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Zwischen den Zeilen

Jetzt kann man nicht nur zwischen den Zeilen lesen, sondern sogar zwischen den T-Shirts – zufällig gesehen auf meinem Wäscheständer:

Anmerkung 1: In dem Fall ist es eigentlich egal, für welchen der beiden Detectives man sich denn entscheidet, um da im Wanted-Fall zu ermitteln: so carefully braucht man also garnicht zu choosen. 🙂 Aber woher sollen meine Hemden das auch wissen.

Anmerkung 2: Ui, habe ich viele schwarze Hemden … und schaue viele amerikanische Krimiserien. Wobei die beiden Serien sogar im gleichen Gebäude gedreht wurden. Was man wegen des ganzen Kameragewackels in der zweiten Serie auch nur vom Klappentext erfährt.

Anmerkung 3: irgendwann vor urewigen Zeiten wollte ich hier ein paar Bilder einstellen, wo ich ab und zu im Buchladen Bücher geknipst hatte, bei denen man zwischen den Titeln lesen konnte. Leider finde ich die Bilder nicht mehr, aber falls doch gibt es ein „Zwischen den Zeilen 2“.

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Guten Morgen, ich hätte gerne … eine Übersetzung!

Wer keine Worte hat, der macht sich welche neu. Das ist dann ein Neologismus, und im Berufsleben haben hauptsächlich Sprachwissenschaftler damit zu tun.

Wer Worte hat, der … macht sich auch neue. Das ist dann etwas, mit dem ich in der Apotheke zu tun habe.

Manchmal ist das besser als jedes Kreuzworträtsel – allerdings tendieren die Leute in Norddeutschland dazu, sehr wenig Zeit zu haben. Hatte ich im Süden noch etwa 20 Sekunden Zeit um das aufzulösen, sind hierzulande viele in 0,2 Sekunden verärgert, wenn sie nicht verstanden werden. Im Thema alles normal hatte ich schon geschrieben, daß viele entweder meinen, es gäbe von einer Sache nur eine Version (so ein Bißchen als gäbe es Wandfarbe nur weiß, nicht farbig – wer weiß daß es unterschiedliche Weißtöne gibt ist von blauer Farbe weniger überrascht als jemand der der festen Überzeugung ist daß man Wände nicht blaumachen kann), oder daß die Version die sie kennen die „übliche“ ist (das sind dann die Leute die meinen, alle streichen die Wände nur blau – weil sie blaue Wände haben – fast niemand weißelt sie schließlich, wer einfach nur Wandfarbe will meint blaue, und wer weiße Farbe will, der sagt das schon dazu). Das umgekehrte Problem gibt es natürlich auch, Leute die meinen nur weil sie etwas nicht kannten bevor sie es brauchen ginge es allen so, und die dann gefühlt A-s-p-i-r-i-n buchstabieren, das wären so kleine weiße Tabletten in einer grünen Schachtel – und dann viel Glück beim erklären falls die Firma (Bayer in dem Fall) die Schachtel irgendwann mal neu gestaltet, was in hundertzwanzig Jahren ja schonmal vorkommen soll.

Irgendwo zwischen diesen beiden liegen Leute, die sehr genau etwas erklären das fast, aber nicht völlig irrelevant ist (die auf die Frage in welcher Größe sie das weiße Hemd möchten die Farbnummer des Weißtons nennen, oder so). Sehr oft ist das (in dieser Reihenfolge) die Bestätigung daß es gut hilft, oder der Preis, oder die Stückzahl der Tabletten in der Packung, oder die Farbe der Schachtel – die ist nämlich sehr oft dem Firmenlogo angepasst und hat mit dem Inhalt überhaupt nichts zu tun – oder wie groß eine Tablette ist, wie sie aussieht und ob sie eine Bruchkerbe hat (das ist ähnlich wie mit dem Packungsdesign vom Inhalt völlig unabhängig). Leute: das ist alles völlig irrelevant und könnt Ihr Euch sparen. Fragen nach Informationen, die mir tatsächlich weiterhelfen – etwa die danach, was die Tabletten denn nun tun sollen, wofür oder wogegen sie helfen – werden entweder mit Entrüstung über die Indiskretion daß ich wissen will was jemandem fehlt um ihm helfen zu können beantwortet, Unverständnis daß das denn was bringen soll (man habe doch etwa schon gesagt daß man eine Salbe brauche) und stattdessen mehr vom obigen (Firmennamen buchstabiert, oder so); oder ab und zu der zugegebenen Unkenntnis, was jemand eigentlich braucht. Die Tabletten die ich brauche sind ganz toll, aber ich weiß nicht wofür. Gut, wer was nur mitbringen soll kann bei letzterem nicht mal was dafür – aber auch das kann man mir durchaus sagen, und es hilft mir weiter. Vielleicht kenne ich ja denjenigen, der schickt.

Der Klassiker ist natürlich „ich hätte gern zwanzig von den [Firmennamen]-500-Tabletten / den 500er-Tabletten von [Firmenname]!“ So, als ob eine Pharmafirma jeweils nur ein einziges Arzneimittel herstellen würde – aber so schlimm ist das nicht: es gibt nur drei unterschiedliche Schmerzmittel, von denen in einer Tablette 500mg sind, und Schmerzmittel werden in einer Apotheke oft gebraucht, das ist also eins von den leichteren Rätseln.

Manchmal wird es auch wesentlich kreativer.

Gestern war bei mir in der Apotheke gefühlt Kreuzworträtseltag: von allen möglichen Leuten gleich mehrere kreative Umschreibungen an einem Tag.

Das kreativste war der „Pappkarton für Darmbakterien“. Der, stellte sich heraus, war nicht etwa ein Gefäß, daß beim Camping als Behelfstoilette dient, sondern eine Schachtel voll Kapseln mit Joghurtkulturen, die gegen Durchfall helfen. Aha. Etwas ähnlich kreativ umschriebenes, und daran mußte ich dabei denken, wollte schonmal jemand von mir haben, nämlich einen „Hustensaftspender für Kinder“: eine Dosierhilfe für Tropfen (die halt zufällig das Kind nehmen mußte). „Ich hab diesen Plastikbecher verloren mit dem ich die Tropfen abmessen kann, weiß nicht wie der heißt, aber bräuchte einen neuen“ wäre ja auch zu einfach gewesen. Das war dann wirklich ein Gefäß. Und auch, a propos Durchfall, wenn jemand zufällig einen Begriff erwischt den es gibt, kann es durchaus heißen daß er das neu erfunden hat für ganz etwas anderes: es hat schonmal jemand ein „Abführmittel“ von mir gewollt – das gegen Durchfall helfen sollte. Ja doch, das ist wenigstens logisch, schließlich nimmt auch niemand Kopfschmerztabletten weil er Kopfweh bekommen will – wenn es auch nicht die übliche Logik war. Gut, daß ich da nachgefragt habe.

Beim „Zahnsteinradierer“ widerum mußte ich gestern nachfragen, was das sein sollte war mir erstmal schleierhaft: so ein Haken wie ihn der Zahnarzt nimmt, wenn er die Zähne untersucht.

Das mit dem Begriff für eigentlich etwas anderes passiert sehr oft. Nicht etwa bei Leuten die etwas senil wären und dann Dinge verwechseln: „Kategorienverwechslung“ und „Wortfindungsstörungen“ sind Dinge, die tatsächlich passieren können, wenn das Hirn aus welchem Grund auch immer – am häufigsten Alkohol – nicht so will wie derjenige dem es gehört; ersteres heißt daß man die Art der Dinge nicht richtig zuordnet, etwa mich als Person zum Ladeninventar als Dingen dazuzählt, letzteres ist wenn einem ein eigentlich gut bekanntes Wort nicht mehr einfällt, man also plötzlich vergisst daß der Hausschlüssel „Hausschlüssel“ heißt. Gerüchteweise will man das beim Alkohol ja auch irgendwo haben. In der Apotheke ist beides nicht der Grund, etwas neu zu benennen (oder nur sehr selten), vielmehr sind das jungdynamischerfolgreiche Menschen, die die apothekenspezifische Fachsprache erraten wollen (weil sie meinen das höre sich besser an) – und danebenraten. Oder sie wollen mit Managersprache angeben und zeigen wie wichtig sie sind – und die passt nicht auf das, was sie beschreiben; oder heißt in einem apothekenspezifischen Zusammenhang den sie nicht kennen etwas anderes. Und dann nicht lachen, wenn das unfreiwillig komisch ist, Pokerface, Pokerface, es gibt nichts zu grinsen…

Letzteres kommt häufig bei der Aussprache vor. Da will dann jemand einen „Plant-a-go“ (gesprochen wie die englische Pflanze, die vorbei ist) -Hustensaft. Plantago lanceolata (plan-ta-go) ist der botanische Name von Spitzwegerich, und es gibt jemanden, der einen Hustensaft draus macht, und den danach benennt. Die tun auch einen Meßbecher dazu, nebenbei. Oder jemand anderes fand das Wort „überzogen“ höre sich bei einer Tablette, nun, nicht überzogen genug an, oder nicht fremdsprachlich (der Fachbegriff ist auch „dragiert“, aber den kannte er nicht); und so sagte er: gekotet (respektive wahrscheinlich hat er sich „gecoated“ überlegt, aber da grüßt sie wieder, die Behelfstoilette fürs Camping) – das ist ja viel appetitlicher.

Beim „Wir“-Thema hatte ich geschrieben das Äh und Öh ersetzende Füllwort sei heutzutage das „Produkt“ – und auch bei möchtegern-Fachsprechern darf das nicht fehlen. (Medizin-)Produkte gibt es im Apothekenrecht tatsächlich, das sind Dinge die dasselbe tun wie Arzneimittel, aber ohne eine pharmakologische Wirkung rein auf physikalischem Wege: ein Beispiel ist Salzwasser-Nasenspray. Das weiß so gut wie niemand; aber mir vorzustellen jemand der „Produkt“ sagt meint es auch tatsächlich, und nicht etwa „Äh…“ ist mir eine stete Quelle des stillen Amüsements. Ich darf das: wer nicht angeben will, sagt nicht Produkt; dann kann ich mich auch amüsieren wenn das nach hinten losgeht. Oder es ist ein Versuch des ganz leicht einschüchternden Euphemismusses: „gibt es da kein Alternativprodukt?“ (Stimme heben, Stimme heben!) heißt schlicht: „Äh, macht das eine andere Firma vielleicht billiger?“ Bei letzterer Formulierung gebe ich der Kundin sogleich freundlich lächelnd mindestens drei andere, preiswertere Medikamente zur Auswahl – sagt sie ersteres, hebe ich schonmal die Augenbraue, bis ich fertigübersetzt habe.

Manchmal soll auch die Firma von einer anderen Firma sein. Samstag bestellte eine Kundin bei mir folgendes: „ich hätte gerne diese [Firmennamen]-Tabletten, aber als Kapseln von der anderen Firma.“ Äh, wiebitte? Gut, daß die gewünschten Kapsel im Regal hinter mir standen, da stand ich erstmal im Wald.

Und dann war da noch das kleine Mädchen, das für Ihre Oma „die Schuhe holen“ sollte, „damit der Rücken nicht so wehtut“, und die sich verlaufen hatte und gesucht hat. Die Kleine habe ich gut verstanden, ihr ein Taschentuch und einen Traubenzucker gegeben, und ihr den Weg zum orthopädischen Schuhgeschäft gezeigt.

Wer keine passenden Worte hat, kann sich trotzdem passende machen.

Namenloses Grauen

In der Berichterstattung über Katastrophen, Anschläge, Massaker, Erdbeben, Lawinen, Tsunamis, Blutbäder und allem das tragisch Ermordete und Umgekommene aus dem Leben reißt, erwähnen Zeitungen, Fernsehen, Radio und Onlineredaktionen diese seit einiger Zeit immer nur als Zahl, als Alter, als Herkunftsort.

Wem etwas Schlimmes passiert, der wird zur Unperson. Wird verschwunden. Den hat es nie gegeben. Die orwellsche Redaktion der Medienschaffenden nimmt ihm das Recht auf eine eigene Identität und sogar auf seinen eigenen Namen.

Es. Ist. So. Furchtbar. Entwürdigend!

Die Toten haben Namen. Es sind Menschen, sie sind Individuen, sie haben Namen.

Im Roman Der schwarze Obelisk schrieb Remarque (ich habe hier eine englische Übersetzung): Strange, I think to myself, how we have seen so much death in the wars and we know that two million of us have fallen in vain – how come we are so stirred up by this one man and have almost forgotten those two million? But that’s just how it is, because one man is always the dead – and two million is always just a statistic.

Einer, der das sehr gut verstanden und ganz bewußt und zynisch ausgenutzt hat war Stalin – sogar so sehr daß ihm das Zitat meistens zugeschrieben wird: durch die Entpersönlichung sollten die Toten verschwinden. Zumindest aus dem Blickfeld.

Worauf Remarque hier hinauswill zeigt sich auch in einer weniger bekannte Tatsache über den zweiten Weltkrieg: In allen Kriegen werden den Gefallenen Denkmäler gesetzt. Die sie namentlich erwähnen. Jede französische Stadt hat ein monument aux morts. Britische haben war memorials. Ähnliche Denkmäler stehen in Belgien, in Italien, den Niederlanden, Spanien, ganz Europa. Im amerikanischen Pearl Harbour, für die Toten des Luftangriffs. Das amerikanische Denkmal The Wall für die Toten des Vietnamkriegs. Eines in Alabama für die Toten der Bürgerrechtsbewegung. Das Space Mirror Memorial in Florida für die Toten der Raumfahrt. Seit dem zweiten Irakkrieg werden die Namen getöteter britischer Soldaten im Parlament verlesen. Die Namen der Toten des Anschlags vom 11. September waren Hintergrund eines Benefizkonzerts. Es gibt auch ein Denkmal mit ihren Namen – in Jerusalem. In Yad Vashem steht eine Halle der Namen für die bekannten Opfer des Holocausts. Alle Namen vorzulesen dauert Monate.

Auch die deutschen Zeitungen druckten in beiden Weltkriegen die Namen der Toten ab. Druckten. Bis sie gegen Ende des Zweiten Weltkriegs damit aufhörten – um die Moral der Leser nicht zu untergraben.

Die Deutschen, es sind immer die Deutschen, die das tun. Auch heute. Vom moralisch ganz hohen Ross des Pseudo-Persönlichkeitsschutzes aus sind es die deutschen Medienschaffenden, die seit einigen Jahren wieder die Namen der Toten verschweigen. Der Tsunamiopfer. Der Erdbebentoten. Der in Lawinen Verschütteten. Und der Ermordeten der Terroranschläge. Gibt es ein Attentat, bei dem Angehörige verschiedener Nationalitäten ermordet werden, finden sich von allen die Namen in den Nachrufen – außer von den Deutschen. In deutschen Medien hat jemand kein Recht auf einen Namen, auf Individualität, auf Erinnerung, oder einen Nachruf.

Eine Interpretation wäre daß die Medienschaffenden damit die Katastrophen und Attentate an sich etwas mehr verschwinden lassen wollen. Zumindest aus dem Blickfeld. Deshalb die Entpersönlichung der Ermordeten – denn wer keine Individualität hat, mit dem kann man sich schlecht identifizieren. Und vergisst sowohl die Ermordeten als auch den Mord schneller. Eine Million ist eine Statistik.

Und dann gibt es die andere Interpretation: Sophokles Antigone war deshalb der Respekt vor den Toten wichtiger als ihr eigener Tod, da zu dieser Zeit jemand der nicht nur tot, sondern vergessen war, als toter als tot galt. Wer toter als tot sein sollte, wurde zur Unperson. Auch in der Moderne, a propos orwellsche Retousche. Dasselbe tat Stalin mit Gegnern. Die UDSSR unter Lenin mit Stalin. Nordkorea mit der UDSSR (als Vorgänger im Kommunismus). Und die Zeitungen, das Fernsehen und die Onlineredaktionen hierzulande mit Ermordeten.

Herzlichen Glückwunsch, liebe deutsche Medienschaffenden, mit dieser Beihilfe, und nur mit dieser Beihilfe, schaffen es die Attentäter, jemanden toter als tot zu ermorden.

Speibn könnte ich.

 

Fußnote: Quelle für die Beispiele waren wieder tvtropes; insbesondere die Artikel „a million is a statistic“, „the dead have names“, und „deader than dead“.

Tyrannosaurus regina de jure uxoris sine qua non

Moriamur pro nostro rege, Maria Theresia!, geben wir unser Leben für unseren König Maria Theresia, riefen mit gezogenem Schwert die Vertreter der Ungarn, die besagte Maria Theresia um Hilfe gegen Friedrich den Zweiten gebeten hatte. Nicht: für unsere Königin, für unseren König. Das ist kein Fehler in deren Latein, und gerade keine Verwechslung von „rex“ und „regina“: Maria Theresias offizieller Titel war tatsächlich „König von Ungarn“. Genau wie es vor ihr schon den ungarischen König Maria von Anjou gegeben hatte. „Königin“ wäre nämlich nicht die weibliche Entsprechung des Titels „König“ gewesen, sondern das Gegenstück zum viel selteneren „Prinzgemahl“. Beide Marias herrschten aber selbst über Ungarn, und waren nicht etwa die Ehefrauen der jeweiligen Herrscher. Deshalb waren sie eben Könige, auch wenn das in der deutschen Übersetzung etwas holprig klingt.

Maria von Anjous Schwester, Jadwiga von Anjou, war zur gleichen Zeit wie ihre Schwester über Ungarn herrschte übrigens König von Polen. Nach ihr wurde 1575 nocheinmal eine Frau König (und nicht Königin) von Polen, Anna Jagiellon. Die Polen hatten eigens festgeschrieben, daß keine Königin über Polen herrschen dürfe, nicht weil sie sexistisch waren, sondern um zu verhindern daß sie plötzlich als Juniorpartner durch Heirat a la „tu felix austria nube“ Anhängsel eines anderen Staats wurden. Der König mußte aber deshalb nicht zwingend ein Mann sein, und so verliehen sie Jadwiga von Anjou eben den Titel „König von Polen“, als sie in ihrem eigenen Recht die Herrschaft antrat.

Was nichts neues war, das sich die Polen etwa als Lücke in ihrem eigenen Gesetzestext überlegt haben. Selbst herrschende Frauen trugen ziemlich immer und überall dieselben Titel wie selbst herrschende Männer. Wenn der Titel nicht schon sprachlich kein Geschlecht hatte; wie Tenno, „himmlische Majestät“ (im japanischen sachlich und nicht wie im deutschen weiblich), welchselbigen Titel acht weibliche Kaiser von Japan mit allen Rechten der Tennos vor und nach ihnen auch trugen; dann war das Geschlecht des Herrschaftstitels per Definition ein rein grammatikalisches. Genau wie die Majestät nur grammatikalisch weiblich ist und männliche Könige trotzdem damit angeredet wurden. Hatschepsut und Kleopatra waren Pharaonen, auch wenn das „Söhne Ras“ heißt. Die Anrede für Hatschepsut war sogar in der männlichen Form. Elisabeth die Erste von England trug den Titel Elisabeth Rex (nicht Regina), und wehe jemand zweifelte das an. „I have the heart and stomach of a King of England!“, indeed. Das englische Wort „queen“ ist, das muß man dazusagen, von einer alten Form für Ehefrau abgeleitet, im Gegensatz zu „king“, das wie der König von einer alten Bezeichnung für herrschen kommt und im Englischen eigentlich kein grammatikallisches Geschlecht hat; und Elisabeth I. wusste das sehr gut. Nach dieser Episode wußten es die Spanier auch.

Irene von Athen war Kaiser von Byzanz, nicht Kaiserin, und das letzte Beispiel, der Kaiser, ist interessant. Um nocheinmal auf Maria Theresia zurückzukommen, und den Unterschied zwischen Kaiser und Kaiserin: Maria Theresia war König von Ungarn in ihrem eigenen Recht (und Erzherzog von Österreich) sie war aber Kaiserin des Heiligen Römischen Reichs – zum Kaiser wollten die Österreicher sie nicht machen, nicht einmal als Witwe ihres Mannes, als es keinen Kaiser gab.

Daß die [Titel]in eine Stufe unter der [Titel] steht und die Entsprechung zum Prinzgemahl darstellt, ist keinesfalls nur historisch interessant oder etwa nicht mehr gebräuchlich. König Willhelm Alexander der Niederlande etwa ist der erste männliche König der Niederlande seit 122 Jahren – daß die deutschen Klatschblätter den Titel seiner Mutter als Königin Beatrix übersetzt haben, ist genaugenommen falsch, ihr offizieller Titel war genauso „König der Niederlande“ wie er es bei Willhelm Alexander ist. Und während dieser 122 Jahre haben die Holländer den Titel trotzdem nicht geändert. Elisabeth die Zweite von England ist Herzog (Duke) und nicht Herzogin (Duchess) der Normandie und der Kanalinseln, genauso wie sie Lord und nicht Lady of Man ist (sie nennt sich zwar im Gegensatz zu ihrer Amtsvorgängerin Elisabeth Regina, aber das nur dank einer Gesetzesänderung, die die „Queen regnant“ schuf).

Im Englischen ist es bei Titeln überhaupt der Fall, daß sie als neutral gelten, auch wenn sie männlich klingen. Mary, die Schwester Elisabeths der Ersten, führte das Siegel des Prince of Wales; Princess of Wales wäre schließlich die Frau des Thronfolgers und nicht, wie sie, selbst erste in der Thronfolge gewesen. Margaret Thatcher war eine zeitlang First Lord of the Treasury. Einige britische Städte haben nicht nur einen Bürgermeister, sondern gleich einen Lord Mayor; manchmal ist der Lord Mayor eine Dame, aber Lady Mayoress ist die Frau des Bürgermeisters („Consort“ wäre der Mann der Lord Mayor). Auch republikanische Titel folgen natürlich demselben Muster: ein Senator ist, falls eine Dame, keine Senatrix, sondern im gleichen Recht Senator wie ihre männlichen Kollegen. Im amerikanischen Kongress, zum Beispiel.

Was mich ins Parlament bringt. Und zum aktuellen Tagesgeschehen. Sylvia Bretschneider als Parlamentssprecherin des Landtags von Mecklenburg-Vorpommern fehlt die Majestät der oben genannten Damen. Trotzdem wäre die Anrede „Frau Präsident“ eigentlich korrekt, da sie herausstellt daß es sich um die Vorsitzende des Parlaments selbst, nicht um die Ehefrau des Vorsitzenden, handelt. Sie selbst sieht das aber anders und ruft für „Frau Präsident“ zur Ordnung: https://tapferimnirgendwo.com/2017/02/08/ein-artikel-fuer-sylvia-bretschneider/

Ob sie das auch täte, wenn sie den vollen Kontext wüßte, weiß widerum ich nicht. Wäre das Parlament nicht in Mecklenburg-Vorpommern, sondern in einem österreichischen Bundesstaat, dann jedenfalls ganz bestimmt nicht; siehe oben die Geschichte von Maria Theresia als Kaiserin und nicht Kaiser. Auch die Bayern und Würtemberger hören zumindest mit einem halben Ohr in diese Richtung. Weshalb ich einmal, noch drei Stufen niedriger, versucht habe, die Doppelanrede „liebe XY-innen und XY-er“ aus den Rundschreiben eines Vereins herauszubekommen, mit der Begründung die Damen seien nur dann völlig gleichgestellt, wenn sie dieselbe Anrede erforderten, und nicht etwa Vereinsmitglieder zweiter Klasse. Übrigens erfolglos, denen war das Durchgegenderte wichtiger als die Gleichheit. Kann gut sein, daß Parlamentssprecherin Sylvia Bretschneider das genauso sieht. Schade für die Damen im Parlament.

 

 

Fußnote 1 – lateinisches: Der Titel sollte etwas in Richtung „Tyrannosaurus Prinzgemahl ohne den es nicht geht“ heißen; „Tyrannosaurus der ohne Heirat nicht Königin sein kann“, „Tyrannosaurus den es ohne seine Ehefrau nicht geben kann“, oder gar „Tyrannosaurus Königin aus dem Bezug zur Frau heraus ohne den es nicht geht“ könnten aber auch herausgekommen sein; und gingen natürlich auch als Überschrift. Wer die Teile „T. Rex“, „Regina“ (=Königin durch Heirat), „de jure uxoris“ (=teilt den Titel seiner Ehefrau), und „sine qua non“ (der/die/das ohne das es nicht geht) beisammen hat, kann selber damit ein Bissl spielen. 🙂 Noch schöner freilich wäre das Wortspiel – wegen Doppelung und Widerspruch – mit dem Saurier indominus rex (frei übersetzter wissenschaftlicher Name: der unbeherrschbare König (der Saurier)) – den kennt aber wieder kaa Sauu.²

Fußnote 2 – tierisches: Außer jemand hat alle Jurassic-Park-Filme gesehen, da kommt ein indominus rex vor. Übrigens (genau wie im ersten Teil der T. Rex) – ein Weibchen. Was ich auch nur weiß, weil es für die Geschichte wichtig ist. Denen, die das Biest verfolgt, ist das herzlich egal: Ein T-Rex, LAAAAUUUUUUFFFF!!! Warum in einer Parlamentsdebatte über Terrorismus die Anrede nicht genauso egal ist – Terrorismus, laaaauuuuffft!!! – weiß ich schon wieder nicht.

Fußnote 3 – englisches: „Chairman“ ist im Englischen der oder die Vorsitzende eines Gremiums, „Chair“ ist eigentlich „Dekan einer wissenschaftlichen Fakultät“ und sogar älter als der chairman. Fand ich lustig. „Queen“ ist auch die Bezeichnung für eine explizit weibliche Katze, „cat“ ohne Spezifizierung ist an sich männlich; trotzdem sagen alle natürlich im allgemeinen Sprachgebrauch „my cat“, auch wenn die Katze kein Kater ist. Fand ich auch lustig und war sorely tempted ein Katzenbild zu posten. Dafür ist das Internet schließlich da.

Fußnote 4: Meine Beispiele stammen von der Seite http://tvtropes.org/pmwiki/pmwiki.php/Main/SheIsTheKing Bitte freundlich vorbeischauen (es lohnt sich auch).

Das Wir

Jeder Zeitraum von ein paar Jahren hat seine Modewörter, und Wörter werden modern und unmodern, wie Kleidung oder Stile auch.

Und wie bei Modestilen auch kann das manchmal länger, manchmal kürzer, und manchmal ein Jahrzehnt dauern. Und irgendwann kann es keiner mehr sehen; oder im anderen Fall hören. Außer für Revivals, aber da muß jemand schon sehr genau hingehört haben: das 70er-Jahre Teeservice und Bilder von Frauen mit einer ganzen Packung blauem Lidschatten – an jedem Auge – die sind auf Einladungen zu „Seventies Party„s oft zu sehen; daß jemand das Wort, oder besser die Nachsilbe, der 90er überhaupt, -technisch, prominent in einer Einladung zum 90er-Revival in Szene setzt, ist selten. Schon, weil es kaum jemand als das erkennt, was es ist.

Momentan geht die Modezeit des Produkts langsam zuende. Habe ich zu Studienzeiten in langweiligen Vorlesungen noch neben „Äh“s und „Öh“s auch das Vorkommen der Vokabel „Produkt“ in die Hunderter zählen können, wird das inzwischen durch ubiquitäres „nutzen“ ersetzt. Während ich das Ende von ersterem begrüße, hat letzteres den Nachteil, daß es sowohl zum Verb als auch zum Substantiv, und sogar als Vor- oder Nachsilbe taugt. Nutzen Sie den Produktnutzen nutzenorientiert, und der Nutzen ist garantiert (nicht einmal, gnädigerweise, es nützt garantiert, aber der Verbalstil ist sowieso seit Jahrzehnten out).

2016 besch(w)erte das „Postfaktische“ (das W war eigentlich ein Tippfehler, aber gefällt mir so gut, daß ich es behalte). Es bleibt abzuwarten, ob nur für eine Saison oder als längerfristigen „Trend„.

Das unbestrittene, absolute, wirkliche Modewort des Jahrzehnts ist aber ein Pronomen: Wir! Das Wir. Das wir(r)ste aller Wire(n). (Was denn? Ich bin wir-klich nicht die erste, die Meme mit Viren vergleicht.) Everything is now wir-ed:

Das geht los im ganz kleinen; neulich fiel es mir auf, als meiner Kollegin ein Bild nicht gefiel. Statt „das Bild gefällt mir nicht!“ sagte sie: „wir wollen das hier nicht aufhängen“. Kunden bestellen bei mir statt mit „ich hätte gerne“ mit „so, wir brauchen“. Ihre Zustimmung drücken sie aus als: „das machen wir so!“ oder „das nehmen wir“. Letzteres kommt mir immer etwas verbalübergriffig vor, ähnlich wie ungewolltes Duzen, schließlich bin ich plötzlich ungefragt mitgemeint. Je nachdem, wie inklusiv das „wir“d, kann von mir durchaus dieselbe Antwort wie bei ungewolltem Duzen kommen, nämlich betontes Siezen. Aber ich schweife ab. Nur eins noch aus dem Apothekenalltag: jede Medizinstudentin im ersten Semester lernt wenigstens, den Großvater aller wirs, „wie gehts uns denn heute?“, zu meiden wie der Teufel das Weihwasser, und das aus gutem Grund: um nicht überheblich und paternalistisch zu „wir“ken und am besten auch nicht zu sein. Weshalb ich von Ärztinnen recht schnell quasi eine sprachliche Visitenkarte gereicht bekomme: den korrekten Gebrauch der Pronomen. Ungewöhnlich, ist aber so.

In Internetblogs gibt es diese Mode natürlich auch, daß jemand der von sich selbst spricht gleich seine Meinung durch „wir“-tuellen Mehrheitsbeschluss ratifizieren lässt. In dem Fall bin ich viel weniger höflich als im Geschäft – andererseits sind „jetzt werden wir wieder sachlich“ und ähnliche Formulierungen nicht erst seit den Zeiten des Wirs eine dünn verschleierte „Einladung“ zum Flamewar. Aber auch „wir haben alle gehofft, daß Trump nicht gewählt wird!“ und ähnliches sind auf dem Vormarsch. Was mitten in die Politik führt:

Mitunter wirds auch ganz groß politisch: Das Wir gewinnt. Wir schaffen das.

Was ich mich im Geschäft gefragt habe, fragen dann in den letzteren Fällen die Journalisten (wenn sie ihre Sache gut machen) die Wir-Sager der Politik: WER „wir“? Herrscht seit neuestem der Kommunismus, das große, ganze, ganz große Wir?

Ob das „wir“ also Ausdruck eines Lebensgefühls und/oder eines politischen Richtungswunsches ist; das ist Stoff für einen anderen Artikel.

Der dann nicht unter „Smalltalk“ fällt.