Tüten aus der Hölle

Nein, nicht das woran das spontan denken lässt.

Auch nicht das andere, woran das vielleicht denken lässt.

Es geht tatsächlich um Plastiktüten. Ganz langweilige, ganz normale Plastiktüten.

Gehe ich allerdings nach den Reaktionen meiner Kunden auf langweilignormale Plastiktüten, sollte jeder ein episch schlechtes Gewissen haben, der langweilignormale Plastiktüten nutzt. Früher konnte für ein episch schlechtes Gewissen noch ein ganzes Dorf voller unschuldiger Zivilisten niedergebrannt werden; oder wenn eine Plastiktüten darin involviert war, war sie von der unauffälligen, braunen Fraktion. Heute: eine langweilignormale Plastiktüte an sich. Ist das dann Gewissensinflation, mit der Plastiktüte als ökologischer Todsünde?

Was sie nebenbei bemerkt überhaupt nicht ist. Todsünde ist die Tüte sowieso nicht, aber auch nicht umweltschädlich: hier in München gibt es seit ein paar Jahren ein Müllheizkraftwerk, das Müll verfeuert und so Strom erzeugt. Die sind darauf angewiesen, daß der Plastikanteil hoch genug ist; weil Plastik heißer und sauberer (die PVC-Zeiten sind lange vorbei) brennt als zugefeuerte Kohle. Ist nicht genug Plastik im Müll, werden die Wertstoffhöfe leergekauft. Reicht das auch nicht, muß eben zugefeuert werden. Vieles von unserem Plastik geht nach China in die Textilindustrie – die Entwicklungshilfeorganisationen die Plastikflaschen brauchen um damit Wasser aufzubereiten können ein Lied davon singen (falls es jemanden interessiert wie das geht: zwei Stunden die Flasche voller Wasser in die Sonne legen tötet so gut wie alle Keime ab, weil Plastik nicht UV-dicht ist). Und was nimmt jemand auch sonst um die Einkäufe zu transportieren? Papiertüten? Früher-haben-alle-brav-auf-Recyclingpapier-geschrieben-heute-nehmen-wir – Papiertüten? Nicht wirklich. Stoffbeutel? Siehe was ich oben über die Textilindustrie schreibe… welcher Stoff der Stoff ist ist unter Umständen eine echte Überraschung. Also: think global, act local: jede Plastiktüte unterstützt die Energiewende!

Nur: seitdem in einer großen münchner Tageszeitung (die die sich auch bei energiepolitischen Themen und der Nahostberichterstattung durch ‚Objektivität‘ hervortut) ein großer Bericht über Plastik war – mit den Fakten frisch von vor zwanzig Jahren – werde ich angeschaut als hätte ich wirklich einen Joint angeboten, wenn ich frage ob jemand eine Tüte möchte. Es antwortet auch nie jemand auf die Frage ob sie eine Tüte wollen, immer auf die ob sie die brauchen; neindanke geht ohne etc. Ist jemand besonders gründenkermissionarisch veranlagt, kauen sie die ‚Fakten‘ aus besagtem Artikel wider, mit Treibplastik im Meer und in der Nahrungskette – oder wenn sie zur Panikmache neigen mit Mikroplastikpartikeln im Hirn. Nochmal: unser Plastik ist wertvoller Brennstoff und landet garnicht erst woanders als im Müllkraftwerk.

Sooft wie nicht bekomme ich als Reaktion auch diverse religiöse Invokationen, Schockreaktionen; und einmal die völlig entgeisterte Feststellung es sei doch fürchterlich unverantwortlich von mir überhaupt eine Tüte anzubieten, wie könne ich das heutzutage nur tun?!

In Gedanken tröste ich mich meistens damit daß die Energiewende sowieso nicht das Papier wert ist auf dem sie beschlossen wurde, daß das Gründenken eine Religion wie andere ist (übrigens keine von den netten) und keinen logischen Sinn ergeben muß – und daß es obwohl sich die Anhänger für der Weisheit letzten Abschuss halten auch irgendwann vorbei ist. Und es bis dahin wahrlich wichtigere und bekämpfenswertere Verirrungen darin gibt als Plastiktüten aus der Hölle.

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Veröffentlicht am September 4, 2014 in Kein Smalltalk, Weltanschauung und mit , getaggt. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink. 7 Kommentare.

  1. Aurore 🙂 , weißt, kennst oder hast Du eine Plastiktüte, die Du besonders magst?
    Also, ich meine ja nicht, dass man Plastiktüten nun mögen müssen müsse, indem man sie nicht als höllisch ablehnt, oder dass Du das müsstest. Aber man hat ja doch ziemlich viele Plastiktüten etwa unter der Spüle, wo sie sich sammeln, akkumulieren, drängeln und wohl von selbst vermehren und so.
    Manchmal findet man dann eine Plastiktüte, die man besonders mag. Nicht?
    Ich hab z.B. eine, auf der „WELCOME TO AMERICA!“ steht mitsamt den Präsidentenköpfen in diesem einen Berg in South Dakota, und sie kaschiert die Rohre unter der Gastherme.
    Da macht sie sich gut – man sieht sie beim Eintreten da hängen und fühlt sich bewillkommnet.

    Obwohl mir mal eine Besucherin zu verstehen gab, als sie sie da hängen sah, ich müsse wohl rechts sein, indem ich da sowas hängen hätte. Auf meine konsternierten Fragen, wieso und inwiefern und überhaupt, höh?, wusste sie keine Antwort, außer dass dieser Berg nicht so heiße, wie er heiße, also nicht Mount Rushmore, sondern dass er natürlich einen indianischen Namen habe und eine heilige Stätte derer von und zu Blackfoot sei.

    Aber der, die oder das steht gar nicht drauf auf der Plastiktüte – weder noch!, und da sind Jefferson und Lincoln, ähm?, rechts?, und Teddy Roosevelt war sogar ein democrat, also definitionsgemäß unrechts.
    Woraufhin die Besucherin flugs das Thema wechselte. Und die war dann nicht mehr oft hier 😀

    Sogar über linke Irrationalismen können einen Plastiktüten was lehren

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    • Eine einzelne Tüte nicht, aber wenn mir jemand ein Souvenir von weitweitweg mitbringt hebe ich nicht nur das Souvenir auf, sondern irgendwie dann doch auch die Tüte (weil auf der meistens eine Werbung ist wo sie herkommt und ichs irgendwie schade finde sie wegzuwerfen).

      Zum Beispiel habe ich welche aus New York (I Love NY), vom Bondai Beach (Byron Arthouse), aus Wien (Confiserie Heindl), aus Johannesburg (Out of Africa), aus Paris (Pylones), aus Amsterdam (quietschorange mit „Holland!“) , aus Anchorage (Grizzly’s Unique Alaskan Gifts), aus Wellington (Naturally New Zealand), aus Bremen (Schnoor), …

      Das ist fast so schön wie Postkarten sammeln; denn wer schreibt heute auch noch Postkarten?

      „Welcome to America!“ ist viel schöner als Gasrohre, jeden Tag der Woche. In meiner Küche gibts für die Wasserabsperrhähne eine große Blech-Teedose mit 60erJahre-Blümchendeko (diese typischen etwas verfremdeten ‚Blumen‘, mit Punkt innen, Ring drumrum und dann tropfenförmigen Blütenblättern außen – in quietschbunt; kennst Du bestimmt).

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      • Ah schön. Und stimmt, diese Prilblumen sind Sechziger, so von 1967 ungefähr, als man den Siebzigerstil erfand.

        – Pylones, Pylones…?, öhm, müsst‘ ich doch kennen?, ich war seit 2002 nicht mehr in Paris, viel zu lange. Kenne noch FNAC 😀 , und perverserweise mag ich FNAC immer noch, obgleich die so dermaßen Zentralbeamtenstaatswirtschaft sind, mehr Zentralbeamtenstaatswirtschaft geht schon gar nicht mehr. Die alten Plastiktüten vom FNAC sind groß, da passen Schallplatte hinein, CD?, die gab’s nicht!, Schallplatten gab’s, und drauf auf den Tüten prangt der Schriftzug FNAC in Weiß und in ca. Helvetica-Schrift in Fett, etwas schräg rechts nach oben verlaufend, weil halt so Siebziger, und der Hintergrund ist hellbraun.
        Schiiiick

        An meiner Spüle klebt eine.

        Wer bringt Dir Souvenirs aus Anchorage und Neuseeland usf. mit? 🙂

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        • @ Pylones: das Mitgebringsel dazu war eine ausziehbare Gabel; sie schiebt sich wie ein Theaterdolch zusammen wenn etwas aufgespießt wird, eine Theatergabel quasi. Wenn das weiterhilft.

          @ Souvenirs: jemand die ich kenne hat ein Auslandssemester in Sydney gemacht -> 2 Wochen Neuseeland „auf dem Weg“. Anchorage, das waren meine Eltern. Im Wohnmobil…

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        • Nicht schlecht 🙂

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