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Guten Morgen, ich hätte gerne … eine Übersetzung!

Wer keine Worte hat, der macht sich welche neu. Das ist dann ein Neologismus, und im Berufsleben haben hauptsächlich Sprachwissenschaftler damit zu tun.

Wer Worte hat, der … macht sich auch neue. Das ist dann etwas, mit dem ich in der Apotheke zu tun habe.

Manchmal ist das besser als jedes Kreuzworträtsel – allerdings tendieren die Leute in Norddeutschland dazu, sehr wenig Zeit zu haben. Hatte ich im Süden noch etwa 20 Sekunden Zeit um das aufzulösen, sind hierzulande viele in 0,2 Sekunden verärgert, wenn sie nicht verstanden werden. Im Thema alles normal hatte ich schon geschrieben, daß viele entweder meinen, es gäbe von einer Sache nur eine Version (so ein Bißchen als gäbe es Wandfarbe nur weiß, nicht farbig – wer weiß daß es unterschiedliche Weißtöne gibt ist von blauer Farbe weniger überrascht als jemand der der festen Überzeugung ist daß man Wände nicht blaumachen kann), oder daß die Version die sie kennen die „übliche“ ist (das sind dann die Leute die meinen, alle streichen die Wände nur blau – weil sie blaue Wände haben – fast niemand weißelt sie schließlich, wer einfach nur Wandfarbe will meint blaue, und wer weiße Farbe will, der sagt das schon dazu). Das umgekehrte Problem gibt es natürlich auch, Leute die meinen nur weil sie etwas nicht kannten bevor sie es brauchen ginge es allen so, und die dann gefühlt A-s-p-i-r-i-n buchstabieren, das wären so kleine weiße Tabletten in einer grünen Schachtel – und dann viel Glück beim erklären falls die Firma (Bayer in dem Fall) die Schachtel irgendwann mal neu gestaltet, was in hundertzwanzig Jahren ja schonmal vorkommen soll.

Irgendwo zwischen diesen beiden liegen Leute, die sehr genau etwas erklären das fast, aber nicht völlig irrelevant ist (die auf die Frage in welcher Größe sie das weiße Hemd möchten die Farbnummer des Weißtons nennen, oder so). Sehr oft ist das (in dieser Reihenfolge) die Bestätigung daß es gut hilft, oder der Preis, oder die Stückzahl der Tabletten in der Packung, oder die Farbe der Schachtel – die ist nämlich sehr oft dem Firmenlogo angepasst und hat mit dem Inhalt überhaupt nichts zu tun – oder wie groß eine Tablette ist, wie sie aussieht und ob sie eine Bruchkerbe hat (das ist ähnlich wie mit dem Packungsdesign vom Inhalt völlig unabhängig). Leute: das ist alles völlig irrelevant und könnt Ihr Euch sparen. Fragen nach Informationen, die mir tatsächlich weiterhelfen – etwa die danach, was die Tabletten denn nun tun sollen, wofür oder wogegen sie helfen – werden entweder mit Entrüstung über die Indiskretion daß ich wissen will was jemandem fehlt um ihm helfen zu können beantwortet, Unverständnis daß das denn was bringen soll (man habe doch etwa schon gesagt daß man eine Salbe brauche) und stattdessen mehr vom obigen (Firmennamen buchstabiert, oder so); oder ab und zu der zugegebenen Unkenntnis, was jemand eigentlich braucht. Die Tabletten die ich brauche sind ganz toll, aber ich weiß nicht wofür. Gut, wer was nur mitbringen soll kann bei letzterem nicht mal was dafür – aber auch das kann man mir durchaus sagen, und es hilft mir weiter. Vielleicht kenne ich ja denjenigen, der schickt.

Der Klassiker ist natürlich „ich hätte gern zwanzig von den [Firmennamen]-500-Tabletten / den 500er-Tabletten von [Firmenname]!“ So, als ob eine Pharmafirma jeweils nur ein einziges Arzneimittel herstellen würde – aber so schlimm ist das nicht: es gibt nur drei unterschiedliche Schmerzmittel, von denen in einer Tablette 500mg sind, und Schmerzmittel werden in einer Apotheke oft gebraucht, das ist also eins von den leichteren Rätseln.

Manchmal wird es auch wesentlich kreativer.

Gestern war bei mir in der Apotheke gefühlt Kreuzworträtseltag: von allen möglichen Leuten gleich mehrere kreative Umschreibungen an einem Tag.

Das kreativste war der „Pappkarton für Darmbakterien“. Der, stellte sich heraus, war nicht etwa ein Gefäß, daß beim Camping als Behelfstoilette dient, sondern eine Schachtel voll Kapseln mit Joghurtkulturen, die gegen Durchfall helfen. Aha. Etwas ähnlich kreativ umschriebenes, und daran mußte ich dabei denken, wollte schonmal jemand von mir haben, nämlich einen „Hustensaftspender für Kinder“: eine Dosierhilfe für Tropfen (die halt zufällig das Kind nehmen mußte). „Ich hab diesen Plastikbecher verloren mit dem ich die Tropfen abmessen kann, weiß nicht wie der heißt, aber bräuchte einen neuen“ wäre ja auch zu einfach gewesen. Das war dann wirklich ein Gefäß. Und auch, a propos Durchfall, wenn jemand zufällig einen Begriff erwischt den es gibt, kann es durchaus heißen daß er das neu erfunden hat für ganz etwas anderes: es hat schonmal jemand ein „Abführmittel“ von mir gewollt – das gegen Durchfall helfen sollte. Ja doch, das ist wenigstens logisch, schließlich nimmt auch niemand Kopfschmerztabletten weil er Kopfweh bekommen will – wenn es auch nicht die übliche Logik war. Gut, daß ich da nachgefragt habe.

Beim „Zahnsteinradierer“ widerum mußte ich gestern nachfragen, was das sein sollte war mir erstmal schleierhaft: so ein Haken wie ihn der Zahnarzt nimmt, wenn er die Zähne untersucht.

Das mit dem Begriff für eigentlich etwas anderes passiert sehr oft. Nicht etwa bei Leuten die etwas senil wären und dann Dinge verwechseln: „Kategorienverwechslung“ und „Wortfindungsstörungen“ sind Dinge, die tatsächlich passieren können, wenn das Hirn aus welchem Grund auch immer – am häufigsten Alkohol – nicht so will wie derjenige dem es gehört; ersteres heißt daß man die Art der Dinge nicht richtig zuordnet, etwa mich als Person zum Ladeninventar als Dingen dazuzählt, letzteres ist wenn einem ein eigentlich gut bekanntes Wort nicht mehr einfällt, man also plötzlich vergisst daß der Hausschlüssel „Hausschlüssel“ heißt. Gerüchteweise will man das beim Alkohol ja auch irgendwo haben. In der Apotheke ist beides nicht der Grund, etwas neu zu benennen (oder nur sehr selten), vielmehr sind das jungdynamischerfolgreiche Menschen, die die apothekenspezifische Fachsprache erraten wollen (weil sie meinen das höre sich besser an) – und danebenraten. Oder sie wollen mit Managersprache angeben und zeigen wie wichtig sie sind – und die passt nicht auf das, was sie beschreiben; oder heißt in einem apothekenspezifischen Zusammenhang den sie nicht kennen etwas anderes. Und dann nicht lachen, wenn das unfreiwillig komisch ist, Pokerface, Pokerface, es gibt nichts zu grinsen…

Letzteres kommt häufig bei der Aussprache vor. Da will dann jemand einen „Plant-a-go“ (gesprochen wie die englische Pflanze, die vorbei ist) -Hustensaft. Plantago lanceolata (plan-ta-go) ist der botanische Name von Spitzwegerich, und es gibt jemanden, der einen Hustensaft draus macht, und den danach benennt. Die tun auch einen Meßbecher dazu, nebenbei. Oder jemand anderes fand das Wort „überzogen“ höre sich bei einer Tablette, nun, nicht überzogen genug an, oder nicht fremdsprachlich (der Fachbegriff ist auch „dragiert“, aber den kannte er nicht); und so sagte er: gekotet (respektive wahrscheinlich hat er sich „gecoated“ überlegt, aber da grüßt sie wieder, die Behelfstoilette fürs Camping) – das ist ja viel appetitlicher.

Beim „Wir“-Thema hatte ich geschrieben das Äh und Öh ersetzende Füllwort sei heutzutage das „Produkt“ – und auch bei möchtegern-Fachsprechern darf das nicht fehlen. (Medizin-)Produkte gibt es im Apothekenrecht tatsächlich, das sind Dinge die dasselbe tun wie Arzneimittel, aber ohne eine pharmakologische Wirkung rein auf physikalischem Wege: ein Beispiel ist Salzwasser-Nasenspray. Das weiß so gut wie niemand; aber mir vorzustellen jemand der „Produkt“ sagt meint es auch tatsächlich, und nicht etwa „Äh…“ ist mir eine stete Quelle des stillen Amüsements. Ich darf das: wer nicht angeben will, sagt nicht Produkt; dann kann ich mich auch amüsieren wenn das nach hinten losgeht. Oder es ist ein Versuch des ganz leicht einschüchternden Euphemismusses: „gibt es da kein Alternativprodukt?“ (Stimme heben, Stimme heben!) heißt schlicht: „Äh, macht das eine andere Firma vielleicht billiger?“ Bei letzterer Formulierung gebe ich der Kundin sogleich freundlich lächelnd mindestens drei andere, preiswertere Medikamente zur Auswahl – sagt sie ersteres, hebe ich schonmal die Augenbraue, bis ich fertigübersetzt habe.

Manchmal soll auch die Firma von einer anderen Firma sein. Samstag bestellte eine Kundin bei mir folgendes: „ich hätte gerne diese [Firmennamen]-Tabletten, aber als Kapseln von der anderen Firma.“ Äh, wiebitte? Gut, daß die gewünschten Kapsel im Regal hinter mir standen, da stand ich erstmal im Wald.

Und dann war da noch das kleine Mädchen, das für Ihre Oma „die Schuhe holen“ sollte, „damit der Rücken nicht so wehtut“, und die sich verlaufen hatte und gesucht hat. Die Kleine habe ich gut verstanden, ihr ein Taschentuch und einen Traubenzucker gegeben, und ihr den Weg zum orthopädischen Schuhgeschäft gezeigt.

Wer keine passenden Worte hat, kann sich trotzdem passende machen.

Kontraintuitiv

Oder: gerade so, wie man nicht denken würde.

Fast hätte ich diesen Post 20% more assumed genannt, nach den „20% more awesome“, dem um zwanzig Prozent Beeindruckenderem, das überall im Netz zu finden ist, und „to assume“, annehmen. Besagtes ehrfurchterregenderes Fünftel stammt allerdings (als Parodie) ursprünglich aus einem Kinderzeichentrickfilm – nichts gegen Lauren Faust oder den künstlerischen Wert ihrer Arbeit; aber ob ihre Anwälte mich sie einfach so zitieren lassen? Außerdem hört sich die einzig halbwegs sinnvolle Form so an, als sehe etwas um ein Fünftel größer aus als es ist. Auch schön, aber Fatamorganas sind nicht ganz das, worauf ich hinauswill.

Etwas passender ist der Spruch, den ein Freund als „die einzige immer richtige Bauernregel“ gedichtet hat:

Kompass

Geht die Sonne auf im Westen, sollte man den Kompass testen. Eindeutig, nur ob der Autor möchte daß ich seinen Namen öffentlich ausplaudere?

Die Kombination aus beidem – den Titel gibt es ja schließlich auch noch – lässt nicht im Dunkeln worauf dieser Artikel rausläuft: conventional wisdom. Deutsche Worte dafür fehlen mir; was gut ist, die meisten deutschen Begriffe sind sehr deutsch; gemeint ist die nicht-unbedingt-bösartige, kleinere Version des Vorurteils: etwas, das jeder weiß – das aber falsch ist. Oder wenigstens ganz anders, als intuitiv angenommen. Meistens harmlos.

Meistens. In einer Ausgabe des Webcomics Freefall nennt jemand etwas „so gefährlich wie eine Mücke“. Besagter Jemand ist eine charmante Künstliche Intelligenzform, die die Todesfälle durch Malaria, Gebfieber, Dengue, Zika und Konsorten aufrechnet – und mit dem Mückenvergleich ganz wörtlich meint: richtig, verdammt, gefährlich!

Im Apothekenalltag begegnet mir das in etwa folgender Gestalt (und wirklich nicht alles davon harmlos):

Plastiktüten sind des Teufels (siehe Tüten aus der Hölle 1 und 2). Arzneimittel wirken nur an einzelnen Körperteilen, dafür behandeln sie dort alles (siehe magische Medizin). Es gibt so etwas wie eine „heilende Wirkung“ (ebendort). Schmerztabletten sollte man zum Essen nehmen, damit sie den Magen nicht reizen (die meisten tun das in der richtigen Dosierung sowieso nicht, noch weniger wenn sie auf nüchternen Magen genommen werden). „Vor dem Essen“ heißt direkt vor dem Essen, und direkt danach muß zwingend etwas gegessen werden (im Gegenteil mindestens eine Stunde vor dem Essen, damit die Arznei nicht mit dem Essen zusammenkommt – das andere ist zum Essen). Nach dem Essen… (=zwei Stunden oder länger nach dem Essen). Es gibt alles in der ganz herkömmlichen, normalen Standardausführung (Sicher doch – genauso wie es Kleidungsstücke im ganz herkömmlichen Material, der Standardfarbe und der normalen Größe gibt – jetzt weiß ich endlich, was 42 ist). Besonders Nasenspray (der Klassiker mußte einfach, daß „normales“ Nasenspray sowas wie „Tabletten mit der normalen Wirkung“ sagt, nämlich garnix, überrascht alle immer noch. Daß sie beim Sprühen das einatmen und „hochziehen“ vermeiden sollen, auch). Ich bin gegen diese Tablettenschluckerei (i.e. als ob dieselben Arzneistoffe in anderer Darreichungsform keine wären). Je unangenehmer etwas ist, umso besser hilfts (eine merkwürdige Form des Placeboeffekts, selbst bei Stoffen die geschluckt viel besser wirken als z.B. als Zäpfchen). Ich nehme ja nie was, deswegen hilft das bei mir alles so gut (Abgesehen davon daß etwas grundsätzlich besser behandelt als verschleppt ist, und Wechselwirkungen zwischen Arzneistoffen zwar direkt oder indirekt, aber nicht als irgendwie esoterische Buchhaltung auftreten – bringt mich letzterer zuverlässig zum kochen, heißt nämlich nichts anderes als: „wer krank wird, ist selbst schuld“ kombiniert mit „Leiden macht zu einem besseren Menschen“; zwei meiner schlimmsten Berserkerknöpfe zum Preis von einem). Wer vom Zahnarzt Schmerztabletten bekommt, sollte sie nur nehmen, wenn es garnicht ohne geht (die helfen auch gegen Schwellung und Entzündung – vorbeugend – und werden deswegen einige Tage „stur nach der Uhr“ in der verschriebenen Dosierung genommen, anfangend bevor überhaupt die Spritze nachlässt). Kinder sind wie Erwachsene, nur leichter (ganz böse Falle!, da sich auch der Stoffwechsel altersabhängig ändert – mehr dazu hatte ich über Senioren schon geschrieben). Arzneimittel wirken bei jedem gleich (auch eine böse Falle – angenommen etwa, ein Bienenstich wäre ein Arzneimittel: der häufige eine kriegt eine nervige, juckende Quaddel; der seltene andere reagiert vielleicht mit einem anaphylaktischen Schock und stirbt in unter zehn Minuten. Glücklicherweise gilt das auch für:). Jeder, der ein Medikament schluckt, bekommt alle Nebenwirkungen im Beipackzettel (quasi das gleiche, nur umgekehrt; es ist sogar so, daß die überwiegend meisten garkeine davon verspüren). Je „natürlicher“ etwas ist, umso harmloser (dasselbe in grün, pflanzliche Arzneimittel haben genauso Wirkungen und Nebenwirkungen wie chemische auch, weil es biochemisch diese Unterscheidung sowieso nicht gibt; was keine Nebenwirkung hat hat auch keine Hauptwirkung, woher soll die Wirkung denn wissen ob sie Haupt- oder Neben- ist; und wie gesagt ist es generell meistens besser etwas zu behandeln als zu verschleppen, da auch letzteres nicht gerade unter „harmlos“ fallen kann. Die (Zom-)Biene von oben lässt auch schön grüßen). Zurück zu Kindern meinen umgekehrt auch einige Leute, für Kinder sei es generell „besser“, nichts zu nehmen; glücklicherweise werden die aber langsam weniger (nur weil Kindern Erwachsenenhosen nicht passen müssen sie ja schließlich auch nicht in Kutten herumrennen).

Probleme gibt das alles im Apothekenalltag nur dann, wenn ausgerechnet die unrealistische, kontraintuitive Realität wichtig wird. Die meisten Beispiele sind harmlos genug daß sich auch ohne gut leben lässt, manche aber eben nicht. Ja, etwas ähnliches wie die gefährliche Mücke ist mir auch schon passiert. Auf einer Afrikareise, als ich mit erfolglosen Engelszungen versuchte eine Mitreisende zu überzeugen, sich – mittels Repellent – von den Tsetsefliegen nicht stechen zu lassen (80% von denen übertragen eine Krankheit die unbehandelt in der Hälfte und bei optimaler Behandlung noch in einem Drittel der Fälle tödlich ist), und schlechte Karten hatte weil ich nur Obst gegessen habe daß sich schälen ließ. Sie wurde mehrfach gestochen – und hatte einfach Glück. Puuuuhhhh. 🙂

Der absolute Spitzenreiter der Kontraintuition, der mich überhaupt auf dieses Thema bringt, ist aber: „Der Körper weiß schon, was gut für ihn ist!“ So ziemlich das Gegenteil von dem, was mein Biochemie-Professor öfter zum besten gegeben hat: der Körper kennt das Arzneibuch nicht. Ich mußte an die vielen Beispiele unerfreulicher physiologischer Vorgänge aus dieser Vorlesung denken, als ich diesen Artikel gelesen habe:

http://www.technion.ac.il/en/2016/10/cancer-treatment-as-a-double-edged-sword/

Und an erfreuliche wissenschaftliche Durchbrüche natürlich auch 🙂

 

Nachklapp: ich habe die Links zu früheren Beiträgen geflickt – jetzt funktionieren sie (:

Priscus

BaerIch warne alle Leser gleich vor: dieser Post wird ziemlich grantig; es geht um ein Thema über das ich öfter innerlich schimpfe wie ein Kesselflicker. Manchmal, wenn ich meine daß Aussicht auf Erfolg besteht, auch diplomatisch verpackt äußerlich.

Am häufigsten treffe ich es in folgender Situation: Zu den weniger schönen Seiten des Apothekendaseins gehört die Tatsache, daß es Medikamente gibt mit Abhängigkeitspotential. Die machen süchtig – und zwar nicht nur die die ich hübsch verschlossen hinter Tresor und gelben Sonderrezepten habe, sondern ganz gängige Schmerztabletten, Nasensprays, Abführmittel. Wer sie länger nimmt, weiß das meisten auch – dementsprechend kauft, wer mehrere Packungen verlangt, das nie für sich selbst. Nie.

Regelmäßig kommt dann folgende Begründung nachgeschoben, die mich auf 180 mindestens bringt: Das ist für eine ältere Dame, die ist schon über neunzig, und…

Diese Nichtbegründung kommt nicht nur bei Abhängigkeitspotential vor, sondern auch, ab und an, bei anderen Medikamenten die nicht für sich selbsst geholt werden; dann wenn ich eine weitergehende Beratung anbiete, weil eine Alternative vielleicht besser gegen die fragliche Erkrankung hilft als das was sich die Kundin vorgestellt hatte: Das ist für eine ältere Dame, die ist schon über neunzig, und…

Oder wenn sich von den mehreren verordneten Arzneimitteln auf dem Rezept – nicht dem „eigenen“ Rezept! – welche untereinander nicht vertragen, das zu vermeidbaren zusätzlichen Nebenwirkungen führt; und ich in der Arztpraxis anrufen will um über eine Therapieänderung nachzufragen: Das ist für eine ältere Dame, die ist schon über neunzig, und…

Ja, und was und? Wer alt ist, ist es nicht wert anständig medizinisch versorgt zu werden, das und???

Jeder, verdammt nochmal, hat ein Recht auf anständige Linderung der Beschwerden; auf das vermeiden von unnötigem Leid in Form von unbehandelten Krankheiten, Abhägigkeitsrisiko und überflüssigen Wechselwirkungen! Wenn jemand impliziert es „lohne sich“ ab einem bestimmten Alter „nicht mehr“ – erstens, wer ist der um das zu entscheiden; und zweitens herrscht ja garkein Mangel an Resourcen daß überhaupt eine Entscheidung zu treffen wäre. Im Gegenteil spart eine gute medizinische Versorgung nebenbei auch noch Kosten, nämlich die Folgekosten der schlechten Versorgung. Womit das Ganze nicht nur zum schreien an sich, sondern an sich auch noch schreiend sinnlos wird. Jeder Tag ohne vermeidbares Leiden lohnt sich und… der Rest sollte sich eigentlich von selbst verstehen, tut es aber, wie man sieht, nicht.

Überhaupt erstaunt es mich immer wieder, was alles als zum Alter zugehörig einfach akzeptiert wird – bei anderen. Das hat es schon zu meiner Krankenhauszeit. Dort kam ab und an jemand völlig verwirrt auf die Station (in der Neurologie), weil er oder sie stark ausgetrocknet war. Eine völlig unkomplizierte Infusion später mutierte das demente alte Ömchen die nicht einmal wußte was sie selbst macht zur reizenden Gesprächspartnerin, die mir begeistert davon erzählte was ihre zwölf Enkel alle gerade tun.

Aber mit dem Flüssigkeitshaushalt, das ist so eine Sache. Ja, das Durstgefühl lässt im Alter nach. Die obige Situation lässt sich aber durch eine einfache Auskunft vermeiden, nämlich die wieviel Flüssigkeit der Mensch am Tag überhaupt braucht. Was erstaunlich wenige wissen: das sind keine zwei Liter, sondern 20ml (bis 30ml wenn es heiß ist) pro Kilo Körpergewicht. Wer keine 100kg wiegt, braucht auch keine zwei Liter trinken. Diese einfache Tatsache führt zu großer Erleichterung und einer realistischen Trinkmenge, die jemand an einem Tag auch tatsächlich zu sich nehmen kann – woraufhin es zumeist überhaupt erst versucht wird… Tja, Wissen hilft eben auch hier weiter als ein uns ist aufgefallen daß Du viel zuwenig trinkst und ohne Ahnung, aber von oben herab. Oft begegnet mir das auch mit Medikamenten die (nebenbei) entwässern. Und wann sollen sie in dem speziellen Fall natürlich immer eingenommen werden? Abends. Woraufhin diejenigen die sie schlucken die ganze Nacht zur Toilette müssen, mit voller Absicht weniger trinken damit sie endlich durchschlafen können, austrocknen, … Auch hier hätte ein wenig Wissen weitergeholfen, darüber welche Tabletten zu welcher Tageszeit am besten zu nehmen sind – aber der Mann ist schon über achtzig, der versteht das nicht mehr mit dem Trinken, und…

Womit wir beim Titel wären; a propos ein wenig Wissen hilft manchmal weiter. Da Arzneistoffe in unterschiedlichem Lebensalter unterschiedlich wirken können – jeder der mit welchen für Kinder zu tun hatte wird das bestätigen – gibt es für medizinisches Personal eine Liste mit Arzneistoffen, die bei Personen über ca. 65 anders wirken und daher sicherheitshalber lieber nicht verschrieben, sondern durch andere Wirkstoffe ersetzt werden sollten. Wohl nach dem lateinischen Wort für ‚altehrwürdig‘ heißt sie Priscus-Liste.

Das heißt, es gibt sie theoretisch. Den wem werden Wirkstoffe auf dieser Liste in der Praxis am häufigsten verschrieben? Ich sags ja schon die ganze Zeit: aaaaaaarrrrrrrrrrrrrrrgh!

Alles normal

normal.

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Was es nicht alles gibt in Norddeutschland: Der Bäcker bei mir um die Ecke (who, I think, prefers anonymity) verkauft, wie hier zu sehen, zehn-normale Semmeln. Was auch immer die sind. Vielleicht soetwas ähnliches wie 10-normales Etwas in der Chemie (siehe unter dem Schlagwort „Äquivalentkonzentration“, z.B. in online-Lexika)? Eine Semmel also, die zehn durchschnittliche Bissen ergibt, könnte ich mir vorstellen.

Während diese poetisch-akzidentale Schreibart für „zehn Semmeln für zwei Euro“ noch ganz charmant dasteht, auf dem Schild und auf dem Gehsteig, bringt mich das Wort „normal“ im Apothekenalltag mitunter zur Verzweiflung. „Schwamm ist ein vorzügliches Material“, und was „normal“ ist oft ziemliche Interpretationssache.

Nicht das Wort normal an sich ist der Knackpunkt, das heißt schlicht „das, was ich am häufigsten brauche und daher gewohnt bin“. Nun gibt es Waren, bei denen sich die Interpretation von unterschiedlichen Leuten über „Normalität“ nicht groß unterscheidet: ein normales Brötchen hält wohl keine großen Überraschungen bereit; und wenn ich auf dieses Angebot ein- und in die Bäckerei gehe bekomme ich mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit zehnmal entweder das was in Bayern „Kaisersemmel“ heißt oder zehn Baguettesemmeln. Mißverständnis fast ausgeschlossen, und beide Möglichkeiten sind im Grunde sowieso dasselbe. Auch wenn ich bei meinem Stammtürken „einmal das Übliche“ bestelle, weiß der was ich meine – wenn auch nur weil ich schon oft in genau diesem Imbiss Spinatpide mit Ei und großen Milchkaffee bestellt habe.

Bei Arzneimitteln sorgt der Wunsch nach einem „normalen“ Wasauchimmer dagegen mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit für Verwirrung statt Spezifikation. Selbt wenn es „Standardausführrungen“ von Medikamenten gäbe (oder diese mit etwas gutem Willen hineinzuinterpretieren sind als „das was am häufigsten verlangt wird“) – das sind fast immer mehrere! Hier nachzufragen ist eine Aufgabe für Profidiplomaten – denn für mich ist das zwar so wie wenn ich beim Wunsch nach einem „normalen“ weißen Hemd frage: „gerne, in welcher Größe darfs denn sein?“, für den- oder diejenige die es verlangt aber wie „was meinen sie jetzt mit ’normalem‘ weiß?? Welche RAL-Nummer hat denn das überhaupt? Ich will Sie jetzt mit einem philosophischen Vortrag über völlig irrelevante Definitionen einen halbe Stunde aufhalten, obwohl sie keine Zeit haben; nur weil es das  was sie wollen nicht als Selbstbedienung gibt (warum wohl nicht?) und Sie das nur von mir bekommen und ich das kann und mir das Spaß macht!“

Dementsprechend ist die häufigste Antwort wenn sich jemand in dieser Situation sieht ein verärgertes: „ein ganz normales, übliches!!!“ Entweder das oder ich frage garnicht, rate einfach drauflos und hole die zwei oder drei wahrscheinlichsten Alternativen. Oft, wenn ich die Kunden nicht kenne und, so wie der türkische Wirt in meinem Fall, weiß was sie immer haben – verkehrt. Das kommt immer sehr kompetent an, so als bekäme ich in der Bäckerei auf dem Bild dann plötzlich zehn Roggensemmeln.

Der Klassiker für letzteres ist das Schmerzmittel Ibuprofen, das es für Erwachsene freiverkäuflich in vier verschiedenen oft verlangten Ausführungen gibt (zwei Dosierungen mit nur Ibuprofen allein und dann zwei – aber andere zwei! – kombiniert mit dem Eiweiß Lysin); und dann noch in einer die ab und zu bestellt wird. Bei „ganz normalen Ibuprofentabletten für Erwachsene; die zum schlucken“ versuche ich alle vier Versionen von einer Firma zu holen, damit nicht das Packungsdesign (das wird wiedererkannt!) entscheidend ist statt der subtil draufstehenden Dosierung (nein, nur eine Packung! Und das waren die anderen, die normalen!) – und dann falsch dosiert wird, weil Beipackzettel ja sowieso überflüssiger Müll sind. Und den will ja jeder vermeiden.

„Ganz normales Nasenspray. Zum Sprühen. Für die Nase.“ bietet schon größere Trefferchancen, da braucht Lieschen Normalnasi am häufigsten eins für Schnupfen. Aber auch nicht immer, sehr viele Allergiker haben ein „normales“ Allergienasenspray und dann, wenn es ganz dick kommt, zusätzlich kurzfristig ein Schnupfenspray. Mammis von Kleinkindern spülen die Nase bei Schnupfen tagsüber häufig mit einem „normalen“ wirkstofffreien Salzwasserspray und geben dem Kleinen nur abends ein Schnupfenspray… dann ist das ’normale‘ beim Schnupfen – genau. Der Wunsch nach einem „Nasenspray“ ist eben so, als käme jemand „ich will normale Globuli, das ist was homöopathisches“, wie ich es letztens gelesen habe.

Auch das kommt vor. Doch, doch. Nicht oft, aber öfter der Wunsch nach „’normalen‘ XYZ-Globuli, den homöopathischen; das sind so ganz wutzelige Pillchen“. Eine besondere Anekdote des Apothekenalltags hatte ich letztens genau bei diesem Thema. XYZ war hier Arnica. Die gibt es als pflanzliches Arzneimittel in Sportsalben und auch die Homöopathie nimmt sie – was ist hier nur aus dem Simile-Prinzip geworden? – bei Schwellungen und Verletzungen. Nun ist bei Homöopathie zwar nichts kaputt wenn ich da die falschen Globuli erwische, aber weiter ging es folgendermaßen:

Ich: Gerne, in welcher Dosierung darfs denn sein? – Kundin: Die ganz normale Packungsgröße. – Ich: Ja, aber welche Wirkstärke möchten Sie? Es stehen noch ein Buchstabe und eine Zahl auf der Packung*, das heißt wie stark die Globuli sind. Hat der Heilpraktiker gesagt, was sie bekommen? – Kundin: Ja, N3**!!

Das geht natürlich auch.

 

Anmerkungen: *Ich meine mit ‚Buchstabe und Zahl‘ als ‚Dosierung‘ die Potenz der Homöopathika. Was dort draufsteht ist in einer Mischung aus lateinischen und arabischen Zahlen wie oft etwas homöopathisch verschüttelt wurde. Zum Beispiel ist eine C30-Potenz dreißigmal (30) eins zu hundert (C) verdünnt. Warum D bei Homöopathen 10 heißt und nicht 500 weiß ich nicht, die können einfach nicht zählen. **N1, N2 und N3 waren bei rezeptfähigen Arzneimitteln die Zuzahlungsstufen für die gesetzlichen Krankenkassen. Je nachdem in welche Preisgruppe etwas fiel mußte man beim einlösen von Rezepten unterschiedlich viel dafür zuzahlen (günstig, mittelviel und teurer). Verbandsstoffe etwa sind unabhängig von Preis und Packungsgröße in der Gruppe N2. Nachdem die Zuzahlung seit der x-ten Gesundheitsreform nach dem Preis geht wäre das nur noch von historischem Interesse, aber: es hat sich (ursprünglich inkorrekterweise) als Abkürzung für N1, N2, N3 = kleine, „mittlere“, große Packung eingebürgert (weil für die wenig, mittel, beziehungsweise viel zuzuzahlen war), deswegen hat man es behalten. Was auch wieder zu Kommunikationsproblemen führt, wenn es in einer Zuzahlungsstufe mehrere Packungsgrößen gibt; but that’s life und ein anderes Thema.

Tüten aus der Hölle 2 – Pawlows Tüte

Ganz neu herausgekommen, die Fortsetzung des beliebten Klassikers Tüten aus der Hölle: T.a.d.H.2 Pawlows Tüte!

Tüte

In der UBahn fotografiert: die Tüte als Glaubensbekenntnis. Den Text auch zu lesen lohnt sich u.a. wegen Formulierungen wie: „Wir glauben … daran, unsere Produkte an Menschen zu testen.“ ( c by Ari) Brrr…. erst denken, dann drucken!

Letztes Jahr hatte ich geschrieben über den üblichen Einkäufer, dessen ‚Umweltgewissen‘ ihm gebietet, auf die ganz einfache Frage nach einer Tüte – der Plastikversion, keinem Joint – mit schlecht gespieltem Entsetzen und so zu reagieren, als hätte ich angeboten ein Dorf voller Unschuldiger abzufackeln.

Das ist eine der Konstanten im Leben derjenigen, die etwas verkaufen – und das ist auch so geblieben, auch wenn die Formulierung statt über „Geh, Madl, …“ mit „Min Deern…“ auf „nicht schonwieder diese Tüte!“ einschwenkt.

Vorrausgesetzt.

Vorrausgesetzt ich bezeichne das Ding denn als „Tüte“.

Ich arbeite in einer Apotheke, in der die Kasse getrennt von der Beratung ist. Amerikanische Zustände, traumhaft, wertet meine Information wirklich auf wenn die nicht nur macht-zwei-achtzig-soll-ichs-einpacken ist, und ich würde es nicht wieder hergeben. Beinhaltet aber, daß ich die Arzneimittel an der Information einpacke – damit an der Kasse niemand sieht was der Einkauf vom Nachbarn ist, und aus diversen logistischen Gründen auch.

Sage ich „Tüte“ zum Papier in das ich den Einkauf packe – oder sieht es jemand als Tüte bevor ich etwas sage – dann sieht ausnahmslos jede(r) die große grüne Chance gekommen. Alle, ausnahmslos, einheitlich, jede(r) wehrt sich unter Weltrettungsgebahren und oft diversen religiösen Invokationen dieses Dings zu nehmen. Oder mit Invokation der „Aber die Umwelt, die Umwelt…!“ Küssen Sie mir die Füße, dumme, unsensibilisierte Verkäuferin, dafür daß wenigstens ICH ein Umweltgewissen habe und die Welt vor Leuten wie Ihnen rette; und ersparen Sie brav-demütig die TÜTE uns beiden, der Umwelt und Ihrem Seelenheil. Das Übliche, eben.

Aber.

Aber sage ich „Umschlag“ zu diesem flachen, gefalteten Papierding (was so gerade eben noch in die Definition fällt) – dann ist alles okay, nehmen es alle und wehrt sich keiner. Stört auch niemanden, es verschwendet nicht mal wer einen Gedanken daran. Zuverlässig jedesmal.

Faszinierend, die Macht der Worte. Konditionierung – oder eben keine  – ist eben alles.

Ab jetzt „stecke ich es Ihnen kurz in einen Umschlag, dann können Sie’s mit zur Kasse nehmen.“

Und nächstes Mal versuche ich es mit „Dorf“ und „Siedlung“…?