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Palästinenser, der Großmufti und die SPD (reblog)

Teil vier der Artikelserie von Robert Cohn über antiisraelische Ressentiments und unterschwelligen Antisemitismus, zuerst erschienen auf TiN im Mai 2014. Das Bild dazu wie immer von mir: das war ein fürcherlich alberner wahrscheinlich-Werbe-oder-Aufruf-Zettel den jemand verloren oder absichtlich aufs Tottoir gebappt hat – zur Mufti-SPD passt er, sonst ist er Kitsch. Was das über die SPD aussagt möge sich jeder selbst zusammenreimen.

Palästinenser, der Großmufti und die SPD

Ein Gastbeitrag von Robert Cohn

1: Die Palästinenser, der Mufti und der Holocaust
Welchen Sinn hat eine Reise für junge Nichtjuden ins Todeslager von Auschwitz außer dem Gedenken an Millionen industriell Ermordeter und außer dem Gefühl am Ort, wie unfassbar das ist? Gedenken lässt es sich schließlich überall, auch im hinterletzten Kaff – dafür muss man nicht nach Auschwitz fahren. Und nicht verstehen, warum jene deutschen Familienväter mit Frau, Hund und Vorgarten derlei durchzogen, lässt es sich auch im Wald oder auf dem Meer.
Wenn junge Leute nach Auschwitz fahren, sollen sie lernen, wer die Ideen hatte, wer die Ideen ausführte und wie der sogenannte Alltag der Millionen aussah, die dort vergast worden sind, nicht?
Warum das geschah, warum bis dato normale Menschen die größte Mordmaschinerie der Geschichte über drei Jahre am Laufen und am Qualmen hielten, warum sie an sich selbst die Wahrheit von der Banalität des Bösen zeigten – diese Frage, WARUM das geschehen konnte!, ist freilich ein ganz anderes Kaliber von Frage. Jeder Historiker und jeder Philosoph von Rang hat sich seit siebzig Jahren damit beschäftigt, manche leidenschaftlich, manche nüchtern. Gelöst hat diese Frage noch keiner.
In ihrem jüngst erschienen Buch „Nazis, Islamists, and the Making of the Modern Middle East“ (Nazis, Islamisten und die Entstehung des modernen Nahen Ostens) beschäftigen sich die Autoren Barry Rubin und Wolfgang Schwanitz mit einer bestimmten Person, die wohl für Idee und Planung der Endlösung der Judenfrage steht: Der Großmufti von Al-Quds (Jerusalem), Hadsch Muhammad Amin al-Husseini, ein zentraler Verbündeter und Mitmacher der Naziregierung. Namen, Daten, Orte, Zitate: Wer, wann, wo, was und für wen, die klassischen fünf Fragen aller Forscher. Hinzu kommt die Frage nach dem Motiv. Der Begriff „Warum?!“ in dem Zusammenhang führt jedoch von diesen exakt erforschbaren Zusammenhängen weg, er verweist auf das Böse, das sich nicht erforschen lässt – seine Existenz lässt sich bloß konstatieren.
Was lernen junge Nichtjuden bei einem Besuch des Vernichtungslagers Auschwitz über jene, die das Böse verkörperten, indem sie die Endlösung der Judenfrage planten, organisierten und diesen Ort des Bösen schufen?
Die Universität in thüringischen Jena und die Ben-Gurion-Universität im israelischen Negev haben Ende März dieses Jahres einer Gruppe arabischer Studenten aus Universitäten der Westbank eine Reise nach Auschwitz ermöglicht. Einer der Studenten sagte danach:
Es ist merkwürdig für einen Palästinenser, ein Vernichtungslager der Nazis zu besuchen.“
Das Gefühl von Merkwürdigkeit entsteht, wenn etwas nicht zusammenpasst: Kognitive Dissonanz. Jedoch das Merkwürdigkeitsgefühl des Studenten ist selber sehr merkwürdig: Jede Woche rufen Imame in Gaza und in der Westbank auch übers Fernsehen zum Mord an allen Juden auf, und jede Woche äußern arabische Politiker auch übers Fernsehen, dass die Juden ins Meer getrieben, erschossen oder erschlagen gehörten, und jeden Tag laufen im ‚Staats’fernsehen der Fatach Kindersendungen, in denen die Kleinsten dazu gedrillt werden, Juden zu töten, die Affen, Schweine, Untermenschen, Weltbeherrscher und Todfeinde des Islams seien.
Was soll also merkwürdig für einen arabischen Studenten sein, wenn er das zu erneuernde Realziel dieser religiös verbrämten Politik und dieser politisierten Religion besucht – Auschwitz?
Selbst, wenn er diesen äußerst klaren Zusammenhang von europäischer Vergangenheitszielen und nahöstlichem Gegenwartsziel nicht sehen möchte: Es besteht da dieser persönliche Zusammenhang in Gestalt des Muftis Al-Husseini. Dieser Zusammenhang ist mit Händen zu greifen und mit Wer, Wann, Wo, Was und für Wen exakt zu belegen.
Leider haben die arabischen Studenten in Auschwitz jedoch kein Wort über den Mufti gehört. Wie kann das möglich sein?, das wäre ja so, als reiste eine Gruppe ins tschechische Lidice oder ins französische Oradour und würde dort kein Wort über Hitler hören!
Alle Spuren von Hitlers Großmufti Al-Husseini weisen nach Auschwitz. Dieser palästinensische Verbündete der Nazis hat geplant, den Nahen Osten in ein Vernichtungslager für Juden zu verwandeln, sobald die Deutschen militärisch nach British-Palestine durchbrachen. Feldmarschall Erwin Rommel, Held der Deutschen und Wüstenfuchs, stand kurz davor.
Die Naziregierung plante für Deutschland und für Europa zunächst, die Juden aus allen deutsch beherrschten Gebieten zu vertreiben. Barry Rubin und Wolfgang Schwanitz belegen in ihrem Buch, dass erst der Kontakt zum palästinensischen Mufti zur Endlösung der Judenfrage führte: Al-Husseini wollte das Land, über das er später zu herrschen plante, judenrein haben. Weil auch die Naziregierung das wollte, entstand ausgehend vom Mufti der deutsche Plan zur systematischen, industriellen Ermordung aller Juden. Rubin und Schwanitz schreiben:
Im November 1941 traf Al-Husseini bei einem Berliner Empfang ein. Dort zeigte es sich, dass die Deutschen ihn als den zukünftigen Anführer aller Araber und Moslems betrachteten. Er wurde im prächtigen Schloss Bellevue untergebracht, wo einst der deutsche Kronprinz lebte, heute die Residenz des deutschen Bundespräsidenten. Al-Husseini erhielt für seine persönlichen Bedürfnisse und für seine politische Arbeit eine Geldsumme, die heute dem Wert von zwölf Millionen Dollar pro Jahr entspricht. Diese Geldmittel wurden durch den Verkauf des Goldes erbracht, das man Juden abgenommen hatte, bevor man sie ins KZ schaffte. Al-Husseini folgte dem Muster und verlangte ein Büro in einer enteigneten jüdischen Wohnung. Sein Mitarbeiterstab wurde in einem halben Dutzend weiterer Häuser untergebracht, die die Deutschen für sie bereitstellten. Zusätzlich stellte man al-Husseini eine Suite im Berliner Luxushotel Adlon und für die Ferien schöne Appartements im Hotel Zittau und im Schloss Oybin in Sachsen zur Verfügung.“ (S.5).
Was soll also „merkwürdig für einen Palästinenser, ein Vernichtungslager der Nazis zu besuchen“ sein, indem der Mufti für die Araber der Hamas und der Fatacher auch heute als hochverehrter Führer und nationales Vorbild gilt?
Palästinenser’präsident‘ Abbas, der Verhandlungspartner der Arabischen Liga, der OIC, der UNO, der EU und der USA, lobt bei sich zu Hause in seinen Reden immer wieder den Mufti Al-Husseini über den grünen Klee, und aus Schulbüchern lernen die arabischen Kinder, dass er ein großer Held und Führer gewesen sei. Rubin und Schwanitz schreiben:
Die Regime, die später den Irak für vierzig Jahre beherrschten, Syrien für fünfzig Jahre und Ägypten für sechzig Jahre, sind allesamt durch Gruppen und Anführer aufgebaut worden, die mit den Nazis zusammengearbeitet hatten.“ (S.4).
So auch die PLO, die Vorgängerorganisation der Fatach, deren Anführer Yassir Arafat Zeit seines Lebens die tiefe Verbundenheit mit seinem Verwandten Al-Husseini pathetisch beschwor. Der Islamismus, ob er nun religiös oder politisch oder gar sozial wie die Muslimbruderschaft daherkommt, schwärmt vom Nazikollaborateur und Nazifunktionär Al-Husseini wie das Küken von seiner Henne. Rubin und Schwanitz schreiben:
Hitler befahl nach seinem Treffen mit dem Mufti, Einladungen zu einer Konferenz in einer Villa am Wannsee zu verschicken. Ziel des Treffens war die Planung der Vernichtung aller Juden in Europa.“ (S.8).
Al-Husseini war „der erste Nichtdeutsche, der von dieser Planung erfuhr, bevor sie überhaupt bei der Wannseekonferenz vorgestellt wurde. Adolf Eichmann wurde mit dieser Aufgabe betraut. Eichmann informierte al-Husseini im Kartenraum des Berliner SS-Hauptquartiers, indem er dort seine Unterlagen für die Wannseekonferenz benutzte. Eichmanns Adjutant sagte aus, dass der Großmufti sehr beeindruckt und so eingenommen von diesem Bauplan zur Judenvenichtung gewesen sei, dass er Eichmann bat, ihm einen Experten als persönlichen Assistenten nach Jerusalem zu schicken, um dort Todeslager und Gaskammern zu bauen, so bald Deutschland den Krieg gewonnen habe und er selbst an der Macht sei.“ (S.8 und 9).
Die deutsche Naziregierung besaß genügend Kontakte zu anderen arabischen Anführern, die der Idee zu Weltherrschaft und Judenvernichtung etwas abgewinnen konnten. Mufti Al-Husseini besaß jedoch einen besonderen Einfluss in der arabischen Welt. Er bekam die Hochachtung und den Zugang zu den höchsten Stellen der NS-Regierung, die ihm gebührten, darunter ein langes Zusammentreffen mit Hitler, eine prächtige Unterbringung in Berlin und üppige Geldzuwendungen.
Rubin und Schwanitz schreiben, dass der Mufti oder einer seiner Adjutanten das Konzentrationslager Sachsenhausen im Juni 1942 mit drei anderen arabischen Funktionären besucht hat (S.2), um genau zu sehen, wie Judenvernichtung geht. „Eichmann persönlich hat den Mufti durch die Todeslager Auschwitz und Majdanek geführt.“ (S.164).
Rubin und Schwanitz dokumentieren, dass Al-Husseini in dieser Zeit überall im von den Deutschen besetzten Polen umhergereist ist, und dass er in den ersten Julitagen 1943 Heinrich Himmlers Gast im ukrainischen Ort Schitomir war, einer der zentralen Orte der Judenvernichtung und des Bösen. Al-Husseini notierte später in seinen Erinnerungen, dass Himmler ihm dort sagte, die Deutschen hätten nun „etwa drei Millionen Juden liquidiert.“ (S.188).
Großmufti Al-Husseini hatte die Idee, er traf sich mit jenen, die die selbe Idee ventilierten, er sah den kongenialen Deutschen bei der Ausführung dieser Idee zu, er prägte duch seine Verbindungen, durch Personalpolitik und durch Geldströme den Judenhass in der arabischen Welt, und er plante wie ein Besessener, um es später als Beherrscher des Nahen Ostens ebenso zu tun wie die Deutschen in Auschwitz.

2: Die SPD, die Fatach und der Holocaust
D
ie Amtszeit von Mahmoud Abbas als Präsident des nicht existierenden Landes Palästina ist seit 2009 abgelaufen, aber es gibt keine Neuwahlen. Stattdessen hat er nun angekündigt, gemeinsam mit der Hamas eine Einheitsregierung zu bilden, um als Politiker zu überleben und, als Voraussetzung, Israel, die EU und die USA zu zwingen, direkt mit Terroristen zu verhandeln und sie als politische Partei anzuerkennen.
Faktisch geschieht das jedoch seit Jahren, weil Abbas seit Beginn seiner Amtszeit Terroristen unterstützt, sie mit seinen Millionen von der UNO und der EU bezahlt, sie verherrlicht und sie als Mitarbeiter beschäftigt.
Man muss kaum suchen, um zahlreiche Äußerungen des ‚Präsidenten‘ Abbas zu finden, in denen er mit religiösem und durchdringendem Ton zur Verehrung von Terroristen aufruft und endlose Namenslisten herunterbetet, garniert mit dem ubiquitären Ausdruck „Märtyrer“. Er sagt so oft „Märtyrer“, dass man sich wundert, warum er selber noch lebt und kein heiliger Märtyrer des Islamismus geworden ist. So sagte er im Fernsehsender Palestine Live TV (Fatach) am 4. Januar 2013:
Heute zur Feier des Gründungstags unserer Fatach erneuern wir den Schwur unserer geheiligten Märtyrer, dass wir dem Weg unserers Märtyrerbruders Jassir Arafat und seiner Genossen folgen werden, so wie alle Führer der kämpfenden Kräfte, und wie alle unsere Märtyrer es getan haben. Von ihnen nenne ich nun…“
Es folgt eine lange Liste von Selbstmordattentätern, Anführern einzelner Terrorzellen, zweier Hamas-Chefs, Terroristen der Muslimbruderschaft und Massenmördern:
… nenne ich nun Märtyrer Abu Jihad (Khalil Al-Wazir), Märtyrer Abu Iyad (Salah Khalaf) Märtyrer Abu Ali Iyad; Märtyrer Abu Sabri Saidam; Märtyrer Abu Yusuf Al-Najar Märtyrer Abu Al-Walid Saad Sayel Märtyrer Scheich Ahmed Yassin; Märtyrer Abd Al-Aziz Rantisi; Märtyrer Ismail Abu Shanab; Märtyrer Fathi Shaqaqi; Märtyrer George Habash; Märtyrer Omar Al-Qassem Märtyrer Abu Ali Mustafa; Märtyrer Abu Al-Abbas möge Allah ihnen gnädig sein. Diese seien für zehntausende anderer Märtyrer und Helden genannt.
Nun lasset uns unserer Vorkämpfer gedenken: Des Großmuftis von Palästina, Hadsch Muhammad Amin Al-Husseini. Wir gedenken auch des Ahmed Al-Shuqeiri, Gründer der PLO. Wir gedenken auch des Yahya Hammouda, Vorsitzender des Exekutivkommitees der PLO, und wir werden jenen Einen nie vergessen, der den ersten Funken des arabischen Aufstands von 1936 entzündet hat: Der Märtyrer Izz a-Din Al-Qassam.
Sie ermahnen uns zu der Pflicht, ihrem Weg zu folgen und als vereinigte Macht – denn es gibt nichts anderes als die Einheit – unser nationales Ziel und den Sieg zu erringen.“

-> Fußnote 1

Abbas hat in seiner maßlosen und gar nicht ungewohnten Rede die tiefe, thematische und chronologische Verbundenheit der Fatach und seiner selbst 1) mit dem Nazismus der 1930er und 1940er und 2) mit dem totalitär-islamistischen Terrorismus der Gegenwart in aller Eindeutigkeit bestätigt.
Ein kurzer Dokumentarfilm über den Mufti des Holocausts:

-> Fußnote 2

Eine kurze Rede des hasserfüllt fuchtelnden Yassir Arafat über den Vertrag von Oslo und die koranisch unterfütterte Gewissheit, um ihn zu brechen:

-> Fußnote 3

Die Fatach, die all diesen Zielen und Überzeugungen ungebrochen und unhinterfragt verpflichtet ist, zeichnet als Vollmitglied der Sozialistischen Internationalen, gemeinsam mit der deutschen Regierungspartei SPD. Die Fatach hat in der Sozialdemokratischen Partei Europas einen Beobachterstatus sie stimmt also dort nicht gemeinsam mit der SPD ab, hat aber Rederecht und ist ein akzeptierter Partner. Oft ist auf dieser Plattform von „gemeinsamen Zielen“ die Rede.
Fatah (arabisch) heißt Sieg durch Eroberung, Sieg durch das Wegschaffen von Hindernissen.
Was bedeutet das: Das Hindernis ist 1) die jüdische Unabhängigkeit des Staates Israel, und 2) erobert werden soll das jüdische Land.
Zwischen der alten PLO und der neueren Fatach besteht kein Unterschied die Doppeltyranneien des Muftis al-Husseini und des Demagogen Arafat ragen ungebrochen durch die Zeiten, gemeinsam mit Hitlers Schatten. In der Charta der Fatach (Artikel 12) stehen die Ziele der „kompletten Befreiung Palästinas“ und „die Ausrottung der ökonomischen, politischen, militärischen und kulturellen Existenz des Zionismus“: Es handelt sich um die Ziele des Muftis Al-Husseini.
Zur Fatach gehören die Tanzim-Miliz (befehligt von dem Massenmörder Marwan Barghouti) und die Al-Aksa-Märtyrerbrigaden, die von Blut triefen und deren Name Programm ist und Mahmoud Abbas, Palästinenserpräsident ohne Neuwahlen und Oberpate der Fatach, sagte neulich, er sehe keinen Unterschied zwischen Fatach und Hamas, weswegen die EU doch bitteschön die Hamas-Brüder nicht mehr als Terroristen bezeichnen möge. Woraufhin er nun in Verhandlungen mit der Hamas vollendete Tatsachen geschaffen hat, um gemeinsam mit der Hamas zukünftig eine einheitliche Regierung zu bilden.
Die deutsche Regierungspartei SPD hält indes an ihrer Bindung zur Fatach fest und kauft die Hamas-Katze ganz ohne Sack. Sie weiß genau, was sie tut!, und sie tut es trotzdem. Andrea Nahles, bis 2013 Generalsekretärin der SPD, hat am 8. November 2012 unterstrichen, dass SPD und Fatah gemeinsame Werte teilten. Dieser Ansicht wurde bisher nicht widersprochen.
Wo sieht die SPD den Übergang von bloß politischen Verhandlungen zum Socializing mit einer nazistisch verbandelten, den alten Achsenmächten zugehörigen, arabischen Terroristenpartei? Wo sieht die SPD den Übergang von bloß außenpolitischen Diskussionen zur Verstrickung und zum sich Gemeinmachen mit suprematistischen Mördern und Mördergutfindern, die tief in Nazismus und Islamismus getaucht sind?
Und was soll diese Aufwertung der Erben von Mordbuben der Achsenmächte zu Politikern von 2014?
Erstaunlicherweise hat auch die Europäische Volkspartei EEP, die EU-Dachorganisation der eher konservativen Parteien, die ungarische neonazistische Partei Jobbik vor Kurzem als Mitglied aufgenommen. Hier Kungelei und Entente der eher Linken mit nazistisch verbandelten Islamisten in Nahost, dort Kungelei und Entente der politischen Mitte mit rabiaten, neonazistischen Schreiern in Osteuropa.

Nicht nur als Jude!, auch als normaler Mehrheitseuropäer, als Linker, als Konservativer, als Liberaler oder nur als freundlicher Mitmensch kann man sich da nur doppelt und dreifach grausen.

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Anm. des Rebloggers: Die erwähnten Videos folgen als Kommentar.

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Probleme aus politischer Perspektive

Vor einigen Tagen machte im Internet ein Memo die Runde. Geschrieben hats ein bei Google in den USA arbeitender Ingenieur, und in diesem Aufsatz machte er sich Gedanken darüber, warum in „seiner“ Firma Google mehr Männer als Frauen arbeiten, wie man Google als Arbeitgeber für Frauen attraktiver machen könnte, ob einfach positiv zu diskriminieren (das nennt sich wohl wirklich so und hat sich nicht Orwell ausgedacht) die beste Lösungsmöglichkeit ist – und ob die grundsätzliche Tatsache überhaupt schlimm ist, oder ob die Art der Arbeit die bei Google zu tun nicht einfach für Männer attraktiver ist als für Frauen. Weil Frauen etwas anderes von ihrer Arbeit erwarten als Männer. Und – Nachgedanke – weil sie nicht nur andere Vorlieben, sondern im Schnitt auch andere Stärken haben als Männer (letzteres hat er mit Daten belegt).

Wenn ich in diversen Onlinediskussionen eine Sache gelernt habe ist es diese: hänge nie, nie, NIE irgendwas noch als Nachgedanken an, das vielleicht am Rande das Thema ergänzt und das Grundsätzliche um das es geht dem Gesprächspartner vielleicht ein Bissl nachvollziehbarer macht. Nichts Anekdotisches, keine Sprachbilder, keine Zitate, keine Illustration, keine Belege – und vor allem, wenn der Kommentar oder Beitrag im Laufe der letzten Stunde endlich fertiggefrickelt ist, nichts was man sich beim zweiten Korrekturlesen innerhalb der letzten fünf Sekunden vor dem Abschicken noch denkt, ach ja, hier fehlt am Rande ja noch…! Ich habe es bis jetzt fast jedesmal bitterlich bereut, diese Fast-nicht-geschriebene Randnotiz oder kleine Korrektur, vollständig ohne die ich komplett dasselbe gesagt hätte, nur kürzer und nicht ganz so anschaulich oder fundiert, je geschrieben zu haben. Ernsthaft: genau darauf wird sich als erstes, heftigst und ausschließlich gestürzt wie der Geier aufs Frischgemetzelte – und zwar zuverlässig nur auf die fürs eigentlich gesagte hundertprozentig irrelevanten Aspekte – das innerhalb der Stunde geschriebene wird vollständig ignoriert oder garnicht erst gelesen. Zuverlässig jedesmal. Es gibt einen Cartoon, in dem die eine Comicfigur etwas (wohl physikalisches über Raumzeit) einer anderen erklären will, anfängt: „stell Dir vor, Du bist auf einem Trampolin…“, von der anderen freudig unterbrochen wird: „Danke, ich wills garnicht zuende hören!“ – und dann sieht man lauter Gedankenblasen wie die zweite Figur Trampolin springt (wer den sehen will, er ist bei tvtropes . org auf der Seite „sidetracked by the analogy“³). Nur daß die Comicfigur das Trampolinspringen einfach schön findet – und es in einer Onlinediskussion Vorwürfe hageln würde daß Trampoline Rollstuhlfahrer diskriminieren, und man hat ja wohl was gegen Menschen mit Behinderung! – nur weil man verständlich sein wollte und nicht „Gummituchanalogie“ schreibt, sondern das „stell Dir ein gespanntes Gummituch vor“ in letzter Sekunde auf „… Du bist auf einem Trampolin“ geändert hat.

Und so ähnlich ist es James Damore ergangen (das ist der Ingenieur der über Googles verfehlte Einstellungskriterien geschrieben hat) – nur auf viel höherem Niveau. Jemand mit einem orwellschen Gedankenpolizei-Titel den ich mir nicht merken kann bei Google liest von dem ganzen „was erwarten Frauen von Arbeit und Arbeitsplatz anderes als Männer, und wie kann man einen Arbeitgeber also für Frauen attraktiver machen?“ nur „Frauen-anders-als-Männer“, schreit „Sexist!“, und verkehrt das was eigentlich gesagt wird mal locker ins Gegenteil, ohne es zu lesen. Alle Zeitungen berichten drüber, was bei Google für Sexisten arbeiten dürfen, Google wirft ihn raus, und er widerum veröffentlicht den ganzen Dreck, den Google am Stecken hat weil sie schon jahrelang systematisch nach Geschlecht diskriminieren.

Stand im Geschriebenen, was immer wieder behauptet wird, daß Frauen aus biologischen Gründen weniger geeignet für technische Berufe sind, sie deswegen weniger ergreifen und dort weniger verdienen als Männer? Nein. Dort stand, daß Frauen in der Arbeit seltener die ausschließliche Lebenserfüllung sehen als Männer, lieber kooperativ arbeiten als kompetitiv, und sehr technikorientierte Berufe in denen sie kaum mit Menschen interagieren können für stupide halten und deswegen seltener ergreifen. Weil sie (und jetzt kommts) besser für die Interaktion mit anderen Menschen geeignet sind als Männer (zumindest im Schnitt, das hat wohl irgendwas mit der Gehirnverkabelung zu tun; genau wie Frauen im Schnitt eine Bissl kleinere Schuhgröße haben als Männer haben sie im Schnitt ein ein klein Bissl besser vernetztes Hirn). Was der Grund dafür ist, daß sie weniger von klingonischer Beförderung halten als Männer und öfter in Teilzeit arbeiten wollen – und das ist der Grund für den geringeren Verdienst.

Damit also, schreibt Damore, das Talent der Frauen für seine Firma nicht verlorengeht (und das ist durchaus keine gnädigerweise-sozialerweise-gleichstellenderweise-Überlegung, sondern knallharte Wirtschaftslogik: die gehen dann nämlich schlicht und ergreifend zu Konkurrenz), sollte Google dafür sorgen daß sich die Frauen weder bei ihnen langweilen weil sie ihre Stärken nicht einsetzen können, noch wegen der gefühlten sozialen Kälte (klingonische Beförderung…) oder schlechten Work-Life-Balance (fehlende Teilzeitmöglichkeiten) mit den Füßen abstimmen.

Und jetzt komme ich zu dem was ich eigentlich schreiben wollte: warum prügeln die Leute so auf James Damore ein mit etwas das er ganz offensichtlich nicht geschrieben hat? Viele die auch tatsächlich lesen was er eigentlich schreibt, meinen das ist weil die progressiven Prügler überall Sexisten, Rassisten und andere Ketzer der Gutdenkreligion sehen wollen, um ein Anathema über sie verhängen zu können. Nun heißt das heutzutage zwar nicht mehr James Damore, apostata Deorum², damnatus sit in aeternitate!, sondern James, it’s not okay! (frei nach dem Chefredakteur der Daily Wire, Ben Shapiro³), aber Hinrichtungen waren ja schon immer allgemeines Volksfest. Leider nur sind die heutigen Zeiten zumindest in den USA für Scheiterhaufen zu zivilisiert.

Ich meine, es liegt vielmehr daran, daß die Vorschläge die Damore macht gut sind. Er schlägt ja vor, Leute ausschließlich nach Eignung einzustellen, nicht nach gruppenbezogenen Quoten wie es Google bislang wohl tut; und gleichzeitig Google als Arbeitsplatz attraktiver zu machen: mehr Teamwork, mehr Möglichkeiten selbst über seine optimale Work-Life-Balance und Work-Life-Blending zu entscheiden, mehr Möglichkeiten zur Teilzeitarbeit, bessere soziale Angebote, weniger Konkurrenzdenken. Gutes Geld für gute Arbeit. Das Problem der Leute die auf ihn einprügeln ist: die Vorschläge sind zu gut. Die wären nicht nur sehr gut für die Firma, die würden das grundsätzliche Problem in einer Art und Weise überflüssig machen daß alle dabei gewinnen: Google qualifizierte Leute und die guten Leute die sich aussuchen können wo sie hinwollen einen guten Arbeitsplatz. Alle gewinnen – außer den Gleichstellungsbeauftragten (oder was auch immer für ein noch orwellscher Titel da heute dazugehört) – die verlieren, wenn es nichts mehr gleichzustellen gibt, weil alle gerne dort arbeiten wollen. Die sind aus naheliegenden Gründen also eher daran interessiert, das Problem zu perpetuieren um länger daran verdienen zu können. Politisch ist es dasselbe, nur auf höherem Niveau: die Leute die allen einreden was die Gesellschaft doch sexistisch ist, gewinnen damit Wählerstimmen wenn sie dieses Problem perpetuieren (notfalls indem sie es selbst herbeiführen oder -halluzinieren). Deswegen werden sie es tun.

… und nun kommt der Exkurs, auf den alle warten 😛 (weißichdoch…). Dieselben Progressiven werfen „der Pharmalobby“, also forschenden Arzneimittelherstellern, etwas ganz ähnliches vor. Nur bezogen auf Medikamente und nicht auf Sexismus. Eine Pharmafirma hätte viel größeres Interesse an etwas, das die Leute lebenslang regelmäßig einnehmen müssen um etwas mittelschweres Chronisches zu behandeln, als an etwas daß eine schwere Krankheit schnell beseitigt. Da wären (gesicherte Einnahmequelle!) die Profite größer (der muß), weshalb die Pharmalobby (der muß auch) eher in ersteres investiert als in letzteres. Am besten noch wenn es Nebenwirkungen hat gegen die man dann wieder was anderes dauerhaft nehmen muß. Weil die Pharmalobby die Leute ja entweder vergiften oder abzocken oder am besten beides will (abgesehen davon daß mir das von a…nderen Stereotypen langsam bekannt vorkommt mußte der auch). An dieser Überlegung stimmt so ziemlich garnichts. Abgesehen davon fallen mir sofort Gegenbeispiele ein: allein in den letzten Jahren sind sehr wirkungsvolle Medikamente entdeckt worden gegen Multiple Sklerose, gegen Hepatitis C (auweia a propos andere Stereotype, das war beides dieselbe Firma, und sie sitzt sogar in Tel Aviv), die sehr viel Entwicklungskosten gefressen und astronomische Herstellungskosten haben, aber auch keine schlechten Verdienstmöglichkeiten bieten – und letztere kann man damit sogar vollständig heilen. Was für den einzelnen billiger ist als lebenslang Hepatits C als chronische Krankheit (übrigens immer noch sündhaft teuer) – und es lohnt sich für den Hersteller trotzdem. Demnächst kommt wohl etwas gegen HIV, was das komplett aus dem Körper eliminiert; und es lohnt sich obwohl billiger als lebenslang chronisch krank dann auch trotzdem. Zudem ist der Blödsinn mit „lebenslang chronisch krank, aber nicht schwer, ist profitabler“ besonders blödsinnig wenn man weiß wann jemand Medikamente eher nimmt und wann eher nicht: etwas daß einem was kurzfristiges und nicht besonders schlimmes angenehmer macht nimmt man gern und zuverlässig (Hustensaft, etwa), oder etwas das einem schnell und unkompliziert etwas unangenehmes erspart (Antibiotika etc), etwas gegen schwere Krankheiten bei dem es einem richtig dreckig geht wenn man das vergisst oder wo es gar eine Frage von Leben und Tod ist auch – bei etwas das nicht allzu sichtbar wirkt gegen mittelschwere chronische Sachen (das wären dann Blutdrucktabletten und Co) ist die Therapietreue miserabel. Das muß man immer nehmen, kann man schonmal vergessen, und tut es dann auch. Letzteres sind auch ausgerechnet die Arzneistoffe, die sehr günstig sind und an denen eigentlich keiner wirklich was verdient.

Aber die Progressiven meinen ausgerechnet das lohne sich besonders, weil sich perpetuierte Probleme ja lohnen. Die sollten vielleicht nicht von der Politik auf die Pharmakologie und die Wirtschaft – und von sich auf andere! – schließen.

 

 

²Fußnote: der Plural ist Absicht, die Progressiven glauben schließlich an alles mögliche…

³Fußnote 2: linklinkslinks zu den TV-Tropischen und der Daily Wire .

Fußnote 3: James Damore hat wohl eine Stelle als Wissenschaftsredakteur bei der Daily Wire angeboten bekommen – die haben offensichtlich gelesen, was er eigentlich geschrieben hat.

° Fußnote 4: das hier ist die rekursive Fußnote°, es gibt nix mehr zu lesen hier, weitergehen, weitergehen 🙂

Feinverstaubt

Keiner soll sagen daß ich hier nicht auf Leserbriefe antworte 😛 : auf Aris besonderen Wunsch bringe ich meine Antwort aus dem Autoabgasthread bei TiN hier nochmal als gesonderten Artikel. 🙂

In Gerd Buurmanns Artikel ging es um den unsäglichen Tweet eines WDR-immer-mal-etwas-anderes-Funktionärs, der mögliche Gesundheitsschäden durch Autoabgase als „vergasen“ bezeichnet hatte. Immer wenn jemand in einer ähnlichen Funktion wie der WDR-was-auch-immer-für-ein-Titel-aktuell-ist so richtig polemisch werden will, geht das nicht ohne Bezug auf die Jahre 1933 bis 45; Gerd Buurmann hat eine ganze Liste „unpassende Vergleiche sind schlimmer als die Nazis“, die aus diesem Grund auch immer länger wird; und so twitterte Jürgen Döschner: „Deutsche Automafia vergast jedes Jahr 10000 Unschuldige“.

Die Kommentatoren bei TiN waren sich mit dem Hausherrn einig, daß dieser Vergleich ein Griff ganz tief in die Kanalisation der unpassenden Vergleiche (die immer schlimmer sind, siehe oben) darstellt. Bis auf eine, die schrieb es sei an Zynismus nicht zu überbieten auf die Maßlosigkeit dieses Vergleichs hinzuweisen und das was verglichen wird in den richtigen Kontext einzuordnen, ja, das stelle eine Verhöhnung und Verspottung der „Abgasopfer“ dar, sich (Horror!) dabei zu amüsieren. Immerhin hat sie es ohne den Doppelpack „zynisch und menschenverachtend“ (c Josef Joffe) geschafft, auch wenn sie nicht ausgeführt hat, wobei sich amüsiert wird: beim Zynismus, vermutlich.

In diesem Sinne bitte nicht über das Wort „Abgasopfer“ amüsieren – ich habe schon jemanden gehört der Leute die etwas länger auf einen Zug warten müssen als „Verspätungsopfer“ bezeichnet hat. Und in dem Fall meine ich auch eher, daß die Schuld bei wem auch immer liegt, der die Zahl in die Welt gesetzt hat – und bei Jürgen Döschner natürlich, der die Unwissenheit der Leute in Gesundheitsfragen ausnutzt um Panikmache zu verbreiten. Das Folgende ist eine Zusammenfassung und Ergänzung einiger der Antworten, die ich ihr gegeben habe.

Abgasopfer durch Überschreitung der Grenzwerte?

Sagen Sie das den Leuten die lungenkrank sind, in Hamburg wohnen und während der G20 Atemprobleme hatten, weil soviel gebrannt hat. Sagen Sie das den Leuten, die Lungenkrank sind, in München wohnen und im Winter Atemprobleme haben, weil es in der Stadt vielzuviele Pelletheizungen gibt die alle viel mehr stauben als jeder Diesel. Ernsthaft: München könnte das Autofahren komplett verbieten und würde die Grenzwerte trotzdem nicht einhalten können. Aber Pelletheizungs-Staubschleudern mit richtigen Filtern nachrüsten lassen? Oh, nein! In Hamburg war während der G20 soviel Staub in der Luft, das hat sogar das Wetter in den Tagen danach geändert: die ganze Rauchwolke hat sich im feuchten Wind vom Meer mit Wasser vollgesaugt und kam tagelang als Regen runter. Und wo waren die dötschigen Weltuntergangspropheten die vom G20-Fallout sprachen? Nirgends.

Ergänzung: Es ist also öfter einmal eine ganze Menge mehr Staub in der Luft als durch Dieselruß. Das ist dann wirklich nicht schön und kann zu Atemproblemen führen, besonders bei Leuten die sie sowieso schon haben. Was ich gemerkt habe in den Tagen nach dem G20-Gipfel; schließlich kommen die Leute in die Apotheke um sich (mehr) Medikamente gegen Atemnot zu holen, die ihnen der Arzt verschrieben hat. Oder gegen Husten. Auch hier gilt aber: die Dosis macht das Gift – was ich auch daran merke daß normalerweise eben nicht soviel Gekeuch herrscht wie bei den G20. Trotz Dieselruß, weil die eben alle Filter haben. Außer, es ist im Frühjahr viel Blütenstaub in der Luft; aber der ist ja „Bio“.

Ergänzung 2: „Fallout“ ist Regen, der durch Ereignisse verursacht wird, die eine Menge Partikel hoch in die Luft blasen, wo sie als Kondensationskeime für Wolken funktionieren können (jeder Kondensstreifen eines Flugzeugs zählt im Prinzip schon dazu). Stäube in der Luft sind „Rauch“, feinverteilte Tröpfchen sind „Dampf“ – auch wenn sich „Aerosol“ viel vornehmer anhört ist es als Wort eigentlich überflüssig.

Wie kommt ein Grenzwert überhaupt zustande?

Genug von staubigen Städten: Grenzwerte sind ungefähr so festgelegt wie Tempolimits, nur noch ein Bißchen sicherer. An vielen Autobahn-Baustellen hängen Tempo-60-Schilder, in der festen Annahme daß die meisten dann mit 80 unterwegs sind, um sicherzugehen daß auch ja niemand über 100 fährt. Geblitzt wird man mit 80 freilich trotzdem und zahlt 30 Euro – aber niemand setzt mit 100 irgendwo auf oder wird aus der Kurve getragen. Wäre das Tempolimit so festgelegt wie ein Grenzwert, würde bildlich gesprochen an der Baustelle nur Schrittfahren erlaubt sein (und nichtmal das), damit auch ja keiner über 100 kommt. Mit 30 (=zehnfache Überschreitung) geblitzt müßte man freilich trotzdem den Führerschein abgeben – aber garantiert niemand versucht 100 zu fahren. Noch sicherer ist ein Grenzwert festgelegt, nicht nur für Abgase, sondern generell – weil man von dem ausgeht was die Leute auch tatsächlich vielleicht tun: die Dosis die garantiert noch niemandem schadet (sagen wir in dem Fall also 80), wird nochmal durch 100 geteilt (gibt 0,8), und das ist dann der Grenzwert. Dann müßten sogar Fußgänger (mit 3 bis 7 unterwegs) wegen 4- bis 10-facher Überschreitung des Grenzwerts Strafe zahlen – aber ganz sicher niemand versucht auch nur etwas in der Nähe dieser 80 zu fahren. Die theoretisch sogar auch noch sicher wären.

Ergänzung: von Tichys Einblick habe ich gelernt, daß diese noch-sichere-Dosis entweder toxikologisch (im Tierversuch oder neuerdings manchmal mit der Biotechnologie) festgestellt werden kann oder epidemiologisch. Also quasi empirisch aus statistischen Daten ermittelt wird – im Prinzip das was ich auch tue wenn ich sage: viele verbrannte Autos geben das große Keuchen; nur viel wissenschaftlicher. Beide Werte unterscheiden sich etwa bei Stickoxiden dramatisch – das ist das Beispiel das Tichy anführt: dort berträgt der toxikologische Grenzwert das 24fache des epidemiologisch ermittelten. Und ersteren hätten die fraglichen Diesel wohl eingehalten. Der gilt aber nur für Innenräume, nicht für die Straße. Man sollte mehr Tunnel bauen oder die Straße zum Innenraum erklären, dann wäre alles in bester Ordnung. Soviel aber zu Abgasopfern…

Warum ist die Bezeichnung „vergasen“ daneben?

Nochmal zurück zum Vergleich: die Assoziationen die der Leser wahrscheinlich hat machens aus – das nennt sich semantischer Hof. Im Beispiel mit dem Tempolimit kann ich von Autobahn und Führerschein und von (Ab)gas reden, ohne daß ein Leser etwas anderes denkt als daß es darum geht wie schnell man wo fahren darf ohne der Erlaubnis verlustig zu gehen: das assoziiert man mit „Tempolimit+Autobahn+Führerschein“. Meistens. Wenn ich einen Absatz drüber das durch Staub verursachte abregnen – obwohl faktisch korrekt – als „Fallout“ bezeichne, weil ich mir einen Vergleich überlege der genauso unglücklich wie der mit dem vergasen sein könnte, assoziiert man damit atomaren Fallout. Auch eine Assoziation, aber die falsche, weil mit ihr zwischen den Zeilen ein absolut maßloser Vergleich steht. Und genauso wie sich ein Herr Döschner beim Wort „Fallout“ vorher denkt: besser nicht, dann denkt jemand ziemlich wahrscheinlich Hiroshima und Tschernobyl!, damit mache ich die Opfer klein und mich lächerlich, müßte er sich beim Wort „vergasen“ vorher denken: besser nicht, dann denkt jemand ziemlich wahrscheinlich Gaskammer!

Tut er aber nicht. „Manche Blödheid ist so groß daß der Unterschied zur Absicht verschwindet“ ist da noch die freundlichste Interpretation.

Ergänzung: später mußte ich nochmal klarstellen daß es um die Opfer des Atombombenabwurfs ging…

Ergänzung 2: der semantische Hof sind alle Assoziationen die jemand zu einem bestimmten Wort hat. Im Zeichentrickfilm Ratatouille (guter Kinderfilm über eine anthropomorphische Ratte als Koch) riecht eine der Personen den Duft eines von der Ratte Remi gekochten Essens, und dann gibt es eine kurze Rückblende mit seiner Mama die ihm als Kind genau dieses Essen zum Trost kocht als er vom Fahrrad fällt. Wäre der Essensduft ein Wort, dann ist diese Rückblende der semantische Hof.

War sie damit zufrieden?

Nö. Alle meine mühsamen Erklärungen waren dann „Relativierung“. Ohne sie gelesen zu haben. Weshalb ich dann richtig ins schimpfen kam, und das hörte sich dann so an:

mit dem Finger woanders hin zu zeigen
Sie haben schon gelesen was ich geschrieben habe, oder was Sie sich vorstellen was ich geschrieben haben könnte? Es geht um Feinstaub, und um die Grenzwerte für Feinstaub, und darum, daß es Dieselopfer nicht gibt. Nochmal zum mitschreiben: nicht geben kann, weil Grenzwerte eben so sicher ausgelegt sind, damit es keine Opfer von wasauchimmer man begrenzen wollte geben kann, selbst wenn sie überschritten werden. Dann erkläre ich Ihnen lang und breit zuerst Beispiele von Grenzwerten, für Feinstaub (also nichts anderes, von wegen „woanders“!) die weit überschritten werden (in München sogar regelmäßig), ohne daß es „Staubopfer“ zu beklagen gibt. Damit Sie einordnen können, was das heißt mit dem Feinstaub (mit nichts sonst). Nochmal: was die Autohersteller tun ist Betrug, es sollte nicht sein und auch geahndet werden – aber der einzige Schaden den jemand hier davonträgt kann finanzieller Natur sein, weil sie sich ungerechtfertigt bereichern. Beklaut werden macht nicht krank.

Dann erkläre ich Ihnen lang und breit wie ein Grenzwert zustandekommt (Sie erinnern sich? Als ob man in einer Baustelle 0,8 km/h fordert, weil 80 die garantiert noch sichere Geschwindigkeit ist, und dann die Fußgänger blitzt wegen Überschreitung. Ich kann nichts dafür, so wird ein Grenzwert nunmal festgelegt). Damit Sie einordnen können, was das heißt mit dem Grenzwert (mit nichts sonst).

Wenn Sie Angst vor einer harmlosen Winkelspinne haben, und Ihr Therapeut zeigt Ihnen erst Bilder von Vogelspinnen (=Gefährlichkeit, i.e. Grenzwert einordnen), und gibt Ihnen dann eine Spinne auf die Hand (=selbst erleben, i.e. Beispiele stark überschrittener Feinstaubgrenzwerte ohne Feinstaubopfer) – dann würden Sie ja auch nicht sagen er macht es falsch und meine Angst klein; daß Sie die loswerden wollen war ja Sinn der Sache.

Schließlich: die Opfer, die der Falloutvergleich kleinmacht, sind die Opfer der Atombombenabwürfe, durch den Vergleich mit dem schlechten Wetter in Hamburg, nicht etwa die G20-Anwohner mit denen sie verglichen werden. Und die Opfer, die der Vergasungsvergleich kleinmacht, sind die Opfer des Holocausts, durch den Vergleich mit der Angst vor Dieselruß, nicht etwa diejenigen mit denen Sie verglichen werden.

Was Sie hier tun, indem Sie sagen ich mache die „Dieselopfer“ klein indem ich ihnen den Vergleich mit dem Dritten Reich nehme, ist eine Mobbingtaktik, es ist fies, Sie hauen mir mit der Implikation um die Ohren ich würde diese Leute gerne persönlich umbringen indem ich ihnen den maßlosen Vergleich mit dem Dritten Reich nehme; und wer Leute gerne umbringen will sollte gefälligst die Klappe halten und nicht darauf hinweisen daß der Vergleich vielleicht maßlos überzogen ist, und schon garnicht erkären warum!
Das ist fies, das ist ungerechtfertigt (bevor Sie das tun sollten Sie gefälligst belegen daß es tatsächlich einen Völkermord mit Dieselabgasen gibt, und daß ich den unbedingt will), es ist ein Totschlagargument um sich ja nicht durchlesen zu müssen was ich denn eigentlich schreibe – und Sie sollten sich dafür entschuldigen.

 

Und dann?

Hat sie wieder nicht gelesen.

Einfach mal danksagen

Seit fast einem Monat wollte ich Unbesorgts Dank an die Polizei für den Einsatz (im doppelten Wortsinn) beim G20-Gipfel rebloggen. Jedem Polizisten den ich in den Tagen danach gesehen habe habe ich es auch persönlich gesagt: Gut, daß Sie da waren; ohne Sie hätte es Tote gegeben und wäre alles noch viel schlimmer gewesen. Danke.

Oder in der Langversion von unbesorgt:

Liebe Polizistinnen und Polizisten, es ist an der Zeit, dass sich die Bürger dieses Landes bei Euch bedanken, was ich hiermit, Stellvertretung anmaßend, einfach mal tun möchte. Danke, dass ihr uns unter Einsatz eurer Gesundheit beschützt, auch wenn eure Arbeit uns kaum 2.000 Euro pro Monat wert ist. Danke, dass ihr Zig-Millionen Überstunden vor euch herschiebt, weil wir euch einfach nicht genügend Kollegen an die Seite stellen wollen. Danke auch, dass ihr trotz mangelhafter Ausrüstung auch dorthin geht, wo es „weh tut“ – und zwar meistens euch selbst. Danke dafür, dass ihr wahlweise die Vorwürfe ertragt, entweder zu hart vorzugehen oder nicht genügend Härte zu zeigen. Danke auch dafür, dass die Presse euch abwechselnd die Schuld für „Polizeistaat“ oder „No-Go-Areas“ zuschieben darf und ihr euch nicht beklagt. Zudem müssen wir euch für die Geduld danken, mit der ihr ausgerechnet die linken Chaoten in Schach zu halten versucht, deren „Skills“ von den Ministerien gefördert und finanziert werden, die euch dann an die Brennpunkte schicken. Abschließend auch noch danke dafür, dass ihr in einer gigantischen Sisyphusarbeit ebensolche Chaoten der Justiz übergebt, welche sie dann meist ungestraft wieder frei und erneut auf euch loslässt. Danke, danke, danke!

Die Apotheose der Ironie

Warum reblogge ich das gerade jetzt? Vorgestern Abend gab es, wieder in Hamburg, einen Terror-Amoklauf mit einem Ermordeten und vielen Verletzten. Diesmal kann das sprenggläubige Motiv beim besten Willen nicht vertuscht werden (obwohl sich allerseits redlich Mühe gegeben wird) – das war schon vor der Tat mehr als offensichtlich. Stattdessen wird geschrieben, die islam(ist)ischen Motive des Messerstechers seien „bekannt“ gewesen, „aber seine Gefährlichkeit wurde falsch eingeschätzt“. Immer sorgsam im nebulösen Passiv wird das geschrieben, damit man es als Politiker (husthust Innensenator husthust) immer jemand anderem in die Schuhe schieben kann. Im Zweifel, wie Unbesorgt oben schreibt, wieder der Polizei.

Deswegen schließe ich mich nicht nur dem Dank für den großen G20-Einsatz an, sondern möchte mich nocheinmal gesondert für die ganze kleine, alltägliche Arbeit bedanken, die die Polizei macht – machen muß, wenn es die Politiker mal wieder verbockt haben. Obwohl besagte Politiker ihr möglichstes tun, um diese Arbeit zu erschweren.

Danke.

 

 

(Kleines P.S. in eigener Sache: Sorry daß ich so lange nichts geschrieben habe, zur Zeit habe ich viel um die Ohren weil ich die Arbeit wechsele. Jetzt hört man mich vielleicht wieder ein Bißchen öfter.)

Der Dokumentarfilm ist (kurz) online!

Nach wochen- und monatelangem Tauziehen ist die Dokumentation Auserwählt und Ausgegrenzt: der Hass auf Juden in Europa ganz kurz online – bis heute um Mitternacht.

Diese Dokumentation von Joachim Schroeder und Sophie Hafner wurde für arte vom WDR produziert. Historiker, Fachleute und andere Journalisten die sie vorab sehen konnten lobten sie als gut recherchiertes und präsentiertes Meisterwerk.

[TiN, von dem ich diesen Link habe, trägt einige Zitate zusammen: „Eine ganze Reihe international anerkannter Historiker, Politikwissenschaftler […] loben die Dokumentation. Prof. Michael Wolffsohn bezeichnet die Dokumentation als „meisterhaft“, Ahmad Mansour als „großartig und überfällig“ und Götz Aly als „beachtliche und außerordentlich facettenreiche journalistische Leistung.““ ]

Arte und der WDR wollten sie aber dennoch nicht senden, und schoben immer weitere Gründe vor warum nicht. Inzwischen habe ich in einigen der Tonnen von Artikeln, die zu diesem Thema in allen möglichen Zeitungen zu finden sind, halb zwischen den Zeilen gelesen, daß die zuständige Redakteurin beim WDR, die den Film produziert, während der Dreharbeiten Regie geführt und letztenendes abgenommen hat, eine Vorgängerin des aktuellen Chefredakteurs bei arte war. Das lasse ich einfach unkommentiert so stehen, soll jeder selbst vermuten ob das Thema oder die brilliante Ausführung der Dokumentation vielleicht garnicht entscheidend waren. Einen wirklich stichhaltigen Grund dafür, den Film unter Verschluss zu halten, hat der aktuelle Chefredakteur bei arte jedenfalls nirgends angegeben (an einer Stelle wehrt er sich sogar gegen Antisemitismusvorwürfe, die überhaupt niemand gegen ihn erhoben hat – vielleicht, nur vielleicht, hatte die Doku für dieses Theater das falsche Thema?). Viele die darüber schreiben vermuten, daß ihm das Thema zu aktuell – und damit politisch zu brisant – behandelt wurde, indem es nicht die letzten achtzig Jahre oder so ausspart. Dann könnte man die Frage stellen, wie das Berufsbild eines Journalisten eigentlich aussehen soll, aber das nur nebenbei.

Warum oder auch warum nicht der Film zurückgehalten wurde: heute jedenfalls zeigt ihn die Bildzeitung (sic!) – für 24 Stunden. Bis Mitternacht kann man ihn also unter diesem Link ansehen:

Bitte so weit wie möglich weitrverbreiten (leider weiß ich nicht, ob das ab morgen öffentlich gezeigt werden darf, bevor sich Bild, arte, WDR und wer noch über die Rechte geeinigt haben – ob die Bildzeitung das also nochmal machen kann. Wer das sehen will, muß also erstmal schnell gucken).

 

Fußnote: gerade eben fällt mir ein, wie sachlich und unhysterisch ausgerechnet die Bildzeitung über das Sendai-Beben in Japan und die daraus folgende Fukushima-Havarie berichtet hatte; womit sie eine der wenigen Zeitungen war, die das taten. So arg überrascht, wo ich diesen Film letztenendes gucken kann, bin ich also garnicht mehr.