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Kontraintuitiv

Oder: gerade so, wie man nicht denken würde.

Fast hätte ich diesen Post 20% more assumed genannt, nach den „20% more awesome“, dem um zwanzig Prozent Beeindruckenderem, das überall im Netz zu finden ist, und „to assume“, annehmen. Besagtes ehrfurchterregenderes Fünftel stammt allerdings (als Parodie) ursprünglich aus einem Kinderzeichentrickfilm – nichts gegen Lauren Faust oder den künstlerischen Wert ihrer Arbeit; aber ob ihre Anwälte mich sie einfach so zitieren lassen? Außerdem hört sich die einzig halbwegs sinnvolle Form so an, als sehe etwas um ein Fünftel größer aus als es ist. Auch schön, aber Fatamorganas sind nicht ganz das, worauf ich hinauswill.

Etwas passender ist der Spruch, den ein Freund als „die einzige immer richtige Bauernregel“ gedichtet hat:

Kompass

Geht die Sonne auf im Westen, sollte man den Kompass testen. Eindeutig, nur ob der Autor möchte daß ich seinen Namen öffentlich ausplaudere?

Die Kombination aus beidem – den Titel gibt es ja schließlich auch noch – lässt nicht im Dunkeln worauf dieser Artikel rausläuft: conventional wisdom. Deutsche Worte dafür fehlen mir; was gut ist, die meisten deutschen Begriffe sind sehr deutsch; gemeint ist die nicht-unbedingt-bösartige, kleinere Version des Vorurteils: etwas, das jeder weiß – das aber falsch ist. Oder wenigstens ganz anders, als intuitiv angenommen. Meistens harmlos.

Meistens. In einer Ausgabe des Webcomics Freefall nennt jemand etwas „so gefährlich wie eine Mücke“. Besagter Jemand ist eine charmante Künstliche Intelligenzform, die die Todesfälle durch Malaria, Gebfieber, Dengue, Zika und Konsorten aufrechnet – und mit dem Mückenvergleich ganz wörtlich meint: richtig, verdammt, gefährlich!

Im Apothekenalltag begegnet mir das in etwa folgender Gestalt (und wirklich nicht alles davon harmlos):

Plastiktüten sind des Teufels (siehe Tüten aus der Hölle 1 und 2). Arzneimittel wirken nur an einzelnen Körperteilen, dafür behandeln sie dort alles (siehe magische Medizin). Es gibt so etwas wie eine „heilende Wirkung“ (ebendort). Schmerztabletten sollte man zum Essen nehmen, damit sie den Magen nicht reizen (die meisten tun das in der richtigen Dosierung sowieso nicht, noch weniger wenn sie auf nüchternen Magen genommen werden). „Vor dem Essen“ heißt direkt vor dem Essen, und direkt danach muß zwingend etwas gegessen werden (im Gegenteil mindestens eine Stunde vor dem Essen, damit die Arznei nicht mit dem Essen zusammenkommt – das andere ist zum Essen). Nach dem Essen… (=zwei Stunden oder länger nach dem Essen). Es gibt alles in der ganz herkömmlichen, normalen Standardausführung (Sicher doch – genauso wie es Kleidungsstücke im ganz herkömmlichen Material, der Standardfarbe und der normalen Größe gibt – jetzt weiß ich endlich, was 42 ist). Besonders Nasenspray (der Klassiker mußte einfach, daß „normales“ Nasenspray sowas wie „Tabletten mit der normalen Wirkung“ sagt, nämlich garnix, überrascht alle immer noch. Daß sie beim Sprühen das einatmen und „hochziehen“ vermeiden sollen, auch). Ich bin gegen diese Tablettenschluckerei (i.e. als ob dieselben Arzneistoffe in anderer Darreichungsform keine wären). Je unangenehmer etwas ist, umso besser hilfts (eine merkwürdige Form des Placeboeffekts, selbst bei Stoffen die geschluckt viel besser wirken als z.B. als Zäpfchen). Ich nehme ja nie was, deswegen hilft das bei mir alles so gut (Abgesehen davon daß etwas grundsätzlich besser behandelt als verschleppt ist, und Wechselwirkungen zwischen Arzneistoffen zwar direkt oder indirekt, aber nicht als irgendwie esoterische Buchhaltung auftreten – bringt mich letzterer zuverlässig zum kochen, heißt nämlich nichts anderes als: „wer krank wird, ist selbst schuld“ kombiniert mit „Leiden macht zu einem besseren Menschen“; zwei meiner schlimmsten Berserkerknöpfe zum Preis von einem). Wer vom Zahnarzt Schmerztabletten bekommt, sollte sie nur nehmen, wenn es garnicht ohne geht (die helfen auch gegen Schwellung und Entzündung – vorbeugend – und werden deswegen einige Tage „stur nach der Uhr“ in der verschriebenen Dosierung genommen, anfangend bevor überhaupt die Spritze nachlässt). Kinder sind wie Erwachsene, nur leichter (ganz böse Falle!, da sich auch der Stoffwechsel altersabhängig ändert – mehr dazu hatte ich über Senioren schon geschrieben). Arzneimittel wirken bei jedem gleich (auch eine böse Falle – angenommen etwa, ein Bienenstich wäre ein Arzneimittel: der häufige eine kriegt eine nervige, juckende Quaddel; der seltene andere reagiert vielleicht mit einem anaphylaktischen Schock und stirbt in unter zehn Minuten. Glücklicherweise gilt das auch für:). Jeder, der ein Medikament schluckt, bekommt alle Nebenwirkungen im Beipackzettel (quasi das gleiche, nur umgekehrt; es ist sogar so, daß die überwiegend meisten garkeine davon verspüren). Je „natürlicher“ etwas ist, umso harmloser (dasselbe in grün, pflanzliche Arzneimittel haben genauso Wirkungen und Nebenwirkungen wie chemische auch, weil es biochemisch diese Unterscheidung sowieso nicht gibt; was keine Nebenwirkung hat hat auch keine Hauptwirkung, woher soll die Wirkung denn wissen ob sie Haupt- oder Neben- ist; und wie gesagt ist es generell meistens besser etwas zu behandeln als zu verschleppen, da auch letzteres nicht gerade unter „harmlos“ fallen kann. Die (Zom-)Biene von oben lässt auch schön grüßen). Zurück zu Kindern meinen umgekehrt auch einige Leute, für Kinder sei es generell „besser“, nichts zu nehmen; glücklicherweise werden die aber langsam weniger (nur weil Kindern Erwachsenenhosen nicht passen müssen sie ja schließlich auch nicht in Kutten herumrennen).

Probleme gibt das alles im Apothekenalltag nur dann, wenn ausgerechnet die unrealistische, kontraintuitive Realität wichtig wird. Die meisten Beispiele sind harmlos genug daß sich auch ohne gut leben lässt, manche aber eben nicht. Ja, etwas ähnliches wie die gefährliche Mücke ist mir auch schon passiert. Auf einer Afrikareise, als ich mit erfolglosen Engelszungen versuchte eine Mitreisende zu überzeugen, sich – mittels Repellent – von den Tsetsefliegen nicht stechen zu lassen (80% von denen übertragen eine Krankheit die unbehandelt in der Hälfte und bei optimaler Behandlung noch in einem Drittel der Fälle tödlich ist), und schlechte Karten hatte weil ich nur Obst gegessen habe daß sich schälen ließ. Sie wurde mehrfach gestochen – und hatte einfach Glück. Puuuuhhhh. 🙂

Der absolute Spitzenreiter der Kontraintuition, der mich überhaupt auf dieses Thema bringt, ist aber: „Der Körper weiß schon, was gut für ihn ist!“ So ziemlich das Gegenteil von dem, was mein Biochemie-Professor öfter zum besten gegeben hat: der Körper kennt das Arzneibuch nicht. Ich mußte an die vielen Beispiele unerfreulicher physiologischer Vorgänge aus dieser Vorlesung denken, als ich diesen Artikel gelesen habe:

http://www.technion.ac.il/en/2016/10/cancer-treatment-as-a-double-edged-sword/

Und an erfreuliche wissenschaftliche Durchbrüche natürlich auch 🙂

 

Nachklapp: ich habe die Links zu früheren Beiträgen geflickt – jetzt funktionieren sie (: