirkstoffe auf dieser Liste in der Praxis am häufigsten verschrieben? Ich sags ja schon die ganze Zeit: aaaaaaarrrrrrrrrrrrrrrgh!

Zwei Nachrichten-Meldungen von heute

Einfach nur gegenübergestellt:

1. Meldung:
«Wenn wir uns leiten lassen von dem Wunsch nach einem respektvollen, friedlichen Zusammenleben, wird eine gute gemeinsame Zukunft gelingen», ließ Gauck in einer Grußbotschaft an die Muslime am Donnerstag mitteilen. «Ich fühle mich dem Gedanken des Ramadan verbunden, dem Festmonat der Freude, des Gebets und der Nächstenliebe, der die Gläubigen zur Verantwortung für den Anderen anhält.» Gauck wünschte «allen Muslimen in unserem Land ein frohes und gesegnetes Fest».
(Agenturmeldung dpa, z.B.hier: http://www.faz.net/agenturmeldungen/dpa/joachim-gauck-gesegnetes-fastenbrechen-nach-ramadan-13705772.html )

2.Meldung:
Al-Rakka: Die IS-Terrormiliz soll während des Fastenmonats Ramadan 94 Menschen gekreuzigt und ausgepeitscht* haben, weil sie angeblich tagsüber etwas gegessen haben. Wie die Syrische Beobachtungsstelle für Menschenrechte berichtet, wurden sie davor an zentralen Plätzen in Eisenkäfige gesperrt. Unter den Bestraften waren demnach auch fünf Minderjährige. Die Terrormiliz Islamischer Staat kontrolliert große Gebiete im Norden und Osten Syriens. Der Ramadan endet in dieser Woche mit dem Fest des Fastenbrechens. Während des Fastenmonats dürfen gläubige Muslime von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang weder essen noch trinken.“
(Nachrichtenschlagzeile des Bayerischen Rundfunks, im Ticker hier: http://www.br.de/nachrichten/meldungen/nachrichten-bayerischer-rundfunk100.html)

Und passend zu letzterem noch einen Artikel von vor ein paar Tagen: https://heplev.wordpress.com/2015/07/14/im-namen-allahs/ #
„Erstens, dass niemand erstaunt ist. So ist das nun mal in jedem Ramadan, wird mir gesagt. Jeden Ramadan erkläre ich Neueinwanderern, die über den Anstieg der Angriffe schockiert sind, das ist halt Ramadan.“

Jetzt frage ich mich:
Was hat der Bundespräsident eigentlich ganz unramadansch zu sich genommen, (f)al(l)s er das gesagt hat? Oder fastet der mit?
Was hat mein Browser geraucht, daß ich eine halbe Stunde brauche um die zweite Meldung zu finden, obwohl ich sie gerade im Radio gehört habe; nur weil ich die erste offen habe?

Cookies sollte man eben nur in gebackener Form zu sich nehmen; und manche nicht einmal in dieser.

Fußnoten: *also erst zu Tode gefoltert und dann ausgepeitscht – womöglich noch in dieser Reihenfolge? Häh? # Simsalabim…