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Guten Morgen, ich hätte gerne … eine Übersetzung!

Wer keine Worte hat, der macht sich welche neu. Das ist dann ein Neologismus, und im Berufsleben haben hauptsächlich Sprachwissenschaftler damit zu tun.

Wer Worte hat, der … macht sich auch neue. Das ist dann etwas, mit dem ich in der Apotheke zu tun habe.

Manchmal ist das besser als jedes Kreuzworträtsel – allerdings tendieren die Leute in Norddeutschland dazu, sehr wenig Zeit zu haben. Hatte ich im Süden noch etwa 20 Sekunden Zeit um das aufzulösen, sind hierzulande viele in 0,2 Sekunden verärgert, wenn sie nicht verstanden werden. Im Thema alles normal hatte ich schon geschrieben, daß viele entweder meinen, es gäbe von einer Sache nur eine Version (so ein Bißchen als gäbe es Wandfarbe nur weiß, nicht farbig – wer weiß daß es unterschiedliche Weißtöne gibt ist von blauer Farbe weniger überrascht als jemand der der festen Überzeugung ist daß man Wände nicht blaumachen kann), oder daß die Version die sie kennen die „übliche“ ist (das sind dann die Leute die meinen, alle streichen die Wände nur blau – weil sie blaue Wände haben – fast niemand weißelt sie schließlich, wer einfach nur Wandfarbe will meint blaue, und wer weiße Farbe will, der sagt das schon dazu). Das umgekehrte Problem gibt es natürlich auch, Leute die meinen nur weil sie etwas nicht kannten bevor sie es brauchen ginge es allen so, und die dann gefühlt A-s-p-i-r-i-n buchstabieren, das wären so kleine weiße Tabletten in einer grünen Schachtel – und dann viel Glück beim erklären falls die Firma (Bayer in dem Fall) die Schachtel irgendwann mal neu gestaltet, was in hundertzwanzig Jahren ja schonmal vorkommen soll.

Irgendwo zwischen diesen beiden liegen Leute, die sehr genau etwas erklären das fast, aber nicht völlig irrelevant ist (die auf die Frage in welcher Größe sie das weiße Hemd möchten die Farbnummer des Weißtons nennen, oder so). Sehr oft ist das (in dieser Reihenfolge) die Bestätigung daß es gut hilft, oder der Preis, oder die Stückzahl der Tabletten in der Packung, oder die Farbe der Schachtel – die ist nämlich sehr oft dem Firmenlogo angepasst und hat mit dem Inhalt überhaupt nichts zu tun – oder wie groß eine Tablette ist, wie sie aussieht und ob sie eine Bruchkerbe hat (das ist ähnlich wie mit dem Packungsdesign vom Inhalt völlig unabhängig). Leute: das ist alles völlig irrelevant und könnt Ihr Euch sparen. Fragen nach Informationen, die mir tatsächlich weiterhelfen – etwa die danach, was die Tabletten denn nun tun sollen, wofür oder wogegen sie helfen – werden entweder mit Entrüstung über die Indiskretion daß ich wissen will was jemandem fehlt um ihm helfen zu können beantwortet, Unverständnis daß das denn was bringen soll (man habe doch etwa schon gesagt daß man eine Salbe brauche) und stattdessen mehr vom obigen (Firmennamen buchstabiert, oder so); oder ab und zu der zugegebenen Unkenntnis, was jemand eigentlich braucht. Die Tabletten die ich brauche sind ganz toll, aber ich weiß nicht wofür. Gut, wer was nur mitbringen soll kann bei letzterem nicht mal was dafür – aber auch das kann man mir durchaus sagen, und es hilft mir weiter. Vielleicht kenne ich ja denjenigen, der schickt.

Der Klassiker ist natürlich „ich hätte gern zwanzig von den [Firmennamen]-500-Tabletten / den 500er-Tabletten von [Firmenname]!“ So, als ob eine Pharmafirma jeweils nur ein einziges Arzneimittel herstellen würde – aber so schlimm ist das nicht: es gibt nur drei unterschiedliche Schmerzmittel, von denen in einer Tablette 500mg sind, und Schmerzmittel werden in einer Apotheke oft gebraucht, das ist also eins von den leichteren Rätseln.

Manchmal wird es auch wesentlich kreativer.

Gestern war bei mir in der Apotheke gefühlt Kreuzworträtseltag: von allen möglichen Leuten gleich mehrere kreative Umschreibungen an einem Tag.

Das kreativste war der „Pappkarton für Darmbakterien“. Der, stellte sich heraus, war nicht etwa ein Gefäß, daß beim Camping als Behelfstoilette dient, sondern eine Schachtel voll Kapseln mit Joghurtkulturen, die gegen Durchfall helfen. Aha. Etwas ähnlich kreativ umschriebenes, und daran mußte ich dabei denken, wollte schonmal jemand von mir haben, nämlich einen „Hustensaftspender für Kinder“: eine Dosierhilfe für Tropfen (die halt zufällig das Kind nehmen mußte). „Ich hab diesen Plastikbecher verloren mit dem ich die Tropfen abmessen kann, weiß nicht wie der heißt, aber bräuchte einen neuen“ wäre ja auch zu einfach gewesen. Das war dann wirklich ein Gefäß. Und auch, a propos Durchfall, wenn jemand zufällig einen Begriff erwischt den es gibt, kann es durchaus heißen daß er das neu erfunden hat für ganz etwas anderes: es hat schonmal jemand ein „Abführmittel“ von mir gewollt – das gegen Durchfall helfen sollte. Ja doch, das ist wenigstens logisch, schließlich nimmt auch niemand Kopfschmerztabletten weil er Kopfweh bekommen will – wenn es auch nicht die übliche Logik war. Gut, daß ich da nachgefragt habe.

Beim „Zahnsteinradierer“ widerum mußte ich gestern nachfragen, was das sein sollte war mir erstmal schleierhaft: so ein Haken wie ihn der Zahnarzt nimmt, wenn er die Zähne untersucht.

Das mit dem Begriff für eigentlich etwas anderes passiert sehr oft. Nicht etwa bei Leuten die etwas senil wären und dann Dinge verwechseln: „Kategorienverwechslung“ und „Wortfindungsstörungen“ sind Dinge, die tatsächlich passieren können, wenn das Hirn aus welchem Grund auch immer – am häufigsten Alkohol – nicht so will wie derjenige dem es gehört; ersteres heißt daß man die Art der Dinge nicht richtig zuordnet, etwa mich als Person zum Ladeninventar als Dingen dazuzählt, letzteres ist wenn einem ein eigentlich gut bekanntes Wort nicht mehr einfällt, man also plötzlich vergisst daß der Hausschlüssel „Hausschlüssel“ heißt. Gerüchteweise will man das beim Alkohol ja auch irgendwo haben. In der Apotheke ist beides nicht der Grund, etwas neu zu benennen (oder nur sehr selten), vielmehr sind das jungdynamischerfolgreiche Menschen, die die apothekenspezifische Fachsprache erraten wollen (weil sie meinen das höre sich besser an) – und danebenraten. Oder sie wollen mit Managersprache angeben und zeigen wie wichtig sie sind – und die passt nicht auf das, was sie beschreiben; oder heißt in einem apothekenspezifischen Zusammenhang den sie nicht kennen etwas anderes. Und dann nicht lachen, wenn das unfreiwillig komisch ist, Pokerface, Pokerface, es gibt nichts zu grinsen…

Letzteres kommt häufig bei der Aussprache vor. Da will dann jemand einen „Plant-a-go“ (gesprochen wie die englische Pflanze, die vorbei ist) -Hustensaft. Plantago lanceolata (plan-ta-go) ist der botanische Name von Spitzwegerich, und es gibt jemanden, der einen Hustensaft draus macht, und den danach benennt. Die tun auch einen Meßbecher dazu, nebenbei. Oder jemand anderes fand das Wort „überzogen“ höre sich bei einer Tablette, nun, nicht überzogen genug an, oder nicht fremdsprachlich (der Fachbegriff ist auch „dragiert“, aber den kannte er nicht); und so sagte er: gekotet (respektive wahrscheinlich hat er sich „gecoated“ überlegt, aber da grüßt sie wieder, die Behelfstoilette fürs Camping) – das ist ja viel appetitlicher.

Beim „Wir“-Thema hatte ich geschrieben das Äh und Öh ersetzende Füllwort sei heutzutage das „Produkt“ – und auch bei möchtegern-Fachsprechern darf das nicht fehlen. (Medizin-)Produkte gibt es im Apothekenrecht tatsächlich, das sind Dinge die dasselbe tun wie Arzneimittel, aber ohne eine pharmakologische Wirkung rein auf physikalischem Wege: ein Beispiel ist Salzwasser-Nasenspray. Das weiß so gut wie niemand; aber mir vorzustellen jemand der „Produkt“ sagt meint es auch tatsächlich, und nicht etwa „Äh…“ ist mir eine stete Quelle des stillen Amüsements. Ich darf das: wer nicht angeben will, sagt nicht Produkt; dann kann ich mich auch amüsieren wenn das nach hinten losgeht. Oder es ist ein Versuch des ganz leicht einschüchternden Euphemismusses: „gibt es da kein Alternativprodukt?“ (Stimme heben, Stimme heben!) heißt schlicht: „Äh, macht das eine andere Firma vielleicht billiger?“ Bei letzterer Formulierung gebe ich der Kundin sogleich freundlich lächelnd mindestens drei andere, preiswertere Medikamente zur Auswahl – sagt sie ersteres, hebe ich schonmal die Augenbraue, bis ich fertigübersetzt habe.

Manchmal soll auch die Firma von einer anderen Firma sein. Samstag bestellte eine Kundin bei mir folgendes: „ich hätte gerne diese [Firmennamen]-Tabletten, aber als Kapseln von der anderen Firma.“ Äh, wiebitte? Gut, daß die gewünschten Kapsel im Regal hinter mir standen, da stand ich erstmal im Wald.

Und dann war da noch das kleine Mädchen, das für Ihre Oma „die Schuhe holen“ sollte, „damit der Rücken nicht so wehtut“, und die sich verlaufen hatte und gesucht hat. Die Kleine habe ich gut verstanden, ihr ein Taschentuch und einen Traubenzucker gegeben, und ihr den Weg zum orthopädischen Schuhgeschäft gezeigt.

Wer keine passenden Worte hat, kann sich trotzdem passende machen.

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