Chromatographisches Regenpökeln

Oder etwas weniger pseudopompös verschwurbelt: Salzränder.

Die sind das, was passiert, wenn zuerst eine schweißtreibende Hitzewelle und anschließend ein heftiges Gewitter auf jemanden (mich) herniedergehen, der eine dunkle Hose anhat. Bei einer hellen auch, nur sind sie da nicht so gut zu sehen. Daß so viel Salz in sowenig ausgeschwitzem Wasser ist, hätte ich allerdings nicht gedacht. Jedenfalls ist die Hose nur auf der Vorderseite nassgeregnet, der Stoff daneben hat sich mit Regen-und-weitergespültem-Salz-Wasser vollgesaugt wie ein Kerzendocht mit Wachs, und als der nasse Fleck dann von innen nach außen getrocknet ist, blieb der Salzrand übrig. Fast echtes Meersalz, Fleur de Sel (Blut, Schweiß und Tränen haben dieselben Salze wie Meerwasser im gleichen Verhältnis intus, und Fleur de Sel ist das eingesammelte Meersalz, das beim trocknen von Meerwasser an der Oberfläche ausblüht).

Was mit bloßem Auge nicht zu sehen ist (auch auf einer dunklen Hose nicht), ist daß sich die unterschiedlichen Salze dabei übrigens aufgetrennt haben. Das liegt daran, daß das aufgesaugte Regenwasser sie unterschiedlich schnell mitnimmt. Und dann fließen sie natürlich unterschiedlich weit, bevor das Wasser dann wegtrocknet. Wer Langeweile und ein Löschpapier mit Tintenstrich hat (nur wasserlöslich muß die Tinte sein), kann das auch so ausprobieren daß es zu sehen ist: nur ein Ende des Papiers ins Wasser hängen, sodass das Wasser quer zum Strich am Strich vorbeigesaugt wird – und zur Belohnung fürs ganze warten sieht man hinterher eine Batik aus den getrennten verschiedenen Farben, aus denen die Tintenfarbe gemischt ist. Auf englisch ist „Farbe beim trocknen zusehen“ ja eine Redensart für „etwas langweiliges tun“; but there you are. Die Chemie und die Biologie freilich bauen noch ein Spektrometer drum und ersetzen das Papier und/oder das Wasser mit allem möglichen: da nennt sich das dann Chromatographie (was auch nur Farbenschreiben heißt), und ein großer Teil aller Geräte die analysieren was denn im zu untersuchenden Etwas drin ist und wieviel davon betreiben sie in der einen oder anderen Form. Irgendwie muß man den Zuckerwürfel im Ammersee ja finden, freilich. (Und ein guter Hochdruck-Flüssig-Chromatograph findet einen theoretisch gleichmäßig in soviel Wasser wie der Ammersee hat aufgelösten Zuckerwürfel nicht nur, sondern kann auch noch sagen, welcher Zucker das ist und wieviel davon – Hightech.)

Wie komme ich eigentlich dazu, auf meinen Jeansklamotten Chromatographie-Batik zu betreiben? Das ist doch viel eher eine Bloggergeschichte als wie Zuckerwürfel im Ammersee zu finden sind (obwohl…)? Ich stand an dem Augusttag von dem die Bilder sind mit drei anderen (zwei Touristen aus Spanien und jemandem die wie ich auch zu Fuß auf dem Heimweg war) im Viertelstunden-Weltuntergang (oder fast): Orkanböen, sintflutartiger Regenfall, und ein Feuer zwei Straßen weiter (nu, zumindest am Anfang…), heulende Sirenen; und wir gegen die Wand gedrückt, unter Bissele Vordach, „hinter“ meinem Knirpsschirm zusammengedrückt. Nass sind wir trotzdem geworden – wenn auch wenigstens nur von einer Seite. So Bissele war das Vordach garnicht, das war der Versuch eines klassizistischen Säulengangs und mindestens zwei Meter breit – das kam nur auch nicht gegen den starken Wind (pardon, regionaltypisch: die steife Brise) an. Meine Schirmnachbarin konnte ihre Hurricane Heels hinterher auskippen (meine Chance ein paar spanische Flüche von ihr zu lernen und mich mit Architekturerzählen zu revanchieren*), alles in allem bin ich mit Batikhose also noch gut weggekommen.

Oh, and is the weather always like this here?
No, not really, it was way to hot in the last weeks…

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*Fußnote: ich hatte Ari am Telefon, und der weiß natürlich alles über das Gebäude 😀

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Kopiergeld und Kilometergeld

Letzten Monat habe ich eine unfreiwillige Ämtertour gemacht. Wobei diese Touren ja eigentich immer unfreiwillig sind, aber diese Tour wurde ungeplant etwas länger als geplant. Auch wie immer, eigentlich.

Die Apothekerkammer wars, die den benötigten Papierkram von mir haben wollte: obwohl die wissen, wer ich bin, und daß ich Apothekerin bin – mußte ich denen beides nochmal amtlich bestätigen. Mit einer Kopie meiner Approbationsurkunde. Beglaubigt, versteht sich, und spätestens in einer Woche. Glücklicherweise hatte ich den Freitag nicht nur frei; sondern das kleine Dreizimmer-Amt, das für alles amtliche für diejenigen die hier so wohnen zuständig ist, eine Straße von mir aus gesehen hat freitags sogar offen – wenn auch nur bis halbzwölf. Ich schluppe im Halbschlaf also mal eben kurz da rüber mit meiner Urkunde (die ich schnell noch in eine Hülle und einen Beutel stecke, damit ich sie nicht lose in der Hand habe) … woraufhin mir die freundliche Dame am Empfang mitteilt, sowas machen sie nicht mehr, weil sie nicht mehr für alles zuständig sind, dazu müsste ich in die hamburger Innenstadt. In die Caffamacherreihe. Statt einer Kopie meiner Urkunde bekomme ich also eine Kopie mit einem Stückchen hamburger Stadtplan in die Hand gedrückt, auf die ich verschlafen blinzele – wenn ich nicht sowieso wüßte, wo das ist, würde mir dieser Plan auch nicht viel nutzen (eigentllich ist doch auch das immer so) – während ich überlege wie ich am besten dahin komme und eine Simse absetze wohin ich denn bin.

In der Caffamacherreihe ist schon von weitem zu erkennen, welches denn das Amt ist – ein riesiger Beton-und-Glas-Klotz mit dem Charme eines überdimensionierten Kühlschranks. Ich gehe durch einige Kühlschrankfächer, bis ich an der Information angekommen bin, und frage wohin ich denn müßte, wenn ich eine beglaubigte Kopie brauche. Wovon denn, heißt es? Einer Urkunde…? Dann müßte ich in den neunten Stock, Flur C. Und mich beeilen, da das Standesamt (das wohl Urkunden kopiert, denn die Kopie einer Urkunde ist nicht das gleiche wie eine andere Kopie, anscheinend) nur noch fünf Minuten offen – – –

Ich hijacke mit dem Ellenbogen einen Aufzug und schaffe es tatsächlich noch rechtzeitig vor Schluss in den Flur C im neunten Stock. Nur das Amt, das ist doch nicht zuständig. Nur für Geburts-, Heirats- oder Sterbeurkunden. Die kopieren sie. Alle anderen Urkunden … Wohin, wie lange? Bürgerbüro, im Erdgeschoss, noch eine halbe Stunde. Danke verbindlichst! Also wieder nach unten, diesmal habe ich sogar die Zeit um auf den Aufzug zu warten. Ganze fünf Minuten. Gut, dann eher noch zehn, um im Erdgeschoss das Bürgerbüro auch zu finden.

Ich frage im vorbeigehen eine der Damen am Schalter, deren Kunde gerade zum Kassenautomaten verschwunden ist, ob ich denn eine beglaubigte Kopie? Einer Approbationsurkunde? Von hinten mischt sich nocheinmal der Auskunftsherr ein: nein, wie gesagt, im Standesamt, aber erst am Montag wieder! Sie aber sagt mir: doch, das ist hier. Und so kann ich mich dann noch ein Bißchen anstellen und in der Warteschlange etwas Minutenschlaf nehmen. Und ganz am Ende bekomme ich dann auch meine Kopie. Macht zehn Euro. Per Sofortüberweisung auch direkt am Schalter.

Zur Apothekerkammer habe ich das gute Stück dann selbst gebracht und in den Briefkasten geworfen – denn die Post, die hatte nach dieser Odyssee nach Formular B52 natürlich schon zu.

Anderer Leute Honig

Hauswände angucken ist auf regionalpolitischer Ebene manchmal informativer als zeitunglesen – es ist immer irgendwo ein Spruch oder ein Aufkleber mit dem, was jemandem wichtig ist; und im Gegensatz zum Internet auch noch völlig unbeobachtet. Letzte Woche also tauchte an einer Hauswand hier in der Nähe dieser Aufkleber auf: Ackergifte? Nein Danke! Was so ein kurzes Bickerl einem natürlich nicht vermitteln kann, ist Kontext. Die Comicfigur ist offensichtlich eine Biene, und dem Kleber-Kleber brennt es auf den Nägeln daß jemand die Äcker und damit die Bienen vergiftet; offensichtlich ist in mehrerer Hinsicht eine Sauerei im Gange. Ohne Clas Lehmann, der Imker ist und auch schon über das Thema geschrieben hat, wüßte ich aber nicht, worum es geht: daß Neonicotinoide, eine Sorte Insektenvernichtungsmittel, jetzt auch in amerikanischen Nationalparks erlaubt und wohl bedeutend langlebiger sind, als bislang gedacht. Hier ist, aus mehreren Beiträgen zusammengeschnitten, was Clas dazu schreibt:

Neonics […]: Die sind hochpersistent und ultragiftig, irreversibel dazu, für alle Articulaten. […] Substanzen, die als einstellige Nanogrammdosen schon töten, recht unspezifisch alle Artikulaten, sollte man nirgends hintun und gar nicht zulassen. Zumal dann nicht, wenn sie hoch persistent sind, systemisch wirken. […] Es gibt eine vernünftige Regel, dass Substanzen von hoher Wirksamkeit eine Halbwertzeit im Boden von höchstens 180 Tagen aufweisen. So kann es zu keiner Anreicherung kommen, Nachgemessen wird das aber nicht, nur abgehakt, das es da steht, in den Genehmigungsunterlagen. Beim Nachmessen wurden bis über [fünf Jahre lange Halbwertszeiten] gefunden. Das müsste eigentlich belegen, dass die Angabe […] falsch war, die Zulassung also erlogen und erschlichen wurde. Leider hat das nicht zur Folge, dass die dann erlischt.

Alles, was auf so Flächen oder in der Entwässerungslinie so artikuliert, und eigentlich in the war on pests non-target ist [ist von diesen angereicherten Giften betroffen]. […] Gemeint sind die nicht, die Brachypoden, aber sie haben halt wohl den selben Acetylcholinrezeptor, und wenn der blockiert wird, durch eine Substanz, die da nicht mehr abgeht… Dann geht es nur noch um die Frage, ob die ihre Nervenverbindungen selber bräuchten, für irgendwas. Je komplexer das notwendige Verhalten, desto anfälliger gegen störende Dauerreize. Deswegen ist Daphne auch eher ungeeignet, um neurotoxische insektizide Einträge in Gewässer zu bewerten: hüpfen und strudeln ist eher unterkomplex. Mückenlarven sind da als Zielorganismen auch eher schwer zu treffen.

[…] Vom Regenwurm über Collembolen bis zu Laufkäferlarven und Bienen sind allerhand Nützlinge dabei, die kollateral mit erledigt werden. Deutlich weniger [dieser Tiere sind zu finden]. Andere wären zum Beispiel Stallfliegen, die etwa von Schwalben gefressen würden. Weg, als Nahrungsgrundlage betrachtet. In den Gewässern larvieren Köcherfliegen, Zuckmücken, Libellen… alle viel empfindlicher als Wasserflöhe, die jedoch auch. Die sind Nahrungsgrundlage für Fische, die Imagines auch etwa für Schwalben. Vor dem Verbot für 3 Neonicotinoide haben die [Vögel], aus Mangel und Not, meine Bienen bejagd. Sowohl hier als auch im Moor, wo sie von ihren Nestern ein bis zwei Kilometer fliegen mussten. Ihnen gegönnt, obwohl ich nicht einsehe, mit meinen Tieren den Schaden, den andere anrichten, zu ersetzen.

Ach, und naturgemäß ist es noch komplexer: Im Grünland wird heute, vermöge des Simplex, alles bekämpft, was 2 Keimblätter hat, und wegen der Düngeverordnung und der als solcher ja nun mal angefallenen Gülle und der Gärreste auch, sind nun so Leute wie Klee nicht mehr erwünschte Stickstoffsammler, sondern als solche betrieblich schädlich… Kollateral… Damit fehlt dann etwaigen Wildbienen die Nahrungsgrundlage, woraufhin sie von einem Startup gezüchtet werden und verkauft und ergo als viel effektiver und besserer angepriesen und die Honigbiene bezichtigt, denen ja das Futter wegzufressen und gar nicht effektiv zu bestäuben. Gezüchtet? Sagen die ja, aber etwa fern in der Türkei hört man, es würden da Hummelköniginnen wegefangen…

Ein paar Fußnoten von mir:

Eine „Wartezeit“ (so heißt das ganz offiziell) kenne ich auch, von Tierarzneimitteln. Auch Nutzvieh wird mal krank; und um sicherzustellen daß etwa das, was der kranken Milchkuh wieder auf die Beine hilft nicht in der Milch landet wird die Kuh sozusagen krankgeschrieben, bis alle Reste der Arznei ausgeschieden sind. Und die Zeit, für die die Milch dieser Kuh nicht als Lebensmittel taugt, ist eben die Wartezeit. Ähnlich ist es mit Pflanzenschutzmittel: auch da gibt es eine Mindestzeit zwischen dem Einsatz des Mittels und der Ernte. Das wird auch im Normalfall alles kontrolliert und überwacht – ab und zu versagt aber diese Überwachung, und dann gibt es den Lebensmittelskandal. Was das um die falsch angegebene Halbwertszeit bei Neonicotinoiden auch sein sollte!

Dann die Sache mit den Grenzwerten: für Menschen sind die sehr sicher festgelegt (wie ich bei Feinverstaubt schonmal erklärt hatte), selbst eine massive Überschreitung schadet direkt noch niemandem – aber so eine Biene ist eben kein Mensch! Deshalb gibt es eine eigene Bienenschutzverordnung. Kurioserweise gilt die für alles außer Hopfen und Kartoffeln: für die gibt es eigene Gesetze, die mehr oder weniger dasselbe regeln. Aber ich muß ja Gesetze nicht verstehen, oder?

Eine Apotheke muß allerdings alle diese Gesetzestexte auf Papier gedruckt zum nachschlagen da haben (deswegen weiß ich das mit den Kartoffeln). Das muß ich auch nicht verstehen, braucht aber einen ganzen Schrank voller Wälzer.

Kuddlhunst am Wegrand

iä, iä, … Hauswand:

Nummer 4, bei Kuddlhu. Octopi Wall St … nun, zumindest Octopi in the Street. Toll!

Schade, daß es jemand vandalisieren, sprich drüberkritzeln mußte. Geht das nur mir so, oder wurde früher über anderer Graffiti-Kunst nicht drübergeschrieben? Ich werde wohl einfach alt und erinnere mich noch an einen Ehrencodex der Schreiber … so wirds sein.

Windfall

Vorgestern zog nach der Sommerhitze der letzten Wochen (… und ich bleibe dabei: 2003 war es noch heißer, und 1978 wohl auch) hier ein Platzregen mit starken Windböen vorbei. Den Ahorn vor meinem Fenster hat es ordentlich durchgerüttelt, und es sind ein paar „dieser lustigen Hubschrauber-Drehdinger“-Ahornsamen auf dem Fensterbrett liegengeblieben. Innen, versteht sich, obwohl das Fenster nur spaltbreit offen war. Und samt Zweig. Schaut eigentlich ganz hübsch aus:

Als Kinder haben wir immer damit gespielt: ein Spielzeug, das fliegt, ist was tolles! Außerdem kann man beide Hälften unten ein Stück auseinanderziehen, dann kleben sie – und geben ein prima improvisiertes Nashornkostüm, oder Spock-Ohren. Die Blätter habe ich gepresst, gesammelt, und nach Botanikbuch sortiert, dann war ich Naturforscher:

Ich konnte schon mit zwölf besser malen als schreiben, sehe ich gerade. Jedenfalls habe ich die Sammlung immer noch. Später, als ich dann fürs Studium die ganzen Pflanzen ausbuddeln und ein ernsthaftes Herbar (150 Seiten) anlegen mußte, hat das bedeutend weniger Spaß gemacht. Aber ich habe beide noch 🙂