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Der Dokumentarfilm ist (kurz) online!

Nach wochen- und monatelangem Tauziehen ist die Dokumentation Auserwählt und Ausgegrenzt: der Hass auf Juden in Europa ganz kurz online – bis heute um Mitternacht.

Diese Dokumentation von Joachim Schroeder und Sophie Hafner wurde für arte vom WDR produziert. Historiker, Fachleute und andere Journalisten die sie vorab sehen konnten lobten sie als gut recherchiertes und präsentiertes Meisterwerk.

[TiN, von dem ich diesen Link habe, trägt einige Zitate zusammen: „Eine ganze Reihe international anerkannter Historiker, Politikwissenschaftler […] loben die Dokumentation. Prof. Michael Wolffsohn bezeichnet die Dokumentation als „meisterhaft“, Ahmad Mansour als „großartig und überfällig“ und Götz Aly als „beachtliche und außerordentlich facettenreiche journalistische Leistung.““ ]

Arte und der WDR wollten sie aber dennoch nicht senden, und schoben immer weitere Gründe vor warum nicht. Inzwischen habe ich in einigen der Tonnen von Artikeln, die zu diesem Thema in allen möglichen Zeitungen zu finden sind, halb zwischen den Zeilen gelesen, daß die zuständige Redakteurin beim WDR, die den Film produziert, während der Dreharbeiten Regie geführt und letztenendes abgenommen hat, eine Vorgängerin des aktuellen Chefredakteurs bei arte war. Das lasse ich einfach unkommentiert so stehen, soll jeder selbst vermuten ob das Thema oder die brilliante Ausführung der Dokumentation vielleicht garnicht entscheidend waren. Einen wirklich stichhaltigen Grund dafür, den Film unter Verschluss zu halten, hat der aktuelle Chefredakteur bei arte jedenfalls nirgends angegeben (an einer Stelle wehrt er sich sogar gegen Antisemitismusvorwürfe, die überhaupt niemand gegen ihn erhoben hat – vielleicht, nur vielleicht, hatte die Doku für dieses Theater das falsche Thema?). Viele die darüber schreiben vermuten, daß ihm das Thema zu aktuell – und damit politisch zu brisant – behandelt wurde, indem es nicht die letzten achtzig Jahre oder so ausspart. Dann könnte man die Frage stellen, wie das Berufsbild eines Journalisten eigentlich aussehen soll, aber das nur nebenbei.

Warum oder auch warum nicht der Film zurückgehalten wurde: heute jedenfalls zeigt ihn die Bildzeitung (sic!) – für 24 Stunden. Bis Mitternacht kann man ihn also unter diesem Link ansehen:

Bitte so weit wie möglich weitrverbreiten (leider weiß ich nicht, ob das ab morgen öffentlich gezeigt werden darf, bevor sich Bild, arte, WDR und wer noch über die Rechte geeinigt haben – ob die Bildzeitung das also nochmal machen kann. Wer das sehen will, muß also erstmal schnell gucken).

 

Fußnote: gerade eben fällt mir ein, wie sachlich und unhysterisch ausgerechnet die Bildzeitung über das Sendai-Beben in Japan und die daraus folgende Fukushima-Havarie berichtet hatte; womit sie eine der wenigen Zeitungen war, die das taten. So arg überrascht, wo ich diesen Film letztenendes gucken kann, bin ich also garnicht mehr.

Aber wo geht sie hin, die Macht?

Das hier wird so eine Art Gegenentwurf zu den ganzen Wahlempfehlungen, die im Zuge der anstehenden Bundestagswahl allerorten herumtönen: wählt die hier! oder: nein, wählt die anderen! oder: nein, wir sind die Besten und gehören gewählt. Hier also auch eine Art Wahlempfehlung:

Ist echt empfehlenswert, so eine Wahl. Nein, wirklich:

„Steinmeier ist der Präsident von 80% der Deutschen.“
habe ich als Kommentar in einem anderen Blog gelesen. Und zwischen den Zeilen mit, was daran eindeutig ist: der kann, sanktioniert von vier Fünfteln des Landes, machen was er will, und wem das nicht passt, der kann garnichts machen. Das gleiche gilt natürlich für das Duo Merkel/Schulz und den ganzen Rest der Politikerdarsteller.
Dann habe ich allerdings angefangen zu rechnen, und bin fast vom Stuhl gefallen: Der 80-Prozent-Präsident heißt, die restlichen 20%, die nichts gegen ihn tun können sollen, sind 16 Millionen Leute. Wenn er direkt (ab)gewählt werden könnte, die ihm alle sauer und sich einig wären, hingingen, sagten: „den aber nicht!“, und die Wahlbeteiligung so ausfiele wie üblicherweise bei der Bundestagswahl, dann sind das sogar eine absolute Mehrheit der abgegebenen Stimmen. Wie in: mehr als 50% der üblicherweise etwas weniger als 30 Millionen eintreffenden Wahlzettel. Eine ganze Menge dafür, um ihnen zu sagen, sie sollen einfach die Klappe halten.

Papierkorbstimmen der anderen Art: Wahlurnen in München

Ich bin selbstredend nicht die einzige, der das auffällt: einigermaßen seriöse Wahlumfragen zeigen, daß Leute die nicht wählen gehen weder zu faul noch zu blöd dazu sind, oder gar in der Schule in Sozialkunde gepennt hätten; sondern schlicht die Schnauze voll vom Politikbetrieb und nicht das Gefühl haben, daß sie gehört werden. Dementsprechend werden je höher die Wahlbeteiligung ist, im Verhältnis um so weniger die etablierten Parteien gewählt. Kein einzelner Regentropfen löst für sich allein eine Flut aus… wenn es stark regnet, sieht die Sache aber ganz anders aus. Das Gesicht der Von-Oben-Herabkümmerer-Politiker jedweder Couleur, die jahrzehntelang die Leute mit Sprüchen wie „der Tropfen auf den heißen Stein kann der Anfang eines Regens sein“, äh, „motiviert“ haben ihre ungerecht(fertigt)erweise als „bürgerliches Engagement“ etikettierte Arbeit für sie zu tun, deren Gesicht würde ich gern sehen, wenn die Flut aller Tropfen die alle Fässer zum überlaufen brachten stattdessen sie überrollt.
Übrigens muß für Martin Schulz ja alles was mit Wasser, und besonders Wassermengen, zu tun hat nochmal genau erläutert werden, also: Sechzehn Millionen Tropfen sind ziemlich genau ein Kubikmeter (ein Milliliter Regenwasser sind je nach Tropfengröße, sprich Gewitterheftigkeit, so Pi mal Daumen zwischen 15 und 20 Tropfen). Wie in: tausend Litern, oder dem Wasserverbrauch von einer Woche. Er wiegt eine Tonne: eine metrische Tonne symbolischer Volkszorn. Doch, das fällt ins Gewicht [/zynismus].

(Einschub: was wäre wenn alle Tropfen eines Gewitters als einziger Tropfen herunterkämen, von xkcd: https://what-if.xkcd.com/12/ )

Das über die Wahlbeteiligung sollte viel mehr weitergesagt werden, und zwar genau so, mit der Ergänzung, wer da vielleicht doch kommt, und nicht ohne.
Ich vermute nämlich fast, die etablierten Politikgurus und Leuteerziehwoller machen so dusselige Werbespots für mehr Wahlbeteiligung in denen sie die Nichtwähler als blöd und faul und demokratienachhilfsbedürftig darstellen, weil die Chance dann größer ist daß niemand auf sie hört: sowohl die Leute denen der Politikzirkus zu blöd und arrogant und bevormundend ist nicht auf die Pseudostaatstragenachhilfespots, als auch die Politiker auf diejenigen die das was sie tun nicht in Ordnung finden.

Deswegen also doch eine Wahlempfehlung, für die die eine lesen wollen: hört nicht auf die blödgekrampften Werbespots, wählt was auch immer Ihr wollt. Aber wählt, was auch immer ihr wollt. Und damit das was Ihr nicht wollt: ab! Geht hin und sagt den Politikclowns, wo der Frosch die Locken hat. Sonst merken die es nie, wenn sie es nicht dann gesagt bekommen, wenn sie zuhören müssen: die haben nämlich keine Wahl, ob sie auf das Ergebnis auch hören.

 

Und was passiert wenn was herauskommt, das „denen da oben“ nicht passt; das kann man sich bei Pat Condell über das Brexit-Referendum anhören, das den Regierenden auch überhaupt nicht gepasst hat:

… ein kleines P.S. habe ich noch, wo es gerade um Wahlen und die EU geht. In der Verfassung – die ist nicht nur dazu da, um Trolle vor Trolljägern, Atomkraftbefürworter vor Energiegewendeten, Minirockträger vor Grapschern, Fleischliebhaber vor Veganern, und Umweltsäue vor Kohlrabiaposteln zu schützen, sondern auch explizit die Regierten vor der Regierung und die Bürger vor den Politikern; immer gut also wenn man deren vollen Wumms kennt, falls jemand einen in ein „Wir“ zwingen will, in das man nicht möchte – steht über Wahlen was von: allgemein, unmittelbar, frei, gleich, geheim.
Die EU tut in allem so ziemlich das Gegenteil. Wer dort was zu sagen hat, bestimmen diejenigen, die die Kommissare entsenden (nix unmittelbar, und schon garnicht allgemein). Jemanden in die EU schicken zu wollen, der auch tatsächlich die regionalen Interessen derer vertritt die ihn geschickt haben, gilt (auch wenn es das nicht ist, sondern ein völlig legitimes Gehörtwerdenwollen) automatisch als nationalistisch, rechts und böse an sich (manche Entscheidungen sind eben gleicher als andere: hat sich was mit frei). Die Griechen etwa dürfen nicht mal jemanden in ihre eigene Regierung wählen, der den Eurokraten sagt: so aber nicht; und die Briten dürfen das der EU auch nicht selbst sagen. Am gleichesten ist hier immer noch Martin Schulz, nicht die Briten oder die Griechen oder selbst die Leute die er nominell vertreten sollte – und die von ihm aber nicht vertreten werden wollen.
Bleibt noch als einziges: keiner braucht den Politokraten zu sagen, wem welche Stimme gehört, wenn er das nicht will.
Es ist was die EU betrifft höchste Zeit, sich die Frage zu stellen: alle Macht geht vom Volke aus – aber wo geht sie hin?

Wo geht sie hin? Gute Frage, nicht nur was die EU betrifft.

Ich drücke den Leuten in NRW die Daumen, daß ihre Stimmen heute gehört werden. Das müssen sie schließlich.

Kurzgedanken die niemand braucht: Gutmenschenbeichte

Kanalratte schrieb letztens über Selbsthassende: „Zumeist bei Menschen die mit ihrer eigenen Identität nicht klarkommen. Wer sich dafür schämt ein Deutscher zu sein, ist in der internationalen Realität ein armes Würstchen.
Dort hatte ich geantwortet: „Die meisten tun das aber nicht nur, sondern sind auch noch stolz drauf; weil sie finden daß sie das irgendwie zu besseren Menschen mache.

Bessermenschen durch Selbsthass sind die Gutdenker wohl alle – aber wieso eigentlich?

Schlussendlich wird es wohl wieder damit zu tun haben, daß das bessermenschliche Denken eine Religion ist, ohne eine zu sein. Denn was gut und richtig ist, sagt einem nunmal das Weltbild: „richtiges“ denken, reden und handeln ist orthodoxes Verhalten, „orthodox“ im Sinne der Überzeugungen; welche auch immer das sind. Religion, Religionsersatz, Ethik, Ideologie, oder einfach freischaffend. Daher hatte ich geschlossen: es ist eine der Riten der Gutdenkreligion, aus dieser Geisteshaltung des Selbsthasses heraus „nie wieder“ zu sagen, „den Anfängen zu wehren“, im Nachhinein „gegen die Nazis“ gewesen und jetzt diffus „gegen rechts“ zu sein, weil „uns“ die Alliierten ja am Ende des Dritten Reichs „befreit haben“. Seit welchem Ereignis „wir“ das Völkermorden aufrichtig bereut haben, der das vermutete Ritual durchführende Gutmensch sowieso „dagegen gewesen wäre“, und/oder „seine Verwandtschaft jemanden versteckt“ habe.
So eine Art ans Gutmenschentum als Religion adaptierte Beichte (minus die unterschwellige Rechtfertigung der Gutmenschenversion), kommt mir gerade so als Idee zum frühen Nachmittag, vielleicht teilweise weil mir gegenüber im Bücherregal „Schuld und Sühne“ und „der Idiot“ nebeneinanderstehen.

Eine tatsächliche, liturgische Beichte (also im ursprünglichen-mit-gibts-das-Realitätsschock Wortsinn die christliche respektive protestantische Version) beinhaltet im rituellen Text die Fragen (hier paraphrasiert), ob jemand bereue, was er getan hat, das in Zukunft anders/besser macht, und daran glaubt, daß ihm deshalb verziehen wird (von Ganz Oben, aber darauf wollte ich hier nicht hinaus). Woraufhin er dann absolviert wird (qua Auftrag von Ganz Oben, aber darauf wollte ich hier nicht hinaus, ist ja nicht Filmkritik an Blues Brothers). Den tatsächlichen Text kennt kaum jemand (ist auch nicht sooo relevant – wörtliche Zitate solcher Texte bringe ich bekanntermaßen nur im rechtfertigenden Notstand, das hier ist keiner, und so ziehe ich es vor Sachen von den „Schlüsseln des Himmelreichs“ auch weiterhin hier in Blog nur dann zu schreiben wenn es um Primeln geht). Aber das Bild dieses Rituals, oder Reste davon, gehört und gehören zum kulturellen Erbe der Gutdenker, die es an ihre eigenen Überzeugungen und Rituale adaptieren könnten. Die Gutdenkversion divergiert davon auch in einigen Punkten (sehr stark etwa durch die uneigentliche-Rechtfertigung-durch-die-Hintertür oder das Aufrechnen gegen die guten Versteckaktionen der Verwandtschaft) – an einem Punkt aber trifft es sich wieder: Bessermenschen wollen dafür, daß sie sich kleinmachen (eigentlich knapp daneben, aber nahe genug) von ihrer Verantwortung an und für etwas losgesprochen werden.

Diejenigen, die den Gutmenschen dann qua ihrer durch die Geschichte zugewiesenen Rolle absolvieren würden/sollten/müßten, wenn das wirklich eine Beichte wäre, also „die internationale Gemeinschaft“ oder „die Juden“ bzw. Israel als Staat – die machen das aber selbstverständlich nicht mit. Kein Mensch mit einem Funken Würde würde sich derart durch Überstülpen eines ungefragten Rituals zum Statisten eines fremden Weltbilds instrumentalisieren lassen, was sich eigentlich jeder denken könnte (irgendwo in einer meiner hinteren Hirnwindungen deutet sich hier der Schatten eines Vergleichs mit einer Zwangstaufe an, „Zwang“ auf alle Fälle). Der Gutmensch wird aber wegen des abgebrochenen Ritualskripts sauer (vielleicht hat er auch noch irgendwo im Hinterkopf daß eine Rechtfertigung durch die Hintertür oder ein Aufrechnen im ursprünglichen auch ein Grund sein dürften das abzulehnen… und schätzt es garnicht das gesagt zu bekommen). Und spricht von einer „besonderen Beziehung“ zu Israel und der internationalen Gemeinschaft. Ob mit „besonders“ allerdings gemeint ist, diejenigen könnten dem Gutmenschen Absolution erteilen oder die würdebewahrende Weigerung es zu tun – keine Ahnung.

„Besonders“ respektive „Sonder-“ öffnet wie Ari im Ausgangsthread bemerkt hat noch eine ganz andere can of worms. Deswegen die Schrecken ein andermal, und hier lieber ein Bißchen Botanik:

Primula eliator ist das. Je nach Verständnis eine der beiden Primelarten, die unter den Namen „Himmelsschlüssel“ fallen – oder wenn nur eine Art (primula veris) mit Himmelsschlüsseln gemeint sein soll: eben die andere, die das dann nicht ist. Auch bekannt als „Bergprimel“ oder „Frühlingsprimel“.

 

P.S. 19:30 : gerade habe ich erfahren, daß Frank Walter Steinmeier einen Kranz an Arafats Grab abgelegt hat. Igitt! Der kommt sich deswegen auch bestimmt ganz gut vor.

Das Gewissen der Anderen

Das hier ist der berühmte erste Post „that ticks all the boxes“. Der Post. Der Post, bei dem ich alle Kategorien angekreuzt habe, die nicht unter Smalltalk fallen. Und dabei wollte ich doch nur zwei Blogposts vergleichen, die ich gefunden habe, die sich desselben Themas auf unterschiedliche Weise annehmen, ein paar bunte Graffiti dazuposten die dasselbe illustrieren; und im Nebensatz meinen Senf dazugeben daß das wahrscheinlich der Grund ist daß wir hier in unserer demokratischen Bundesrepublik einen Feiertag einer Religionsgemeinschaft haben, die offiziell garkeine ist. Nämlich den kommenden Ersten Mai, das kommunistische Hochamt der Arbeiterklasse.

Aber der Reihe nach. Das Thema ist das schlechte Gewissen anderer Leute.

„Gewissen“ ist etwas, über das ganze Bibliotheken mit verschiedenen Definitionen und Interpretationen und Implikationen vollgeschrieben wurden; es geht um die ganz einfache Version des Begriffs: Im schlechten Film stehen der Oberschurke und jemand anderer eine Szene lang herum und theatralisieren für die Kamera, warum oder nicht der potentielle Neuschurke in spe auch etwas Schurkisches tun soll. Als Publikum ruft man entweder: „erstich ihn doch einfach selber!“ oder spult in Zeiten in denen DVDs billiger sind als Kinokarten ein Stück vor. Als Regisseur lässt man irgendwann die Frage stellen: „Wer sollte denn je davon wissen?“ Worauf der andere antwortet: „Ich weiß davon“. Was sich in dieser Antwort ausdrückt, das ist gemeint.

Der eine neugefundene Artikel trägt das schlechte Gewissen gleich im Titel: Die Partei des Schlechten Gewissens. Zur kommenden Bundestagswahl stellt unbesorgt die Parteien der Reihe nach vor – respektive so wie ich das nach dem ersten Teil verstanden habe stellt Gründe vor, aus denen speziell die jeweilige Partei unwählbar ist. Und schon gehts um Politik. Nachdem ich mich vor einiger Zeit beschwert hatte, daß ich eigentlich garkeine Wahl habe zu dieser Wahl, ist mir eine solche Artikelreihe auch wirklich sympathisch. Im ersten Teil von vor fünf Wochen beschreibt Roger Letsch die Grünen als: Die Partei des Schlechten Gewissens. Im Artikel wird das präzisiert: die Grünen sind die Partei des schlechten Gewissens anderer. Sie haben das nicht etwa ständig selbst, sondern erpressen ihre Wähler mit einem schlechten Gewissen, das die nicht zu haben bräuchten, würden die Grünen sie nicht ständig dafür sensibilisieren. Und versprechen sie davon zu erlösen. Indem sie zum Ablass für ihre Ökosünden, für die sie jetzt sensibilisiert sind, die Grünen wählen. Maggie Thatcher sagte berühmterweise: „das größte Problem für den Sozialismus ist, daß früher oder später das Geld anderer Leute ausgeht“. Analog dazu scheinen die Grünen jetzt das Problem zu haben, daß ihnen das schlechte Gewissen anderer ausgeht; und in den Umfragen auf Talfahrt zu gehen. Nicht daß sie, sozialistisch wie sie sind, nicht auch gerne das Geld anderer ausgeben würden. Beides zusammen macht sie unwählbar, sagt der Artikel, und ist der Grund aus dem ihre Wähler ihnen sagen: „wir müssen reden“ (sinngemäßes Zitat). Das ist wirklich ein Argument, und macht widerum mich außerdem neugierig auf einen angedeuteten folgenden Teil, in dem FDP-Wähler denen sagen: „wir müssen lachen!“ (das Lachen ist jetzt wörtlich zitiert).

Die extremste Form der Erpressung mit dem schlechten Gewissen, habe ich in einem anderen, uralten und trotzdem noch aktuellen Artikel bei heplev gelernt, ist das Stockholmsyndrom. Stockholmsyndrom ist nichts neuentdecktes, und dann gegeben, wenn sich Entführungsopfer krankhaft mit ihren Entführern identifizieren. Und schon gehts um Krankheiten. Es gibt auch das Limasyndrom, wenn sich umgekehrt Entführer unbedingt mit den Entführten solidarisieren, um das gehts im Artikel aber nicht. Stockholmsyndrom, schreibt Norman Doidge dort, sei das was passiert, wenn sich jemand extrem mit schlechtem Gewissen erpressen lasse, das er nicht zu haben braucht, und daher Der Vorteil des Bösen Gegenüber dem Gewissen. Er beschreibt etwas anderes neu, und zwar ein Secondhand-Stockholmsyndrom (for added aliterative appeal gefällt mir das Wort jetzt schon!). Hier identifiziert sich nicht (nur) die eigentlich entführte Zielperson mit den Idealen des Entführers, sondern jemand anderes, der von der Entführung hört oder liest. Was selbstredend auch die Entführer zu ihrem Vorteil auszunutzen wissen. Die Extremform des Kapitalschlagens aus dem schlechten Gewissen anderer. Und schon geht es immer noch um Politik, denn diejenigen die dafür anfällig sind, sind öfter die, die die Politik machen. Wie das Secondhandstockholmsyndrom funktioniert, einiges über Shakespeares Richard III und Terroristenpaten (c Ari), und warum das oft die Ursache dafür ist daß Terror romantisiert wird, findet sich also bei heplev.

„Romantisierter Terror“ bringt mich auch zu den versprochenen Graffiti. Respektive damit könnte man diesen Begriff gut illustrieren. Jemand, der sowieso schon illegaliter etwas wohinkritzelt, sorgt sich im allgemeinen wenig um potentiell bedenklichen Inhalt, um es höflich auszudrücken. Und so findet sich alles an irgendeiner Hausecke: was existiert, existiert als Graffito. Selbst Sachen auf die sich alle Löscher aus Orwells wildesten Alpträumen stürzen würden wie Geier aufs Frischgemetzelte. Solche Fotos habe ich zwar auch (vielleicht schiebe ich Zensurbalken drüber und verstecke sie in den Kommentaren, immerhin gibt es eine FSK-Bewertung für Blogs und ich habe sie nicht eingestellt, also flucht wenn möglich zwischen den Zeilen damit ich nicht jeden der hier vorbeisurft anklixen lassen muß daß er über 18 ist 🙂 Das Geierbild zählt nicht, das ist Naturdoku); aber das worauf ich hinauswill ist eines der vordergründig harmlosen Bilder.

An einer der zitierten Ecken finden sich mehrere Comicfiguren:

Asterix, Obelix, Idefix, … und ein Bombenleger:

Jeder kennt Uderzos Geschichte vom kleinen gallischen Dorf, das als einziges von den Römern nicht erobert werden kann, sondern sich wehrt. Jetzt, (möglicherweise) laut dem Graffito auf dem Bild, auch mit Sprengstoff. Dieses ausnutzen eines vorhandenen Bilds im Kopf (hier der Comicgallier), das ist ein Narativ (Quelle reiche ich nach, diese Erklärung von Narativ bzw Schema stammt aus etwas von Glenn Yeffeth über einen Schurkenanwalt in NYPD Blue). Wie das Graffito selbst gemeint ist, und ob denn so, könnte ich mit einigen der anderen aus der Umgebung untermauern, wenn ich genug mit schwarzem Balken rumgemalt habe. Aber es muß garnicht so gemeint sein, damit das Narrativ, die Erpressung mit dem schlechten Gewissen über den kolonalialistischen Westen und heldenhaften Widerstand, funktioniert.

Weshalb man Geschichtsbücher in denen das Wort Narativ vorkommt, sofort zu Pappmache verarbeiten sollte. Die haben das schlechte Gewissen der anderen auch gern.

Speziell das erwähnte Narativ, das vom kolonialistischen Westen, dem heldenhaften Widerstand und der Weltrevolution, würde den Glaubensinhalt einer Religion „Linksradikalismus“ recht gut zusammenfassen, wenn extremes Linkssein denn als Religion anerkannt wäre. Und schon geht es um Weltanschauungen. Daß Linksradikalismus in allem außer dem Namen eine Religion ist, dafür gibt es gute Argumente, und auch mit der Anerkennung in allem außer dem Namen ist es nicht weit – die Linksgläubigen haben sogar einen bundeseinheitlichen Feiertag bekommen: den Ersten Mai.

In diesem Sinne: passt auf Euch auf, nicht nur übermorgen.

Autocracy Double Feature

Inspiriert von TiNs Artikeltitel zu Erdogans verfilmter Biografie vor einiger Zeit, und anlässlich des Referendums in der Türkei über ein Gesetz das die Gewaltenteilung ganz wesentlich aushebelt, habe ich die gesamte „“Ofentüre“ zur Rocky Horror Picture Show“  (besser bekannt unter dem eigentlichen Liedtitel Science Fiction Double Feature) passend zu ebendiesem Referendum umgedichtet. Das Referendum ist am 16. April, aber ab morgen ist schon Briefwahl möglich. Stell Euch einfach vor, ich setze mir einen blinkenden Haarreif auf, fange zu Rocky-Horror-Picture-Show-Musik an zu singen; und verzweifle an der Menschheit:

Autocracy Double Feature

Deniz Yücel was ill
The Day the Earth Stood Still
But he told us where we stand
And Jan B., he was there
With goat fur underwear
All the Left was The Invisible Man
When something went wrong
Turkey went like Hong Kong
Caught up tight in a Chinese Law jam
Though at a deadly pace
It did not come from Space
And this is how the message ran…

Autocracy’s (ooh ooh ooh) bridal shower
Er-do-wa-ahn (ooh ooh ooh) wants much more power
See turkey fighting (ooh ooh ooh) Montesquieu
And „criticism“ (ooh ooh ooh) be banned en lieu
Wo oh oh oh oh oh
At the Ra-is, double feature, picture show

I knew limiting office
By itself would not suffice
Nice on paper, but all loopholed with skill
And I really got restive
When I saw executive
Can just bypass some of parliament’s bills
And for Court, it gets fudgy,
Pick half the Judges,
Appointing them to do their will
But when votes coincide
For Parliament and the „Rais“
It’s gonna give you some terrible chills

Ra-is fiction (ooh ooh ooh) double feature
Gliber than (ooh ooh ooh) a TV preacher
See new laws countering (ooh ooh ooh) Montesquieu
And freely speaking (ooh ooh ooh) be banned en lieu
Wo oh oh oh oh oh
At the no choice, referendum, voting show
Turkey must go – Oh oh oh oh
To the no choice, referendum, voting show
All staged just so – Wo oh oh oh
At the no choice, referendum, voting show
In the back row – Oh oh oh oh
To the no choice, referendum, vo-ting sho-w

.

(P.S: das Musical beinhaltet außerdem, einen Mann in Strapsen zu erschießen. Was ich nie tun würde, aber für die Türkei scheint das zum guten Ton zu gehören. Diesen guten Ton habe ich nicht. Vor allem beim singen, gut daß Ihr mich eben nicht wirklich gehört habt.)