Archiv der Kategorie: Kulturelles

Hundeparken 2: trockene Hunde

Üblicherweise wartet, wenn Frauchen oder Herrchen zum einkaufen geht, der dazugehörige Hund vor dem Geschäft. Zumindest hierzulande, wie ich schon an anderer Stelle festgestellt habe gibt es da durchaus regionale Unterschiede. Manchmal, wenn das Geschäft kein Lebensmittelladen ist und die Frage nach dem mitgenommenen Hund höflich gestellt wird, kann die Antwort aber durchaus auch so aussehen:

Wobei es an dem Tag, Hund oder nicht, nicht viel Trockenes gegeben hat, aber die grundsätzliche Botschaft ist doch nett.

(Gefunden an einer Geschäftstür in Hamburg)

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Hundeparkplatz

Andere Länder, andere Sitten – andere Hundehaltung?

Letztens ging es in einer Online-diskussion darum, wo denn das heißgeliebte Wauzi wartet während der Mensch der (zu) ihm gehört zum einkaufen in ein Geschäft verschwindet.

Das herzallerliebste Schnüffel-Schnauzen-Fellbündel muß natürlich draußen vor dem Geschäft bleiben; aus Gründen der Schnüffelei, und des Fells, und wahrscheinlich auch des Geschäfts, unterschwellig. Mit in den Laden kann der Hund jedenfalls nicht, außer es handelt sich um einen Blindenführhund. Aber der ist ja sowieso kein Haustier, sondern hochspezialisiertes medizinisches Personal (mit Fell) bei der Arbeit – für den gilts also nicht.

Alle anderen Hunde müssen eben draußen bleiben – nur wo dieses „draußen“ genau ist, da gibt es von Land zu Land anscheinend erhebliche Unterschiede! In den USA jedenfalls soll der Hund (auch dazulande kann er nicht in Geschäfte mitkommen – außer er ist service dog) im klimatisierten Auto oder gleich zuhause bleiben. Da hat der Hundehalter wohl Glück, wenn das zum warten etwas abseits des Eingangs im Schatten mit Wasserschüssel angebundene Haustier noch da ist, wenn Herrchen mit den Einkäufen aus der Mall kommt. Und nicht von wohlmeinenden Passanten wegen Vernachlässigung inzwischen ins Tierheim verfrachtet wurde, wie es dem Hund derjenigen fast passiert ist die die Diskussion angefangen hat. Hunde vor dem Geschäft anbinden, das tut dort kein Mensch – oder nur dann, wenn er sie nie wiedersehen will, die Hunde. Sie konnte dieses Mißverständnis jedenfalls gerade noch aufklären.

Daß das Hundeparken vor Geschäften in Europa dagegen völlig üblich ist, angesichts dessen haben eine ganze Menge Nicht-Europäer große Augen gemacht: das scheint nur in Europa so zu sein. Wobei Australien fast nicht zählt – in Australien würde ich einen Haushund auch nicht so ohne weiteres der australischen Version von Draußen überlassen…

Jedenfalls soll es in europäischen Ländern, Deutschland unter ihnen, sogar Hundeparkplätze geben, wo der betreffende Laden Schatten, Anbindeplatz und je nach Lage des Geschäftsorts manchmal sogar immer eine frische Schüssel Wasser bereitstellt; war mein Beitrag zur Wauzi-draußen-wo-Diskussion. Das hört sich verrückt an, aber ich habe sogar Beweisfotos 🙂

Eigentlich wäre das doch nicht das schlechteste, das man als Idee in andere Kontinente exportieren könnte. Gut, vielleicht nicht gleich nach Australien.

Von Schoko und Ausfahrten

Als ich vor ein paar Jahren im Urlaub in China war, habe ich angefangen die chinesischen Zeichen teilweise wiederzuerkennen. Hauptsächlich in der Stadt – weil die Leuchtreklamen der großen Firmen auf Chinesisch und Englisch sind. Vor allem der Firmen, die „Chinesische(s) [irgendwas]“ heißen, und so hatte ich die Bilingue China und China, und China und China ständig irgenwo gesehen und konnte das sehr schnell lesen. Das war allerdings nicht das erste Wort, das ich auf Chinesisch erkannt habe: das war „Ausgang 出口.“ Beziehungsweise „Ausfahrt“ – die Fahrt vom Flughafen in die Stadt war wirklich sehr lang; und wir sind nicht nur an vielen Ausfahrten vorbeigefahren – wir sind auch an vielen Ausfahrten vorbeigefahren an denen ich gerne rausgefahren wäre, denn weg wollte ich am Schluss da wirklich. So wurde mein erstes (wiedererkanntes) chinesisches Wort also Ausgang.

Seit einiger Zeit lasse ich mir jeden Tag ein Wort auf Iwrit schicken, weil ich oft auf Dry Bones Cartoonblog vorbeischaue und der irgendwann einmal Reklame dafür gemacht hatte. Wenn auch keine leuchtende. Ich schaue mir die Wörter also an, schaue mir die Transliteration und die Übersetzung an … und vergesse sie meistens, außer so einer Handvoll die irgendwo und irgendwie bleiben. Eine zeitlang. Gestern nun konnte ich das erste Wort lesen, bevor ich mir die Transliteration angeschaut habe. Das Wort war „Schoko שוקו“ (es heißt eigentlich Kakao, aber nahe genug dran ist es). Das ist doch wenigstens etwas nahrhaftes, nur her damit 🙂

Lesen lernen ist eben eine Frage der Prioritäten, ob her oder weg.

Wobei Tolkien im Herrn der Ringe Gandalf über Hobbits hat sagen lassen, daß er sie dafür bewundert daß ihnen ein gutes Essen wichtiger ist als hehre Prinzipien. In diesem Sinne: Guten Appetit 😀 und schönen Wochenausgang und gut Schabbes! (geht sich ein Stück Schoko holen)

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Fußnote: Punktkäfer aus dem Buch „My First 1000 Words of …“ von Osborne; Schokohasen von Heilemann Confiserie; Ausfahrtsschild bei (wer hät’s gedacht) Echte an der A7 – und wo genau in China es brandgefährlich war habe ich keine Ahnung mehr.

Wald kommt, Wald geht

Ich war mir nicht sicher, ob ich diesen Post in Smalltalk stecke oder nicht: die Bilder, die ich hier poste, sind sämtliche in Nahost aufgenommen – was den Thread schon fast per definitionem politisch auflädt. Andererseits ist das, worauf ich hinauswill, etwas anderes, nämlich wie sich eine „naturbelassene“ Landschaft im Laufe der Zeit von selbst verändert – infolgedessen, was mit der Kulturlandschaft daneben passiert.

Alle folgenden Bilder stammen von heplev, der ab und zu Bildvergleiche postet, in denen jemand die Stellen sucht an denen alte Fotos aufgenommen sind und knipst wie es denn da heute aussieht.

Das erste Bildpaar, die „Wald kommt“-Hälfte, stammt aus einem kleinen Dorf am Rande des Kinneret, aufgenommen im Abstand von etwa 100 Jahren:

Daß es auf dem zweiten Bild viel, sehr viel, auffällig viel grüner aussieht, liegt nicht nur am Farbfoto – oben ist im Prinzip Wüste, während unten (also heute) sehr viel mehr gewachsen ist. Da muß jemand der da wohnt eine Menge Gartenarbeit reingesteckt haben – wo genau alles kann ich nur vom Bild natürlich nicht wissen, die Hügel sehen bis ganz oben hin bewachsen aus, auch wenn sie wohl nicht direkt bebaut sind – aber es ist deutlich sichtbar eine Kulturlandschaft, um die sich jemand bemüht hat.

Im anderen Bildpaar, der „Wald geht“-Hälfte, passiert das Umgekehrte in nicht einmal zwanzig Jahren. Hier zu sehen sind zwei Sattelitenfotos eines Hügels im Gush Etzion. Um die Jahrtausendwende ist er bewaldet; heute ist der Wald bis auf ein paar Bäume weg:

Und nicht nur der Wald ist weg: vom Hügel ist wohl etwas abgerutscht (soweit das von oben zu sehen ist) – und schon ist die Wüste wieder da, denn auch sonst wächst kaum noch was. Was hier passiert ist? Auch wieder die Kulturlandschaft nebenan: heplev schreibt recht diplomatisch, die arabischen Nachbarn des Hügels haben den Wald im Laufe dieser zwanzig Jahre komplett für Feuerholz verbraucht.

In hundert Jahren aufgebaut, und in zwanzig runtergewirtschaftet – frei nach dem von Terry Pratchett in die Welt gesetzten, erfundenen Sprichwort: Rom wurde nicht an einem Tag erbaut; aber es wurde an einem Tag niedergebrannt.

Der Spruch mit dem bösen Nachbarn gilt anscheinend auch für Hügel? Hm.

A Weng s’Kalender, Tür 24

… sozusagen ein paar Extratürchen: als ich diesen Kalender in einem anderen Forum geschrieben habe, hatte ich immer garkeine 24ste Tür, sondern dann immer nur Frohe Weihnachten gewünscht. Ein paar Texte habe ich aber noch, also warum auch nicht 🙂

Extratür 1: Stefan Albus, Das Lichterkettenmassaker

[…]Gut: ich kannte drei Typen von Rettungssanitätern: den lethargischen, dem alles egal war, solange er nur eine Flasche Wodka in Greifweite hatte, den Überdrehten, der über Details seiner Arbeit quasselte, bis er grün wurde wie Schalke-Rasen. Und Typen, die geradezu unheimlich normal waren, weil Spritzen, Defibrillator und Totenscheine für sie so waren wie Messer und Gabel. Arno gehörte zu den überdrehten. Zu den überdrehtesten.
„Echt jetzt“, sagte er, die Zunge schon etwas schwer, „die hatten uns gerufen, weil sich da ein Typ erhängt hatte. An der Hausfassade gegenüber. Wir also hin. Schon beim ranfahren merk ich: Och neee, nich schon wieder!“ Er nahm einen Schluck aus einem Glas, das er irgendwo hergezaubert hatte. „Der Typ steckte in einem Nikolaus-Kostüm. Und war garkein Typ, sondern Weihnachtsdeko, verstehsse?“ Arno keuchte vor lachen, als hätte er mir den Witz seines Lebens erzählt. Dabei waren er und seine Kollegen lediglich auf einen dieser Nylon-Weihnachtsmänner hereingefallen, die sich jahr für Jahr immer mehr Menschen an die Fassade hängen – im Internet schon für wenige Euro zu haben, sahen sie in den ersten zwei Stunden nach ihrer Installation tatsächlich so aus, als würden sie die Fassade hochkraxeln. Unter völliger Missachtung sämtlicher Traditionen übrigens, die bekanntlich verlangen, daß der gute Weihnachtsmann sich irgendwie von seinem Rentierschlitten herablässt und durch den Schornstein ins Haus rutscht.
Nun kann man sich vorstellen, daß es in deutschen Wohnungen nicht genug Schornsteine gibt, um alle zu bescherenden auf diesem Wege zu erreichen, aber warum nimmt der heilige Mann dann nicht die Tür, anstatt die Fassade hochzustürmen wie Reinhold Messner die Eiger-Nordwand? Die Welt fand schon im Advent des Jahres 2000 eine mögliche Antwort: Vielleicht, so mutmaßte das Blatt im Angesicht der ersten gesichteten Kletter-Kläuse, müssten sie sich schlicht und einfach deshalb die Hauswand hinaufhangeln, weil Kinder heutzutage keine fremden Leute mehr hereinlassen dürfen. Egal: in aller Regel genügte ein Windstoß – und die fassadenkletternden Präsentebringer sahen aus wie Diebe, die auf frischer Tat ertappt und vom Hausbesitzer mit einer Pumpgun niedergestreckt worden waren. Oder sich beim Abstieg mit einem Sack voller Beute versehentlich an ihrem eigenen Seil erhängt hatten. Besonders schräg wirkte das morbide Arrangement, wenn der Hausherr seinen toten Nikolaus an einer Lichterkette baumeln ließ. „Echt, das wird jedes Jahr schlimmer!“, sagte Arno und winkte ab. Da musste ich ihm recht geben: Inzwischen gab es ganze Straßenzüge voller Nikolaus-„Leichen“, die wie die Opfer eines traurigen Lichterketten-Massakers im Wind schaukelten und allmählich ausblichen und mumifizierten, bis ihre sterblichen Hüllen zu Mariä Lichtmess irgendwann entsorgt wurden. Sogar an einer kölner Rheinbrücke soll ein gehenkter Nylon-Weihnachtsmann bis in den Januar hinein kleine Kinder erschreckt haben.
[…]
„Was habt Ihr eigentlich mit diesem Ding gemacht?“, fragte ich. Es war spät geworden und der große Teil der Belegschaft längst abgezogen, nur an der Bar standen noch ein paar Leute, die sich unter zuhilfenahme kleiner Likörfläschchen abteilungsübergreifend verbrüdert hatten und inzwischen Geschenketips austauschten. Aus der Stereoanlage plätscherte Last Christmas. Auch Arno hielt sich ein paar Minuten am Tresen fest. „Ach“, sagte er. Ich hatte bis dahin nicht gewusst, daß man dieses Wort lallen kann und erwartete irgendwas in Richtung „Anzeige erstattet, Anfahrt in Rechnung gestellt, ist doch klar.“ Aber Arno sah nur haarscharf an mir vorbei und meinte: „Ach weisse … für sowas haben wir immer einen Sack Schokonikoläuse dabei und manchmal kleine Feuerwehr-Modellautos. Die stecken wir dem in die Taschen, hängen ihn wieder ordentlich hin und gut, verstehsse … weisse, wir sind ja froh, wenn mal nichts is.“ Er strich sich über die gegelten Haare und schielte in Richtung seines leeren Glases. „Gerade im Advent … Du glaubst nicht, was wir da alles…“ Arno sah auf einmal müde aus, als wäre er ungefähr seit dem Urknall auf den Beinen. Ich betrachtete eine Weile die Kellnerin, die versuchte, die arg zerwühlte Weihnachtsdeko auf dem Tisch für die nächste Belegschafts-Rutsche halbwegs wieder in Ordnung zu bringen. Holte noch zwei Pils, die Arno und ich schweigend runterstürzten. Dann rief ich ein Taxi und brachte ihn nach hause. Auf dem Weg kam uns ein Rettungswagen entgegen. „Ulli und Franjo“, sagte Arno und hob einen Arm. Ich drückte beiden die Daumen ganz fest.

… und dann auch eine Art Lichterkettenmassaker, aus dem Tagebuch des täglichen Wahnsinns, Lichterhelle Weihnachtszeit (leider ist der Autor auf dem Weg zu der Stelle von der ich das habe durch vielviel Copypaste verlorengegangen, den reiche ich nach):

1.Advent: Besinnlich und friedlich soll sie werden, die Vorweihachtszeit. Habe das auch meinem Nachbarn erläutert, der mir darin voll zustimmt. Die kalte Witterung läßt die Gedanken klarer hervortreten, der Alltag mit seinen dummen Streitereien tritt zurück, und macht wirklich wichtigem Platz. Mein Nachbar hat mir erzählt, daß er in diesem Jahr seine Tanne im Garten mit hübschen Lichtern schmücken will. Wegen der Stimmung. Finde das toll.

5. Dezember: Seit gestern hat mein Nachbar einen Tannenbaum illuminiert. Kleine Lämpchen, circa 20 Stück, weiß. Sieht hübsch aus, sagt die ganze Nachbarschaft. Habe beschlossen, solidarisch an der weihnachtlichen Ausschmückung der Nachbarschaft mitzuwirken, und mich darum im Baumarkt nach kleinen Lämpchen umgesehen. Natürlich sollten es nicht zu wenige sein, wegen der Wirkung. Erstand kurzentschlossen eine 50-Lichter-Kette mit extrastarken Lämpchen, brilliantweiß. Werde sie gleich heute Abend montieren.

7. Dezember: Komische Sache. Mein Nachbar scheint meinen Wunsch zur gutnachbarlichen Zusammenarbeit zwecks Verschönerung der Straße mißverstanden zu haben. Heute Morgen waren bei ihm sämtliche Tannenbäume, zwei Kirschbäume und eine Platane mit Lichterketten versehen. Eine flüchtige Zählung mit dem Feldstecher ergab im Durchschnitt circa 80 Lämpchen je Baum. Soll das etwa ein Wettkampf werden? Ist doch erwachsener Menschen unwürdig!

11. Dezember: Kam heute Mittag zufällig am Baumarkt vorbei. Wusste gar nicht, daß man bei Abnahme von 15 Lichterketten a 150 Leuchteinheiten Sonderrabatte erhält. Besonders effektvoll sollen blinkende Ketten sein, vorzugsweise die 250er-Einheiten mit Hochspannungssicherheitstransformator und induktivem Schalter. Will das ganze aber nicht übertreiben, habe daher für die große Tanne lediglich zwei davon gekauft. Komme unter Einsatz von zwei Gummibäumen auf jetzt 14 illuminierte Gewächse. Ein Hauch des Friedens geht von meinem Garten aus.

13. Dezember: Eine Kampfansage! Mein verschwendungssüchtiger Nachbar hat den kompletten Zaun mit Leuchtkörpern behängt. Circa 1000 rhythmisch blinkende Lampen in den geschmacklosesten Farben. Was für eine proletarisch-billige Form der Weihnachtsbeleuchtung! Das bestätigte mir auch mein Elektriker, der an unserer Fassade Leuchtsterne und biblische Motive angebracht hat und meinte: „Wenn schon Beleuchtung, dann aber mit leuchtstarken Halogenstrahlern wie diesen hier!“

16. Dezember: Die rhythmisch blinkenden Figuren an sämtlichen Fenstern des Nachbarn verursachen mir seit Tagen schlimme Kopfschmerzen, die auch bei Betrachtung meiner neu angebrachten 5000-Watt-Lichtbogen-Himmelsstrahler nur unwesentlich besser werden. Sie werfen rhythmisch zuckende Lichtfinger in den wolkenverhangenen Himmel und geben einen interessanten Kontrast zu den lasergesteuerten Beamern, die auf die Wolken grell leuchtende Bilder mit Szenen aus der Weihnachtsgeschichte malen. Dagegen sind die neu installierten Lauflichter an den Fassandenkanten des Hauses meines intriganten Nachbarngeradezu lächerlich.

19. Dezember: Hatte heute Besuch eines Technikers der städtischen Stromwerke, der den enormen Anstieg meines Stromverbrauchs für einen Defekt im Leitungssystem hielt. Unsere Unterhaltung wurde stark gestört durch das elektrische Glockenspiel auf dem Nachbargrundstück, das mit 38 Kupferglocken die bekanntesten 40 Weihnachtslieder erklingen lässt. Der Techniker empfahl mir, einen 20KV-Industrietrafo einbauen zu lassen und im Abrechnungssystem auf eine Gewerbeabrechnung für mittelgroße Betriebe umzusteigen, wegen der günstigeren Grundgebühren. Beim weggehen meinte er kopfschüttelnd, ob ich nicht etwas gegen dieses Glockengeläut unternehmen wolle. Zeigte ihm meine neuen 2000-Watt-Außenleutsprecher mit Ultra-Subwoofern und die zugehörige Abspielstation für die CD mit dem Lied „Stille Nacht“. Gehe heute Abend auf Sendung.

20. Dezember: Habe einen weiteren Beamer installiert, der auf das Garagentor die Neuverfilmung der Geschichte Christi projiziert. In Reserve halte ich noch eine Kopie des Films „Die zehn Gebote“. Da kann mein geschmackloser Nachbar mit seinen Außenlautsprechern und dem Hörspiel der Weihnachtsgeschichte natürlich einpacken, zumal der Schneewerfer auf meinem Dach durch die eerzeugten Schneemengen alle Geräusche stark zu dämpfen pflegt. Mehrere strategisch angebrachte Heizstrahler halten meine beleuchteten Gartenbäume schneefrei.

22. Dezember: Die Menschenmassen in unserer Straße nehmen langsam unübersehbare Ausmaße an. Dabei kann ich voller Stolz feststellen, daß das ausblasen von feinen Silbersternen vor dem Haus die allgemeine Bewunderung auf diese Seite der Straße konzentriert. Da kann auch das Rentiergespann meines Nachbarn nichts dran ändern. Zumindest seit ich einen Stand für Gebäck und Getränke eingerichtet habe.

24. Dezember: Etwas merkwürdiges ist passiert. Die Stadtverwaltung hat alle weihnachtlichen Zurschaustellungen in meiner Straße verboten, mit dem völlig irrelevanten Argument, hier werde ein nicht genehmigter Weihnachtsmarkt abgehalten. Bin fassungslos. Und das an Weihnachten, dem Fest des Friedens und der Besinnung!

… ursprünglich hatte ich für den 23sten Dezember immer einen saisonal kulturmarxistischen Text ausgesucht (und mich zwischen den Zeilen drüber lustig gemacht), hier also der saisonal kulturmarxistische Text, mit dem festen Versprechen daß der angekündigte Text von mir über saisonalen Kulturmarxismus auch ganz sicher noch irgendwann nach den Feiertagen kommt. Gegenbild, von Günther Kunert (weia, das hört sich schon so an, nach Instrumentalisierung der Freude anderer für eigene Zwecke durch Erpressung mit einem schlechten Gewissen das sie nicht zu haben brauchen, oder…?):

… und sie gebar ihren ersten Sohn, wickelte ihn in Windeln und legte ihn in eine Krippe im Stall.‘ Doch noch ehe die Hirten erschienen, aber regte sich das Kind nicht mehr.
Und die Verkündigung?
Aus der Verzweiflung über den Tod des Neugeborenen entstand bald Zweifel, ob da überhaupt so etwas wie eine Zusage, etwas wie eine göttliche Absicht vorgelegen und nicht alles Einbildung gewesen sei. Wer war man schon, um die Vorraussetzung für die undurchschaubaren Pläne übermenschlicher Mächte zu bieten.
Und während der Zimmermann und seine Frau den kleinen Leichnam hinter dem Stall begruben, trösteten sie sich damit, daß ihnen wer weiß was erspart geblieben sei. In den schlimmen Zeiten nach dem gescheiterten Aufstand, nach dem verlorenen Krieg gegen die Besatzungsmacht war die Zukunft ohnehin unsicher und düster genug. Wer jetzt zu einem großen Schicksal ausersehen schien, war von vornherein zum Tode verurteilt. Vielleicht hatten die Römer recht, wenn sie sagten: ‚Pulvis et umbra sumus.‘ Staub und Schatten sind wir.
So verließen sie Bethlehem und zogen nach Nazareth zurück, gemächlich und eher beruhigt, daß sich keines der Versprechen erfüllt hatte und sie, kleine Leute, nicht gezwungen waren, sich gegen den Lauf der Welt stellen zu müssen. Dann sollte lieber alles so weitergehen wie bisher, wie eh und je, und man selbst existierte besser als kurzfristig belebter Staub und Schatten dahin.
Schließlich blieb einem das Heil, kein Heil mehr zu erwarten.

… und bevor ich jetzt anfange drüber zu schreiben was mich an diesem Text so alles stört und den anderen Text gleich hier und jetzt einfüge, lieber noch ein schönes kleines Video von Elefant Studios von einem Nieser, einem Tannenbaum und einem kerzenanzündenden Elefanten:

Euch allen schöne Feiertage und frohe Weihnachten!