Archiv der Kategorie: Literarisches

Sirenenfischpfützenreime

Vorgestern hat Ari beim Zweitenselbst ein Gedicht von Heinz Erhard zitiert:

Am Rand des Meeres saß er.
Das heißt er lag, weil er ja schlief,
und unten ist’s besonders tief-.
Da plötzlich aus dem Fluten
eine Jungfrau trat herfür!,
auf eine Flöhöhöte tat sie tuten,
das war kein schöner Zug von ihr.
Dem Jüngling ging das Lied zu Herzen,
obwohl sie falsche Töne pfoff,
er tat sich in die Fluten sterzen,
da ging er unter und versoff.

Was ich dann parodiert habe (die parodierte Parodie, aber, ja mei) mit:

Am Rand des Flusses ging er.
Das heißt, der Fluss, das war ein Bach-,
selbst unten ists besonders flach.
Da plötzlich in den Fluten
die Forelle schwamm vorbei!,
er denkt an Steckerlfisch, den guhuhuten,
und wie gern er jetzt Fischkoch sey.
Der Jüngling nach dem Fischerl witschte
obwohl er oft danebengroff;
bis er den Hals sich brechend glitschte –
da ging er unter und versoff.

Und eine zweite Strophe kam von Ari:

Am Sonntag aus der Pfütze soff er,
das heißt er trank, als feiner Mann,
doch von G’wissnsbissn troff er,
und hofft‘, dass wer ihn rette wann.
Da plötzlich aus der Lache
eine Dryade trat herfür
und stieg moralisch ihm auf’s Dache!,
und bessert‘ ihn mit Ach und Rühr‘.
Dem Pfütztrink schwoll das Herzelein,
weil er moralisch so gefehlt,
er lud sie prompt zum Essen ein-.
Am Mittwoch waren sie vermählt.

Weitere Strophen immer gerne 😀 !

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Verlierer auf dem Dach

Wie im vorigen Beitrag versprochen:

Beim Hessenhenker gab es einmal Gedichte über jemanden der auf einem Dach steht – das ließe sich theoretisch finden, das suche ich noch.

Da isses (Anlass war wie ein Wahlverlierer mit der verlorenen Wahl umgegangen war):

ARISTOBULUS: Er stand auf seines Daches Esse
und schaute mit verzerrter Fresse
auf sein verschnupftes Hessen hin.
„Dies alles is mir ungar-arisch!“,
so sprach er heute faul und barisch,
„gesteh, dass isch ein Unwitz bin.“

AURORULA: Er stand an seines Daches Kante
wo schon so mancher weiterrannte
und baute dort Geländer hin.
„Dies Ding, es kommt hier nicht sehr zeitig“,
so sprach er frei weg und bereut nicht,
„gesteh, nun gibt es wenig Sinn.“
(… weil ab heute Nachmittag so und so keiner mehr aufs Dach steigen kann.
Oder so.)

ARISTOBULUS: Aber er wird balde, gar balde!, wieder mit dem Herabhüpfen drohen.
Und dann müss’mer ihm hier seine hochfliegenden Pläne wieder ausreden.

AURORULA: Er stand auf seines Daches Mitte
Und drohte mit finalem Tritte
In sein privates Höllreich hin
„Dies alles ist mir jetzt schon höllisch“,
So sprach er affektiert-unehrlich,
„Gesteh, daß ich Erpresser bin.“
Er stand an seines Daches Traufe …
Des Ganze is zum Haareraufe!

ARISTOBULUS: Er steht da so auf Daches Pfannen
und blickt vom Schmärtzes und voll Pannen
aufs Hügelhessen dorten hin.
„Die alle reische mir net hinnig!“,
schreit er zu dem Henkerkönig,
„ein kroser Nimmersatt isch bin!“

AURORULA: Er steht auf seines Daches First,
Vor Neid und Wüten fast er birst:
Denn wieder war kein Wahlgewinn.
„Das alles ist mir sehr zuwider,
die Wähler stimmen mich nur nieder!
Gesteh, daß gern Tyrann ich bin.“
(… wär. Was auch immer. Leider reimt sich nur der Indikativ. 😳 )
Er stand auf seinem Dach zu lang
Doch plötzlich wurde es ihm bang:
Gewitterwolken stürmten her
Und noch bevor er stürmt zur Leiter
Da dient er schon als Blitzableiter
Hin ohne Absicht, das fällt schwer.
(… schließlich wollte er mit dem Selbstmord ja nur drohen! 😛 )

ARISTOBULUS: (Harr 😀
Er hätt ja immer noch Vizepräsident des Katasteramts für Unliegenschaften des ostpreußischen Vereinswesens werden können. Da kann man sogar stellvertretender Ehrenpräsident werden, wenn man fleißig, beharrlich und grundehrlich ist und ein rollendes Ärr aussprächn kann.)

sodass der [Name], blitze-blatze,
karrierisch Elektronen schmatze.

.

Von Hirschen und Hunden

Seit vergangenem Mittwoch wurde in den Kommentaren wieder einmal gedichtet. Ausgangspunkt war ein Kupferstich von Johann Elias Ridinger, unter dem selbst ein Gedicht steht. Ari hatte den aufgetan:

Habe da einen Schtupferkich vom Johann Elias Ridinger gesehen, gemacht so 1750, der vielleicht Einiges erläutert oder unterstreicht, das uns widerfuhr. Ja, ein Menetekel über die Erschlagung-.

Unter dem Drama mit Hirschen und Blitzschlag im Walde stehet von Ridingers Hand dies geschrieben:

Ein ſchwarzes Sturmgewölk verdunkelt Thal u. Wald
Der ſtets von dem Gebrüll des Donners wiederſchallt-.
Des Blitzes rothe Glut fährt greulich hin und wieder
Und ſchlägt ein armes Paar erſchrokner Thiere nieder.
O ungerechter Bliz, wie blind iſt dein Gericht :
Die Unſchuld findest du, das Laſter ſiehst du nicht !

Ach ja, das lange Eſs, nett war’s. Zumal sich der Freund und Kupfferſtecher buchſtäblich verthan hat, ich hab’s ſtill corrigieret (er schrub in der That „siehſt“).

… also ſiehſt, meinegythe. Wenn schon denn schon.

Worunter Ari ein eigenes Gedicht schrub (oder ſchrub?):

Das armb Gehyrſch wollt bloſs die Föhren
getreulich letzen unnd dan röhren,
als Bliz unnd Wuth geſchmockelt kamen
unnd Hyrsch wie Föhr ohn jed Erbarmen
mit ſtyll Gebryll zu Hauffen thaten:
obgleych ſie’s Wetter noch ſo bathen.
O Menſch, bedenck dein wüſtes Los:
Du liegſt im Thann allwie ein Kloſs.

und ZetaOri:

Der Hirsch ist hin, nu liegt er da
als köstlich-krosser Wildbretbraten
was grad noch Wiederkäuer war,
direktemang vor unsrem Garten.

So wetzt die Messer, kommt zu Tisch,
noch ist der Braten heiß und frisch.
Gewürzt mit Kiefernnadel-Rauch
plaisiert’s der Nase und dem Bauch.
(Und merke: So’n beweihter Zausel
schmeckt, kalt geworden, nur zum Grausel)

Wenn wir nun noch ein paar Kroketten
oder ’ne Schüssel Spätzle hätten,
Dann wär das Festmahl fast komplett
wenn’s auch noch Preiselbeeren hätt.

Ein Pfännchen Schwammerl wäre fein.
Zur Not könnt’ es auch Blaukraut sein.
Und, klar, ein Berglein Grumbeer-Klöße
hätte schon ’ne gewisse Größe.

Der Braten ist noch frisch und heiß,
durch’s Dickicht dampft der Bratenschweiß
Zum Durste Eau vom mos’gen Stein.
(Lieber sollt’s Burgunder sein!)

Gesättigt liegt man, schaut gemach
dem fernen Wetterleuchten nach
und denkt (soweit’s der Bauch erlaubt):
So’n Blitz ist fixer als man glaubt!

Das ist ein ganz schön heller Jäger
und höchstgespannter Ladungsträger,
gleichzeitig ein, wenn man so will,
hochenergetisch’ Freiluft-Grill.

Der geht elektrisch auf die Pirsch,
erlegt (was reimt sich? klar:) ’nen Hirsch.
Und brät ihn gleich an Ort und Stelle
mitsamt Geweih, mitsamt dem Felle!

Von dem Gelage ausgeruht,
tut man dann noch, was man so tut:
Man schleppt den Rest der Heimstatt zu,
dann gibt’s drei Wochen Hirschragout.

So’n Blitz ist schon ein toller Koch.
Und das Gewitter lebe … hoooch!

Und Clas Lehmann:

Der armbe Hyrsch, der da die Hindin
wollt bey der Wettereichen finden,
die einst dem Thore ward geweiht
und hatt gelitten seyt der Zeit…
Drittheiligst war sie doch gewest
und stand da nun, als traurger Rest…!

Und just an dieser heilgen Stätte
Der frebvle Hyrsch zu gerne hätte…!
Er täppte da, mit frechem Sinn
Hinzu, zu seiner Hindin hin.

Da traf der Blizstrahl alle beyde!
Statt in Verehrung hinzusinken,
liegt sie nun da, zu seiner Linken,
Zumitten auf der Hohen heyde!

Sie sind vom Blize starck gegrollen:
Sie hätten das nicht machen sollen!
Denn: Eichen
sollst Du weichen!

Insonderheyt für zweisam Pausen;
Wenn sie vom Wetter so gezausen!

Die vierte Hirscherei kam wieder von ZetaOri:

Nu ist so’n Hirsch ja von zu Haus
recht oft und gern in der Botanik,
doch kennt er sich darin so garnik
mit den Begrifflichkeiten aus.

Wie soll der da die Linden finden?
Oder gar mit seinen Hinden
im tiefen Tann nach Buchen suchen,
(die ja im „Tann“ recht seltend sind)
während die Damen ihn verfluchen,
wenn der nichtmal ’ne Fichte find‘?

Dazu hat so ein Hirschbeweihter
mit seinen spitzen Staken ’nen
hervorragenden Blitzeinleiter!
(Es sei, die sind geerdet denn.)

Hätte der flotte Hirsch beflissen
Physik gepaukt, wenn auch erlitten:
Statt unter’m Eich auf moos’gem Kissen
hätt‘ er in seinem flotten Schlitten
mit ihr beschirmt und weltvergessen
auf breiter Rückbank traut gesessen.

Im Faradayschen-Käfig drin,
da kömmt nichtmal Thors Blitzstrahl hin!
Merke: Physik ist unbarmherzig!
(`s sei denn, man kennt sich aus und wehrt sich)

Dann wieder Clas:

Wobei der Blyzz den Hyrſchen ſchmoß,
indem er’n mehr von achtern ſchoß…

Da lag er, das Geweih nach unt
und bohrt daſſelbe in den Grund.

Und schließlich Ari:

Sintemal die Blyzz von droben ſchnoben
unnd ſich deſob im Groben loben,
ſind ſie dann, zu Grunnd gezacket,
ziemlych ſtrohmlos abgekacket.
Jedoch dem Hyrſchen, „Blyzz!“ noch denckend,
frommt es nicht, daſs der ſo kränckend.

Von mir kam noch eine zweite Runde als Crossover mit dem bitterbösen Friedrich aus dem Struwwelpeter, der ungeschickte Ridinger:

Der Riedinger, der Riedinger,
das war ein arger Klecksfinger!
Knarzt‘ und knackte es im Haus,
goß er vor Schreck die Tinte aus.
Er stieß die Stühl und Tassen um,
die Staffelei war ständig krumm.
Hört nur, wie ungeschickt er war:
sein Griffel rutscht zum Fenster gar!

Am Brunnen stand ein großer Hund,
trank Wasser dort mit seinem Mund.
Daneben rollte fast ins Siel,
der Griffel, der vom Fenster fiel.
Da wunderte der Hund sich sehr:
wo kam das Tintending denn her?
Erst schnüffelte er mit der Nase,
dann hebt den Griffel er vom Grase.
Derweil der Riedinger recht sucht,
und, „…fix!!“ sein Ungeschick verflucht.

„Der Griffel muß verschollen sein!
Fiel er vielleicht ins Siel hinein?“
Bis der Herr Wuff springt schnell herbei,
mit der verlornen Staffelei…
[… äh, dem Griffel…]

Der Hund an Ried’gers Tische saß,
wo er nur gute Würste aß.
Er wohnt jetzt dort bei ihm im Haus,
er findet Zeugs, verbellt den Graus,
den Griffel hat er mitgebracht,
drum hält ihn Ried’ger sehr in acht.

… und als Nachklapp der Gedanke, daß ja auch ein anderes Tier am Brunnen stehen könnte:

Am Brunnen stand ne bunte Kuh,
trank Wasser dort in Seelenruh.

Am Brunnen stand ne kleine Katze,
trank Wasser aus der hohlen Tatze.

Am Brunnen stand ein dicker Bär,
trank Wasser dort und schlürfte schwer.

Am Brunnen lief ne winz’ge Maus
und nippte etwas Wasser draus

Am Brunnen stand ein roter Fuchs,
trank Wasser dort sehr großen Schlucks.

Am Brunnen stand ein großes Pferd,
ließ niemand hin, denn es war g’schert

Schließlich:
Am Brunnen trank ein stolzer Hirsch –
heut war der Blitz nicht auf der Pirsch.

Darauf Ari die zweite Ridingerhunderunde:

Der Riedinger, der Riedinger
schrub mit dem Ringefinglinger
tagtäglich am Geschtychel feyn,
denn, so meint er, sollt es seyn.
Weswegen er, weil heute Niesel,
seit Donnerstag ein zähnig Wiesel,
das zottig nass im Bachgeriesel:
Schrub.

Bloß dass auf dem Kypferschtyche,
es grifflings-schrublings wieseliche
den Hund!, der da seit Mittwoch prangte,
mit wüsthem Zorne tatzig bangte.
Und Riedinger, der’s mehr mit Hyrschen,
(wenngleich er Mittwochs malte Kyrschen)
nahm’s Wiesel, das er von dem Blatte,
auf dem der Hund mit Würsten satte,
vom Blatte auf ein anderes,
(auf dass es dort mäanderes
und bachgerieselnd wanderes).
So Riedinger die Wieselknurrsach
gemeinsam mit der Wieselursach:
Hub.

Und dann gab es noch eine dritte Runde zu „Zumal sich der Freund und Kupfferſtecher buchſtäblich verthan hat, …“, zuerst ZetaOri:

Tja, erstmal in Kupfer gestochen ist schlecht radieren.
Das hat Dauer, auch ohne Wayback-Maschine! :mrgreen:

Dann Ari:

Der Ridinger malt Hyrsch mit Stummel,
weils ihm fehlt am Ratzefummel.

Wieder ZetaOri:

Nu, hätt er Tipp-Ex nehmen sollen.
(D.h., wenn das mit Kupfer klappt.
Nicht, dass da gleich ein ganzer Bollen
an seinem Kupferstichel pappt.)

Und schließlich Ari:

Herhjeh, immer diese Abschwyffe 😀
Der Päule, zähn’ger Gegner solchen Tandes,
würd meinen, dass man derlei Schmandes
gleich löschen müsst, ohee,
weil füglich immerdar Oh-Teh.

.

.

Nachklapp: Eben schrieb noch Clas Lehmann ein Gedicht über Tannen und Buchen. A Tännchen, please:

OH doch! Im Thann kannst Buchen suchen!
Und finden auch, das ist bekannt,
Weshalb der Tannenwald mit Buchen
Abieti-Fagetum wird genannt…

Die Rehlein und die Hyrschen beißen
Die Tannen drin sogar zu Schand!
So dass man oft in einem Solchen
Der Tannenkinder keine fand…

Und also Tannen dort zu suchen
Die wahre Aufgab eigentlich wär!
Und das ist zwischen all den Buchen
Dort manchmal wirklich ziemlich schwer…

Denn jahrlang und Jahrzehnte lauert
solch Tannenkind daselbst auf’s Licht…
Weil es ja oft recht lange dauert,
bis einmal solche Buche bricht.
Zumal der Blyzz dieselbe meidet
Und’s Tannenkind drum länger leidet.

Und wächset kaum, wird wenig höhr,
Kann bissen werden jederzeit!
Bedenket dieses große Leid!
Ein Tännchen hat es wirklich schwör!

(wer die vorigen Runden Kommentarspontangedichte lesen will, ein paar habe ich hier mit hingenommen: https://aurorula.wordpress.com/2017/01/03/mary-had-a-bicycle/ von numeri249 und https://aurorula.wordpress.com/2017/05/13/behihgeh/ von TiN. Im letzten Stil gab es immer wieder mal etwas, wenn jemand eine ungewöhnliche Abkürzung genommen hat, das ist dann aber wohl unauffindbar. Beim Hessenhenker gab es einmal Gedichte über jemanden der auf einem Dach steht – das ließe sich theoretisch finden, das suche ich noch.)

Belesene Brückenfigur

Auch eine Art Kunst am Wegrand: irgendjemand hat der Statue ein Buch in die Hand gedrückt:

Leider bin ich nicht nahe genug an die Brückenfigur hingekommen (ich fotografiere mit Zoom durch den Zaun) um zu sehen welches Buch die Statue liest – das war vielleicht auch einer der Gründe warum es dort ist: als eine Art „Buchkletterer was here!“ Könnte alles sein: nicht mehr gewolltes Tagebuch, Groschenroman, große Literatur, Stephen Kings Gargoyles; oder auch das Vorlesungsverzeichnis der Heidelberger Uni. In Heidelberg ist nämlich die Brücke. Welchen Kurs die Brückenfigur wohl belegen will? Also, falls es nicht doch die Memoiren einer Geisha oder einer Desperate Housewife sind, natürlich.

Bach oder was trinken wir heute

Vor urewigen Zeiten ist hier auf dem Blog ein Theaterstück fertiggeschrieben worden, vergraben zwischen Rezepten für Erdnußkekse und Knoblauchbaguette, philosophischen Betrachtungen über üble Nachrede, allein-in-Mexiko-Klaus-Dieter (dem Scheusal), und der Frage, was eigentlich Hohlhippen sind. Nachdem es ein wirklich gutes Theaterstück ist (es waren auch gute Kekse – das Scheusal im Stück ist überhaupt nicht gut), sollte es auch aufgeführt werden. Hier ist es zumindest zu lesen, es folgt absurdes Theater:

Bach
oder
Was trinken wir heute?

Ein Dramolett in zwei Akten

von Robert Cohn

Für Lukas, für Jojne, für Nane

Dramatis Personae (nach der Reihenfolge ihres Erscheinens):

Klaus-Dieter, das Ekel
Emilie, die arm dran ist
Der Ober, dem’s auch nichts nützt
Estelle, die’s auch nicht weiß
Charles, der desillusionierte Gentleman
Der Henker, als er selbst
Emil, der Kannibale, dem’s zu komisch schmeckt
Vater Übüh, der Popolitiker und Scheinrealist

Vater Übühs Gefolge, dauererregt ja dauergierig
Choristen und Instrumentalisten, verhärmt aber tüchtig

1. Akt.

(Eine Bar, hinten Asketen, die Bachs Chorsatz „Herr, gehe nicht ins Gericht“ singen. Seitlich ein Bartresen in Knallrot und Gäste mit mehr Schein als Sein. Manchmal beleuchten die Scheinwerfer den Protz, der so herumsteht. Manche Gäste tanzen langsamen Walzer zu Bachs Chor. Der Suchscheinwerfer findet einen Tisch mit Emilie und Klaus-Dieter. Emilie (eine ältere Dame, die da nicht so hinpasst) springt plötzlich auf und stöhnt andachtsvoll:)

Emilie. Bach!

Klaus-Dieter. Was trinken wir heute?

Emilie. Aber Klaus-Dieter, ich rede vom großen Bach, und du fragst, was wir heute trinken -.

Klaus-Dieter. Der Bach war nicht groß, der war so richtig klein und dick, Emilie. Und der ist eh nicht da, und also was trinken wir heute?

Emilie. Sei doch nicht wieder so, Klaus-Dieter.

Kamillentee… nein, zwei Scotch?

Klaus-Dieter. Okay, für mich auch zwei Scotch. Hahaha. He, Bedienung!

Ober. Bitte, mein Herr?

Klaus-Dieter. Zwei Scotch für die Emilie, das ist die da, und für mich auch zwei. Hahahaa!

Emilie. Herr Ober, war Bach etwa klein und dick?

Ober (schüttelt den Kopf). Pardon, Madame.

Emilie. Aber Sie sind doch der Ober, Sie müssen das doch wissen -.

Ober (diskret). Madame gestatten, wenn man öhm die Aspekte seiner Musik recht bedenkt und sie alle öhm in Rechnung stellt, dann war der Herr Bach wohl fast so ähnlich geartet wie sein Großvater.

Klaus-Dieter. Großvater vom Vater oder Mutter?

Ober. Mütterlicherseits, mein Herr.

Klaus-Dieter. Ach.

Emilie. Aber Klaus-Dieter. – Woher wissen Sie bloß so viel, Herr Ober -.

Ober. Erlauben Sie, Madame, ich muss doch, denn wer sollte sonst -.

Emilie. Und mütterlicherseits?

Ober. Mütterlicherseits, Madame, ist es so gut wie sicher.

Klaus-Dieter. Nee, Bedienung, der hat so viel Scotch oder was getrunken, dass der davon so klein und dick geworden ist, der Bach, und auch die Mutter vom Bach war schon so. Winzig und feeett waren die, die Bachmutter und der dicke Bach.

Ober. Erlauben Sie, mein Herr, aber ich muss dazu bemerken, dass der Herr Bach nur Wein trank. Das ist so gut wie erwiesen.

Klaus-Dieter. Nee. Bier. Und das macht so richtig doll feeett.

Emilie. Aber Klaus-Dieter -.

Ober. Wenn die Herrschaften jedoch gestatten -.

Emilie. Herr Ober -.

Klaus-Dieter. Total feeeett.

Emilie. Aber -.

Ober. Wer sonst -.

Klaus-Dieter. Bier.

Ober. Madame -.

Emilie. Mütterlicherseits -.

Klaus-Dieter. Feeeeett -.

Ober. Erlauben –

(Sie erstarren. Der Scheinwerfer sucht, ob noch etwas passiert. Es passiert nichts. Er wandert zum nächsten Tisch, an dem Estelle, Charles und Emil der Kannibale sitzen, der sich irgend Stücke von Gesicht, Hals und Händen zieht und sie isst. Charles und Estelle ignorieren es.)

Charles. Verzeihung, darf ich Sie einladen?

Estelle. Wozu?

Charles. Zum Beispiel zu einem Running Spliff.

Estelle. Das ist etwas Anderes.

Charles. Nein, es ist ein „Running Spliff“, nichts Anderes, aber möchten Sie etwas Anderes?

Estelle. Ja?

Charles. Kennen Sie das noch nicht?

Estelle. Ich kenne nichts Anderes.

Charles. Ah so, dann bestelle ich uns vielleicht keine. Aber Sie sehen so bedrückt aus, darf ich fragen, ob etwas geschehen ist?

Estelle. Etwas Anderes.

Charles. So. – Herr Ober, bitte drei Running Spliffs, nicht zu stark gerührt und mit viel Salmiaksorbet.

Ober. Sehr gern, mein Herr.

Charles. Möchten Sie darüber sprechen?

Estelle. Wozu, es ist doch etwas Anderes – vielleicht klein und dick.

Charles. Ach was, wie unangenehm. Übrigens, mein Name ist Charles. Gestern traf ich eine Frau, sie war groß und dünn und sprach von nichts Anderem. Es war – unangenehm. Wenn so Dünnes geschieht, fühlt man sich leicht so außerhalb. Trotz dieser – Morde draußen, oder wohl deshalb. Wie soll ich es anders sagen. Nicht anders als Sie?

Estelle. Gestern hat es gerauscht auf dem Kirchturm, ich habe es gefühlt wie an Sonntagnachmittagen. Nicht so wie in meiner Kindheit; den anderen. Es geht tief hinunter, aber ich habe gedacht, dass Rauch an solchen Sonntagnachmittagen dicker ist als sonst oder als früher.

Charles. Sie gehen öfters auf den Kirchturm? Und wie heißen Sie?

Estelle. Es war gestern ein anderer Sonntagnachmittag, ich glaube, es war Dienstag oder Samstag, aber es war doch wie Sonntag. Besonders am Nachmittag. Es hat gerauscht. Nicht wie hier, sondern außerhalb.

Charles. Fühlen Sie sich öfters so – so weit entfernt?

Estelle. Wie heißen Sie?

Charles. Und vorgestern habe ich einen –

Estelle. Das Rauschen heißt nicht -.

Charles. Nein, vorgestern hieß ich noch, ich hieß so ähnlich wie ich heute heiße, glaube ich. Quoidonc, Charles Quoidonc. Aber da kommen unsere „Running Spliffs“.

Ober. Bitte sehr, die Herrschaften, sechs halbe „Running Spliffs“.
(stellt drei Gläser auf den Tisch)

Charles. Und die Hohlhippen?

Ober. Wie meinen?

Charles. Die Hohlhippen fehlen.

Ober. Die Hohl-, oh verzeihen Sie bitte.
(eilt weg)

Charles. Wie gesagt, und vorgestern traf ich einen – nein, ich habe jemanden getroffen, es war keine Frau, aber einen Mann konnte man ihn auch nicht nennen. Wir sprachen nicht über die Morde und nicht über die Wahlen, sondern über Hohlhippen, besonders darüber, dass sie so heißen, wissen Sie das? Es scheint wichtig zu sein, dass sie so heißen und dass sie überhaupt heißen, vermute ich, aber genauer weiß ich es nicht. Es war ungefähr hinter der Ostmauer des Kirchturms oder des Bahnhofs, wo man diese Wahlen beobachten konnte, aber ich weiß nicht, ob dieser Bahnhof seinerseits eine Ostmauer hat. Vielleicht ist es nicht wichtig. Sie verstehen? Ostmauern sind während solcher Gespräche ziemlich wichtig, vielleicht um diese Morde da draußen zu begreifen?, und ohne dass ich übertreiben will, es geht eigentlich gar nicht ohne Ostmauern. Vor Bahnhöfen ist das etwas Anderes. Vielleicht liegt es an der Nachmittagssonne, die dann darübersteht, oder daran, dass keine da ist. Falls.
Aber es lag nicht an der Sonne oder daran, dass Vormittag war, nein, sondern es lag an der Ostmauer. Übrigens, mein Name ist Charles, nicht Tschaarles und nicht englisch ausgesprochen, falls Sie ihn mal geschrieben sehen, aber das ist nicht wahrscheinlich, sondern Schahrl‘, französisch ausgesprochen. Nicht wie Bach, der hat ein Ch.Und ich habe ein Sch und kein Tsch, nicht.
Glauben Sie mir bitte, viele Dinge können wir uns vorstellen und viele andere wiederum nicht, so ist es eben. Können Sie sich vorstellen, es wären nicht diese – – Wahlen gewesen, oder Sie wären Sonntagnachmittags neben dem Bahnhof und nichts würde heißen oder rauschen? Nichts? – Entschuldigen Sie bitte, falls ich mit dieser Frage vielleicht etwas indiskret erscheine. In Ihren Augen etwas – etwas indiskret vielleicht, oder vielleicht indiskret. Aber da kommen unsere Hohlhippen.

Ober. Bitte sehr die Herrschaften, und entschuldigen Sie nochmals.
(rollt eilig drei Papierservietten zu Röhren und drapiert sie auf

den Gläsern)

Charles. Aber was soll das sein, bitte?

Ober. Entschuldigen Sie, der Herr, aber wir haben keine Hohlhippen, wir hatten noch nie Hohlhippen, ich weiß nicht warum. Darf ich Ihnen statt dessen diese hier anbieten – auf Kosten des Hauses selbstverständlich. Auch wegen der Wahlen!

Charles. Ich weiß nicht, warum Sie „ich weiß nicht warum“ gesagt haben, denn Sie hätten „ich weiß nicht warum nicht“ sagen können, weil Sie ja nicht wussten oder nicht wissen, warum Sie noch nie Hohlhippen haben oder hatten – was übrigens seltsam ist, denn eigentlich hat oder hatte man wahrscheinlich immer Hohlhippen, nicht?
Aber gut, von mir aus, tun wir so, als wären es Hohlhippen, vielleicht sind es ja welche. Danke.
(gibt ihm unauffällig ein Trinkgeld)

Estelle (zum Ober). Wie ist Ihr Name? Bitte sagen Sie ihn lieber nicht.

Ober. Aber selbstverständlich, Madame -. Und jener Herr wird hier erwartet. Der die Wahlen gewonnen hat!, welch eine freudige Ankündigung, dass doch noch einmal gewählt worden ist!, pardon, nur Ihnen gesagt. (ab)

Charles. Wissen Sie, diese Hohlhippen scheinen hier ein abendfüllendes Thema zu sein, hier und woanders, aber nicht diese Morde oder jener Herr – jener Herr Übüh, wie er heißt, obwohl diese überall geschehen, denn schon vorgestern habe ich mich darüber woanders unterhalten, mit keinem Mann oder vielleicht einer Frau, und heute wieder. Das geschieht nicht so oft, wie man vielleicht meinen könnte. Aber eigentlich geschieht es sehr viel öfter woanders als Anderes, absolut gesehen. In meinem Eisschrank liegen jedenfalls Hohlhippen. Naturgemäß. Möchten Sie sie ansehen? Man sieht sie nicht oft.

Estelle. Ich habe gestern ein Rauschen auf dem Kirchturm gehört. Es war wie das Rauschen an Sonntagnachmittagen, als ich klein war und noch gespielt habe. Aber das Rauschen war weder Spiel noch etwas Anderes, damals naturgemäß nicht und an Sonntagnachmittagen ebenso wenig, wenn es so tief hinunter geht, aber wie kann ich das wissen? Ein Rauschen ist nicht zu wissen, aber ich habe es gefühlt, es war mitten am Samstag. Ebenso fühlte ich den Rauch, der an Dienstagen lauter ist als an Sonntagen – wie auf Kirchtürmen, aber gestern war er genauso laut oder mindestens ebenso.

Charles. Ach. Wissen Sie, ich sehe mir für mein Leben gern meine Hohlhippen an.

Estelle. Als ich klein war, war der Rauch klein und dick.

Charles. Besonders Sonntags öffne ich meinen Eisschrank und besehe sie, und seit einiger Zeit habe ich eine Sorte, die mindestens dicker ist als die anderen. Sie schmeckt nicht. Aber was ändert das?

Estelle. Der Rauch auf dem Kirchturm hat mich nicht angesehen, weil er nicht so war, wie ich ihn kenne. Das hat mich nachgerade bedrückt.

Charles. Schopenhauer würde sagen, ich hätte eine Affinität zu meinen Hohlhippen, und Nietzsche würde dann naturgemäß erwidern, ich hätte sie zu meinem Eisschrank. Nicht?

Estelle. Naturgemäß war es anders, als ich klein war, ich fühlte mich wie Rauch, besonders an Sonntagnachmittagen, es war nicht anders, aber wenn ich über die Schulter gesehen habe. Ich kenne nichts Anderes als solche Kirchtürme.
(nimmt ihre Zigarettenspitze)

Charles. Feuer? – Sonntags, wenn die Glocken läuten, öffne ich wie erwähnt meinen Eisschrank und erfreue mich, wie Freud wahrscheinlich sagen würde. Obwohl es mich nachgerade bedrückt, dass die Hohlhippen nicht schmecken, warum weiß ich nicht. Obwohl ich sie ansehe, weil ich sie kenne. Naturgemäß. Ob sie schmecken sollen? Vorgestern hat sich jemand mit mir darüber unter Anderem fast gestritten, ich glaube, es war ein Mann, obwohl ich es Ihnen nicht genau sagen kann. Wir saßen wegen dieser Wahlen neben dem Bahnhof, wissen Sie, neben dem, der so ein anderes Dach hat, man könnte meinen, wie ein Kirchturm. Wir redeten über Hohlhippen und keine Hohlhippen, unter Anderem.
Können Sie sich vorstellen, was das ist: Kein Herr Übüh, nein, keine Hohlhippen? Ich auch nicht, es war vorgestern, vielleicht deshalb nicht, wehen dieser Morde und dieser Wahlen. Keine Hohlhippen bedeutet zum Beispiel nicht etwas Anderes als Hohlhippen, das wäre zu wenig präzise. Sondern es ist, als wenn man nichts Anderes kennt als solche. Darin ist sich übrigens Folgendes gleich – unterbrechen Sie mich bitte, falls das nicht stimmt, ja? Also stellen Sie sich Keine Hohlhippen vor, nein nicht keine Hohlhippen, sondern: Keine Hohlhippen. Ich habe es nicht geschafft. Die Vorstellung ist zu bedrückend. Zumal es natürlich keine Vorstellung ist, sondern etwas, das man zu genau kennt. Warum unterbrechen Sie mich nicht?, denn das stimmt ja Alles nicht. Übrigens gibt es zum Glück die Samstage. Wenn man sich nicht am Bahnhof verbergen muss – wegen dieser Morde. Nicht? Und wichtig ist es auch , dass es – dass sie nicht schmecken. Nicht?

Estelle. Ich habe nicht gewusst, dass ich den Rauch gekannt habe. Der Ober hat vorhin etwas nachgerade Bedrückendes vor mir angesehen –

Charles. Feuer?

Estelle. – das war wie an den Sonntagnachmittagen, als ich noch gespielt habe. Seit damals kenne ich das Rauschen auf den Kirchtürmen und neben dem Rauch. Es ist, als wenn es nicht wäre. Auch der Kirchturm ist nicht. Ich kenne ihn wie sonst und wie den Rauch, und wie den Samstag. Irgendwann war es so, dass ich es nicht mehr gewusst habe – der Rauch war dicker und nicht.

Charles. Wie erwähnt, ich kann mir meinen Eisschrank vorstellen, ich kenne ihn gut. Jedoch schaffe ich es nachgerade besser, wenn die Glocken läuten. Und wenn sie nicht läuten, bin ich imstande, an Schopenhauer oder an Aristoteles zu denken, der wahrscheinlich erwähnt hätte, dass die Sonntage ohnehin wie Rauch sind, nicht? Dann bin ich imstande und gehe nachgerade bedrückt zu der Stelle, an der ich mich vorgestern unter Anderem mit jemandem unterhalten habe, ich weiß nicht, ob es eine Frau oder ein Mann war oder wer überhaupt das war, der oder die auch Nietzsche kannte, den ich nicht kenne. Es war, wie Sie sich vielleicht vorstellen können, neben einer Ostmauer, und das war wichtig und ist es immer noch. Wegen vorgestern, nicht? Womöglich auch wegen Bach. Keine Hohlhippen, das ist genauso unvorstellbar wie kein Bahnhof, nein, Kein Bahnhof oder Keine Ostmauer. – Und Sonntags? Das Gespräch hätte an einem Sonntag stattfinden müssen.

Estelle. Wo wohnt der Kirchturm?

Charles. Samstags sind solche Gespräche weniger bedrückend, auch ganz ohne diese Morde, besonders, falls man zum Beispiel den Eisschrank dabei öffnet. Ich habe Sie schon gefragt, ob Sie ihn sich ansehen werden. Möchten Sie?

Estelle. Wohnt denn der Rauch oder Sonntags?

Charles. Verzeihen Sie, ich wohne nicht. Wo ich wohne, wohnt mein Eisschrank, besonders Sonntags. Wenn die Glocken läuten, würden Sie sagen.

Estelle. Gehen wir nicht zu Bach?

Charles. Warum. Aber es würde mich wohl freuen. Dass Hohlhippen übrigens ihre Abwesenheiten haben, die man nicht anders nennen kann, ist eine Tatsache, ob man es nun so kennt oder möchte oder versteht oder nicht. Übrigens, auch vorgestern habe ich mit jemandem darüber gesprochen, es kommt nicht oft vor, eigentlich nie, außer mit jemandem, beim sich Verbergen, wissen Sie. Man kann das hinter der eigenen Schulter sehen, und dafür darf es nicht tief hinunter gehen, weil man es nicht versteht. – Plötzlich neben der Ostmauer.

(Sie erstarren. Der Scheinwerfer sucht, ob noch etwas passiert. Es passiert nichts. Er wandert herum und findet den Henker. Er geht von Tisch zu Tisch und starrt den Anwesenden in die Gesichter. Am Bühnenrand bleibt er stehen.)

Der Henker. Guten Tag. Oder guten Abend, egal. Wen soll ich henken?

Charles (aus dem Halbdunkel). Sie irren sich, „henken“ heißt es nicht, denn das Wort lässt sich nur im hmm Partizip benutzen. Also „gehenkt“. Entschuldigen Sie, ich habe das nur als Anmerkung erwähnt.

Der Henker. Nein, ich irre mich nicht, ich henke. Und ich habe überhaupt nichts mit dem da draußen zu tun. Ich henke als Henker.

Charles. Wenn Sie meinen.

Ober (hinter vorgehaltener Hand). Und wenn der Henker sich irrt, während er henkt -?

Charles. Das wollen wir lieber nicht hoffen.

Der Henker. Soll ich Sie vielleicht henken und danach überlegen, ob’s ein Irrtum war, was meinen Sie?

Charles. Nein, vielleicht geht es noch anders? Aber es heißt wirklich nur „gehenkt“, glauben Sie mir.

Der Henker. Ich denke mal drüber nach.

(Scheinwerfer auf den Hintergrund. Der Ober am Telefon.)

Ober. Sehr wohl, die Herrschaften!, einen Tisch, wie bitte?, ja fünf Tische für Herrn Huibuh und Gefolge?, selbstverständlich!, pardon, wie bitte?, ja für Herrn ÜBÜH und Gefolge, sehr wohl!, er wird jetzt Übüh ausgesprochen?, pardon der Herr, selbstverständlich, ergebensten Dank!, jawohl einundzwanzig Uhr!, sieben bis zehn Tische-?, ich werde sehen, was wir tun können!, sehr willkommen hier, die Herrschaften!, stets für Sie zu Diensten!, ergebensten Dank.

(Der Scheinwerfer sucht, bleibt am Zeitschriftenständer hängen. Zeitungen mit dem Wort WAHLEN. Emilie und Klaus-Dieter beginnen im Halbdunkel zu reden, der Scheinwerfer sucht auf den Schlagzeilen, dann Scheinwerferschwenk auf Emilies Tisch.)

Emilie. Schmeckt dir der Scotch, Klaus Dieter?

Klaus-Dieter. Na wieso nicht, Emilie, schließlich hast du ihn bezahlt. Schmeckt er dir?

Emilie. Wie soll ich das wissen. Man trinkt doch Scotch, oder nicht? Wie Kamillentee? Den trinkt man anders, glaube ich, aber man trinkt ihn. Und Scotch, Klaus-Dieter? Bitte sag mir, ob man ihn trinkt.

Klaus-Dieter. Hier?

Emilie. Wie bitte -?

Klaus-Dieter. Ob man den hier trinkt? Aber Kamillentee kriegst du nicht.

Emilie. Ja, bitte sag mir, ob man ihn denn trinkt, Klaus-Dieter.

Klaus-Dieter. Na klar, hast du schon mal einen gesehen, der ihn isst? Hahahaa. Scotch trinkt man, wieso denn nicht. Grad wegen der Wahlen. Auf die Wahlen!

Emilie. Na dann – weißt du, es hat mich doch beunruhigt.

Klaus-Dieter. Ach was. So wie vorhin dieser Bach?

Emilie. Was hat das denn wieder damit zu tun, Klaus-Dieter.

Klaus-Dieter. Nich‘ wenig. Du stehst wohl auf klein und dick? Winzig und feeett.

Emilie. Nicht so laut, hörst du? Nachher pfeifen die Spatzen deine Frechheiten wieder vom Kirchturm.

Klaus-Dieter. Zum Henker Emilie, reg dich mal ab. – Ich muss übrigens nachher zum Bahnhof.

Emilie. Aber Klaus-Dieter, ich habe es doch nicht so gemeint –

Klaus-Dieter (unverschämt). Ich muss sowieso zum Bahnhof.

Emilie. Aber warum –

Klaus-Dieter. Manchmal muss man halt zum Bahnhof, oder sonstwo hin, wieso willst du das nicht begreifen. Emilie begreift nix, nicht mal, dass man zum Bahnhof muss, oder sonst wohin. Dein Bach hätte das auch gesagt. Der ist auch zum Bahnhof gegangen. Pah, der hat nicht mal gesagt, ich geh hin, sondern der ist einfach hingegangen. – He Bedienung! – Ich frag ihn einfach.

Emilie. Aber –

Ober. Bitte sehr, der Herr?

Klaus-Dieter. Ist Bach manchmal zum Bahnhof gegangen?

Ober. Herr Bach, bitte?

Klaus-Dieter. Klar doch, Mensch. Bach, Bahnhof, gegangen. Ist er oder ist er nicht?

Ober. Verzeihen Sie bitte, der Herr, aber wenn Sie das vielleicht meinem – Vorgesetzten – – ich bin doch hier nur –

Klaus-Dieter. Nix wiss‘. Verstehe. (ruft quer durch den Saal) Hey Sie!

Emilie. Aber Klaus-Dieter –

Der Henker. Na was denn nun?

Klaus-Dieter (pedantisch). Ist Bach manchmal zum Bahnhof gegangen?

Der Henker. Haben Sie das nicht schon den Ober gefragt?

Klaus-Dieter. Na klar doch.

Der Henker. Und was wollen Sie dann von mir?

Klaus-Dieter. Ach legt euch doch alle gehackt -.

Emilie. Aber Klaus-Dieter – –

Klaus-Dieter. Gar nix erfährt man hier, nicht mal was über die Wahlen!, Saftladen, das.

Der Henker. Ober, sagen Sie ihm doch, was er wissen will, sagen Sie ihm irgendwas vom Bahnhof oder von da draußen, kann doch nicht so schlimm sein. Ich habe keine Zeit für so was, muss nachdenken.

Ober. Selbstverständlich, Herr -. Selbstverständlich.
(zu Klaus-Dieter)
Vielleicht dürfte es Ihnen bald bekannt sein, der Herr, wohin Herr Bach ging, er wusste es nämlich. Und dazu, mein Herr: Herrn Bachs Großvater, mütterlicherseits versteht sich, kannte den Bahnhof übrigens nicht. Ihnen gesagt, weil ich es weiß, aber nicht mehr. Und Herr Übüh wird hier vom Bahnhof erwartet!, er hat Wahlen abhalten lassen!, pardon, nur Ihnen gesagt. Danke, die Dame.
(entfernt sich)

Klaus-Dieter (zu Emilie). Na siehste, du Schnalle.

(Im Hintergrund stellen sich die Musiker auf und schrammen leise den 1. Satz der Flötensonate h-moll herunter)

Klaus-Dieter. Das klingt ja wie vom Großvater. Zum Bahnhof hätt der gehen sollen. Was hast du eigentlich gegen Bahnhöfe?

Emilie. Aber Klaus-Dieter. Ich meine nur, es ist vielleicht nicht gut, dass –

Klaus-Dieter. Was weißt du denn. Ach zum Henker, immer vermiest du einem die Laune. Aber Klaus-Dieter. Trink wenigstens deinen Scotch aus, sonst geht der auch noch zum Bahnhof.

Emilie. War es denn Scotch? Und trinkt man ihn -? Ich weiß es doch nicht.

Klaus-Dieter. Gerührt oder geschüttelt, hier, letzten Donnerstag oder am Bahnhof, verdammt?

Emilie. Das weiß ich nicht, Klaus-Dieter. Bitte fluch nicht, du machst mir Angst.

(Als der Henker anfängt zu reden, sucht sich der Scheinwerfer sein Gesicht)

Der Henker. Tja, wenn ich das wüsste. Henken oder gehenkt, das ist hier die Frage. Henken, schwenken, denken. Ich denke ich henke. Nun ja, Tschaarles würde sagen, dass ich mich irre. Nein, Scharl‘. Egal, er wird rechthaben, aber darum geht’s nicht.
(tappt zu Emilies Tisch)

Der Henker. Ich henke, also bin ich. Oder umgekehrt. Wenn ich nun bald keinen henke, dann bin ich vergeblich oder sinnlos. Hier ist aber alles voll mit Sinn. Die alle hier produzieren Sinn!, die tun gar nichts sonst, SinnSinnSinn, und der Sinn stapelt sich und stapelt sich und macht die Luft klein und dick, bis man sich dran aufhängt. Deshalb muss ich jetzt arbeiten, verstehen Sie, Frau Emilie? Weil ich nur ICH bin. Jeder sonst hier oder da draußen kann es anders, bloß ich nicht. Aber Sie müssen mir helfen, denn ich weiß nicht, wer hier gehenkt werden soll. Helfen Sie mir?

Emilie. Aber um Gottes Willen -.

Klaus-Dieter. Was hat denn der damit zu tun. Der ist doch auch gehenkt worden, nicht? Hat der Nitsche oder so einer gesagt.

Emilie. Auch gehenkt -?

Klaus-Dieter. Aber ja, Mensch. Kopf ab. Stand in der Zeitung. Letzte Woche.

Der Henker. Stand da, dass das passiert ist, so wie die Morde und die Wahlen, oder dass das einer gesagt hat?

Klaus-Dieter. Weiß ich doch nicht. Fragen Sie doch den Ober, der weiß Sachen. Oder wollen Sie sich setzen? Emilie gibt Ihnen bestimmt einen Scotch aus.

Emilie. Klaus-Dieter, um Gottes -.

Der Henker (zu Emilie, nicht unfreundlich). Soll ich Sie nun henken?

Klaus-Dieter. Lohnt sich kaum.

Der Henker. Woher wollen Sie das wissen?

Klaus-Dieter. Na, was ich weiß, das weiß ich.

Der Henker. Sie sind halt randvoll mit Sinn. Aber sowas von. Wie heißen Sie, Klaus-Dieter? Na eben. Vielleicht liegt es daran. Ich kenne jeden, deshalb bin ich der Henker, verstehen Sie das?

Charles (im Halbdunkel). Es gibt immer jemanden, der nicht hinhört.

Der Henker. Meinen Sie jetzt wieder die Grammatik?

Charles. Nein, ich meinte einen anderen Sinn, meinen Sinn, der liegt dazwischen. Wenn Sinn denn Sinn ist.

Der Henker. So -.
(Emilie sackt weiter zusammen, Klaus-Dieter gafft, Charles sitzt unbewegt da usf., der Henker sieht Jedem ins Gesicht)
Das verstehe ich nicht. Da wollen die Leute, dass man sie kennt, und nur deshalb halten sie da draußen still und kommen dann hier her und ertragen das alles!, ertragen dazu sich selbst. Nein, das tun sie nicht. Aber sie kommen her. Trotzdem. Obwohl sie das alles nicht ertragen. Und dann wollen sie nicht gehenkt werden. Obwohl das ein und das Selbe ist, das Eine und das Andere. Versteh ich nicht. Ob die das verstehen? Ach wo. Wer hat sich das nur ausgedacht -.

Charles. Jetzt war es korrekt.

Der Henker. Bitte was?

Charles. Pardon?

Der Henker. Ah so, die Grammatik. Ich habe „gehenkt“ gesagt. Schön so?
(zu Estelle)
Guten Abend Estelle, ich kenne Sie von früher, deshalb weiß ich, wie Sie heißen. Naturgemäß. Sagen Sie mir bitte, wie ich das alles verstehen soll, Estelle.

Estelle. Ich weiß nicht, was ich verstanden habe. Niemand kennt den Kirchturm, und deshalb werden auch die anderen Kirchtürme unbekannt. Oder waren Sie nicht dort? Sonst wären Sie unbekannt.

Klaus-Dieter (im Halbdunkel). Nee, der ist doch hier, da steht er, und wir kennen den.

Der Henker. Ich glaube, wir kennen uns von woanders her. Vielleicht finden wir es noch heraus, das würde mich freuen.
(zu Charles) Und Sie, Herr Charles mit dem Partizip? Vielleicht wissen Sie etwas, das Sie mir erklären könnten. Denn was man weiß, kann man erklären, nicht?

Charles. Bitte, Madame, oder ist es Ihnen –

Estelle. Aber ja, wenn Sie etwas wissen, müssen Sie es suchen.

Charles. Wenn Sie meinen.
(zum Henker) Pardon bitte, Herr Scharfrichter, falls ich Ihnen vorhin arrogant erschienen sein sollte, das war nicht meine Absicht. Denn arrogant bin ich nicht, ich kann gar nicht arrogant sein, denn ich weiß dafür zu wenig. Weil ich aber versuche, etwas zu wissen, nur irgend etwas, wohl etwas über da draußen oder sogar über meinen Eisschrank, obwohl ich ihn wohl kenne, könnte die Suche zu leicht arrogant wirken. Möchten Sie sich nicht setzen? Bitte.

Der Henker. Charles, haben Sie schon mal einen Henker gesehen, der sitzt? Das passt nicht. Also bleibe ich besser stehen, ehe ich henke, nein, gehenkt haben werde. Trotzdem danke.

Klaus-Dieter. Nun lasst ihn doch endlich wen henken.

Emilie. Schscht, Klaus-Dieter – –

Charles. Einmal habe ich einen Henker sitzen sehen, aber das war in einem Land, in dem es nachgerade keine Henker mehr gibt.

Der Henker. Wo soll denn das gewesen sein?

Charles. Das weiß ich nicht, Herr Scharfrichter, der Henker hat mir das so gesagt. Aus dem Grund saß er, das hat er mir so gesagt. Auch weil es da keine Morde gab – nein, nur nicht diese. Ich fragte ihn, ob es denn in diesem Land, in dem wir beide waren, er sitzend, ich stehend, ob es da keine Henker mehr gebe? Nein, die gebe es nachgerade nicht, hat er geantwortet. Und dass es dort Henker gebe, dass es dort naturgemäß welche gebe. Aber er saß.
Das lässt sich nicht verstehen, wie ich es nun drehe oder wende, und vielleicht ist es deshalb nicht wichtig.

Der Henker. Na für mich schon -.

Charles. Naturgemäß. Vielleicht liegt es auch daran, dass dieser sitzende Henker verlorengegangen ist. Wohl wie diese Wahlen? Es geht so viel verloren. Sie sehen nicht hin, und schon ist es verloren. Ja wohl ein ganzes Land oder mehr, wenn man dem, was der Henker mir gesagt hat, glauben mag. Sie können aber jeden danach fragen, und jeder wird sagen, dass er davon noch nie gehört hat. Was geschieht also, wenn etwas verlorengeht, obwohl oder weil jeder es vergessen hat?
Aber bleiben wir bei den Dingen, da verhält es sich zwar nicht weniger entsetzlich, aber da ist es vielleicht zu verstehen. Wenn man versucht, oder wenn man etwas versucht, darf man nicht zu viel wissen. Oder wenn man es sucht und es schon vergessen hat oder noch nie davon wusste. Stellen Sie sich vor, Sie kennen etwas nicht mehr – sagen wir, den Bahnhof. Das kann vorkommen. Es kommt wohl viel öfter vor und in viel größerem Maß, ja Ausmaß, als man sich das so denkt. Oder stellen Sie sich vor, jemand kannte etwa – den Bahnhof, und plötzlich wird er ihm unbekannt. So wie dieser Herr Ü-, dieser Herr Wieauchimmer. Also war er ihm schon immer unbekannt. Was passiert dann mit dem Bahnhof, ab wann? Und was ist mit jenen, die den Bahnhof noch kennen? Also wird der Bahnhof nicht plötzlich unbekannt, verloren, sondern es gab nie einen Bahnhof, nie das Wort, nicht einmal die beiden Silben. Bahn – Hof. So wie Ü. Nie. Aber gibt es Fälle, in denen sich jemand an etwas erinnert, das nie dagewesen ist. Nein, noch nie dagewesen ist. Verstehen Sie? Ich meine: Verstehen SIE das?

Der Henker. Nein. Ich tue es bloß.

Charles. Eben, Herr Scharfrichter, das ist es ja. Das Unbekannte und das Erinnern des Unbekannten ist das einzige Tun, ob nun davor oder danach. Wie passt das zusammen? Stellen Sie sich vor, Sie kannten diese Morde oder nur den Rauch oder den Kirchturm, und plötzlich, nein nicht plötzlich, wird er unbekannt. Nur wissen Sie es nicht, denn er war Ihnen schon immer unbekannt wie Ihr Eisschrank. Pardon, nicht Ihrer, Herr Scharfrichter. Jedoch das waren Sie, der das gemacht hat. Ich sage gemacht, natürlich nicht veranlasst!, denn das wäre arrogant, ja unverschämt -. Und ich sage Rauch oder Kirchturm, aber nicht Erinnerung oder Wissen oder gar Jemand, denn was geschieht mit jemandem? Stellen Sie sich nur vor, mit wie vielen Dingen das geschieht, mit Bahnhöfen und so weiter, und nicht nur mit – Ostmauern. Einen Henker gab es, der unbekannt geworden ist. Ich weiß nicht, was das bedeutet.

Der Henker. Ich habe wirklich keine Ahnung. Bitte reden Sie doch weiter. So lange habe ich frei.

Charles. Das ist ein Gedanke, den man auf keinen Fall zu Ende denken darf, Herr Scharfrichter, das müssen Sie doch wissen. Naturgemäß wissen Sie es. Nein, Sie tun es bloß, aber das wissen Sie. Was ist mit diesen Wahlen oder naturgemäß mit der Ostmauer, die plötzlich unbekannt wird? Ob man nun über die Schulter sieht oder nicht. Sie wissen, dass Manches nur neben Ostmauern geht, ja dass es überhaupt nur dort denkbar nein vorstellbar ist, ob nun vergessen oder nicht!, sofern es eine Ostmauer gibt, nein sofern es nur irgendwo eine Ostmauer gibt. Bloß die Vorstellung einer nein das Denken an eine Ostmauer, die es dann gibt. Aber sie wird plötzlich unbekannt, nein nicht plötzlich: Es gab sie nie. Was ist Kei-ne-Ost-mau-er ohne die drei nein fünf Silben? Oder kein Herr Ü-wieauchimmer mit einer Silbe? – Mein Eisschrank weiß es auch nicht.

Estelle. Doch, er wusste es. Wollten Sie ihn mir nicht zeigen?

Charles (plötzlich völlig erschöpft). Doch, ja, sofern Sie gestatten. Weil das Dinge sind, die etwas bedeuten, ja die nicht GETAN werden müssen, weil sie nicht zu suchen sind.

Der Henker. Und bei der Grammatik?

Charles. – – ! ! Das habe ich nicht bedacht.

Der Henker. Eben bei der Grammatik, Charles. Weil ich nach der Grammatik Henker bin. Nur danach. Das wissen Sie ja. Was ist denn mit der Grammatik? Da muss drinstehen, wen ich henken soll, wo steht das? Wer macht mir eine Grammatik mit den Regeln?

Charles. Das weiß ich nicht, ich verstehe die Grammatik nicht. Denn das sind Dinge, die zu viel miteinander gemeinsam haben, als dass ich sie wissen könnte. Und es sind ja keine Dinge!, denn das wäre viel einfacher bei Dingen.

Klaus-Dieter. Ich sag auch immer, dass das Leben kompliziert is‘.

Estelle. Kennen Sie sie nicht, Charles?

Charles. Die Dinge? Nein. Zu viele davon sind unbekannt, Madame. Und manche Dinge sind gar keine. Wenn Sie nicht da wären –

Klaus-Dieter. Wann seht ihr euch denn jetzt mal den Kühlschrank an?

Emilie. Aber Klaus-Dieter, es ist doch ein Eisschrank, lass doch.

Klaus-Dieter. Man kann auch einen Gefrierschrank ansehen. Und lieber nicht wissen, was da so drin ist.

Emilie. Aber warum -.

Klaus-Dieter. Klar, du weißt ganz gut, was so alles in deinem Besenschrank rumklötert, Emilie, keine Angst, ich sag’s nicht weiter.

Der Henker. Der Klaus-Dieter kennt Besenschränke, von denen bisher noch keiner geredet hat. Wie schön. Und Charles kennt die Ostmauer nicht mehr, oder fast kaum mehr. Und ich weiß nicht, woher ich Estelle kenne, und ich habe gar keinen Glauben oder Grammatik. Emilie, wissen Sie jetzt, ob oder wie man Scotch trinkt?

Klaus-Dieter. Trinken und getrunken werden, sag ich immer!, und wer zahlt, muss dran glauben.

Emilie. Danke ja, Herr – Herr Henker, ich weiß es, man trinkt ihn, Klaus-Dieter hat es mir erklärt.

Der Henker. Sind Sie sicher?

Emilie. Nicht so ganz.

Der Henker. Sind Sie nicht -?

(Erstarrung. Es passiert wieder nichts. Der Chor setzt ein mit Bachs „Ich hatte viel Bekümmernis“. Der Scheinwerfer geht auf die Suche nach etwas, das passiert, und findet Emil, den Kannibalen)

Klaus-Dieter. Ach so, der.

Emilie. Wieso -?

Klaus-Dieter. Na um den geht’s doch hier. Schnallst du das nicht?

Charles (aus dem Halbdunkel, über die Schulter). Sie sollten wohl doch noch etwas zu trinken bestellen.

Klaus-Dieter. Yep. Bei der Musik. Wie ist denn der Running Spliff?

Ober (heraneilend). Gestatten, der Running Spliff ist mit Salmiaksorbet, aber leider ohne Hohlhippen, obwohl es auf Wunsch des Herren da drüben nun etwas Ähnliches gibt.

Klaus-Dieter. Klingt irgendwie knorke. Zwei! Emilie bezahlt die ja. Und einen Sex-on-the-beach, wegen der Stimmung hier.

Ober. Sehr wohl, der Herr.

Klaus-Dieter (ruft hinter dem Ober her). Bravo, Sie sind ja der Einzige, der überhaupt was tut. Außer dem da.
(zeigt auf Emil)

Ober. Küss die Hand, der Herr.

Emilie. Aber Klaus-Dieter, der kann doch nichts dafür -.

Der Henker. Das müsste ich jetzt mal herausfinden. Ob Emil etwas dafür kann. Ob dafür oder nur für sich selber. Wie soll ich das nur machen. Charles weiß es nicht, Klaus-Dieter weiß nur was über Getränke, und Sie, Emilie, kennen Emil ja nicht. So heißt er. Estelle, was sagen Sie denn dazu, was ist mit Emil?

Estelle. Ich kenne keinen, der etwas für etwas kann, und auf Kirchtürmen ist nichts, das so heißt. Oder neben Eisschränken. Er ist wohl unbekannt. Er macht mich nachgerade bedrückt-.

Der Henker (zu Emil). Finden Sie?

Emil. Was?!

Der Henker. Ob Sie sich nun unbekannt sind oder nicht. Das kann doch nicht so schwer sein zu wissen.

Emil. Bin ich.

Klaus-Dieter. Schwer oder unbekannt?

Der Henker. Das kann nicht sein, Emil. Sie essen sich ja selber. Jeder sieht es. Und keiner sieht hin, wie Sie sich selber essen. Nicht zu glauben. Wollen Sie mir Konkurrenz machen? Sagen Sie mal.

Emil. Das meinen Sie nicht Ernst.

Der Henker. Meine ich doch. Lieben Sie sich selber so, dass Sie sich essen? Wie weit würden Sie denn gehen? Man kann was von Ihnen lernen!, von wem denn sonst?

Emil. Es ist doch keiner hier. Die tun alle nur so. Ich aber nicht, ich tue nichts. Ich bin mal von wo entkommen, und jetzt tue ich nichts.

Der Henker. Doch doch, das ist bestimmt Selbstliebe oder Eigenliebe, und Sie tun so. Hier würde doch kein Anderer sich selber -.

Emil. Sagen Sie’s doch.

Der Henker. Ich denk ja nicht dran, Emil. Keiner liebt sich selber genug, um sich zu essen. Die sind sich alle selber zu eklig dafür. Meine Güte, man isst Salmiaksorbet aus diesem Glas da, oder oder –

Charles. Hohlhippen.

Der Henker. – oder Hohlhippen. Aber Sie -. Jeder sieht’s, aber keiner sieht hin. Ich hab ja keine Ahnung.

Emil. Ach wo. Niemand merkt’s. Es wär ja für keinen neu, jeder weiß es, nur entkommt keiner, und übrigens gibt es niemanden.

Klaus-Dieter. Dich gibt’s auch bald nicht mehr, wenn du so weitermachst.

Der Henker. Kann schon sein. Aber für Sie ist das egal, Emil, weil Sie sich ja lieben. Wie kann man das wissen?, es ist zu bedrückend, würde Charles fragen. Obwohl grad der ja nie was fragt.

Emil. Nein, das ist doch überhaupt nicht so. Das ist doch viel einfacher. Es ist so: Ich bin sowieso nicht da, und dass ich hier etwas sage, das scheint nur so. Keiner ist da. Nicht Sie, und nicht mal der Bach ist da. Oder ist hier einer? Doch, einer isst. Keiner ist da und jemand anders zu sein ist gelogen, und weil das nur gelogen ist und nichts Anderes als gelogen, gibt es keinen, mich auch nicht. (isst)

Der Henker. Nichts ist gelogen. Deshalb gibt es mich ja, und deshalb tue ich, was ich tue.

Emil. Ach wo. Dass Sie noch da sind oder für was, ist gelogen. Und jetzt lassen Sie mich, ich hab Ihnen alles gesagt.

Estelle (in den leeren Raum hinein). Und wenn man nicht da wäre?

Der Henker. Danke für die Erklärung, Emil, und jetzt werden Sie gehenkt. Nehmen Sie es mir nicht übel -. Ach so, das werden Sie nicht, denn Sie sind ja nicht da, ich bin auch nicht da, und also wird nichts passieren.
(er packt Emil ohne Anstrengung)

Charles (zu Estelle). Sehen wir nicht über die Schulter. Aber es gibt die Ostmauer, nun ja, noch gibt es die Ostmauer fast, und Hohlhippen gibt es ja auch noch, so wird gesagt.

(Der Henker schleift Emil mühelos ins Halbdunkel, schlägt mit dem Beil zu. Er wendet sich ab und setzt sich unauffällig hin. Der Chor intoniert Bachs „Mit Fried und Freud ich fahr dahin“)

Estelle. Was gesagt wird, ist nicht wie an den Sonntagnachmittagen, denn es ist so, als wenn es da wäre, da draußen. Und die Anderen?

Charles. Die Anderen sind auch nicht gelogen. Gelogen, das ist ein Wort wie gehenkt, aber nicht wegen der Grammatik, und es verschwindet nicht, so bald es jemand gesagt hat. Gehen Sie nicht weg. Ist da etwas geschehen?

Estelle. Was? Ich kenne auch keine Ostmauern. Ich kenne nur eine, wo es hinunter geht.

Charles. Fragen lässt es sich nicht.

Klaus-Dieter (betrunken). Nehmt ihr euch eink’lich so richtig ernst?

2. Akt.

(Selbes Bühnenbild, selbe Personen. Bachs Chorsatz klingt aus. Der Scheinwerfer sucht, ob etwas passiert, findet den Tisch von Emilie und Klaus-Dieter.)

Emilie. Bach -.

Klaus-Dieter. Und ich trink jetzt gar nichts mehr.

Emilie. Mit Fried und Freud ist er nicht dahingefahren –

Klaus-Dieter. Der Bach ist vor dem Freud dahingefahren, du Schnalle.

Emilie. Und was der Henker gesagt hat, nein, das hat gar nicht gestimmt.

Klaus-Dieter. Es wird nichts passieren, hat er gesagt, stimmt!, es passiert hier nix.

Emilie. Er hat gesagt, dass ich ihn nicht gekannt habe, und das war gar nicht wahr. Den Emil -.

Klaus-Dieter. Wieso sitze ich immer mit Emilie irgendwo rum, wo nix passiert.

Emilie. Emil. Ich hab ihn gekannt. Den Emil -.

Klaus-Dieter. Es könnte doch mal was passieren.

Emilie. Er hat so anders ausgesehen -.

Klaus-Dieter. Aber gar nix passiert.

Emilie. Ich habe ihn erst erkannt, als er da hinten -.

Klaus-Dieter. Man sitzt und trinkt was, aus.

Emilie. Da war es zu spät um zu schreien, Emil, das bist ja du.

Klaus-Dieter. Die hippen Siebziger, die haben wenigstens noch gerockt, glaub ich.

Emilie. Ich habe ihn erst da hinten erkannt, als er -.

Klaus-Dieter. Und die coolen Achtziger haben gesaust, ach ja, gesaust haben die.

Emilie. Das ist jetzt ganz taub. Ganz taub.

Klaus-Dieter. Und die smarten Neunziger haben gesmasht. Gesmaaasht.

Emilie. Und dieses Elend.

Klaus-Dieter. Aber jetzt? Nix passiert mehr.

(Gepolter, Bewegung, volle Scheinwerfer, Vater Übüh und sein Gefolge stürzen herein. Licht, großer Lärm, Geschrei „Aal-hu!!, Aal-hu!!“)

Klaus-Dieter. Na endlich, aber ist doch auch wieder nur ’ne Party, oder?

Vater Übüh (wirft sich in Positur). Schreiße nochmal, Ruhe! So wahr ich euer Vater Übüh bin! Unser Kampf um die alleinige Wahrheit ist ein heiliger Kampf, und er ist so geil, und ich hab doch die Wahlen gewonnen! Ich, euer Vater Übüh! Schreiße nochmal, Ruhe!!, jeder kommt hier zu Wort, aber jetzt rede ich!
Ah Taten begangen, und die Wahlen!, die hab ich euch geschenkt und Nägel mit Köpfen gemacht, und die Ungläubigen ham’mer genagelt!, die Wahrheit haben wir gelebt ja gar Heiliges!!, oh Tod!, heiliger Tod!!, alles da draußen zerrissen haben wir und immer heilig und alle Ungläubigen geköpft. Das war so geil! Und die Wahlen gewonnen! Jeder lügt, der sagt, dass das nicht geil ist! Und heilig ist das auch noch! Was kann einer meeehr wolllllen?!

Lasst uns nun zu Allevater beten, um uns zu heiligen!, los, alles hier auf die Knie!, auf die Knieee sag ich!!, Stirn auf den Boden!, Aal-hu!!, Aal-hu!!, jawollja. Aal-hu!!, Aal-hu!!, jawollja. Aal-hu!!, Aal-hu!, Aal-hu!!, Aal-hu!!, Aal-hu!!, Aal-hu!!, jawolljaaaaa

(Jubel)

Vater Übüh. Hach Aal-hu!, es ist doch immer wieder heilig und geil. Ich bin doch wie ein Vater zu euch! Der AAL!, Aal-hu!!, Aal-hu!!, und es steht geschrieben, ihr sollet beim Beten und beim Fasten den Aal nie vergessen, denn er fresset sich in den Wassern hinein in die Ungläubigen, auf dass sie verdürben. Geil.
Dabei wollen WIR die doch köpfen, Schreiße nochmal!, und dann können die Aale sich an denen dickfressen.

(Jubel)

Klaus-Dieter. Also das ist ja mal ’ne echte Party. Die Zombies und die Langoliers und so.

Vater Übüh. Hä? Wer bist du denn da? Ungläubiger mit Lockenkopp? Schreiße. Soll ich dich zerreißen?

Klaus-Dieter. Ich hab euch doch im Fernsehen gesehen.

Vater Übüh. Die Wahlen! Und, war ich gut?

(Jubel)

Klaus-Dieter. Hui!, da passierte doch mal was! Der Emil, war der Emil nicht einer von euch? Der war mal ein Freund von mir, der Emil. Ein guter Freund, ein Mitkämpfer…

Emilie (sackt vom Stuhl). – –

Vater Übüh (springt heran). Schreiße nochmal!, der Emil war mal einer von uns!, ein Heiliger!, aber er hat uns verraten und ging weg!!, der wurde zum Ungläubigen!, und die da ist eine Ungläubige! Heilig haltet das Zerreißen!! Die mach ich fertig.
(Vater Übüh will Emilie zerreißen. Klaus-Dieter zuckt weg.)

Der Henker (schiebt sich dazwischen). Halt, bitte. Dafür bin immer noch ich zuständig. Und die Dame wird noch gebraucht.

Vater Übüh. Was glaubst du, du Henker?!, na gut!, ich will mal nicht so sein!, ich bin doch wie ein Vater zu euch allen und hab die Wahlen gewonnen!, Aal-hu!!, Aal-hu!!, alles trinkt hier auf meine Rechnung!, und wir werden ja noch sehen, wer hier was macht. Die gehört fertiggemacht!, die Ungläubige da! Die, und die da! Fertiggemacht!
(wirft sich zwischen sein Gefolge)

Charles (leise zu sich). Nietzsche würde sagen, desavouieren, oder jemandem einen tort antun. Es gibt keinen Nietzsche mehr. Nietzsche hat die Zerreißer zerrissen. Was wird aus den Dingen, die sich selbst desavouieren?

Estelle. – – Ich will den Rauch. Hier nicht, hier ist kein Rauch so entsetzlich wie am Sonntag, hier niiicht!!, und ich habe den Rauch nie gesehen, als er mich ansah. Das will ich nicht.
(zieht eine Metallflasche aus der Tasche)

Charles. Heute ist jedoch Donnerstag, sehen Sie, Madame. Nein, sehen Sie nicht hin. Das, Estelle?, bitte!, wenn Sie nicht da wären –

Estelle. Niemand ist da.
(entstöpselt die Flasche)

Charles. Estelle? (schnüffelt an der Flaschenöffnung, fährt zurück), das ist Gift, Estelle.

Estelle. Der Rauch war am Himmel und nicht, ich kenne nur diese Sonntage, aber nicht hier!, nicht hier.

Charles (entwindet ihr die Flasche, stöpselt sie zu, steckt sie ein. Leise zu sich).
Was IST das alles?! Und was bin ich-?

Der Henker (kommt heran). Ich henke, also bin ich. Und ich henke auf eigene Rechnung, so bin ich, ja wie entsetzlich. Ich hab keine Grammatik des Henkens, Charles, verstehen Sie?

Charles. Das verstehe ich nicht, weil ich von dieser Grammatik nur verstehe, dass sie wie Gift und unbekannt ist. Und selbst das verstehe ich nicht.

Der Henker. Der da (deutet heimlich auf Vater Übüh) macht Kitsch, er ist ein Kitschkopf durch und durch, so einen KITSCHKOPF hat man ja noch nie gesehen. Aber er ist meine Grammatik des Henkens. Nein, des Gehenkthabens. Meine einzige. Er. Verstehen Sie?

Charles. Nein, Herr Scharfrichter – ich verstehe nur das Partizip, in diesem Fall den Genitiv. Nein, den Imperfekt. Obwohl Sie das Partizip perfekt beherrschen.

Ober (rennt heran). Noch jemand einen exklusiven Cocktail, die Herrschaften? Wir haben einen ganz exklusiven Green Zombie, natürlich Bloody Mary frisch gepresst oder einen herrlichen Sex-on-the-beach, alles mit Hohlhippen, sie heißen jetzt Waffelröllchen!, wir haben ganz exklusive aus Cordoba bekommen, extra für Sie eingeflogen aus Cordoba, die Herrschaften.

Vater Übüh. Al-, Al-, Aaaalkohol?! Schreiße! Kommt ja nicht in Frage! Verboten!! Aal-hu!! Aal-hu!!, jawollja. Mach das Zeug gefälligst aus Tee, aus Zimttee oder was, aber dalli! Sieben Sex-on-the-beach aus Zimttee und Pfeffer für mich, sofort!, und drei Kartons mit diesen Waffenröllchen!

Ober. S-sehr wohl, der Herr. Jetzt immer ohne Alkohol, der Herr. Wir hatten noch nie Alkohol.

Charles (leise). Ober, könnten Sie einen Hilfskellner gebrauchen? Sofern Ihnen das bekannt ist. Ich könnte jetzt Hilfskellner sein, denn Sie haben zu viel zu tun.

Ober. Aber mein Herr -?

Charles. Bitte. – Ich bezahle dafür

(beide ab)

Vater Übüh. Ich habe Durst!, Durst ist heilig wie das Köpfen!, und Zerreißen und so viel Suuudel und Popolitik machen verdammt durstig. Ihr habt alle verdammten Durst nach der Heiligkeit!, diesen verdammten Durst!, Aal-hu!!, Aal-hu!, jawollja. Ich bin doch wie ein Vater für euch!, trinkt auf meine Rechnung, ich hab doch die Wahlen gewonnen und bin hübsch im Fernsehen, einer hat es gesagt!

Klaus-Dieter. Ich hab das gesagt, Vater Übüh. Ihre Party ist schon heilig, das muss man doch mal sagen dürfen. Sagen Sie, haben Sie auch was mit den Juden vor?, ich hab das gesehen im Fernsehen, aber über Juden haben die nicht so richtig was gesagt im Fernsehen. Hm?

Vater Übüh. Ja wer bist denn du Schreiße?!

Klaus-Dieter. Ich bin der Klaus-Dieter, und Sie haben die Wahlen gewonnen, Vater Übüh!, ähem, Aal-hu!!, Aal-hu!! Haben Sie noch einen Posten frei? Ich kann Programme schreiben oder ’nen Computer reparieren für Sie, mit Heiligkeit und so, und Sie machen was gegen die Juden?, also das find ich knorke. Muss doch mal gesagt werden hier.

Vater Übüh. Juden?! Ah duuu bist goldrichtig, Knause. Klaus-Dieter. Komm mal mit, komm zu uns!, ich zeig dir die Heiligkeit und wie schreißgeil das ist, mit mir die Wahlen zu gewinnen und so. Und gegen die verdammten Juden geht immer was. Wo bleibt denn der Sex-on-the-beach so lang!!

(Der Ober und Charles mischen hinten hektisch Cocktails)

Der Henker. Herr Übüh-. Vater Übüh.

Vater Übüh. Dich kenn ich doch?, ’ne unbekannte Größe. Was ist mit dir, du Henker? – Einsam?

Der Henker. Ja.

Charles (schleppt mit dem Ober Cocktails heran). Er hat keine Grammatik des Gehenktwerdens, der Herr. Pardon.

Vater Übüh. Dann zeig mir mal was du kannst, Henker.

Der Henker (packt vorsichtig Emilie). Verzeihen Sie, Frau Emilie, wegen Emil. Ich muss das Entsetzliche tun, sonst bin ich nicht wirklich, und das geht nicht mehr.

Emilie. – Damals!!, ich habe Emil geliiiebt damals, und was ist aus ihm geworden? Was ist aus mir geworden?

Der Henker. Es tut mir Leid. Denken Sie nicht mehr dran.
(schlägt zu)

Vater Übüh. Aal-hu!!, Aal-hu!!, bravo bravo, du Henker, mein Henker!!, los, alles hier auf die Knie!, auf die Knieee sag ich!!, Stirn auf den Boden!, Aal-hu!!, Aal-hu!!, jawollja. Aal-hu!!, Aal-hu!!, jawollja. Aal-hu!!, Aal-hu!, Aal-hu!!, Aal-hu!!, Aal-hu!!, Aal-hu!!, jawolljaaaaa

(Jubel)

Vater Übüh. Heilig haltet den Tod und die Wahrheit, wie es geschrieben stehet. Heilig!! Oh Tod!
(stürzt Cocktails hinunter. Sein Gefolge stürzt auch Cocktails hinunter.)
Einen kühlen Schluck jetzt! Los ihr Ober da hinten, Cognac ooohne Al-, Al-, Alkohol!, ’nen kühlen Schluck für alle auf meine Rechnung!, aber sofort!

Charles (von hinten, Cognac eingießend). Hierbei finde ich es am Entsetzlichsten, dass der Wunsch nach einem kühlen Schluck dann übergeht in eine Bestellung von Cognac.

Vater Übüh (packt Estelle und zerreißt sie).
Die war keine von uns! Die war eine Ungläubige! Das seh ich doch sofort. Wie wir es da draußen machen, so machen wir es überall! Aal-hu!!, Aal-hu!! Die ist jetzt für die Aale in den Wassern, wenn wir heilig beten und heilig fasten, auf dass sie sich schlängeln und sich mästen, wie es geschrieben stehet. Geil.
(stürzt Cognac hinunter. Alle stürzen Cognac hinunter. Charles hinten bedeckt sich das Gesicht.)

Vater Übüh. Wir haben nun gesudelt und Popolitik gemacht, jeder darf mal!, und ich hab doch die Wahlen gewonnen! Und ihr tragt mich auf Händen! Vater Übüh frisst seine Kinder nicht. Ich bin doch wie ein Vater zu euch. Ich ernenne euch alle zu meinen Chef-Händenträgern, was sag ich, zu meinen Chef-Ober-Masseusinnen!, Aber wenn ihr mich kitzelt, zerreiße ich euch.
(greift sich an die Brust)

Klaus-Dieter (nickt). Die Ungläubigen, und die Juden.

Der Henker. Warum ziehen Sie sich nicht dieses ondulierte gebügelte schäbige Kostüm aus? Sie Mitläufer.

Klaus-Dieter. Ich soll mich ausziehen? Gefall ich Ihnen?

Charles (Cognac servierend, leise zu sich). Entsetzlich.
(zu Klaus-Dieter.) Nennen Sie es Eigenschaften, Klaus-Dieter. Ich selbst habe keine Eigenschaften, also weiß ich leider, was Eigenschaften sind. Sie selber haben Eigenschaften, Sie können also nicht wissen, was Eigenschaften sind. So wie ich nicht wissen kann, welche Eigenschaften der Bahnhof oder der Kirchturm oder der Henker haben. Sie verstehen?

Klaus-Dieter. Ab und zu muss halt einer dran glauben.

Der Henker. Ich habe meine Aufgabe. Ich wollte immer meinen Sinn!, das ist er, und so wird es jetzt weitergehen. Das ist Glauben, das muss er sein. – Schließlich rinnt Cognac unten einfach raus, wenn so ein Kopf abgeschlagen ist. Sie können reinschütten was Sie wollen, der Blumentopf ist unten ab. Aber Sie sind ein verdammter Mitläufer, Sie Konvertit.

Klaus-Dieter. Was verdient man da so, wenn man in Blumentöpfen macht?

Charles (leise zu sich). Dieser läuft vor seinem Cognac davon, obwohl er ihn trinkt.

(Vater Übus Gefolge greift sich an die Brust, trinkt, greift sich an die Brust.)

Ober (dezent). Pardon, meine Herrschaften. Wünschen Sie noch etwas musikalische Untermalung? Es wäre eine Ehre für unsere Kapelle und natürlich für die Direktion, Sie mit einem Chor von Bach unterhalten zu dürfen.

Der Henker. Können die den Choral „Hasse oh hasse mich recht, feindlich’s Geschlecht?“
(greift sich schmerzverzerrt an die Brust, fällt um, steht auf, greift sich Klaus-Dieter.)
Vater Übüh, das tue ich für Sie.

Klaus-Dieter. Nein, ich will hier sitzen und zusehen! Bleiben Sie doch cool!

Der Henker. Tja mein Klaus-Dieterli, so cool wie Sie war ich noch nie.
(schlägt zu. Fällt wieder um, windet sich. Vater Übüh und sein Gefolge fallen um, winden sich, röcheln.)

Ober. Aber Sie sind doch Vater, Herr Übüh!

Vater Übüh. Aber zu dir bin ich doch auch wie ein Vater, und ich hab die Wahlen gewonnen!, und denk doch an all das Heilige!! Aal-hu!! Aal-hu!!

(Vater Übüh und Gefolge winden sich und sterben. Der Ober rennt weg. Charles beugt sich über den Henker.)

Der Henker (sterbend). Ich werde Ihnen sagen, wie es jetzt weitergeht. Erst wird der Vorhang fallen. Und dann werden Sie alle gehenkt. Das verstehen Sie doch?, das ist der Sinn vom Ganzen hier. Seien Sie nicht traurig.

Charles. Ja -. Soviel glaube ich zu wissen: Wenn der Vorhang fällt, sind wir alle nicht mehr da.

– Vorhang –

(die Bilder sind aus dem Burgtheater in Wien – wahrscheinlich. Aus Wien auf alle Fälle)