Archiv der Kategorie: Philosophisches

Naturrecht, Inspiration und sanktionierte Zivilisation

Dieser Kommentar zu meinem sprachlich angepassten Artikel 1 Satz GG und gestrichenem Satz 2; eine Antwort auf die Frage woher überhaupt Grundrechte kommen (die der erwähnte Artikel ja schützen soll), gefiel mir so gut den gibt es jetzt (leicht gekürzt) als Gastbeitrag. Nur die Überschrift, die stammt von mir. Und der Stich im Bild hat auch schon ein paar Tage aufm Buckel. In der Überschrift (das muß man bei der aktuellen ständigen Umdefinition von Begriffen vielleicht dazusagen) verwende ich sowohl „Inspiration“ (=Eingebung von oben, Erkenntnis von außen) als auch „sanktionieren“ (=absegnen, gutheißen) im ursprünglichen Wortsinn. Naturrecht auch, aber das Wort kennt sowieso kaum jemand, weshalb ihm eine ständige Neudefinition nicht so oft passiert ist wie den anderen beiden.

Was dagegen zum Naturrecht gehört und was zur Zivilisation, darüber schreibt Ari:

Naturrecht, Inspiration und sanktionierte Zivilisation

Ein Gastbeitrag von Robert Cohn

[D]as Recht, das Grundrecht zumal; wo kommt es her?, und wer erteilt wem ein Grundrecht?, zumal es ja erstaunlich einfach ist, einfach mal ein paar Grundrechte zu streichen, wenn man […] als Minister am Drücker sitzt. Dann sind diese Grundrechte nichtmal mehr theoretisch, sondern weg.

Ursprung des Rechts: Da gibt es die Naturrechtler seit dem siebzehnten Jahrhundert (vielleicht auch schon Picco della Mirandola dreihundert Jahre vorher), die meinen, dass den Leuten von Natur aus Rechte gegeben seien. Das war zwar eine fortschrittliche Idee, denn sie argumentiert für Allgemeinrechte gegen partikulare Herrschaftsrechte, also gegen jene, die immer gleicher sind als die anderen Gleichen. Aber sie postuliert Natur dort hin, wohin sie nicht gehört. Unter Natur verstanden die Naturrechtler von Locke bis Spinoza und von Picco della Mirandola bis Rousseau einen gütigen, humanen, ideal altgriechischen Zustand, in dem das Individuum frei sei.
Die Naturrechtler wurden alsbald von ihrem eigenen Idealismus eingeholt, denn je mehr man sich (außerhalb der antiken Philosophie) mit dem Fressen und Gefressenwerden und mit dem Ursprung der Arten auseinandersetzte (Dichter wie Opitz und Gryphius nach dem 30jährigen Krieg, Zoologen wie Lamarck und Linnaeus in der Aufklärung des achtzehnten Jahrhunderts), um so klarer wurde es, dass sich aus der Natur kein allgemeines Menschenrecht ableiten lässt. Friedrich Nietzsche wusste das gut.

Gegen die Naturrechtler, die es auch schon in der römischen Antike gab, stand seit je her das Judentum. Darin geht es sehr streng und sehr eindeutig zu: Recht wird demnach ausschließlich nach allgemeinen Verhandlungen von ganz oben erteilt, auf dem Har’Ssinai, als Moses da hochstieg, um die Torah zu bekommen. Da wurde das Recht erlassen, das Recht schlechthin. Vorher gab es kein Recht, sondern Barbarei, das Primat des Stärkeren, allgemeine Verantwortungslosigkeiten und allerlei Unklarheiten wie einst im Paradies, als Eva von der Frucht aß, weil sie auf Einflüsterungen hörte, dass sie dadurch werden könne wie Gott. Und als Adam einfach mitmachte, ohne zu sagen, ja-aber.
Adam und Chava waren noch keine Menschen, denn sie lebten unter gütigem Kuratel. Aber sie wollten plötzlich so werden wie Gott. Nix dazwischen! Ja so einfach geht das doch nicht.

Chava hat dann, als sie gefragt wurde, was sie denn bewogen habe?, einfach mal so die Verantwortung für ihre eigene Entscheidung abgestritten, sondern sie meinte, die Schlange sei Schuld, und Adam sagte gar nichts. Beide kauten noch.

Also hat qua Judentum der Naturzustand einfach nicht hingereicht; denn wenn einer menschliche Verantwortung hat, dann muss er mitten in den Gegebenheiten der Natur (außerhalb des Paradieses) leben und dabei möglichst menschlich bleiben. Oder menschlicher werden. Alles wieder mal gar nicht so einfach ^^

Weswegen viel, viel später dann Moses mit den Luchess vom Berg herunterkam, aber die Tojre passte ja nicht drauf, es standen bloß die Zehn Gebote drauf (der jidische Gelehrte Mel Brooks meint freilich, es seien erst fünfzehn Gebote gewesen, was keiner widerlegen kann 😀 ). Das Volk (entlaufene Sklaven) diskutierte und protestierte, so wie das Volk das ebenso gern wie immer tut, und Moses ging wieder auf den Berg, kam wieder herunter, ging wieder hinauf.
Heißt: Zwischen dem Gesetzgeber (der Ojberschter, boruch Ho’Schejm), dem Hauptverhandler (Mojsche) und dem Volk (der Souverän, dem es oblag, das Gesetzbuch anzunehmen oder nicht) herrschten Verhandlungen. Es wurde ausgehandelt, was Recht sei, und was es nicht sei. Etwa, dass es sich um Menschenrecht handeln müsse, denn die Zehn Gebote sind kein Stammesrecht, kein Gruppenrecht und kein Partikularrecht, sondern sie sind Individualrecht mit dem Einzelnen als Rechtssubjekt, ja?, das sich auf die ganze Menschheit bezieht.
Und er sah, dass es gut war, und selbst Moses-Cornutus, der sich äußerst über das Volk mit seinem plötzlich aufgewärmten neoägyptischen, sklavischen goldenen Kalb ärgerte, sah, dass es gut war, und das Volk begriff schließlich, dass es keine andere Wahl hatte, als vom Daueropfer- und Sklavendasein durch eigene Entscheidung wegzukommen: Es war gefragt worden, hatte verhandelt, hatte dem Ergebnis zugestimmt.

So kommt laut dem Judentum Recht zustande. Das ganze jüdische Volk hat darauf geschworen: „Schamor ve sachor, wir werden es bewachen und bewahren und es anwenden und uns erinnern.“ Seitdem sind die Zehn Gebote nicht verhandelbar oder gar abschaffbar: Denn-die-gelten.
So die jüdische Meinung und die jüdische Realität seit Moses Zeiten bis heute. Dreitausenddreihundert Jahre immerhin. Besser als so geht’s nimmermehr.

Das jüdische Recht, das in der Folge von den Christen leicht modifiziert in Kontinente umgreifendem Maßstab angewandt wurde, ist kein Naturrecht. Es ist göttlich gesetztes, allgemeines Bürgerrecht, weil der Einzelne nur auf diese Weise vor Tyrannei, Theokratie oder Umsturz geschützt ist – damit er keiner Rechte verlustig geht. In den Zehn Geboten steht Rechtsgleichheit der Individuen unabhängig vom sozialen Status oder vom Geschlecht (daraus folgt zwingend die Abschaffung der Sklaverei, und daraus folgt auch die Meinungsfreiheit), darin stehen Eigentumsrecht und der Schutz der Familie, darin stehen das Verbot von Tyrannei und das Verbot, zu morden.
Zivilisierter geht es nicht.
Gerechter geht es auch nicht.
Jeder Versuch einer Modifikation, euphemistischerweise Verbesserung oder gar social justice genannt, hat bisher zu neuer Tyrannei oder zu neuem Gruppenrecht des rechtlosen Fressens geführt.

Meine Antwort drauf fiel wesentlich pragmatischer aus:
„Ich hätte auch gern eine Schusswaffe, so wie sie die Amerikaner haben dürfen – damit würde ich nicht mal was tun, ich hätte sie einfach nur irgendwo zuhause weggeschlossen, damit alle Möchtegern[abschaffer] wissen daß es sie gibt. Aber [Politiker] wüßten eben: denk nichtmal dran, als Politiker bist Du dem Grundgesetz und den Wählern verantwortlich – und es gibt eine Menge Leute denen am Grundgesetz liegt, und die andere Mittel haben eine Regierung zur Verantwortung zu ziehen als nur alle vier Jahre einen bedeutungslosen Stimmzettel irgendwo abzuwerfen oder mit schicken Pappplakaten zu wedeln.
*seufz*
Die Möglichkeit reicht; aber ein vorstaatliches Grundrecht ist ohne die Möglichkeit es gegenüber dem Staat durchzusetzen doch auch nur Papier. Die abschreckende Wirkung ohne (theoretisch) den Wumms dahinter, das funktioniert nur bei der israelischen Atombombe. Von der keiner weiß ob sie wirklich existiert… offiziell gibt es garkeine, aber blöd wäre die israelische Regierung, das hartnäckige Gerücht einer „inoffiziellen“ allzu glaubwürdig zu dementieren: so bekommen sie, falls es wirklich keine gibt, die Abschreckung ohne sich um einen aufwendig zu wartenden Staubfänger kümmern zu müssen. Schick.
Wenn es Politiker von dummen Ideen abhalten soll – dann gehört der aufwendig zu wartende Staubfänger wohl dazu, einfach nur ein Gerücht in die Welt zu setzen reicht da wohl nicht. Mist.“

… wobei ich jetzt im Nachhinein denke, daß ein von oben inspiriertes Recht eben auch etwas ist das man nicht einfach so mal ändert. Deshalb funktioniert es: es setzt sich selbst durch.

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Philosophische Graffiti

Das, was ich vor einigen Tagen gesehen habe, ist nicht so sehr Kunst am Wegrand wie Kunst auf dem Weg … so oder ähnlich hatte ich über den bemalten Bus schon geschreiben. Diesmal ist die Kunst im Wortsinne auf dem Weg: auf dem Gehsteig hier in der Nähe hat jemand eine Umfrage gestartet:

Das war vielleicht auch philosophisch gemeint. Jedenfalls hat es ein Anderer in eine Art Wahlzettel umgewidmet:

Was wieder jemand anderes humoristisch aufs Korn genommen hat, indem noch eine dritte Alternative dazukam:

Erbsensuppe. Das hat schon fast etwas surreales.

Ohne jetzt zu sehr an Esaws Linsen zu erinnern (aber falls mir jemand in den Kommentaren das Rezept verraten kann…), ich würde die Suppe nehmen. Zum einen hat man da wenigstens was im Bauch. Zum anderen wegen des Mathematikerwitzes: ein Mathematiker würde hier immer die Suppe nehmen; denn nichts ist besser als Glück, und Erbsensuppe ist viel besser als nichts.

Kurzgedanken die niemand braucht: Antarktika als neuer Nordpol

Seit gestern steht bei TiN ein Artikel über ein wirklich schlechtes Buch, das Verschwörungstheorien propagiert. Vor allem für einen scherzhaften Austausch von Verschwörungstheorien in den Kommentaren hat es (indirekt durch den Artikel drüber) gesorgt. An einer Stelle hatten Aristobulus, Zeta Ori, und ich darüber diskutiert, wohin denn mit dem Weltregierungssitz. Und falls nach Neuschwabenland, wie sich Klimawandel und tauende Antarktis darauf auswirken (hey, Strand! 🙂 ) – und schließlich meinte Ari, es gäbe bestimmt Pläne, die Antarktis an den Nordpol zu bringen, damit sie auf den Karten oben erscheint. Und die neue Weltregierung damit nach ganz oben kommt. Meine Antwort drauf ist so lang, die ist ein eigener Artikel:

Antarktika, der neue Nordpol:

Man müßte nur die Drehrichtung der Erde umkehren, schon ist der Südpol der neue geografische Nordpol (bei Pluto und Venus und Uranos funktioniert das ja schließlich auch). Gut, wenn man das mit derselben sideralen Rotationsperiode hinbekommt wie jetzt, nur in umgekehrter Richtung, ändert sich auch die Tageslänge, weil sich die Erde auch auf ihrer Bahn um die Sonne bewegt. Es wäre also ein Haufen Rechnerei falls es wieder 24 Stunden Tag werden sollen. Und unser Mond, das ist (strenggenommen) kein Mond, dazu ist er viel zu groß. Wir sind eher so eine Art Binärsystem weil der Mond so verhältnismäßig groß ist daß der Schwerkrafteinfluss der Sonne auf den Mond mehr als doppelt so groß ist wie der der Erde, er also de facto hauptsächlich im Jahr einmal um die Sonne kreist (und dabei mit der Erde um einen gemeinsamen Schwerpunkt – jetzt komme ich gleich schonwieder mit Pluto und Charon an, Nerds, halt). Wenn der Mond also, groß und schwer wie er ist, genauso weiter um den gemeinsamen Schwerpunkt mit der Erde (und eigentlich die Sonne) kreisen würde wie vorher, dann würde er die Erde durch Gezeitenkräfte in die vorherige Drehrichtung zurückziehen. Der Webcomicschreiber Xkcd hat das mal mit einer stillstehenden Erde durchgerechnet – da sieht man, warum 😈

Einfacher wäre wahrscheinlich, das eine der beiden Magnetfelder der Erde umzukehren. Dann zeigen wenigstens alle Kompasse nach Süden statt nach Norden. Ab und zu tut es das sowieso: mit einem rotierenden (schonwieder…) Eisenkern ist die Erde ein magnetischer Dipol (ja, Herr Maxwell, ich weiß, es gibt keine magnetischen Monopole), und die haben eben die Eigenschaft daß sich alle soundsolang im inneren des bestehenden Magnetfelds ein zweites aufbaut in der umgekehrten Richtung. Das wandert dann nach außen, und plötzlich, klapp, ist der magnetische Südpol der neue Nordpol. Altbewährt und speziell bei der Erde schon mehrfach passiert, vielleicht lässt sich das ja beschleunigen. Es hat auch den Riesenvorteil daß auf der Erde nicht viel passieren wird, denn der Sonnenwind, habe ich von alpha zentauri gelernt, kommt in der Zeit des Umklappens im Gegensatz zu dem was die Weltuntergangspropheten behaupten trotzdem nicht bis zum Erdboden, wegen des anderen, des atmosphärischen Magnetfelds. Was ironischerweise genau dadurch entsteht daß die Teilchen eben des Sonnenwinds je nach ihrer Ladung in der Atmosphäre unterschiedlich abgebremst werden. Durch diese Ladungstrennung fließt Strom, und der hat ein Magnetfeld (etwas kryptischer wieder formuliert von Herrn Maxwell). Schöner zu sehen als an der Erde ist das freilich an der Venus (schonwieder…), die sich so gut wie garnicht dreht, aber eine Atmosphäre die sich Sie schreibt und daher trotzdem ein Magnetfeld hat…

… Irgendwie habe ich gerade das Gefühl, daß ich die ganze Zeit versuche, die Erde qua Terra-deforming zu einer zweiten Venus zu machen: Drehrichtung, Magnetfeld; eigentlich fehlt nur noch der Treibhauseffekt. Aber den hatten wir schon ganz am Anfang als es darum ging das Antarktiseis abzutauen, um die Weltregierung nach Neuschwabenland zu verlegen und dort besseres Wetter zu haben. So ging die ganze Sache ja überhaupt erst los. Auch wenn sie dann bitte nicht so weit gehen sollte wie auf der Venus (wobei: das war ja wegen der fast fehlenden Drehung, schonwieder), sonst gibt es keine Welt mehr zu regieren.

Am besten wäre es wohl, einfach die Projektion der Karten zu ändern. Es gibt ja jetzt schon genug australische Weltkarten, die Süden oben und den Nullmeridian an den Rändern haben. Dann werden die einfach offiziell.

P.S. 1: @ Ari: was ist eigentlich aus der Idee geworden, gemeinsam Olivenbäume auf dem Mars zu pflanzen?

P.S. 2: Maxwells Gleichungen sagen übersetzt mehr oder weniger: Elektrischer Strom hat ein Magnetfeld, elektrische und magnetische Felder gibt es überhaupt nur zusammen, beide hängen voneinander ab und beeinflussen sich gegenseitig. Es gibt keine magnetischen Monopole, nur Dipole (mit Nord- und Südpol); aber einzelne elektrische Ladungen (Plus oder Minus). Elektromagnetische Felder ändern sich mit der Zeit wellenförmig. Und breiten sich als elektromagnetische Wellen aus. Licht ist eine elektromagnetische Welle.

Kurzgedanken, die niemand braucht: das Nirvana des Buchdruckers

Mir gegenüber im Bücherregal steht ein recht zerfleddertes Buch. Ich bin nicht die erste, der es gehört: einst stand dieses Exemplar wohl in einer Bücherei, dann hatte es noch minestens jemand anderes; und schließlich habe ich es auf dem Bücherflohmarkt bekommen – umsonst mit elf anderen Büchern zusammen, weil ich ein paar Stunden ehrenamtlich den Flohmärktern sortieren und verkaufen geholfen habe.

Das Buch, das ich gerade anschaue, ist Orwells 1984. Mein Exemplar ist, wie gesagt, recht zerlesen; und irgendeine der Vor-Leser hat engagiert die deutsche Übersetzung einiger Worte an den Rand geschrieben. Eine Leserin, nicht ein Leser; sowohl die Schrift als auch die Idee sehen eher weiblich aus. Es sei denn, irgendeinen armen Schüler hat die Englischlehrerin dazu gequält; länger als bis Seite 30 oder so sind die Übersetzungsversuche nicht durchgehalten. Was, also das übersetzenmüssen und/oder im deutschenglischfranzösischhierspracheeinsetzen-Unterricht durchnehmen, so ziemlich die sicherste Methode ist, jemandem ein Buch zu ruinieren. Was schade ist, es ist ein wirklich gutes Buch.

Mein Exemplar ist durch die Kritzeleien jedenfalls nicht ruiniert. Aber wie das mit Papier so ist: diese Anmerkungen bleiben dort dann stehen. Nicht für die Ewigkeit, aber bis das Buch vollends auseinanderfällt schon. So, wie sie eben dort stehen. Genauso wie der Buchtext selbst. Der Text ist zu sehen, die Anmerkungen sind zu sehen, und was was ist, auch.

Bei einem Ebook wäre das alles nicht der Fall. Nicht nur sind Änderungen bei einem Onlinetext nicht zu erkennen; es ging ja um Ebooks. Auch der bleibende Text ist alles andere als sicher. Wenn ich ein Buch vom Bücherflohmarkt habe, oder aus der Buchhandlung, oder auf sonst einem Weg das physikalisch gedruckte Ding bekommen; dann gehört es mir. Ich kann damit alles möglliche tun – lesen, jemand anderem leihen, reinkritzeln, Seiten rausreißen und Papierflieger draus bauen, den Kamin befeuern – aber es ist da. Oder komplett kaputt. Aber der gedruckte Text ändert sich nicht, und er verschwindet auch nicht plötzlich von den Seiten. Schon garnicht, ohne daß ich das will oder gar merke.

Rein theoretisch geht letzteres mit einem Ebook natürlich. Wer mir eins verkauft, kann es auch zurückziehen oder ändern. Ohne mich zu fragen. Darf und tut ist dann praktisch eine ganz andere Frage.

Rein praktisch ist das schon passiert. Ein einziges Mal. Ein großer Online-Verlag konnte sich mit den Erben des Autors nicht über die Rechte an zweien seiner Werke einigen. Und so zogen die Buchhändler, die diese beiden Ebooks bereits verkauft hatten, sie zurück; was konkret heißt, sie löschten die Ebooks von den Lesegeräten und überwiesen das Geld zurück an die Käufer – die das weder erlauben mußten noch verhindern konnten.

Welche beiden Bücher das waren?

Animal Farm und 1984.*

Orwell hätte die Ironie daran bestimmt gefallen.

 

(*Fußnote: diese Geshichte übers Löschen habe ich von tvtropes)

Von Krähen und Kindern

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In einem kleinen Park hier in der Nähe wohnt ein Schwarm Nebelkrähen, und jeden Morgen auf dem Weg zur Arbeit laufe ich an ihren Wohn-Bäumen vorbei.

Meistens freilich sind sie auf dem Gras und dem Weg anzutreffen, wie sie krähige Dinge tun: sie graben nach Würmern, spielen mit Steinchen, holen sich Zweige und Gras fürs Heimwerkern – oder warten auch schonmal auf ein Fahrrad, das über die Kastanien fährt und ihnen so den Dosenöffner gibt. Dann sitzen sie neben dem Weg und fliegen nur ein wenig zur Seite, wenn das erwartete Rad vorbeikommt. Beobachtet habe ich sie dabei nicht, aber ich würde ihnen zutrauen daß sie die Kastanien vorher absichtlich auf den Weg legen: schlau genug dafür sind sie. Wenn jemand zu Fuß vorbeikommt, fliegen sie nur ganz weg, wenn es jemand unbekanntes ist. Mich erkennen sie inzwischen, ich laufe nur langweilig vorbei, da hupfen sie nur etwas zur Seite. Wenn ich guten Morgen sage, grüßen sie sogar zurück; es sind sehr höfliche Krähen.

Vor etwa zwei Wochen sind sie abgereist. Dahin, wo es wärmer ist, bis zum Frühjahr.

Mir fehlen sie fast ein Bißchen. Bis zum Frühjahr, Nebelkrähen!

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Eine Ecke weiter von der Krähenwohnung aus gesehen ist ein neuer Spielplatz gebaut worden. Ein richtig schöner Spielplatz, der Traum jedes Kindergartenkinds. Ende August war er fertig. Und was macht die Stadt, anstatt die Kindheit der Umgebung auf ihn loszulassen?

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Sie sperren ihn ab.

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Wahrscheinlich, damit das Gras schön ungestört durch Kinderfüße wachsen kann. So ein schöner Spielplatz, und dann darf kein Kind dort spielen. Liebe Stadt, es gibt sowas wie Rollrasen! Die armen Kinder hätten noch gute sechs Wochen (minus eine, damit der Rollrasen festwird) spielen können, aber nein, sie durften noch nicht. und inzwischen ist das Wetter zu schlecht – der Alptraum jedes Kindergartenkinds.

spiel3Auch für die Kinder heißt es also leider: bis zum Frühjahr. Aber im Gegensatz zu den Krähen können sie nicht bis dahin anderswo hinfliegen.