Blog-Archive

Probleme aus politischer Perspektive

Vor einigen Tagen machte im Internet ein Memo die Runde. Geschrieben hats ein bei Google in den USA arbeitender Ingenieur, und in diesem Aufsatz machte er sich Gedanken darüber, warum in „seiner“ Firma Google mehr Männer als Frauen arbeiten, wie man Google als Arbeitgeber für Frauen attraktiver machen könnte, ob einfach positiv zu diskriminieren (das nennt sich wohl wirklich so und hat sich nicht Orwell ausgedacht) die beste Lösungsmöglichkeit ist – und ob die grundsätzliche Tatsache überhaupt schlimm ist, oder ob die Art der Arbeit die bei Google zu tun nicht einfach für Männer attraktiver ist als für Frauen. Weil Frauen etwas anderes von ihrer Arbeit erwarten als Männer. Und – Nachgedanke – weil sie nicht nur andere Vorlieben, sondern im Schnitt auch andere Stärken haben als Männer (letzteres hat er mit Daten belegt).

Wenn ich in diversen Onlinediskussionen eine Sache gelernt habe ist es diese: hänge nie, nie, NIE irgendwas noch als Nachgedanken an, das vielleicht am Rande das Thema ergänzt und das Grundsätzliche um das es geht dem Gesprächspartner vielleicht ein Bissl nachvollziehbarer macht. Nichts Anekdotisches, keine Sprachbilder, keine Zitate, keine Illustration, keine Belege – und vor allem, wenn der Kommentar oder Beitrag im Laufe der letzten Stunde endlich fertiggefrickelt ist, nichts was man sich beim zweiten Korrekturlesen innerhalb der letzten fünf Sekunden vor dem Abschicken noch denkt, ach ja, hier fehlt am Rande ja noch…! Ich habe es bis jetzt fast jedesmal bitterlich bereut, diese Fast-nicht-geschriebene Randnotiz oder kleine Korrektur, vollständig ohne die ich komplett dasselbe gesagt hätte, nur kürzer und nicht ganz so anschaulich oder fundiert, je geschrieben zu haben. Ernsthaft: genau darauf wird sich als erstes, heftigst und ausschließlich gestürzt wie der Geier aufs Frischgemetzelte – und zwar zuverlässig nur auf die fürs eigentlich gesagte hundertprozentig irrelevanten Aspekte – das innerhalb der Stunde geschriebene wird vollständig ignoriert oder garnicht erst gelesen. Zuverlässig jedesmal. Es gibt einen Cartoon, in dem die eine Comicfigur etwas (wohl physikalisches über Raumzeit) einer anderen erklären will, anfängt: „stell Dir vor, Du bist auf einem Trampolin…“, von der anderen freudig unterbrochen wird: „Danke, ich wills garnicht zuende hören!“ – und dann sieht man lauter Gedankenblasen wie die zweite Figur Trampolin springt (wer den sehen will, er ist bei tvtropes . org auf der Seite „sidetracked by the analogy“³). Nur daß die Comicfigur das Trampolinspringen einfach schön findet – und es in einer Onlinediskussion Vorwürfe hageln würde daß Trampoline Rollstuhlfahrer diskriminieren, und man hat ja wohl was gegen Menschen mit Behinderung! – nur weil man verständlich sein wollte und nicht „Gummituchanalogie“ schreibt, sondern das „stell Dir ein gespanntes Gummituch vor“ in letzter Sekunde auf „… Du bist auf einem Trampolin“ geändert hat.

Und so ähnlich ist es James Damore ergangen (das ist der Ingenieur der über Googles verfehlte Einstellungskriterien geschrieben hat) – nur auf viel höherem Niveau. Jemand mit einem orwellschen Gedankenpolizei-Titel den ich mir nicht merken kann bei Google liest von dem ganzen „was erwarten Frauen von Arbeit und Arbeitsplatz anderes als Männer, und wie kann man einen Arbeitgeber also für Frauen attraktiver machen?“ nur „Frauen-anders-als-Männer“, schreit „Sexist!“, und verkehrt das was eigentlich gesagt wird mal locker ins Gegenteil, ohne es zu lesen. Alle Zeitungen berichten drüber, was bei Google für Sexisten arbeiten dürfen, Google wirft ihn raus, und er widerum veröffentlicht den ganzen Dreck, den Google am Stecken hat weil sie schon jahrelang systematisch nach Geschlecht diskriminieren.

Stand im Geschriebenen, was immer wieder behauptet wird, daß Frauen aus biologischen Gründen weniger geeignet für technische Berufe sind, sie deswegen weniger ergreifen und dort weniger verdienen als Männer? Nein. Dort stand, daß Frauen in der Arbeit seltener die ausschließliche Lebenserfüllung sehen als Männer, lieber kooperativ arbeiten als kompetitiv, und sehr technikorientierte Berufe in denen sie kaum mit Menschen interagieren können für stupide halten und deswegen seltener ergreifen. Weil sie (und jetzt kommts) besser für die Interaktion mit anderen Menschen geeignet sind als Männer (zumindest im Schnitt, das hat wohl irgendwas mit der Gehirnverkabelung zu tun; genau wie Frauen im Schnitt eine Bissl kleinere Schuhgröße haben als Männer haben sie im Schnitt ein ein klein Bissl besser vernetztes Hirn). Was der Grund dafür ist, daß sie weniger von klingonischer Beförderung halten als Männer und öfter in Teilzeit arbeiten wollen – und das ist der Grund für den geringeren Verdienst.

Damit also, schreibt Damore, das Talent der Frauen für seine Firma nicht verlorengeht (und das ist durchaus keine gnädigerweise-sozialerweise-gleichstellenderweise-Überlegung, sondern knallharte Wirtschaftslogik: die gehen dann nämlich schlicht und ergreifend zu Konkurrenz), sollte Google dafür sorgen daß sich die Frauen weder bei ihnen langweilen weil sie ihre Stärken nicht einsetzen können, noch wegen der gefühlten sozialen Kälte (klingonische Beförderung…) oder schlechten Work-Life-Balance (fehlende Teilzeitmöglichkeiten) mit den Füßen abstimmen.

Und jetzt komme ich zu dem was ich eigentlich schreiben wollte: warum prügeln die Leute so auf James Damore ein mit etwas das er ganz offensichtlich nicht geschrieben hat? Viele die auch tatsächlich lesen was er eigentlich schreibt, meinen das ist weil die progressiven Prügler überall Sexisten, Rassisten und andere Ketzer der Gutdenkreligion sehen wollen, um ein Anathema über sie verhängen zu können. Nun heißt das heutzutage zwar nicht mehr James Damore, apostata Deorum², damnatus sit in aeternitate!, sondern James, it’s not okay! (frei nach dem Chefredakteur der Daily Wire, Ben Shapiro³), aber Hinrichtungen waren ja schon immer allgemeines Volksfest. Leider nur sind die heutigen Zeiten zumindest in den USA für Scheiterhaufen zu zivilisiert.

Ich meine, es liegt vielmehr daran, daß die Vorschläge die Damore macht gut sind. Er schlägt ja vor, Leute ausschließlich nach Eignung einzustellen, nicht nach gruppenbezogenen Quoten wie es Google bislang wohl tut; und gleichzeitig Google als Arbeitsplatz attraktiver zu machen: mehr Teamwork, mehr Möglichkeiten selbst über seine optimale Work-Life-Balance und Work-Life-Blending zu entscheiden, mehr Möglichkeiten zur Teilzeitarbeit, bessere soziale Angebote, weniger Konkurrenzdenken. Gutes Geld für gute Arbeit. Das Problem der Leute die auf ihn einprügeln ist: die Vorschläge sind zu gut. Die wären nicht nur sehr gut für die Firma, die würden das grundsätzliche Problem in einer Art und Weise überflüssig machen daß alle dabei gewinnen: Google qualifizierte Leute und die guten Leute die sich aussuchen können wo sie hinwollen einen guten Arbeitsplatz. Alle gewinnen – außer den Gleichstellungsbeauftragten (oder was auch immer für ein noch orwellscher Titel da heute dazugehört) – die verlieren, wenn es nichts mehr gleichzustellen gibt, weil alle gerne dort arbeiten wollen. Die sind aus naheliegenden Gründen also eher daran interessiert, das Problem zu perpetuieren um länger daran verdienen zu können. Politisch ist es dasselbe, nur auf höherem Niveau: die Leute die allen einreden was die Gesellschaft doch sexistisch ist, gewinnen damit Wählerstimmen wenn sie dieses Problem perpetuieren (notfalls indem sie es selbst herbeiführen oder -halluzinieren). Deswegen werden sie es tun.

… und nun kommt der Exkurs, auf den alle warten 😛 (weißichdoch…). Dieselben Progressiven werfen „der Pharmalobby“, also forschenden Arzneimittelherstellern, etwas ganz ähnliches vor. Nur bezogen auf Medikamente und nicht auf Sexismus. Eine Pharmafirma hätte viel größeres Interesse an etwas, das die Leute lebenslang regelmäßig einnehmen müssen um etwas mittelschweres Chronisches zu behandeln, als an etwas daß eine schwere Krankheit schnell beseitigt. Da wären (gesicherte Einnahmequelle!) die Profite größer (der muß), weshalb die Pharmalobby (der muß auch) eher in ersteres investiert als in letzteres. Am besten noch wenn es Nebenwirkungen hat gegen die man dann wieder was anderes dauerhaft nehmen muß. Weil die Pharmalobby die Leute ja entweder vergiften oder abzocken oder am besten beides will (abgesehen davon daß mir das von a…nderen Stereotypen langsam bekannt vorkommt mußte der auch). An dieser Überlegung stimmt so ziemlich garnichts. Abgesehen davon fallen mir sofort Gegenbeispiele ein: allein in den letzten Jahren sind sehr wirkungsvolle Medikamente entdeckt worden gegen Multiple Sklerose, gegen Hepatitis C (auweia a propos andere Stereotype, das war beides dieselbe Firma, und sie sitzt sogar in Tel Aviv), die sehr viel Entwicklungskosten gefressen und astronomische Herstellungskosten haben, aber auch keine schlechten Verdienstmöglichkeiten bieten – und letztere kann man damit sogar vollständig heilen. Was für den einzelnen billiger ist als lebenslang Hepatits C als chronische Krankheit (übrigens immer noch sündhaft teuer) – und es lohnt sich für den Hersteller trotzdem. Demnächst kommt wohl etwas gegen HIV, was das komplett aus dem Körper eliminiert; und es lohnt sich obwohl billiger als lebenslang chronisch krank dann auch trotzdem. Zudem ist der Blödsinn mit „lebenslang chronisch krank, aber nicht schwer, ist profitabler“ besonders blödsinnig wenn man weiß wann jemand Medikamente eher nimmt und wann eher nicht: etwas daß einem was kurzfristiges und nicht besonders schlimmes angenehmer macht nimmt man gern und zuverlässig (Hustensaft, etwa), oder etwas das einem schnell und unkompliziert etwas unangenehmes erspart (Antibiotika etc), etwas gegen schwere Krankheiten bei dem es einem richtig dreckig geht wenn man das vergisst oder wo es gar eine Frage von Leben und Tod ist auch – bei etwas das nicht allzu sichtbar wirkt gegen mittelschwere chronische Sachen (das wären dann Blutdrucktabletten und Co) ist die Therapietreue miserabel. Das muß man immer nehmen, kann man schonmal vergessen, und tut es dann auch. Letzteres sind auch ausgerechnet die Arzneistoffe, die sehr günstig sind und an denen eigentlich keiner wirklich was verdient.

Aber die Progressiven meinen ausgerechnet das lohne sich besonders, weil sich perpetuierte Probleme ja lohnen. Die sollten vielleicht nicht von der Politik auf die Pharmakologie und die Wirtschaft – und von sich auf andere! – schließen.

 

 

²Fußnote: der Plural ist Absicht, die Progressiven glauben schließlich an alles mögliche…

³Fußnote 2: linklinkslinks zu den TV-Tropischen und der Daily Wire .

Fußnote 3: James Damore hat wohl eine Stelle als Wissenschaftsredakteur bei der Daily Wire angeboten bekommen – die haben offensichtlich gelesen, was er eigentlich geschrieben hat.

° Fußnote 4: das hier ist die rekursive Fußnote°, es gibt nix mehr zu lesen hier, weitergehen, weitergehen 🙂

Advertisements

Kurzgedanken, die niemand braucht: das Nirvana des Buchdruckers

Mir gegenüber im Bücherregal steht ein recht zerfleddertes Buch. Ich bin nicht die erste, der es gehört: einst stand dieses Exemplar wohl in einer Bücherei, dann hatte es noch minestens jemand anderes; und schließlich habe ich es auf dem Bücherflohmarkt bekommen – umsonst mit elf anderen Büchern zusammen, weil ich ein paar Stunden ehrenamtlich den Flohmärktern sortieren und verkaufen geholfen habe.

Das Buch, das ich gerade anschaue, ist Orwells 1984. Mein Exemplar ist, wie gesagt, recht zerlesen; und irgendeine der Vor-Leser hat engagiert die deutsche Übersetzung einiger Worte an den Rand geschrieben. Eine Leserin, nicht ein Leser; sowohl die Schrift als auch die Idee sehen eher weiblich aus. Es sei denn, irgendeinen armen Schüler hat die Englischlehrerin dazu gequält; länger als bis Seite 30 oder so sind die Übersetzungsversuche nicht durchgehalten. Was, also das übersetzenmüssen und/oder im deutschenglischfranzösischhierspracheeinsetzen-Unterricht durchnehmen, so ziemlich die sicherste Methode ist, jemandem ein Buch zu ruinieren. Was schade ist, es ist ein wirklich gutes Buch.

Mein Exemplar ist durch die Kritzeleien jedenfalls nicht ruiniert. Aber wie das mit Papier so ist: diese Anmerkungen bleiben dort dann stehen. Nicht für die Ewigkeit, aber bis das Buch vollends auseinanderfällt schon. So, wie sie eben dort stehen. Genauso wie der Buchtext selbst. Der Text ist zu sehen, die Anmerkungen sind zu sehen, und was was ist, auch.

Bei einem Ebook wäre das alles nicht der Fall. Nicht nur sind Änderungen bei einem Onlinetext nicht zu erkennen; es ging ja um Ebooks. Auch der bleibende Text ist alles andere als sicher. Wenn ich ein Buch vom Bücherflohmarkt habe, oder aus der Buchhandlung, oder auf sonst einem Weg das physikalisch gedruckte Ding bekommen; dann gehört es mir. Ich kann damit alles möglliche tun – lesen, jemand anderem leihen, reinkritzeln, Seiten rausreißen und Papierflieger draus bauen, den Kamin befeuern – aber es ist da. Oder komplett kaputt. Aber der gedruckte Text ändert sich nicht, und er verschwindet auch nicht plötzlich von den Seiten. Schon garnicht, ohne daß ich das will oder gar merke.

Rein theoretisch geht letzteres mit einem Ebook natürlich. Wer mir eins verkauft, kann es auch zurückziehen oder ändern. Ohne mich zu fragen. Darf und tut ist dann praktisch eine ganz andere Frage.

Rein praktisch ist das schon passiert. Ein einziges Mal. Ein großer Online-Verlag konnte sich mit den Erben des Autors nicht über die Rechte an zweien seiner Werke einigen. Und so zogen die Buchhändler, die diese beiden Ebooks bereits verkauft hatten, sie zurück; was konkret heißt, sie löschten die Ebooks von den Lesegeräten und überwiesen das Geld zurück an die Käufer – die das weder erlauben mußten noch verhindern konnten.

Welche beiden Bücher das waren?

Animal Farm und 1984.*

Orwell hätte die Ironie daran bestimmt gefallen.

 

(*Fußnote: diese Geshichte übers Löschen habe ich von tvtropes)

Alles normal

normal.

.

Was es nicht alles gibt in Norddeutschland: Der Bäcker bei mir um die Ecke (who, I think, prefers anonymity) verkauft, wie hier zu sehen, zehn-normale Semmeln. Was auch immer die sind. Vielleicht soetwas ähnliches wie 10-normales Etwas in der Chemie (siehe unter dem Schlagwort „Äquivalentkonzentration“, z.B. in online-Lexika)? Eine Semmel also, die zehn durchschnittliche Bissen ergibt, könnte ich mir vorstellen.

Während diese poetisch-akzidentale Schreibart für „zehn Semmeln für zwei Euro“ noch ganz charmant dasteht, auf dem Schild und auf dem Gehsteig, bringt mich das Wort „normal“ im Apothekenalltag mitunter zur Verzweiflung. „Schwamm ist ein vorzügliches Material“, und was „normal“ ist oft ziemliche Interpretationssache.

Nicht das Wort normal an sich ist der Knackpunkt, das heißt schlicht „das, was ich am häufigsten brauche und daher gewohnt bin“. Nun gibt es Waren, bei denen sich die Interpretation von unterschiedlichen Leuten über „Normalität“ nicht groß unterscheidet: ein normales Brötchen hält wohl keine großen Überraschungen bereit; und wenn ich auf dieses Angebot ein- und in die Bäckerei gehe bekomme ich mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit zehnmal entweder das was in Bayern „Kaisersemmel“ heißt oder zehn Baguettesemmeln. Mißverständnis fast ausgeschlossen, und beide Möglichkeiten sind im Grunde sowieso dasselbe. Auch wenn ich bei meinem Stammtürken „einmal das Übliche“ bestelle, weiß der was ich meine – wenn auch nur weil ich schon oft in genau diesem Imbiss Spinatpide mit Ei und großen Milchkaffee bestellt habe.

Bei Arzneimitteln sorgt der Wunsch nach einem „normalen“ Wasauchimmer dagegen mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit für Verwirrung statt Spezifikation. Selbt wenn es „Standardausführrungen“ von Medikamenten gäbe (oder diese mit etwas gutem Willen hineinzuinterpretieren sind als „das was am häufigsten verlangt wird“) – das sind fast immer mehrere! Hier nachzufragen ist eine Aufgabe für Profidiplomaten – denn für mich ist das zwar so wie wenn ich beim Wunsch nach einem „normalen“ weißen Hemd frage: „gerne, in welcher Größe darfs denn sein?“, für den- oder diejenige die es verlangt aber wie „was meinen sie jetzt mit ’normalem‘ weiß?? Welche RAL-Nummer hat denn das überhaupt? Ich will Sie jetzt mit einem philosophischen Vortrag über völlig irrelevante Definitionen einen halbe Stunde aufhalten, obwohl sie keine Zeit haben; nur weil es das  was sie wollen nicht als Selbstbedienung gibt (warum wohl nicht?) und Sie das nur von mir bekommen und ich das kann und mir das Spaß macht!“

Dementsprechend ist die häufigste Antwort wenn sich jemand in dieser Situation sieht ein verärgertes: „ein ganz normales, übliches!!!“ Entweder das oder ich frage garnicht, rate einfach drauflos und hole die zwei oder drei wahrscheinlichsten Alternativen. Oft, wenn ich die Kunden nicht kenne und, so wie der türkische Wirt in meinem Fall, weiß was sie immer haben – verkehrt. Das kommt immer sehr kompetent an, so als bekäme ich in der Bäckerei auf dem Bild dann plötzlich zehn Roggensemmeln.

Der Klassiker für letzteres ist das Schmerzmittel Ibuprofen, das es für Erwachsene freiverkäuflich in vier verschiedenen oft verlangten Ausführungen gibt (zwei Dosierungen mit nur Ibuprofen allein und dann zwei – aber andere zwei! – kombiniert mit dem Eiweiß Lysin); und dann noch in einer die ab und zu bestellt wird. Bei „ganz normalen Ibuprofentabletten für Erwachsene; die zum schlucken“ versuche ich alle vier Versionen von einer Firma zu holen, damit nicht das Packungsdesign (das wird wiedererkannt!) entscheidend ist statt der subtil draufstehenden Dosierung (nein, nur eine Packung! Und das waren die anderen, die normalen!) – und dann falsch dosiert wird, weil Beipackzettel ja sowieso überflüssiger Müll sind. Und den will ja jeder vermeiden.

„Ganz normales Nasenspray. Zum Sprühen. Für die Nase.“ bietet schon größere Trefferchancen, da braucht Lieschen Normalnasi am häufigsten eins für Schnupfen. Aber auch nicht immer, sehr viele Allergiker haben ein „normales“ Allergienasenspray und dann, wenn es ganz dick kommt, zusätzlich kurzfristig ein Schnupfenspray. Mammis von Kleinkindern spülen die Nase bei Schnupfen tagsüber häufig mit einem „normalen“ wirkstofffreien Salzwasserspray und geben dem Kleinen nur abends ein Schnupfenspray… dann ist das ’normale‘ beim Schnupfen – genau. Der Wunsch nach einem „Nasenspray“ ist eben so, als käme jemand „ich will normale Globuli, das ist was homöopathisches“, wie ich es letztens gelesen habe.

Auch das kommt vor. Doch, doch. Nicht oft, aber öfter der Wunsch nach „’normalen‘ XYZ-Globuli, den homöopathischen; das sind so ganz wutzelige Pillchen“. Eine besondere Anekdote des Apothekenalltags hatte ich letztens genau bei diesem Thema. XYZ war hier Arnica. Die gibt es als pflanzliches Arzneimittel in Sportsalben und auch die Homöopathie nimmt sie – was ist hier nur aus dem Simile-Prinzip geworden? – bei Schwellungen und Verletzungen. Nun ist bei Homöopathie zwar nichts kaputt wenn ich da die falschen Globuli erwische, aber weiter ging es folgendermaßen:

Ich: Gerne, in welcher Dosierung darfs denn sein? – Kundin: Die ganz normale Packungsgröße. – Ich: Ja, aber welche Wirkstärke möchten Sie? Es stehen noch ein Buchstabe und eine Zahl auf der Packung*, das heißt wie stark die Globuli sind. Hat der Heilpraktiker gesagt, was sie bekommen? – Kundin: Ja, N3**!!

Das geht natürlich auch.

 

Anmerkungen: *Ich meine mit ‚Buchstabe und Zahl‘ als ‚Dosierung‘ die Potenz der Homöopathika. Was dort draufsteht ist in einer Mischung aus lateinischen und arabischen Zahlen wie oft etwas homöopathisch verschüttelt wurde. Zum Beispiel ist eine C30-Potenz dreißigmal (30) eins zu hundert (C) verdünnt. Warum D bei Homöopathen 10 heißt und nicht 500 weiß ich nicht, die können einfach nicht zählen. **N1, N2 und N3 waren bei rezeptfähigen Arzneimitteln die Zuzahlungsstufen für die gesetzlichen Krankenkassen. Je nachdem in welche Preisgruppe etwas fiel mußte man beim einlösen von Rezepten unterschiedlich viel dafür zuzahlen (günstig, mittelviel und teurer). Verbandsstoffe etwa sind unabhängig von Preis und Packungsgröße in der Gruppe N2. Nachdem die Zuzahlung seit der x-ten Gesundheitsreform nach dem Preis geht wäre das nur noch von historischem Interesse, aber: es hat sich (ursprünglich inkorrekterweise) als Abkürzung für N1, N2, N3 = kleine, „mittlere“, große Packung eingebürgert (weil für die wenig, mittel, beziehungsweise viel zuzuzahlen war), deswegen hat man es behalten. Was auch wieder zu Kommunikationsproblemen führt, wenn es in einer Zuzahlungsstufe mehrere Packungsgrößen gibt; but that’s life und ein anderes Thema.

Weg-werf-weiser

Es gibt sinnlose Wegweiser – manchmal zu bewundern im Ankommen an einer T-Kreuzung, prominent voraus das auffällige Schild: nach links „alle Richtungen“ und nach rechts ebenfalls „alle Richtungen“. Vielleicht erfüllt das auch Dekorationszwecke oder einfach die Erwartung daß an einer Kreuzung etwas ausgeschildert sein soll.

Und dann… Ja, dann gibt es für diejenigen die meinen ’sinnlos‘ sei nicht zu steigern, weil es für ‚Sinn‘ keine negativen Werte gibt, noch das hier, geknipst an einem Brückengeländer:

Wegwerfweiser

Falls es jemand vergessen sollte welche Richtung wo ist?

Schön nicht nur daß der Flußname, Lech, eine Mischung aus rechts und links sein könnte, sondern auch das unfreiwillige Zeitgeistarchiv: rechts der „1935!“ schreiende Wegstein, links das „1968!“-Gitter mit Grünzeug und unten der aktuelle Beitrag, der erklären will was rechts und links ist. Und es weht einen förmlich an, was die jeweilig Aufstellenden über die dachten die hier vorbeikommen. I want no part of any of that: schnell weiter zum Fluss! (Kanufahren soll dort sehr schön sein)

(Fußnote: dort gehen in Landsberg am Lech zwei unterschiedliche Stadtrundgänge los – das ist die ausgetretene Beschreibung unter den Richtungsangaben, die kaum noch zu entziffern ist – soetwas kommt davon wenn die ‚künstlerische‘ Gestaltung des Wegweisers wichtiger ist als die Leserlichkeit.)

Magische Medizin

hexemagierDie meisten Leute haben geradezu magisches Verständnis von der Medizin.
Ernsthaft.

• Medikamente werden gedanklich Körperteilen zugeordnet, nicht Krankheiten. Etwa in der weitverbreiteten (irrigen) Annahme, es gäbe etwas „für die Verdauung“, das helfe – so es denn „was Gscheites“ ist – gegen alles von Zahnfleischbluten, Hämorrhoidenleiden, Blähungen, Durchfall und Verstopfung (natürlich gleichzeitig!) über die Gastritis und das Magengeschwür bis hin zum Dickdarmkrebs. Oder das „für den Hals (mit Geste drauf! obligatorisch!)“ gegen Husten, Schnupfen, Heiserkeit, Zahnweh, Angina, Asthma und Schnarchen, selbstredend. Augentropfen, die eigentlich im Liter-Spender in die Augenarztpraxis gehören (Hygiene wird an und in den Augen der meisten so und so überbewertet [/snark]) weil sie alle der Patienten instantan kurieren. Gut, ganz so vielleicht nicht.
Gerade äußere Organe (Haut, Augen, Nase,…) sind hier prädestiniert. Eine normale Nachfrage auf den Wunsch nach einem Nasenspray: „Gerne. Was für eins denn?“ trifft auf große Augen, die nochmalige Bestätigung „für Erwachsene!“ / „für die Nase!“ (wenn ich beides nicht schnell genug in die Nachfrage einbaue), manchmal auch Markennamen. Wenn ich mir nicht ein Konstrukt abbreche a la: (schnell gesprochen!) „Mit welchem Inhalt hättens denn gern das Nasenspray von XY-Pharm für Erwachsene ohne Konservierungsstoffe? Was solls denn können: Nase freimachen bei Erkältungs-Schnupfen, Nase freimachen bei allergischem Schnupfen, Allergie vorbeugen, für die Nase zum spülen, für die trockene Nase zum pflegen, bei Nebenhöhlenentzündung oder gegen Schnarchen?“ Dabei komme ich mir vor wie ein Dämonologe; hoffe zwar schnell genug zu reden um das alles an den Mann oder an die Frau zu bringen – aber nicht schnell genug um völlige Verwirrung auszulösen. Und nehme so oder so Wetten an daß die Antwort in 90% der Fälle ein verärgertes „ein ganz normales, halt!“ (=hat garnicht zugehört) oder ein verwirrtes „für …Schnupfen?“ (=zuviel Auswahl… hoffentlich kein allergischer Schnupfen) ist. Aber wehe Testkäufer kriegen statt dem gewünschten Spray gegen allergiebedingtes Schnarchen bei offenem Fenster und Birkenpollenflug ([/snark]) eins für Erkältung.
Schmerztabletten, die nur bei Zahnweh, nicht aber bei Rückenschmerzen guttun; bei Migräne schon, aber dem gestumpten Zeh wieder nicht, die sind auch so ein hartnäckiges Gerücht.

• Das gepaart mit regionalen anatomischen Bezeichnungen macht die Verwirrung perfekt – meine diesmal. „Fuß“ ist hier in München alles unterhalb der Hüfte, „Magen“ Sammelbegriff für alle inneren Organe zwischen Zwerchfell und Steiß, „Blase“ der weibliche Urogenitalbereich (ohne! Nieren; die gehören zu „Rücken“). Es ist bei Krankheiten auch nicht besser, „Erkältung“ / synonym „Grippe“, etwa ist alles und irgendwas aus der Liste Hustan, Schnupfen, Heiserkeit, Atemwegsinfekte, Halsweh, Fieber, Kopf- oder Gleiderschmerzen, fiebrige Infekte, Blasenentzündung, Mittelohrinfekt, Bronchitis, Brechdurchfall, Influenza. Oder „Fadschn“, der Ausdruck für Verbandsstoffe – alle Verbandsstoffe von der Windel über die Stützbandage bis zum Dreieckstuch. Jemand der etwas will „um den Magen zu beruhigen nach dem Husten“ kann also durchaus antibiotikabedingten Durchfall haben, auf das Antibiotikum für eine Lungenentzündung…. you get the idea.

• Weiter in der Magie, von der viele wünschen daß Medizin sie wäre, mit „heilender“ Wirkung. Manchmal auch als globales „Beruhigen“ eines Körperteils (gerne Hals, Magen oder Haut) bezeichnet. Ein Bastard aus Esoterik und Wunschdenken. Ungefähr soviel wert wie die Aussage: „mir geht’s schlecht!“ Mit dem Unterschied, daß nachfragen woran es denn genau fehlt sehrsehr vorsichtig erfolgen muß um nicht als mangelndes Mitgefühl verstanden zu werden. Ich bezweifle ja nicht daß es jemandem schlecht geht wenn ich rausfinden will wie genau ich helfen kann – wenn ich nicht aufpasse verstehen aber viele die Bitte konkrete Symptome zu benennen die sich bessern sollen als Forderung nach Rechtfertigung, wirklich krank zu sein. Und alles nur, weil ich weder hellsehen noch zaubern kann. Eine „heilende“ Wirkung, die alle Beschwerden, egal welche, verschwindenlässt ist: Zauberei. Ohne jegliche Information zu wissen, was los ist: Hellseherei.
Die Ursachen einer Krankheit zu bekämpfen, Folgen auszugleichen und zu lindern, Mängel zu kompensieren oder zu ersetzen und Körperzustände zu beeinflussen; das ist Medizin. Wenn mir jemand die Eigendiagnose oder konkrete einzelne Symptome verrät kann ich dafür was entsprechendes raussuchen (oder die Leute zum Arzt schicken falls die Eigendiagnose fraglich scheint oder die Symptome gefährlich).

Klar soweit?  😉