Archiv der Kategorie: Weltanschauung

Der Dokumentarfilm ist (kurz) online!

Nach wochen- und monatelangem Tauziehen ist die Dokumentation Auserwählt und Ausgegrenzt: der Hass auf Juden in Europa ganz kurz online – bis heute um Mitternacht.

Diese Dokumentation von Joachim Schroeder und Sophie Hafner wurde für arte vom WDR produziert. Historiker, Fachleute und andere Journalisten die sie vorab sehen konnten lobten sie als gut recherchiertes und präsentiertes Meisterwerk.

[TiN, von dem ich diesen Link habe, trägt einige Zitate zusammen: „Eine ganze Reihe international anerkannter Historiker, Politikwissenschaftler […] loben die Dokumentation. Prof. Michael Wolffsohn bezeichnet die Dokumentation als „meisterhaft“, Ahmad Mansour als „großartig und überfällig“ und Götz Aly als „beachtliche und außerordentlich facettenreiche journalistische Leistung.““ ]

Arte und der WDR wollten sie aber dennoch nicht senden, und schoben immer weitere Gründe vor warum nicht. Inzwischen habe ich in einigen der Tonnen von Artikeln, die zu diesem Thema in allen möglichen Zeitungen zu finden sind, halb zwischen den Zeilen gelesen, daß die zuständige Redakteurin beim WDR, die den Film produziert, während der Dreharbeiten Regie geführt und letztenendes abgenommen hat, eine Vorgängerin des aktuellen Chefredakteurs bei arte war. Das lasse ich einfach unkommentiert so stehen, soll jeder selbst vermuten ob das Thema oder die brilliante Ausführung der Dokumentation vielleicht garnicht entscheidend waren. Einen wirklich stichhaltigen Grund dafür, den Film unter Verschluss zu halten, hat der aktuelle Chefredakteur bei arte jedenfalls nirgends angegeben (an einer Stelle wehrt er sich sogar gegen Antisemitismusvorwürfe, die überhaupt niemand gegen ihn erhoben hat – vielleicht, nur vielleicht, hatte die Doku für dieses Theater das falsche Thema?). Viele die darüber schreiben vermuten, daß ihm das Thema zu aktuell – und damit politisch zu brisant – behandelt wurde, indem es nicht die letzten achtzig Jahre oder so ausspart. Dann könnte man die Frage stellen, wie das Berufsbild eines Journalisten eigentlich aussehen soll, aber das nur nebenbei.

Warum oder auch warum nicht der Film zurückgehalten wurde: heute jedenfalls zeigt ihn die Bildzeitung (sic!) – für 24 Stunden. Bis Mitternacht kann man ihn also unter diesem Link ansehen:

Bitte so weit wie möglich weitrverbreiten (leider weiß ich nicht, ob das ab morgen öffentlich gezeigt werden darf, bevor sich Bild, arte, WDR und wer noch über die Rechte geeinigt haben – ob die Bildzeitung das also nochmal machen kann. Wer das sehen will, muß also erstmal schnell gucken).

 

Fußnote: gerade eben fällt mir ein, wie sachlich und unhysterisch ausgerechnet die Bildzeitung über das Sendai-Beben in Japan und die daraus folgende Fukushima-Havarie berichtet hatte; womit sie eine der wenigen Zeitungen war, die das taten. So arg überrascht, wo ich diesen Film letztenendes gucken kann, bin ich also garnicht mehr.

Kurzgedanken die niemand braucht: Gutmenschenbeichte

Kanalratte schrieb letztens über Selbsthassende: „Zumeist bei Menschen die mit ihrer eigenen Identität nicht klarkommen. Wer sich dafür schämt ein Deutscher zu sein, ist in der internationalen Realität ein armes Würstchen.
Dort hatte ich geantwortet: „Die meisten tun das aber nicht nur, sondern sind auch noch stolz drauf; weil sie finden daß sie das irgendwie zu besseren Menschen mache.

Bessermenschen durch Selbsthass sind die Gutdenker wohl alle – aber wieso eigentlich?

Schlussendlich wird es wohl wieder damit zu tun haben, daß das bessermenschliche Denken eine Religion ist, ohne eine zu sein. Denn was gut und richtig ist, sagt einem nunmal das Weltbild: „richtiges“ denken, reden und handeln ist orthodoxes Verhalten, „orthodox“ im Sinne der Überzeugungen; welche auch immer das sind. Religion, Religionsersatz, Ethik, Ideologie, oder einfach freischaffend. Daher hatte ich geschlossen: es ist eine der Riten der Gutdenkreligion, aus dieser Geisteshaltung des Selbsthasses heraus „nie wieder“ zu sagen, „den Anfängen zu wehren“, im Nachhinein „gegen die Nazis“ gewesen und jetzt diffus „gegen rechts“ zu sein, weil „uns“ die Alliierten ja am Ende des Dritten Reichs „befreit haben“. Seit welchem Ereignis „wir“ das Völkermorden aufrichtig bereut haben, der das vermutete Ritual durchführende Gutmensch sowieso „dagegen gewesen wäre“, und/oder „seine Verwandtschaft jemanden versteckt“ habe.
So eine Art ans Gutmenschentum als Religion adaptierte Beichte (minus die unterschwellige Rechtfertigung der Gutmenschenversion), kommt mir gerade so als Idee zum frühen Nachmittag, vielleicht teilweise weil mir gegenüber im Bücherregal „Schuld und Sühne“ und „der Idiot“ nebeneinanderstehen.

Eine tatsächliche, liturgische Beichte (also im ursprünglichen-mit-gibts-das-Realitätsschock Wortsinn die christliche respektive protestantische Version) beinhaltet im rituellen Text die Fragen (hier paraphrasiert), ob jemand bereue, was er getan hat, das in Zukunft anders/besser macht, und daran glaubt, daß ihm deshalb verziehen wird (von Ganz Oben, aber darauf wollte ich hier nicht hinaus). Woraufhin er dann absolviert wird (qua Auftrag von Ganz Oben, aber darauf wollte ich hier nicht hinaus, ist ja nicht Filmkritik an Blues Brothers). Den tatsächlichen Text kennt kaum jemand (ist auch nicht sooo relevant – wörtliche Zitate solcher Texte bringe ich bekanntermaßen nur im rechtfertigenden Notstand, das hier ist keiner, und so ziehe ich es vor Sachen von den „Schlüsseln des Himmelreichs“ auch weiterhin hier in Blog nur dann zu schreiben wenn es um Primeln geht). Aber das Bild dieses Rituals, oder Reste davon, gehört und gehören zum kulturellen Erbe der Gutdenker, die es an ihre eigenen Überzeugungen und Rituale adaptieren könnten. Die Gutdenkversion divergiert davon auch in einigen Punkten (sehr stark etwa durch die uneigentliche-Rechtfertigung-durch-die-Hintertür oder das Aufrechnen gegen die guten Versteckaktionen der Verwandtschaft) – an einem Punkt aber trifft es sich wieder: Bessermenschen wollen dafür, daß sie sich kleinmachen (eigentlich knapp daneben, aber nahe genug) von ihrer Verantwortung an und für etwas losgesprochen werden.

Diejenigen, die den Gutmenschen dann qua ihrer durch die Geschichte zugewiesenen Rolle absolvieren würden/sollten/müßten, wenn das wirklich eine Beichte wäre, also „die internationale Gemeinschaft“ oder „die Juden“ bzw. Israel als Staat – die machen das aber selbstverständlich nicht mit. Kein Mensch mit einem Funken Würde würde sich derart durch Überstülpen eines ungefragten Rituals zum Statisten eines fremden Weltbilds instrumentalisieren lassen, was sich eigentlich jeder denken könnte (irgendwo in einer meiner hinteren Hirnwindungen deutet sich hier der Schatten eines Vergleichs mit einer Zwangstaufe an, „Zwang“ auf alle Fälle). Der Gutmensch wird aber wegen des abgebrochenen Ritualskripts sauer (vielleicht hat er auch noch irgendwo im Hinterkopf daß eine Rechtfertigung durch die Hintertür oder ein Aufrechnen im ursprünglichen auch ein Grund sein dürften das abzulehnen… und schätzt es garnicht das gesagt zu bekommen). Und spricht von einer „besonderen Beziehung“ zu Israel und der internationalen Gemeinschaft. Ob mit „besonders“ allerdings gemeint ist, diejenigen könnten dem Gutmenschen Absolution erteilen oder die würdebewahrende Weigerung es zu tun – keine Ahnung.

„Besonders“ respektive „Sonder-“ öffnet wie Ari im Ausgangsthread bemerkt hat noch eine ganz andere can of worms. Deswegen die Schrecken ein andermal, und hier lieber ein Bißchen Botanik:

Primula eliator ist das. Je nach Verständnis eine der beiden Primelarten, die unter den Namen „Himmelsschlüssel“ fallen – oder wenn nur eine Art (primula veris) mit Himmelsschlüsseln gemeint sein soll: eben die andere, die das dann nicht ist. Auch bekannt als „Bergprimel“ oder „Frühlingsprimel“.

 

P.S. 19:30 : gerade habe ich erfahren, daß Frank Walter Steinmeier einen Kranz an Arafats Grab abgelegt hat. Igitt! Der kommt sich deswegen auch bestimmt ganz gut vor.

Worte an einen Trolljäger

Der folgende Text ist meine Antwort auf einen Beitrag in einem anderen Blog, in dem ich wohl mehreres gesagt hatte, das jemandem nicht passte. Woraufhin derjenige mich und andere mit folgenden Worten als Troll abkanzelte:

Die anonymen Trolle hier werden diesem liberalen Forum […] leider nicht gerecht. Ehrliche und glaubwürdige Menschen müssen sich nicht verstecken und giften. Schade, denn die großen Hauptbeiträge sind echt klasse.

Hallo, Stellvertreter von Herrn Maas, gut, daß ich Sie treffe!

Ich denke, ich muß Ihnen da einen Fehlschluss erläutern (mehr als einen, um genau zu sein). „Giften“ wäre es, wenn ich Ihnen den Geisteszustand des Großinquisitors (Anm: aus dem Roman von Dostojewski, mehr in der Fußnote)* unterstellen würde, nicht dessen Predigtstil und Überzeugungen. Für ersteren könnten Sie nichts, hätten Sie ihn denn, zweitere suchen Sie sich dagegen aus. In einer eigenen freien Entscheidung. Und die vertreten Sie dann. Was umgekehrt heißt, ich bin genauso frei Ihnen zu sagen: diese Entscheidung war schlecht. Weil das, wofür Sie sich da (wie frei auch immer: weil Sie es für richtig halten, per default, aus Faulheit oder weil heute Montag oder der Erste Mai ist; letztlich ist das etwas das Sie beitragen würden) entschieden haben: einfach sch.. ist, unter jeder Wildsau, lächerlich, absurd, falsch weil…, karfreitagsfromm, sinnlos, Technikgebrabbel, infantilisierend, paternalistisch, romantisierend, salbungsvoll, scheinheilig; oder was mir auch sonst dazu einfällt. In einer freien Gesellschaft bin ich nun einmal frei, von Ihnen vertretene Entscheidungen und Ansichten zu bewerten, lächerlichzumachen, abzutun, ins Absurde zu ziehen, oder durch den Kakao, gerechtfertigt oder ungerechtfertigt einfach schlecht zu finden und auch schlechtzumachen, und alle Kübel sämtlichen Spotts über Sie auszugießen. Und wenn ich also etwas anders bewerte als Sie, und/oder Ihre Ansichten darüber anders bewerte als Sie, dann ist das nicht unehrlich, und ich bin ein Troll, sondern ich habe eine andere Meinung. Die steht mir frei, das heißt: Meinungsfreiheit. Meinungsfreiheit heißt sogar, daß ich das Recht habe, in meinem Denken und Reden von Ihrer Meinung komplett frei zu sein. Das brauche ich nicht zu begründen und nicht zu rechtfertigen, da ich das fertige Recht eben schon habe.
Von diesem Recht Gebrauch zu machen und das was Sie sagen zu kritisieren – konstruktiv oder destruktiv – schlechtzumachen, als absurd darzustellen, lächerlich aussehen zu lassen, einfach unbegründet abzutun, Ihre sämtlichen heiligen Kühe in meine Hamburger wandern zu lassen (und dabei esse ich nicht mal Fleisch); das ist, wie es der Hausherr (Anm: Gerd Buurmann von TiN) öfter schreibt, keine Beleidigung, sondern Aufklärung: Sie benutzen Ihren Verstand (oder auch nicht, es steht Ihnen frei), und ich benutze meinen (oder auch weniger, das steht auch mir frei), um mir meine eigene Bewertung Ihrer so-seienden Sachen zuzulegen und zu entscheiden ob sie so-seiend oder anders-seiend sind. Jeder benutzt seien eigenen Verstand; das ist Aufklärung. Wer Wissenschaftler ist, der macht das sogar mit seinen eigenen Aussagen, Ideen, Meinungen, Überzeugungen, und, ganz wichtig: Wahrheiten. Je mehr Leute das tun, umso näher kommt man vielleicht der Wahrheit ohne -en. Wahrheit ist, frei nach Sherlock Holmes, das, was übrig bleibt, wenn alles andere oft genug verspottet und geschmäht wurde. Denn nur das ist es, was am Ende glaubwürdig ist, was oft genug zweifelnswürdig war; und trotzdem irgendwie übriggeblieben ist. Dadurch wird umgekehrt nicht gerade glaubwürdiger, was man nicht anzweifelt…

Das geht gegen die Ansichten, gegen die Überzeugungen, gegen die Meinungen, also gegen etwas, das Sie sich frei aussuchen. In diesem Fall schützt die Meinungsfreiheit ganz klar Trolle, weil sie dazu da ist, um Trolle zu schützen. Explizit. Das ist das Mißverständnis, das ich Ihnen erläutern wollte: die Meinungsfreiheit schützt nicht „auch“ Trolle, sie schützt vor allem und zuerst die Trolle. Wer nichts Kontroverses von sich gibt, braucht auch keinen Schutz in diesem Sinne. Wenn Sie so wollen gibt es Meinungsfreiheit genau dazu, daß jemand schreiben darf, der Mond sei aus Käse, ohne Apollo XI nachsehen lassen zu müssen. Und daß jemand anderes dann schreiben kann: ist er nicht, Apollo XI hat nachgesehen. Aufklärung und Fortschritt sind ein einziges langes trollen gegen das, von dem jeder weiß, daß es wahr ist.

Deswegen kann ich mir mit ZetaOri gegenseitig Unwissenschaftlichkeit vorwerfen, mich seiten- und tagelang über Religion zoffen – und ZetaOri trotzdem menschlich schätzen. Oder Thomas ex Gotha und Aristobulus miteinander. Da fliegen die Fetzen – aber als jemand in einem anderen Blog Aristobulus persönlich beleidigt hat, hat der Beleidiger unter anderem von Thomas ex Gotha (zurecht) einen auf den Deckel bekommen. Deswegen hat Hessenhenker auf seinem Blog stehen: der Klügere gibt solange nach, bis er der Dumme ist.

Und deswegen laufen alle gegen den Gesetzesvorschlag unseres Justizministers sturm, der das abschaffen will.
Sie sollten das auch: schon übermorgen bin vielleicht nicht mehr ich für Sie der Troll; sondern Sie sind das, für irgendjemand anderen. Vielleicht bekämen Sie dann das offizielle, staatlich gesiegelte, unwiderrufliche Trollzertifikat(TM) mit freundlicher Unterstützung von Herrn Maas. Ich denke, ich brauche Sie nicht zu fragen, ob Sie das wollen.

Gruß, der Troll

 

*Fußnote 1: hier die Erläuterung der Anspielung auf den Großinquisitor:

Der stammt von Dostojewski. Also, ich hatte in der vorhergehenden Diskussion aus dem Großinquisitor das Zitat vom „literarischen Diebstahl“ quasi Dostojewski literarisch geklaut.
Fjodor Dostojewski schrieb in sein Buch Die Brüder Karamasow ein Kapitel hinein, in dem sich der eine der titelgebenden Brüder eine Geschichte ausdenkt und sie einem der anderen erzählt. Diese quasi doppelt ausgedachte Geschichte über einen Großinquisitor aus der Geschichte von den Brüdern Karamasow wurde auch für sich allein als Novelle herausgegeben, unter dem Titel Der Großinquisitor (da der Text inzwischen gemeinfrei ist, kann er unter diesem Titel auch bei diversen Buchprojekten gelesen werden).
Durch ein Bissele Rahmenhandlung (schonwieder, Inception sieht blass aus dagegen) kommt der Großinquisitor an einen Gefangenen, der vielleicht oder auch nicht ein Wunder getan hat. Ob es ein Wunder war ist nicht eindeutig: dieser Teil ist aus der Sichtweise des Inquisitors geschrieben, nicht aus der Karamasows; also entweder eine Mischung draus wie sich Karamasow vorstellt wie sich ein Inquisitor der Renaissance etwas erklärt, das er nicht versteht, und dem daß der Inquisitor „leicht“ plemplem ist; oder ein was-wäre-wenn Karamasows mit einem echten Wunder. Der Inquisitor ist so oder so trotzdem plemplem. Wer der Gefangene ist, wird nie so ganz erklärt: in der Tradition der Legenden des Mittelalters ein Heiliger? Ein Prophet, als Karamasows was-wäre-wenn ein Engel, eine Halluzination des Inquisitors, ein zufälliger Absurdverdachtsgefangener, einfach irgendwer; letztenendes ist es egal, da der in der gesamten Novelle kein Wort spricht und lediglich als Publikumsersatz dem Großinquisitor gegenübersitzt. Es ist nicht einmal klar, ob er überhaupt dieselbe Sprache spricht. Und er ist Projektionsfläche für den Inquisitor, denn der sieht in ihm den wiedergekehrten Christus (habe ich schon mehr als dreimal erwähnt daß der Inquisitor sie höchstwahrscheinlich nicht alle hat? Trotzdem steht das auch in den meisten Textzusammenfassungen). Deshalb kippt der Inquisitor dem Gefangenen ein Kapitel lang vor die Füße, warum das was er selbst als Vertreter der Kirche, was die Kirche an sich aus dem Christentum machen und gemacht haben an Grausamkeiten, Abscheulichkeiten, und Verdrehungen (das sieht der Inquisitor selbst so und gibt es ganz offen auch zu), das vielleicht nicht so im Sinne des Erfinders ist (auch das konstatiert er als Fakt); warum das alles besser ist als die ursprüngliche Idee. Für die Menschen, für das Gute, na, undsoweiter. Am Schluss wirft er den Gefangenen quasi hinaus, nachdem der immer noch nichts zu alldem sagt (es gibt mehr als einen Hinweis drauf daß der Gefangene eine Halluzination sein könnte), sondern dem Inquisitor nur einen Kuss gibt und wortlos einfach geht (Dostojewskis literarisches Aufspießen der Idee vom Judaskuss?).
Der erzählende Karamasow fragt seinen zuhörenden Bruder, was er von der erzählten Geschichte hält. Der sagt nichts dazu ( 🙂 ), sondern gibt seinem Bruder einen Kuss … woraufhin der sich beschwert, das sei literarischer Diebstahl.

Im Blogbeitrag unter dem diese Diskussion stand hatte ich die Hoffnung geäußert: nicht auskarteln zu müssen, wer den Trolljäger abbusseln muß, um zu behaupten es sei literarischer Diebstahl; weil mich das was der schrieb/predigte an das erinnerte, was Dostojewskis Großinquisitor von sich gibt. Nicht, daß das noch mehr in diese Richtung ginge.

Fußnote 2: der erwähnte Beitrag findet sich hier: https://tapferimnirgendwo.com/2017/04/29/jeder-nur-einen-holocaust/

Das Gewissen der Anderen

Das hier ist der berühmte erste Post „that ticks all the boxes“. Der Post. Der Post, bei dem ich alle Kategorien angekreuzt habe, die nicht unter Smalltalk fallen. Und dabei wollte ich doch nur zwei Blogposts vergleichen, die ich gefunden habe, die sich desselben Themas auf unterschiedliche Weise annehmen, ein paar bunte Graffiti dazuposten die dasselbe illustrieren; und im Nebensatz meinen Senf dazugeben daß das wahrscheinlich der Grund ist daß wir hier in unserer demokratischen Bundesrepublik einen Feiertag einer Religionsgemeinschaft haben, die offiziell garkeine ist. Nämlich den kommenden Ersten Mai, das kommunistische Hochamt der Arbeiterklasse.

Aber der Reihe nach. Das Thema ist das schlechte Gewissen anderer Leute.

„Gewissen“ ist etwas, über das ganze Bibliotheken mit verschiedenen Definitionen und Interpretationen und Implikationen vollgeschrieben wurden; es geht um die ganz einfache Version des Begriffs: Im schlechten Film stehen der Oberschurke und jemand anderer eine Szene lang herum und theatralisieren für die Kamera, warum oder nicht der potentielle Neuschurke in spe auch etwas Schurkisches tun soll. Als Publikum ruft man entweder: „erstich ihn doch einfach selber!“ oder spult in Zeiten in denen DVDs billiger sind als Kinokarten ein Stück vor. Als Regisseur lässt man irgendwann die Frage stellen: „Wer sollte denn je davon wissen?“ Worauf der andere antwortet: „Ich weiß davon“. Was sich in dieser Antwort ausdrückt, das ist gemeint.

Der eine neugefundene Artikel trägt das schlechte Gewissen gleich im Titel: Die Partei des Schlechten Gewissens. Zur kommenden Bundestagswahl stellt unbesorgt die Parteien der Reihe nach vor – respektive so wie ich das nach dem ersten Teil verstanden habe stellt Gründe vor, aus denen speziell die jeweilige Partei unwählbar ist. Und schon gehts um Politik. Nachdem ich mich vor einiger Zeit beschwert hatte, daß ich eigentlich garkeine Wahl habe zu dieser Wahl, ist mir eine solche Artikelreihe auch wirklich sympathisch. Im ersten Teil von vor fünf Wochen beschreibt Roger Letsch die Grünen als: Die Partei des Schlechten Gewissens. Im Artikel wird das präzisiert: die Grünen sind die Partei des schlechten Gewissens anderer. Sie haben das nicht etwa ständig selbst, sondern erpressen ihre Wähler mit einem schlechten Gewissen, das die nicht zu haben bräuchten, würden die Grünen sie nicht ständig dafür sensibilisieren. Und versprechen sie davon zu erlösen. Indem sie zum Ablass für ihre Ökosünden, für die sie jetzt sensibilisiert sind, die Grünen wählen. Maggie Thatcher sagte berühmterweise: „das größte Problem für den Sozialismus ist, daß früher oder später das Geld anderer Leute ausgeht“. Analog dazu scheinen die Grünen jetzt das Problem zu haben, daß ihnen das schlechte Gewissen anderer ausgeht; und in den Umfragen auf Talfahrt zu gehen. Nicht daß sie, sozialistisch wie sie sind, nicht auch gerne das Geld anderer ausgeben würden. Beides zusammen macht sie unwählbar, sagt der Artikel, und ist der Grund aus dem ihre Wähler ihnen sagen: „wir müssen reden“ (sinngemäßes Zitat). Das ist wirklich ein Argument, und macht widerum mich außerdem neugierig auf einen angedeuteten folgenden Teil, in dem FDP-Wähler denen sagen: „wir müssen lachen!“ (das Lachen ist jetzt wörtlich zitiert).

Die extremste Form der Erpressung mit dem schlechten Gewissen, habe ich in einem anderen, uralten und trotzdem noch aktuellen Artikel bei heplev gelernt, ist das Stockholmsyndrom. Stockholmsyndrom ist nichts neuentdecktes, und dann gegeben, wenn sich Entführungsopfer krankhaft mit ihren Entführern identifizieren. Und schon gehts um Krankheiten. Es gibt auch das Limasyndrom, wenn sich umgekehrt Entführer unbedingt mit den Entführten solidarisieren, um das gehts im Artikel aber nicht. Stockholmsyndrom, schreibt Norman Doidge dort, sei das was passiert, wenn sich jemand extrem mit schlechtem Gewissen erpressen lasse, das er nicht zu haben braucht, und daher Der Vorteil des Bösen Gegenüber dem Gewissen. Er beschreibt etwas anderes neu, und zwar ein Secondhand-Stockholmsyndrom (for added aliterative appeal gefällt mir das Wort jetzt schon!). Hier identifiziert sich nicht (nur) die eigentlich entführte Zielperson mit den Idealen des Entführers, sondern jemand anderes, der von der Entführung hört oder liest. Was selbstredend auch die Entführer zu ihrem Vorteil auszunutzen wissen. Die Extremform des Kapitalschlagens aus dem schlechten Gewissen anderer. Und schon geht es immer noch um Politik, denn diejenigen die dafür anfällig sind, sind öfter die, die die Politik machen. Wie das Secondhandstockholmsyndrom funktioniert, einiges über Shakespeares Richard III und Terroristenpaten (c Ari), und warum das oft die Ursache dafür ist daß Terror romantisiert wird, findet sich also bei heplev.

„Romantisierter Terror“ bringt mich auch zu den versprochenen Graffiti. Respektive damit könnte man diesen Begriff gut illustrieren. Jemand, der sowieso schon illegaliter etwas wohinkritzelt, sorgt sich im allgemeinen wenig um potentiell bedenklichen Inhalt, um es höflich auszudrücken. Und so findet sich alles an irgendeiner Hausecke: was existiert, existiert als Graffito. Selbst Sachen auf die sich alle Löscher aus Orwells wildesten Alpträumen stürzen würden wie Geier aufs Frischgemetzelte. Solche Fotos habe ich zwar auch (vielleicht schiebe ich Zensurbalken drüber und verstecke sie in den Kommentaren, immerhin gibt es eine FSK-Bewertung für Blogs und ich habe sie nicht eingestellt, also flucht wenn möglich zwischen den Zeilen damit ich nicht jeden der hier vorbeisurft anklixen lassen muß daß er über 18 ist 🙂 Das Geierbild zählt nicht, das ist Naturdoku); aber das worauf ich hinauswill ist eines der vordergründig harmlosen Bilder.

An einer der zitierten Ecken finden sich mehrere Comicfiguren:

Asterix, Obelix, Idefix, … und ein Bombenleger:

Jeder kennt Uderzos Geschichte vom kleinen gallischen Dorf, das als einziges von den Römern nicht erobert werden kann, sondern sich wehrt. Jetzt, (möglicherweise) laut dem Graffito auf dem Bild, auch mit Sprengstoff. Dieses ausnutzen eines vorhandenen Bilds im Kopf (hier der Comicgallier), das ist ein Narativ (Quelle reiche ich nach, diese Erklärung von Narativ bzw Schema stammt aus etwas von Glenn Yeffeth über einen Schurkenanwalt in NYPD Blue). Wie das Graffito selbst gemeint ist, und ob denn so, könnte ich mit einigen der anderen aus der Umgebung untermauern, wenn ich genug mit schwarzem Balken rumgemalt habe. Aber es muß garnicht so gemeint sein, damit das Narrativ, die Erpressung mit dem schlechten Gewissen über den kolonalialistischen Westen und heldenhaften Widerstand, funktioniert.

Weshalb man Geschichtsbücher in denen das Wort Narativ vorkommt, sofort zu Pappmache verarbeiten sollte. Die haben das schlechte Gewissen der anderen auch gern.

Speziell das erwähnte Narativ, das vom kolonialistischen Westen, dem heldenhaften Widerstand und der Weltrevolution, würde den Glaubensinhalt einer Religion „Linksradikalismus“ recht gut zusammenfassen, wenn extremes Linkssein denn als Religion anerkannt wäre. Und schon geht es um Weltanschauungen. Daß Linksradikalismus in allem außer dem Namen eine Religion ist, dafür gibt es gute Argumente, und auch mit der Anerkennung in allem außer dem Namen ist es nicht weit – die Linksgläubigen haben sogar einen bundeseinheitlichen Feiertag bekommen: den Ersten Mai.

In diesem Sinne: passt auf Euch auf, nicht nur übermorgen.

Zwei Frauenbilder

Aus den Tiefen des Netzes ins Netz gegangen: zwei Bilder von Frauen – Fotos, auf denen sie zu sehen sind (eins gefunden bei heplev, das andere bei realjstreets). Auf beiden Fotografien sind, nun genau wie im Titel steht, Frauen zu sehen, die, in gardinenähnliche Garderobe gewandet, zu jemandem aufsehen und ihn fotografieren.

Trotzdem sind es natürlich zwei völlig unterschiedliche Bilder, sonst wäre mir das schließlich nicht aufgefallen.

Erstes Bild (gefunden bei heplev):

Frauen in einem islamischen Land, gehüllt in gardinenähnliche schwarze Stoffsäcke. Die Frauen haben sich so verhüllt, weil sie unsichtbar sein müssen. Als Menschen zweiter Klasse müssen sie außerdem auf dem Boden sitzen (und zu allen anderen aufsehen), da ihr Platz ganz unten ist. Als Presseteam haben sie außerdem eine Kamera dabei. Die Umsitzenden ignorieren sie.

Zweites Bild (das ist von Realjstreets):

 

Drei kleine Mädchen in einem demokratischen Rechtsstaat, jede in mindestens drei Meter quietschbunte Tüllgardine gewickelt. Realjstreets hat das Foto zu Purim aufgenommen, die Kinder haben sich so verkleidet, weil sie Elfen sein wollen. Sie schauen zum Straßenmusiker auf; real, weil sie einen halben Meter kleiner sind; aber auch übertragen, weil sie sein Gitarrenspiel bewundern. Eine von Ihnen schießt sogar ein Foto; die andere hilft ihr, indem sie ihren Arm als Stativ zur Verfügung stellt, damit auch nichts verwackelt. Das Fotomodell lächelt für die Kamera.

Spot the difference.